Tirol Urlaub im schlichten Osttirol

Wenn man das Glück hat, noch nicht in gestauten Blechlawinen am Brenner festzustecken, vom Inntal aber trotzdem Richtung Süden will, steht es nicht schlecht um die Wahrscheinlichkeit, auf eine wunderbare Überraschung zuzusteuern, vor allem, wenn das Wetter schlecht ist. Gibt es nicht ein Stück weiter östlich noch einen Alpenübergang, einen Tunnel? - Richtig, den Felbertauerntunnel! Er führt direkt ins Pustertal. Der Finger wandert auf der Karte bis nach Lienz, von wo es westlich nach Südtirol und östlich nach Kärnten geht.

Wer sich am Felber Tauern vom schwarzen Tunnelloch schlucken lässt, wird sich nach der Fahrt durch die Röhre fünf Kilometer weiter südlich die Augen reiben:Weil bei den vorherrschenden Nordwestwinden die Hohen Tauern als Wetterscheide wirken, empfängt die Südseite der Hohen Tauern den Reisenden oft mit einem paradiesischem Szenario.

Gleißendes Sonnenlicht durchflutet das Innergschlöß, von Kennern gerühmt als einer der schönsten Talabschlüsse der Ostalpen. Viele, die durch Zufall nach Osttirol gelangen und gar nicht wissen, dass es dieses Land überhaupt gibt, verfallen ihm auf den ersten Blick. Der ungewöhnliche Charme von Lienz, wie Osttirol als größter von neun Tiroler Bezirken offiziell heißt, überrascht auch bei der Einreise von Süden durch das Pustertal. Nachdem man den antiseptischen Alpentourismus Südtirols von Innichen hinter sich gelassen hat, wandern schon gleich in Arnbach die Blicke ungläubig über unbefleckte Fassaden altehrwürdiger Bauernhöfe. Man ist geneigt, anzuhalten, hinter mit Lüftlmalerei verzierte Gemäuer zu schauen, ob es sich vielleicht nicht doch nur um holzgestützte Kulissen eines Filmdorfes handelt. Arnbach, erste Pustertal-Ortschaft in dem Bezirk, der 1919 durch die Abtretung von Südtirol an Italien zur Tiroler Exklave in Österreich wurde und von Nordtirol durch das salzburgische Pinzgau getrennt ist, präsentiert sich ohne Schnickschnack: schlicht und schön.

Das fast Archaische, das es in zu Rummelplätzen mutierten Alpendörfern nicht mehr gibt, blieb in Osttirol erhalten und verschwindet auch beim Abstecher ins Tiroler Gailtal nicht, das kurz hinter Sillian vom Pustertal Richtung Osten abzweigt. Ein einsames, mit Heustadeln bespicktes Hochtal, dass sich im Schoß von Lienzer Dolomiten und Karnischen Alpen wie ein gewaltiger Trog 20 Kilometer bis zur Kärntner Landesgrenze wälzt und das sich drei kleine Gemeinden teilen.

Ein mystischer Hauch schlägt dem Neuankömmling entgegen, der in klirrender Winternacht sonntags um vier in der Früh in Obertilliach über knirschenden Schnee stapft. In den engen Gassen der um 600 n. Chr. gegründeten Siedlung in der Mitte des Gailtals huschen an schummrigen Hauswänden viele Schatten stumm vorbei, die alle offenbar dem gleichen Ziel entgegenstreben.

Das Pilgerziel ist die Dorfkirche St. Ulrich, in der bis heute ein altes Gelöbnis gepflegt wird: Rosenkränze beten zum Schutz vor Bränden und anderen Katastrophen. Als typisches Haufendorf ist Obertilliach wegen der dichten Bebauung schon immer extrem durch Brände gefährdet gewesen. Zwar den guten Glauben an den Herrn wahrend, wollten die Obertilliacher es dennoch nicht drauf ankommen lassen. So sorgte schon früh ein weltlicher Diener für zusätzliche Sicherheit: ein Nachtwächter.

Gleich neben St. Ulrich befindet sich eine Gaststube, die es in sich hat: die Labe beim Unterwöger - eine alte, hallenähnliche Diele des barocken Gasthofs Unterwöger, den Hausherr Sepp Lugger, vulgo Unterwöger, mit Kalktuffstein und Holz minimalistisch zum Kleinod verwandelte. "Die Labe ist klassenlos", sagt er stolz und zählt die Berufe der Männer auf, die gerade hinter dichtem Tabakgewölk am Tresen stehen: Förster, Kraftfahrer, Bankier, Bauer, Politiker, Nachtwächter.

