Steiermark Sehenswürdigkeiten in Graz

Ein immenses Barockschloss mitsamt Landschaftsgarten und darin stolzierenden Pfauen dem Stadtplan zum Trotz zu verfehlen - dazu gehört schon einiges an Orientierungsunsinn. Ein Novembermorgen in Graz, ein Montag. Graz ist im November eine leise Stadt, Graz glänzt im November, in Graz tragen die Novembermäntel ihre älteren Damen zum ersten Verlängerten des Tages. Die Damen tragen eine Feder am Hut.

Dabei sehe ich mein Ziel vor mir. Allerdings erhebt sich zwischen mir und Schloss Eggenberg (und Landschaftsgarten und Pfauen) eine Mauer, und um die laufe ich seit zwanzig Minuten auf der Suche nach dem Eingang. Einmal fast um das ganze Anwesen. Der Geste wegen rüttele ich an Gitterstäben verschlossener Tore. Dahinter: Bauarbeiter. Ich winke den Männern in orangefarbenen Westen zu, könnt ihr mal aufmachen? Sie lehnen an ihren Schaufeln. Ihre großen, fleckigen Arbeitshandschuhe. Die langen Kaschmir-Handschuhe Grazer Damen.

Jetzt möchte ich dazu tatsächlich schreiben: "In Graz verlaufe ich mich gern", diesen durch Überangebot verramschten Spruch. Aber es geht nicht - weil das nicht geht: sich in Graz mal so richtig verlaufen. Graz ist so groß wie eine Stadt groß sein darf, dass man zu jeder Zeit weiß, wo man ist, und den Schlossberg sieht man sowieso von überall. Und wo der Schlossberg ist, da ist eh alles. Welterbe inklusive. Ich muss den Satz also etwas variieren: "In Graz finde ich die Eingänge gern nicht sofort."

Das gibt dann vorzügliches Herumirren durch alte Höfe, vorsichtiges Abtasten der Gotik nach geheimen Hebeln, vortreffliche Interaktion mit Männern im Steireranzug (stilecht nur mit Hirschhornknöpfen) und letztlich, wenn alles andere schiefgeht, barocke Gymnastik beim Klettern über ebensolche Mauern. Im Optimalfall ist das alles gut - wenn es um einen herum gut aussieht, klingt, schmeckt. Graz ist der Optimalfall.

Fassaden getüncht in gemütliches Chaos miteinander verschränkter Stilepochen, ein Mekka für Hobby-Kunsthistoriker, mitsamt den Graffiti von George W. mit Micky-Maus-Ohren. Hinter Schaufenstern schustern-tischlern-schneidern noch erfreulich viele reine Handwerker. Und als Soundtrack läuft Mundart - das Steirische, als "Bellen" weithin Angst und Schrecken verbreitend, pendelt sich - wie die Kläffer auch - mit der Zeit angenehm ein. Ein Tipp wäre: Gerade an einem Markttag sollte man die Grazer Eingänge lieber nicht sofort finden.

Weil Graz die höchste Markttag-Dichte Europas hat, kann man sich hier fast täglich Zeit lassen, etwa wenn man am Kaiser-Josef-Platz den Eingang zur Oper sucht und am Bauernmarkt nebenan Ihre Bohnen-Majestät findet, die Kaiserin und Päpstin und Karate-Weltmeisterin aller Bohnen, Ihro Gnaden, die südsteirische Käferbohne! Die Käferbohne, der Schilcher und der Kern aller (essbaren) Dinge: das Öl. Die Eierspeis mit Kernöl im "Theatercafé" - wenn Österreich ein zweites Weltwunder anzubieten hätte (neben Córdoba '78), dann würde man es in einer kleinen Pfanne, sagen wir nachts um halb zwei, serviert bekommen. Tags um halb zwei: Nudeln im "Capperi" in der Schmiedgasse! Graz trifft Italien ohnehin gern. Der Eingang zum "Capperi" ist nicht schwer zu finden.

