Kärnten Vierbergelauf

Karl Petutschnig, 64, ist vielleicht der einzige unter den Wallfahrern dieser Nacht, der den heiligen Berg aus himmlischer Perspektive kennt. Als Drachenflieger hat er mehrfach ein Luftkreuz über ihm geschlagen und dabei die Aufwinde genutzt, die an der warmen Südflanke des Magdalensberges aufwallen. Das geschieht, sobald die Sonne die Berggipfel überstiegen hat. Einfach himmlisch, dieses Getragensein!

Kreuze schlagen, Getragensein im Glauben, ja, auch fromme Aufwallungen: alles Themen dieser Nacht, hier und heute, zwei Wochen nach Karfreitag, wenn der Mond als schlanke Sichel unter den Sternen schwimmt. Als der studierte Lebensmitteltechnologe Petutschnig, gleich um die Ecke in Maria Saal aufgewachsen, vor einem guten halben Jahr im Frühherbst wieder mal seine Heimat überflog, empfand er es als Versäumnis, nie vom Magdalensberg aus mit den Vierberge- Gehern in die Nacht aufgebrochen zu sein. Und als er so hundert Meter über Klagenfurts Hausberg schwebte, erinnerte er sich an seine Jugendtage, als ihm der Messner vom heiligen Berg zeigte, wie man sich beim Glockenläuten vom Strang zwei, drei Meter in die Höhe liften lässt. Das war prägend. Schweben, gleiten, aufwärts getragen werden, das wurde und blieb sein höchstes Lebensgefühl. Ob das auch zu Fuß klappt?

Es geht Karl Petutschnig eher um sportliche Wertschöpfung. 52 Kilometer zu Fuß, über vier Berge, etwa 2000 Höhenmeter in 16 Stunden, Nacht und Tag - das ist schon was! Die christliche Grundierung des Menschenauflaufs ist ihm liebes Beiwerk. Nicht mehr.

Und doch spürt er den Zauber. Der hat schon zu kribbeln begonnen, als ein kleiner Zug aus dem Dörfchen Sörg früh abends am ersten Gipfel eintraf und sogleich begann, die um 1500 errichtete Kirche (mit dem wohl schönsten spätgotischen Flügelaltar Kärntens) betend dreimal zu umrunden. "Seltsam, wie einen das anfasst, auch wenn man nur ein Taufschein-Katholik ist", sagt Karl Petutschnig und prüft die Funktion seiner Stirnlampe. Die Stärke des Luftzugs, nachtkühl und doch viel zu mild für April, taxiert er intuitiv-exakt und mit der Routine des Vielfliegers: "Knapp ein Beaufort, West!"

Nachdem die Mitternachtsmesse verklungen ist, wälzt sich eine Menschenmenge talwärts in die Nacht. Karl fühlt sich eingehüllt von Leibern, ein Pulk, der ihm unendlich groß erscheint. Und weil man zurückschauend im Dunkeln nur die Stirnleuchten tanzen sieht und nicht vom Kunststoff-Bergwanderer-Look auf andere Gedankenwege geschickt wird, erscheinen ihm die Nachtstunden als die magischsten Momente der Wallfahrt. Die Rosenkranz-Litanei, die als an- und abschwellendes Gemurmel den Zug durchwogt, nimmt Karl als "mantrisches Metronom", als Taktgeber.

Über die große Wiese unterhalb des Ausgangsberges fließt der Menschenzug talwärts, flackert wie ein riesiges brennendes Fragezeichen. Halt, nein! - Fragezeichen ist die falsche Assoziation: ein Menetekel, eine Flammenschrift glimmt dort. Zwar von modernen, kleinen Hightech-Stirnlampen in die Nacht gebrannt, aber das stört weder Fern- noch Tiefenwirkung.

Die meisten gehen schweigend, nehmen nur kurz chorisch die Gebete der Vorbeter auf, die im Marschtempo durch die Massen pflügen. " … du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes …" Unendliche Wiederholungen, Pulsschlag frommer Seelen, christianisierter Abwehrzauber.

Das Tempo ist stupend. Wie bloß hält man den Ton bei diesem Sturzlauf? Karl leuchtet es spontan ein, dass die Veranstaltung VierbergeLAUF heißt. Mit Gehen und Wallfahrten im Sinne seiner oberbayerischen Wahlheimat, mit diesem gemächlich andächtigen Schlendern zu irgendeiner Mariaam-Weg oder Unserer-Lieben-Frauim-Felde hat der heimatliche Vierbergelauf vom Magdalensberg über Ulrich- und Veits- bis zum Lorenziberg nichts gemein. Die Hast scheint ihm fast so etwas wie Flucht vor der Finsternis zu sein.