Osttirol, abseits großer Transitrouten vom Geldadel gemieden und verschont, kann auf Kapital von außen verzichten, meint der Unterwöger. "Wir brauchen hier keinen Masterplan, sondern ein Zubrot, das uns aus der eigenen Kraft erwächst". Zwar habe es "a bisserl gedauert", bis der Obertilliacher das verstanden hätte. Aber besser später als nie. Vier Dutzend Bauernhäuser im alten Ortskern zeugen von der Erkenntnis.

Die Jahrhunderte alten wuchtigen Berghöfe, die sich wie eine Herde Schafe im Schneesturm aneinander schmiegen, wurden kurz vor dem Verfall von den Eigentümern durch Sanierung gerettet: Perlen alpenländischer Architektur, ein Dorf im Dorf.

Und auch das neue, 1,8 Millionen Euro teure Biathlon- und Langlaufzentrum ist ein Projekt, dessen Geldgeber alle aus dem Gailtal stammen. Nur die Werbung dafür hat ein Fremder übernommen: der Norweger Ole Einar Björndalen, fünffacher Biathlon-Olympiasieger - und, mit freundlicher Unterstützung seines Steuerberaters, prominentester Neu-Obertilliacher.

Während in Obertilliach längst ein kleiner Skilift steht, geht es zwei Bergtäler weiter nördlich noch ruhiger zu. Dort wird seit fast drei Jahrzehnten debattiert, ob der Natur diese Unschuld straflos zu rauben ist. Gilt Osttirol selbst als vergessener, zweiter Landesteil Tirols, trifft dies in der Potenz auf das obere Villgratental zu, wegen seiner erzkonservativen und stockkatholischen Einstellung gelegentlich auch "das letzte Tal Gottes" genannt. Das Tal strotzt nur so vor urtümlicher Vitalität. Keine Hotels, kein Schuhladen, nicht mal Reklametafeln für Stroh-Rum gibt es in Innervillgraten. Stattdessen riesige Bergbauernhöfe, deren wettergegerbte Lärchenholzfassaden himmelwärts mit Wolken um die Wette flecken. Von den 650 Almen Osttirols zieren allein 90 diese Gegend.

Trotz der extremen Hanglagen - einige Wiesen können nur gesichert am Seil gemäht werden - gibt es nirgends so viele Vollerwerbsbergbauern. 70 Prozent aller Höfe leben allein von der Landwirtschaft, im Bezirksdurchschnitt sind es 20 Prozent.

"Unser Kapital ist die intakte Bauernwelt"

"Intakte Bauernwelt und funktionierende Natur, das ist unser Kapital", sagt Alois Mühlmann, Gründer des Heimatpflegevereins, Herr des von Gourmets geschätzten Gannerhofs. Wie die Gailtaler seien auch die Villgrater nicht für knallharten Tourismus geschaffen. "Ein Skilift bringt den Bauern nur Knechtschaft. Erst ändern sich die Gäste, dann die Einwohner. Und schließlich ist es aus mit dem besonderen Charme."

Um rund 20 Prozent ist die Zahl der Sommerübernachtungen in Osttirol seit 1990 eingebrochen. Das liegt durchaus im Trend. An der Strategie, mit dem sanften Tourismus zu werben, soll aber festgehalten werden: "Dein Urlaub liegt in unserer Natur." Man muss allerdings schon genau hingucken, um zu verstehen, dass sich hinter dem offiziellen Werbeslogan des Bezirks Lienz eine Einladung verbirgt - und nicht die Aufforderung zu einer Spende.

"Spinner haben es schwer hier", seufzt Josef Schett. Der 43-jährige Vater von fünf Töchtern, der eigentlich Rupert heißen sollte und dann Josef wurde, "weil es der Pfarrer so wollte", hat in Innervillgraten 1991 einen Betrieb gegründet, der mittlerweile ein Drittel der österreichischen Schafwolle verarbeitet sowie Lammfleisch und Schafkäse produziert. Im Tal hieß es, "Schett ist verrückt", Lamm habe niemand auf der Karte. Inzwischen führt Schett ein rentables, in Osttirol als vorbildlich gelobtes Unternehmen.

