Zillertal Skifahren in Mayrhofen

Perfekt zurechtgemacht scharen sich begeisterte Wintersportler vor der Penkenbahn in Mayrhofen, um sich auf eine Höhe von 1700 Meter empor kutschieren zu lassen. Eine junge Engländerin mit knallrot geschminkten Lippen lächelt Werni Stock an. Der überprüft unbeeindruckt seine Bindung. Der 23-jährige Pro-Fahrer aus dem Zillertal flirtet lieber mit Herausforderungen, die sich Kicker und Rails nennen.

Seit drei Jahren verdient Werni sein Geld mit Snowboarden und zählt zum talentiertesten Sportlernachwuchs Österreichs. Für ihn ist Mayrhofen das Snowboard-Mekka schlechthin. "Du hast hier als Freestyler sämtliche Möglichkeiten. Egal, wie gut du fahren kannst", grinst er unter seiner Schutzbrille hervor und schiebt sich als erster aus der Gondel.

Inmitten des Bergpanoramas tummeln sich buntgekleidete Menschen aller Größen und strömen hektisch in unterschiedliche Richtungen. Vor ihnen liegen 159 Kilometer Pistenvergnügen sowie unberührte Pulverschneehänge, von gemütlichen Bahnen am Ahorn bis hin zu anspruchsvollen schwarzen Abfahrten. Krönung ist die "Harakiri"-Piste, die steilste Abfahrt Österreichs mit durchschnittlich 78% Gefälle.

Werni Stock hat auf Abfahrtsgedrängel keine Lust und sich bereits auf den Weg ins Obstacle-Colorado unterm Hornberg gemacht. Der Vans Penken Park ist Europas größter Snowpark und für den Pro-Fahrer das perfekte Trainingslager. Hier treffen sich die Spitzen der internationalen Freestyle-Szene - und diejenigen, die dazu gehören wollen. Werni schleudert seine 68 Kilo Körpergewicht mit unglaublicher Geschwindigkeit über einen 20 Meter hohen Kicker, zeigt einen Frontside 360 und lässt sich lautstark von seinen Kumpels bejubeln.

Der Vans Penken Park geht in diesem Jahr in seine dritte Saison und ist nicht nur bei den Profis sehr beliebt. Auch für Anfänger ist er ein großer Spielplatz zum Austoben. Fünf verschiedene, voneinander abgegrenzte Lines und eine Halfpipe lassen die Fahrer sich langsam an die größeren Obstacles herantasten. Der parkeigene Lift ermöglicht den Fahrern bis zu 100 Durchläufe, oder wie es hier heißt: Runs. Werni wischt sich ein paar Semmelkrümel aus dem Gesicht, schnallt sein Brett fest, zupft an der grünen XXL-Snowboardhose und nimmt sich einen Backflip vor. Er muss für den nächsten Air & Style Contest in München trainieren.

Lawinengefahr in Klein-Alaska

Aber auch am Penken selbst finden inzwischen zahlreiche aussagekräftige Events statt. Sehr beliebt ist der im März stattfindende "Ästhetiker Wängl Tängl". Eine Art Snowboardfestival, bei dem nicht nur Contests ausgetragen werden, sondern Kunst und Musik ebenso im Vordergrund stehen. Einer der Mitbegründer heißt Thomas "Beckna" Eberharter. Der 34-jährige Zillertaler bezeichnet sich selbst als "altes Eisen" der Snowboardszene.

Der ehemalige Pro-Fahrer verdient als Vans-Teammanager sein Geld und hat das Boarden wieder zu seinem Hobby gemacht. Er sucht vor allem die Ruhe und das Gefühl von Freiheit im Hinterland, abseits vom wilden Treiben der präparierten Pisten. Doch das hat es in sich - nicht ohne Grund wird Mayrhofen mancherorts Klein-Alaska genannt. "Am Penken sind die Ansprüche sehr hoch", so Thomas Eberharter, der sich auf der Skihütte Pilzbar am Penken einen Zillertaler Krapfen gönnt. Als Einstiegsvarianten für Freeride-Einsteiger empfiehlt Eberharter die Abfahrten vom Schafskopf- und Lärchenwaldlift. Sie sind einfach zu erreichen, schöne Wege führen durch den Wald zurück zum Lift.

Der Berg, der hingegen die Spreu vom Weizen trennt, liegt majestätisch am Talende und heißt "Wangelspitz". Für den Freerider Thomas gibt es nichts Vergleichbares im ganzen Zillertal. "Hier findet man je nach Schneelage unglaubliche Runs direkt unterhalb der 150-er Gondel." Der ehemalige Pro-Fahrer kommt ins Schwärmen und tippelt mit den Füßen: "Für mich ist diese Bergflanke ein absoluter Hochgenuss. Dort stößt mein Körper Endorphine aus, wie ich es so nur beim Snowboarden erlebe."

Thomas wird langsam unruhig. Er will wieder raus, in den Pulverschnee. Er streift sich seine gelbe Snowbordjacke über den Kopf und schnürt seine Boots fest. Auf den kindlichen Gesichtszügen zeichnet sich einen Moment lang ein sehr ernster Ausdruck ab - wie bei einem Vater, der seine Kinder ermahnt. "Wichtig zu wissen ist, dass man in dem Freeride-Gebiet ohne Lawinenverschüttungssuchgerät nichts verloren hat. Eine LVS-Ausstattung plus Schaufel und Sonde sollte in jedem Rucksack eines Freeriders zu finden sein."

Seine Gesichtszüge werden wieder etwas weicher, und der 1,74 Meter große "Beckna" klopft lächelnd zweimal mit der Faust auf den Holztisch und schreitet mit großen, quietschenden Schritten davon, um sich für den heutigen Tag seine Portion Endorphine abzuholen.

Autor:
Sara Hellmers