Auf halber Berghöhe schwebt eine Duftwolke von Seidelbast oder Veilchen in der Nachtluft. Oder doch eher die Lavendelseife der überschnellen Kreuzträgerin? Karl unterbricht sein mantrisches Gehen und schaut zur Seite. Die kleine Gestalt unter dem Kreuz strebt vorbei. Den Kopf leicht geneigt, betende Lippen; von Schrittlänge und -frequenz vielleicht 25-jährig, im Streiflicht seiner Stirnlampe aber jenseits der Siebzig.

Karl schließt auf, wartet, bis sich die Lippen der Rosenkranzbeterin nicht mehr bewegen und versucht ein Gespräch: "Eine wunderbare Nacht, nicht wahr!" Ein paar feste, schnelle Schritte lang scheint es, als würde sich die Frau zögernd und unwillig aus einem Traum lösen, doch dann rückt sie das Kreuz etwas steiler zurecht, als gelte es, nun offiziell Stellung zu beziehen: "Ganz wunderbar, die schönste Dreinagelnacht seit sechs Jahren; die vergangenen Jahre hatten wir Schnee, Matsch und Regen zum Gotterbarmen!"

Karl kann das bestätigen, als immer noch aktiver Drachenflieger hat er die grobe Wetterchronologie der letzten Jahre im Kopf. Es entspinnt sich ein kurzes Nachtgespräch. Die frühere Hebamme und Stationsleiterin aus Klagenfurt weiß zu berichten, warum der Dreinagelfreitag Dreinagelfreitag heißt: Fränkische Einwanderer haben vor rund 500 Jahren die Verehrung der drei Kreuznägel Christi im südlichen Kärnten befestigt; und hier bewahrte sich dieser Gedenktag im Bergschoß von Hohen Tauern und Karawanken. Karls nächtliche Gesprächspartnerin nennt das Dreinagel-Gedenken "eine Legende", wobei, da ist sie sich sicher, auch Legenden "Glaubenswahrheiten in sich tragen" können.

Für sie ist der Vierbergemarsch die "schönste heilige Messe des Jahres". Weihnachten, Mariä Himmelfahrt, ja selbst die Ostermesse könnte sie zur Not missen, aber nicht die Vierbergewallfahrt. "Nicht, solange ich noch kraxeln kann. Hier komme ich dem Heiligen näher; und das Heilige kommt ja von Heilen. Ich bin hinterher inwendig und körperlich gesünder."

An manchen Häusern weiter unten im Tal brennt die Außenbeleuchtung. In dieser Ausnahme-Aprilnacht, die als Frühsommernacht auftritt, braucht es das Licht nicht; aber es ist hilfreich und wegeweisend, wenn der Talgrund nebelverhangen ist oder von Regen trieft, wie in manchen Jahren zuvor. Das waren Wallfahrten, bei denen das Gehen zum Waten wurde und der Himmel ungnädig mit Eis und Schnee nach den Bußfertigen warf. Eine echte Prüfung. Und in der Prüfung, da ist sich die zierliche Kreuzträgerin ganz sicher, läge ja auch ein tiefer Sinn der Veranstaltung: "Man will seinem Herrgott zeigen, dass man sich für ihn zu plagen bereit ist."

Das Kruzifix tragen, was die Klagenfurterin streng missbilligt, manche Träger verkehrt herum, so dass der Schmerzensmann dem Kreuzträger rückwärts über die Schulter zu Boden schaut und nicht vorausblickend gen Himmel.

Im Tal bei der ersten Glan-Überquerung (angeblich riskiert man schreckliche Höllenqualen als Strafe, wenn man sich auf der Brücke umschaut) schert Karl aus, lässt sich überholen, um nicht in den murmelnden Gesprächskreis aufrückender "Kelten" zu geraten. Die mag er nicht.

Wallfahrt: Dem Heiligen näher kommen

Die überzeugten Kelten haben sich dieses Mal auf den ganzen kilometerlangen Zug verteilt, der im Glantal schon weit auseinandergezogen ist. Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass auf einigen der Umgebungsberge keltische Heiligtümer standen, viele davon römisch überbaut, haben einige Vierberge-Geher sich ihre Privat-Deutungsmuster gewebt - sehr grobes Leinen. Die vier Berge stehen für sie für die vier Lebensalter, für die vier Tageszeiten, die vier Jahreszeiten, die vier Spielkartenfarben. Es raunt, rauscht und runt in ihren Schriften nur so von keltischen Feldumgängen und Stammesbergen. Und die unzweifelhaft richtige Entgegnung der Historiker, dass zwischen Keltenzeit und dem Beginn der christlichen Vierbergewallfahrt im 16. Jahrhundert reichlich anderthalb Jahrtausende liegen, ficht sie nicht wirklich an. Plausibilität ist keine Glaubenskategorie. Für viele der 7000 Wallfahrer - diese Rekordzahl wird erst nur vermutet, aber später bestätigt - ist es die Mischung, die fasziniert, die ihnen Beine macht. Wer religiös motiviert ist, nimmt die körperliche Herausforderung als stimmige Zugabe, wer dagegen nur Leistungswanderer und Natur- und Bergfreund ist, nimmt den religiös-kultischen Aspekt als interessanten Rahmen.