Dass in dieser entrückten Bergwelt manch moderner Gedanke in reaktionärem Sumpf verschwindet, diese Erfahrung wurde Schett und Mühlmann nicht erspart. Mitte der Neunziger mehrten sich im Tal Stimmen gegen die "Kulturwiese", die mit dem Heimatpflegeverein traditionelle Pfade verließ. 1996 ging der 300 Jahre alte Bergbauernhof des Heimatvereins in Flammen auf. "Abgefackelt", sagt Schett, "ich weiß, wer es war, kann es aber nicht beweisen."

Zwei Täler weiter nördlich wird dem Ort am Ende des Virgentals die kalte Schulter gezeigt: Die Grenze von Prägraten zum Nachbarland Salzburg liegt hoch oben tief unter Gletschern begraben, die sich wie Gullivers Federbetten um die 31 Dreitausender der Venedigergruppe schmiegen.

Nirgendwo sonst in Osttirol gibt sich das Hochgebirge kompakter und wilder, geädert von zahllosen Bächen, die sich in die am Umbalkees entspringende Isel ergießen. Das Umbalkees ist der größte Gletscher der Region. Doch im Gegensatz zum südlich verlaufenden Defereggental, dem einzigen Osttirols, wo sich ein nennenswerter Wintertourismus entwickeln konnte, sind den Prägratern enge Grenzen gesetzt. Schöne zwar, aber zu steile: Die Hanglage unterhalb des ewigen Eises lässt die Erschließung von Skigebieten nicht zu. Verdammt zum sanften Tourismus und doch nicht richtig glücklich damit: Bei einem Berufsauspendler- Anteil von mehr als 70 Prozent ist es nur ein schwacher Trost, wenn die Gäste "vor allem kommen, weil es hier ruhig ist", seufzt Bürgermeister Johann Kratzer. "Weihnachten sind wir ausgebucht. Ansonsten ist Wintertourismus hier schwierig."

Wanderern und Tourengehern hingegen geht das Herz auf in der einsamen Gebirgswelt. Immerhin: Nach dem heißen Sommer 2003 spuckte die Gletscherzunge des Umbalkees am Ende der weißen Ewigkeit in 2600 Metern Höhe die Reste einer JU 52 aus, die im Januar 1941 ein paar hundert Meter weiter oben aufgeschlagen war. Nun soll der zerfledderten Tante Ju ein Museum gewidmet werden und neue Gäste bringen. Absturz als Aufbruch.

Dass die Umbalfälle noch immer talwärts schäumen, ist gar nicht selbstverständlich. Wäre das Wasserkraftwerk im Dorfer Tal bei Kals am Großglockner gebaut worden, hätte man den Umbalfluss in Gebirgsstollen unterirdisch umgeleitet.

Wer im Hochgebirge aufwächst, der weiß sich selbst bei Regen mit Slippern auf glitschigem, von schratigen Zirbenwurzeln durchzogenem Pfad an steilem Hang geschmeidig zu bewegen. Wenn der Großglockner, mit 3798 Metern Österreichs höchster Berg, sich im Wolkenbad entspannt, dann führt Sepp Oberlohr, oberster Hirte des Fremdenverkehrs des Glocknerdorfs, Gäste gern zur Moaalm, um eine Attraktion zu zeigen, die man nicht sehen kann.

In 1800 Metern Höhe hat man einen guten Blick auf die 200 Meter tiefer liegende Daberklamm und das Dorfer Tal, das sich vier Kilometer bergwärts erstreckt. Oberlohr schwenkt den linken Arm feierlich waagerecht übers Tal: Das alles wäre verschwunden, wäre die Staumauer für das Wasserkraftwerk, deren Scheitel bis zu seinen Slippern gereicht hätte, je gebaut worden.

Das Dorfer Tal, dessen unberührte Schönheit über jeden Zweifel erhaben ist, steht als Symbol für Osttirols zerrissene Seele, für den Traum, alles beim Alten zu lassen und die Moderne trotzdem nicht zu verpassen. Ein beherztes Bekenntnis fehlt, obgleich das Land einem Garten Eden gleicht. Zu tief sitzt die Angst, in den falschen Apfel zu beißen.

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Ulf Lüdecke