Steiermark Unterwegs mit Arnold Schwarzenegger

Er zeigt auf den obersten Teil des Türrahmens und sagt: "Hier! Hier war der Flaschenzug befestigt, den der Kainrath Karl extra für mich konstruiert hat. Damit habe ich mehr Gewichte bewegen und andere Muskelgruppen trainieren können." Wir sind im Haus Thal Nummer 145. Die Räume des 200 Jahre alten ehemaligen Forsthauses sind leer. Man hat Platz geschaffen, um Arnold Schwarzeneggers Kindheitserinnerungen freien Lauf zu lassen.

Vor 44 Jahren hat er in diesem Gemäuer seine Sachen zusammengepackt und ist seinem Traum entgegengewandert. Dass er Wirklichkeit geworden ist, wissen wir. Und wir kennen die Superlative seines Lebens: einer der besten Bodybuilder aller Zeiten, hochbezahlter Hollywoodstar der Filmgeschichte und mächtiger Gouverneur des 37-Millionen-US-Bundesstaates Kalifornien.

Jetzt ist er wieder da. In Thal. Und wandert suchend und sinnierend durch das Haus, in dem alles begonnen hat. Hier ist er nicht der Superstar, den die Welt bewundert, hier und an diesem Tag ist er der Heimkehrer.

Peter Urdl hat einst neben dem Buben Arnold in der Hans Gross Volksschule gesessen, später wurde er Bürgermeister von Thal, und heute ist er der Geschäftsführer der Arnie's Life GmbH. Er begleitet Schwarzenegger auf dessen Tour in die Vergangenheit. Urdl und sein Geldgeber Christian Baha, Schwarzenegger-Fan und millionenschwerer Gründer der Investmentfirma Superfund, wollen aus Schwarzeneggers Geburtshaus ein Museum für den "berühmtesten Thaler" machen. In der zweiten Jahreshälfte 2010 soll es eröffnet werden.

Schwarzenegger ist geschmeichelt, gerührt, er unterstützt das Projekt mit Enthusiasmus. Trotz seines atemberaubenden dreifachen Karriere-Himmelssturms und der Tatsache, dass er heute zu den weltweit bekanntesten Persönlichkeiten zählt, legt er größten Wert darauf, gerade dort anerkannt zu sein, wo alles begann.

Sicher, der Kalifornier wird wohl nie mehr für länger nach Thal zurückkehren. Aber er will seine Fußstapfen hier hinterlassen. Klar und deutlich. Im Museum, das letztendlich sogar zum imposanten "Arnold Village" mit Restaurant, Kino, Souvenirshop und einer Ausstellungsfläche von mehr als 1000 Quadratmetern ausgebaut werden soll, kann jeder Schwarzeneggers Leben nachvollziehen. Ein Großteil der Ausstellungsstücke kommt auch von ihm selbst und wird aus den Vereinigten Staaten nach Thal gekarrt. Und: Es wird weltweit nur ein Arnold-Museum geben. In Thal!

Das Kernstück ist sein Geburtshaus. Es wird - auf ausdrücklichen Wunsch des "Governators" - so zurückgebaut, wie es damals ausgesehen hat. Hier sollen die ersten 18 Lebensjahre Schwarzeneggers dokumentiert werden, doch wie es damals wirklich war, weiß nur einer: er selbst!

Schwarzeneggers kurze Einbrecherkarriere

Er steht vor dem Türrahmen und lächelt. Karl Kainrath, der den für ihn damals so wichtigen Flaschenzug konstruiert hat, war 1970 selbst Mister Universum. In der Amateurklasse. Ein mächtiger Kerl, wie es die meisten von Arnolds Kumpels damals waren. Bodybuilding war in diesem Teil der Welt ein junger, von den meisten belächelter Sport. Jene, die ihn mit viel Eifer und Engagement betrieben, waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Schwarzenegger stieß als 15-Jähriger zu ihnen. Schon damals wusste er, dass sein Weg in die große Welt über eiserne Entschlossenheit, Schweiß, Eifer und möglichst gut ausgebildete Muskeln führen würde.