Dieser Rahmen ist bemerkenswert: Nicht zuletzt wegen etlicher heidnischer Schnörkel, wie der Heilund Segenspflanzen, die viele am Hut oder am Tragekreuz mit sich führen: Bärlapp und Efeu, Fichte und Wacholder. Dem Klerus war die Veranstaltung zeitweise suspekt. Er belegte den Vierbergelauf, bei dem vor allem der Weg als Ziel und nicht ein Ziel-Heiligtum angegangen wurde, Ende des 18. Jahrhunderts mit einem Verbot. Karl registriert zufrieden, dass ihm der heftige Anstieg zum Ulrichsberg weniger ausmacht als einer Gruppe von Endzwanzigern, Rauchern vermutlich.

Der strubbelige Buchengipfelschopf - die Stämme erkennt man auch im zitternden Stirnlampenlicht an ihrem weißlichen Schimmer - ist noch in Dunkel gehüllt. Doch im Osten wird die Nacht schon fadenscheinig. Karl lässt sich im Pulk in die Gipfel-Kirchenruine treiben, seit Jahren ein Kultort von Rechtsextremisten. Die Wände der verfallenen Kirche sind tapeziert mit Tafeln von Traditionsbataillonen, die ihrer Toten gedenken: all der Verheizten und um ihr Leben Betrogenen, die - so liest man es auf poliertem Marmor - für die Freiheit Kärntens gefallen sind. Für Kärntens Freiheit? In Hitlers Wehrmacht?

Den düsteren Ulrichsberg steigen die Vierbergewanderer schon sonnengebadet hinab. Frisches Buchenlaub filtert das Licht lindgrün. Unter einer märchenhaften Buchengestalt stoppt der Zug, auf dass sich die Stimmen der Rosenkranzbeter zusammenfinden. Ein Kleiber flötet kontrapunktisch ins Bitt-für-uns-Gemurmel. Und im Tal, in Karnburg, schiebt sich zur Messe der Zug zusammen. Das Dorfkirchlein kann die Massen nicht mehr fassen; man sammelt sich auf dem Dorfsportplatz. Karl zögert eine Weile, ob er den dargebotenen Käsesemmeln widerstehen soll. Er widersteht nicht und nimmt, einmal stehen geblieben, auch gleich noch die Messe mit. Der eigens angereiste Kärntner Bischof Alois Schwarz spürt, dass "ganz Kärnten mit dem Vierberge-Gehern schwingt", sagt, dass "gemeinsames Gehen das Getragensein symbolisiert", fordert die "anwesenden Seelen auf, ihdie Tanzschritte des Auferstandenen mitzutanzen". Kein Zweifel, die Amtskirche, wie sehr sie auch vormals ihre volksfrommen Schäfchen vom Vierbergeweg abzudrängen versuchte, hat den Lauf zu ihrem Lauf gemacht. Und sie jubelt über die vielen Jugendlichen und die prozentuale Zunahme der Gläubigen, die in den Siebzigern, Achtzigern schon mal eine Minderheit unter Power-Walkern waren.

Karl trifft seine Kreuzträgerin erneut. "Nun hat er wieder den Segen fürs ganze Jahr", strahlt sie und weist auf den hölzernen Leib Christi. Ihr Jesus trägt einen Buchenwedel zwischen Rücken und Kreuzstamm. Der stünde ihm gut, sagt Karl. Karl fallen Dinge auf, die den allermeisten Vierbergewanderern verborgen bleiben. Etwa das Rohrsängerkonzert im Auwaldrest, und unterhalb der Burgruine Hardegg ergötzen ihn die Haflinger, die in einem Konfettiregen aus blühenden Kirschbäumen weiden: "Da kann man schon mal wundergläubig werden!" Und wundermild erscheinen nicht nur Karl die "Laben" - die Gott sei Dank nicht Verpflegungsstationen oder snack points heißen. Laben sind Haltepunkte mit Lebensmittelspenden der Anrainer an die Geher. Nächstenliebe Biss für Biss, Solidarität Schluck für Schluck. Karl schnauft durch. Halbzeit des Vierbergelaufs. Vor ihm liegt, prächtig im Morgenlicht, der Veitsberg, den man über die "Blutwiese" erklimmt. Und er ertappt sich bei der Überlegung, ob wohl die kleine Blutblase über seiner linken Mittelzehe aufgehen wird. Wenn schon! Spätestens am Veitsberg (1160 Meter), so heißt es, trenne sich die Spreu vom Weizen. Und Karl wird, das ist absolut keine Glaubensfrage, nicht zur Spreu gehören.

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Autor:
Claus-Peter Lieckfeld