An besagtem Novembermorgen finde ich - nicht auf Anhieb - meinen Eingang im Grazer Westen, am Fuße des Plabutsch, eines zuallererst entzückend klingenden und "sich ziemlich steil erhebenden Gebirgsrückens ". Plabutschs Beschreibung entnehme ich dem "naturhistorisch-statistisch-topographischen Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebungen", einer Art Stadtführer mit neurotischem Zwang zu Statistiken aus dem Jahre 1843, als Graz noch Grätz hieß und Frakturschrift eine heiße Sache war.

Das "Gemählde" wird mich heute auch zu anderen Grazer Eingängen begleiten. Ich möchte die Stadt mit einem Auge im Jetzt sehen und mit dem anderen durch das Monokel der Vergangenheit schielend. Außerdem gefällt mir die Vorstellung von mir selbst im Jahre 1843 - mit Taschenuhr und Zylinderhut, die schönen Grätzerinnen mit einer leichten Verbeugung grüßend.

Zwischen Modernisierung und Mosern

Das Verhältnis zwischen dem, was war, und dem, was ist, ist in Graz höchst melodramatisch. Verfall und Veränderung. Konservierung und Konservatismus. Modernisierung und Mosern. In Graz findet das alles gleichzeitig statt. Lauter Spagate oder zumindest Dehnübungen, die man wohl zwangsläufig macht, wenn erst großes Budget, dann Budgetloch, kulturelles Erbe, wirtschaftliches Interesse, künstlerischer Ehrgeiz und reaktionäre Meinungsmache auf engstem Raum aufeinander losgelassen werden.

So zeigt sich Graz einerseits als eine Stadt, die ihre Anziehungskraft aus der eigenen Musealität und einer daraus entstandenen Stimmung der Heimeligkeit (böse Zungen sagen: Mittelmäßigkeit) bezieht. Andererseits aber schöpft sie frisches Selbstbewusstsein im Windschatten des Kulturhauptstadtsturms, der 2003 über die Stadt hinweggefegt ist, und durch die quirlige lokale Kunstszene. Beides hilft, aus bequemer Selbstbezogenheit auszubrechen.

Architektonisch ist dies der Stadt mit ihrem neuen Kunstherzen gelungen: dem Kunsthaus Graz. An der Mur treibt es blau im Meer der roten Dächer und, ja, einem Herzen nicht unähnlich. Eine pulsierende, lebendige Mitte der Stadt, Gebäude gewordene Idee, dass das Progressive einem charmanten Stadtbild nicht im Wege stehen muss, sondern vielmehr zusätzliche, ästhetisch wertvolle Wege und Inhalte für die Stadt freigeben kann.

Meinen Weg in das Schloss Eggenberg finde ich dann auch. Oder genauer gesagt - in den Schlossgarten, denn weiter komme ich nicht. An der Pforte empfängt mich des Einlassverkäufers herzliches "Sie wiss'n scho', dass montags das Schloss zua hat." Jetzt ja. Barock würde heute also nur die Tierwelt sein - die Pfauen. Ich schlendere zu ihnen auf einen Plausch über den Grazer Festivalwahn. "Wissen Sie", frage ich den größten, "was das eigentlich soll, mit den ganzen Festivals hier?" Statt eine Antwort zu geben, schlägt der sein Rad, ohne auf das einzugehen, was ich ihm erzähle.

Ich erzähle ihm von der Außenperspektive. Und dass es an Außenperspektive in Graz nur so wimmelt. Dass ich die Außenperspektive bin und dass die unzähligen Festivals Außenperspektive bedeuten und dass "Universitätsstadt " ein anderes Wort für Bewegung ist, und dass viele der 40 000 Studenten nach ihrem Abschluss in Wien oder sonstwo zur Außenperspektive werden.