Er zeigt auf das Fenster neben dem "Kainrath-Türrahmen": "Von dort ist immer die Musik gekommen, die mich beim Trainieren aufgemuntert hat!" Der Nachbarsbub, sein Freund, der Hörmann Franz, hat oft am Flügelhorn geübt, wenn Arnold seine Muskeln trainiert hat. Der Hörmann Franz ist natürlich auch da. Weißhaarig, ein älterer Herr, der zu allem, was Arnold sagt, zustimmend nickt.

Gemeinsam sind sie früher zum Nachbarbauern gegangen und haben dort frisch gemolkene Milch für die Eltern geholt. "Und Fußball gespielt haben wir auch", sagt Arnold. Franz nickt wieder und denkt an die Bolzereien auf der Wiese vor der alten Burgruine, kaum 100 Meter vom Forsthaus entfernt, der ideale Abenteuerspielplatz für die Jungen.

"Kannst Dich erinnern?", fragt Arnold, "immer wenn die Buben von den reichen Bauern gekommen sind und hier Federball spielen wollten, hat man uns, die Armen, verjagt!" Der Franz nickt abermals.

Der Schwarzenegger-Bub, Sohn des örtlichen Gendarmerie-Kommandanten, so hieß die Ordnungswache in Österreich damals noch, war keiner der Begüterten. "Mein Vater", sagt er, "hatte eine Kamera, als er im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Belgien und Frankreich im Einsatz war. Er hat meinem Bruder Meinhard und mir auch die Fotos von damals gezeigt. Aber als er heimkam, hat er seine Kamera verkauft. Meine Eltern haben damals jeden Groschen gebraucht, um uns Buben durchfüttern zu können." Weil es keine Kamera gab, gibt es heute auch kein Foto vom Inneren des Hauses. Die Museumsbetreiber sind einzig und allein auf Schwarzeneggers Erinnerungen angewiesen.

Und die werden während des Rundganges immer lebendiger. "Der Förster hat im Parterre gewohnt, wir im ersten Stockwerk", weiß er. "An der Wand des Stiegenaufganges gab es ein Bild, das verschiedene Jagdszenen gezeigt hat. Jäger und tote Tiere. In meiner Erinnerung war es ein schreckliches Bild. Mein Bruder und ich haben uns jedes Mal, wenn wir die Stufen hochgegangen sind, unheimlich davor gefürchtet. Auf unser Drängen hat der Vater das Bild dann irgendwann weiß übermalt. Es muss noch da sein, unter den Farbschichten."

Peter Urdl hat einen Restaurator beauftragt, das Wandgemälde frei zu legen. "Leider", sagt er, "war es damals schon so vergilbt, dass nicht viel dabei herausgekommen ist." Es wäre doch ein reizvolles Exponat gewesen: das Bild, das dem späteren Terminator als Buben Angst und Schrecken eingeflößt hat.

Thal grenzt im Westen an Graz, nur sechs Kilometer auf einer kurvigen Landstraße von der Stadt entfernt. Nach der Volksschule fuhr der junge Arnold täglich nach Graz, um die Hauptschule in der Landeshauptstadt zu besuchen. Meistens nahm er den Bus, wenn er den verpasste, etwa, weil er beim Training in der Kraftkammer des Liebenauer Fußball-Stadions die Zeit vergaß, stapfte er in der Dunkelheit zu Fuß nach Hause.

Sein Training verfolgte er mit eiserner Disziplin und äußerstem Einsatz. Der Grazer Polizei wurde sogar einmal ein Einbruch in die Liebenauer Kraftkammer gemeldet. Eine Scheibe war zerschlagen, allerdings nichts gestohlen worden. Die Ermittlungen ergaben schließlich, dass Arnold, damals etwa 16 Jahre alt, in das bereits geschlossene Trainingszentrum eingedrungen war - um zu trainieren!

