Mit Stil Spa im Bregenzer Hotel "Post"

Meine Mutter dachte offensichtlich, ich hätte sie jetzt endgültig ins Rentnerfach abgeschoben. Jedenfalls schaute sie etwas irritiert, als ich ihr vorschlug, mit mir in den Bregenzerwald zu fahren, in das "Hotel Post", mal so richtig schön ausspannen und verwöhnen lassen.

Ob das denn wirklich das Richtige für uns sei, fragte sie vorsichtig. Ich dachte an große Schnitzel, Bücher lesen mit Blick auf die Berge, ausgiebige Spa-Termine und fand das ziemlich richtig für uns. Meine Mutter dagegen stellte sich offensichtlich Kneipp-Kur, Graubrot mit Kümmel und rüstige Wanderer in 7/8-Hosen vor. Vielleicht hätte ich ihr "das mit der Post" vorher erklären sollen.

Der Name ist etwas irreführend bei diesem Hotel. Als mein Freund Mathias mir damals erzählte, sie würden Silvester dort verbringen, dachte ich auch zunächst, dass man wohl doch noch nicht über alle seltsamen Neigungen seiner besten Freunde Bescheid wüsste und sah ihn und seine Freundin bereits mit kleinen Hütchen bei Käsefondue und Alpen-Bingo sitzen. Aber wenn ein Haus 1850 als "Post Station" gegründet wurde und sich dann zum Gasthaus entwickelte, fängt man 150 Jahre später eben nicht plötzlich an, sich "Grand Bezau" oder "Bel Bregenz" zu nennen, nur weil das für Städter vielleicht mondäner klingt als "Post", "Krug" oder "Schenke".

Die Post ist also kein verstaubter Landgasthof mit einem Wellnessbereich, der aus zwei Campingstühlen vor der Sauna-Zelle besteht. Sie ist allerdings auch mehr als ein Vier-Sterne-Designhotel mit Bergpanorama hinterm Flachbildschirm. Das Prinzip entspricht vielleicht am ehesten (nein, ich sage jetzt nicht auch noch "Manufactum") dem eines Familienbetriebs, der sich bewegt, ohne seine Wurzeln zu verlassen.

Das Gutshaus mit den Holzschindeln wurde also nicht totrenoviert und bekam einen modernen Anbau im Bregenzer Architekturstil, der das Alte zitiert. Das Essen ist immer noch regional, wird allerdings als modernes 5-Gang-Menü serviert. Nicht zuletzt deshalb braucht es einen ordentlichen Tennis-, Fitness- und Spa-Bereich. Und wenn schon so viele Kräuter in der Gegend wachsen, kann man ja gleich noch eine eigene Naturkosmetiklinie machen, die einfach so heißt wie die Chefin selbst: Susanne Kaufmann Kosmetik. Wer Frauenzeitschriften liest, ist ihr vielleicht schon begegnet. Sagen wir so: Sie eignet sich ganz gut als eigene Beauty-Botschafterin.

Für alle Fälle gewappnet

Dort also fuhren wir für ein verlängertes Wochenende hin, ich hochschwanger, meine Mutter hochaufgeregt - irgendeine Tennisfreundin hatte in der Bunten recherchiert, "diese Post" sei wohl doch eher der unscheinbare Deckname für ein Luxusretreat der Münchener Schickeria. Mittlerweile verstand meine Mutter gar nichts mehr, hatte aber eine Tasche für alle Eventualitäten gepackt (von Wandern bis Gala-Diner).

Im Endeffekt brauchte sie ziemlich wenig davon, denn das Schöne an diesem Hotel ist: Es interessiert dort relativ wenig, wer man ist, was man trägt oder tut. Tagsüber treiben sich alle auf einem der Wanderwege herum, mit angenehm wenig professionellem Equipment, weshalb ich mit meinen Chucks statt Wanderschuhen auf den flachen Routen nicht weiter auffiel. Die restliche Zeit verbringt man im Badehaus oder Spa und trägt dabei den weißen oder grauen Bademantel mit dem eingestickten kleinen Vogel drauf. Abends im Restaurant ist dann alles vertreten: von Dirndl bis Escada-Sport-Komplettoutfit.

Wir hatten zweimal ein altes Ehepaar neben uns sitzen. Sie eine klunkerbehangene Lady, die im Beisein ihres Gatten, einem offensichtlich schwerhörigen Kohl-Double, stets von dem "Miesepeter" sprach und deshalb lieber links und rechts mit den Tischnachbarn plaudern wollte - was ihr auch gelang: Die Tische stehen relativ nah beieinander, die Atmosphäre ähnelt eher einem Speisesaal, jeder Gast hat für die Dauer seines Aufenthalts einen festen Sitzplatz. Entkommen: unmöglich. Das nutzte auch der alleinstehende Mann im Sportblouson, der in tiefstem bayerischen Akzent sprach, sich dafür aber genau die falschen Opfer ausgesucht hatte. Wir verstanden kein Wort, er wiederum verstand nicht, warum ich seine wiederholten Weineinladungen ablehnte. An diesem Abend flüchteten wir noch vor dem Topfenstrudel aufs Zimmer.

Sonst gibt es eigentlich nur einen Haken an der Sache: In jedem Bad steht unscheinbar die Einstiegsdroge, die hauseigene Flüssigseife, die mit irgendeinem Kraut versetzt ist, das zumindest mir täglich suggerierte, wenn man schon mal da ist, sei es doch eine Schande, sich nicht möglichst viele Kosmetikbehandlungen zu gönnen. Wir starteten harmlos mit einem Facial, um dann noch das "Zuckern statt Wachsen", eine Pediküre und das Körperpeeling auszuprobieren. Nicht zu vergessen die "Mama Deluxe Time" extra für Schwangere. In der "ganzheitlichen" Wellness wird an alles gedacht.

Als wir zurückkamen, traf ich eine Bekannte am Flughafen. Urlaub im Bregenzerwald, Hotel Post, mit der Mutter - das klänge ja "wahnsinnig, ähem, erholsam", sagte sie und erzählte dann, noch besser gelaunt als vorher, von ihrem bevorstehenden Trip nach Ibiza: Cooles Designhotel, riesiges Spa, Fünf-Gänge-Menü, das sei mehr so ihr Ding. "Klingt wahnsinnig aufregend!", gratulierte ich ihr und schob lächelnd davon.

Schlagworte:
Autor:
Silke Wichert