Der Groll der Grazer

Die Grazer beobachteten Schwarzeneggers Karriere genau und mit Stolz. 1994 bis 1997 hatte man das altehrwürdige Fußballstadion, in dem die Bundesligavereine SK Sturm Graz und GAK ihre Meisterschaftsspiele austrugen, in eine moderne Sportanlage umgebaut. Was lag näher, als dieser den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt (Thal betrachtet man quasi als einen Teil von Graz) zu geben!

Arnolds Freunde, allen voran der frühere Spitzenpolitiker Alfred Gerstl, der die hohen Ambitionen des jungen Schwarzenegger schon sehr früh gefördert hatte, baten den Star um die Erlaubnis, das Stadion nach ihm zu benennen. Er stimmte zu.

Es wurde ein großes Fest. Arnold feierte in Graz seinen 50. Geburtstag und erhielt als Geschenk sein Stadion! "Ich hoffe", sagte der Terminator damals, "dass ich damit mithelfen kann, die schöne Stadt Graz noch stärker ins internationale Blickfeld zu rücken!" Die Idee zahlte sich aus. Sturm, der Top-Verein der Stadt, feierte damals in der Champions League große Erfolge. Noch mehr als das Können des Vereins interessierte die Medien aus den Gegner-Ländern die Tatsache, dass man gegen die Österreicher in jenem Ort spielte, der die Heimat des großen Schwarzenegger war. Arnolds Absicht, Graz durch seinen Namen im Rest der Welt bekannter zu machen, ging auf der Sport-Schiene bestens auf.

Dann ging der Terminator in die Politik und wurde zum Gouverneur Kaliforniens. Weil er 2005 das Gnadengesuch eines zum Tod Verurteilten ablehnte, schlugen in seiner Heimatstadt Graz die Wogen hoch. Politiker vor allem aus dem linken Lager forderten vehement, das Stadion umzubenennen. Bevor es aber dazu kam, entzog Arnold Schwarzenegger den Grazern Stadtvätern das Recht, weiterhin seinen Namen zu verwenden, was vor allem das Stadion betraf. Zugleich schickte er den Ehrenring zurück, den man ihm 1999 in einer pompösen Feier im Rathaus überreicht hatte.

"Ich hatte angenommen, dass wir Freunde wären, Graz und ich", sagte er dazu. "Mein Name sollte der Stadt helfen, international, wirtschaftlich und touristisch stärker ins Rampenlicht treten zu können. Die Sache mit der Todesstrafe ist eine zutiefst kalifornische und amerikanische. In meinem Staat ist eine Mehrheit der Menschen dafür. Ich hätte es nie gewagt, auf politische Entscheidungen der Stadt Graz Einfluss zu nehmen, und es hat mich tief getroffen, dass man mich gerade hier, wo ich so viele Freunde vermutet hatte, für eine Entscheidung, die nur mein Amt als Gouverneur Kaliforniens betrifft, bestrafen will!"

Der Groll hielt sich jedoch in Grenzen. Schwarzenegger wurde auch weiterhin nicht müde, in Kalifornien auf seine steirischen Wurzeln hinzuweisen: "Politik ist eine Sache - das mit der Heimat ist eine andere. Da geht's um Gefühle!"

Im Haus Thal 145 hat man mittlerweile alle Zwischenwände herausgerissen, die der langjährige Bewohner und Besitzer, ein Hofrat der Landesregierung, eingebaut hatte. "Jetzt", schwärmt Museums-Bauherr Peter Urdl, "steht der Wiedergeburt des Gebäudes nichts mehr im Weg!" Die Steiermark bekommt ein Museum, das auch via Internet bestens beworben, Besucher aus aller Welt in das bisher noch so verschlafene 2350-Einwohner-Dorf bei Graz locken wird. Und Arnold kann, wann immer er seine Heimat besucht, hier in Kindheitserinnerungen schwelgen.

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Autor:
Werner Kopacka