"Bleiben" schafft Innenperspektive. Graz ist Kommen und Gehen. Allein all die Künstler, die hier ihr Handwerk gelernt und ihre Bands gefunden haben, aber irgendwann woanders weitermachten - Handke, Soap & Skin, Harnoncourt. Oder wenn man es doppeldeutig mag: Graz tauscht sich gern aus. Die unzähligen Festivals sind nach innen geholte Außenperspektiven. "Berg & Abenteuer Filmfestival", "Murwärts", "Styrian Stylez", "steirischer herbst", "Diagonale", da kann man Filme gucken, die "AfrikaFestwochen 2010", da kann man Fußball gucken. Es gibt so viele davon, dass ein Grazer Freund von mir (vielleicht gänzlich unironisch) einmal ausrief: "Ich bin für fünf Jahre Festivalverbot in Graz!"

1843 sind die Volksbelustigungen von einfacher Natur. Sie beschränken sich, so steht es im "Gemählde", "auf einen Spaziergang im Freien und den Besuch eines Gartens oder Schankhauses, in dem Wein, Bier und Speisen geboten werden". Ziemlich genau so belustige ich mich auch heute noch - jetzt im Schlossgarten, aber gleich ab auf einen Pfiff bei der Rose.

Die Wirtin zapft und zitiert Nietzsche

Rosemarie Mild, die Rose, zapft Bier und rezitiert Ingeborg Bachmann. Die Rose, klein ist sie hinter dem Tresen, Augen eines zierlichen Jungen, und wir, ihre Gäste, raten, wie alt sie wohl sein mag. "Wohin aber gehen wir / ohne sorge sei ohne sorge / wenn es dunkel und wenn es kalt wird". Zu "Feinkost Mild" gehen wir, wo manche Nacht vier Tage dauert. Rose, die schönste Gastwirtin von Graz, die schönste alte Frau von Graz, rezitiert in ihrem Jausenstüberl gelassen den Heine. Und ob ich wüsste, auch der Nietzsche sei ein Lyriker gewesen, und kein schlechter dazu. Rose sagt's auf, Rose singt Nietzsche: "Die Schenke, die du dir gebaut, / ist größer als jedes Haus, / Die Tränke, die du drin gebraut, / die trinkt die Welt nicht aus."

Das Graubrot ist belegt mit Schweinsbraten, Gurkerln, Senf. Hat man den Eingang zu "Mild" einmal gefunden, findet man ihn immer wieder. Man bleibt. "Hier", sagt Rose und meint Graz, "hier war mir immer am wohlsten." Auch mir war in Graz wohl. Ich nenne die Stadt "meine", obwohl ich hier nicht mehr lebe. Aber hier habe ich Schuhe abgetragen und die Sohle reparieren lassen. Im "Eurospar" in der Sackstraße kannte mich eine Kassiererin beim Vornamen, was schön war, obwohl sie mich konsequent Wölfi nannte. In "Werner's Elektroladen " habe ich eine Glühbirne gekauft, um die kaputte zu Hause ersetzen. Und zu Hause ist man erst, man dort einmal eine Glühbirne ausgetauscht hat.

In der Wohnung residierte ich ein Jahr lang als "Grazer Stadtschreiber". Ich sage bewusst "residierte", weil ich - wie es sich für so einen Posten wohl gehört - in einem Schlössl untergebracht war, dem Cerrini-Schlössl. Oben auf dem Schlossberg lag es, diesem mitten aus der Altstadt hinaufragenden Ausrufezeichen. Mein Mitbewohner war der beste Blick auf die schnelle Mur und in die langsamen Innenhöfe, an denen es in Graz nicht mangelt - eine Menge sehenswerter Eingänge, die es darin nicht sofort zu finden gilt.

Ich zische meinen Pfiff bei der Rose weg und spaziere zum Schlossberg. Auch der hat mehrere Eingänge. Ich könnte etwa den Lift durch einen Stollen nehmen, aber den gab es 1843 nicht, also lasse ich es (schweren Herzens, 260 Stufen) sein. Oben stellt sich beim Blick in die Ferne auch 150 Jahre später ein ähnliches "wundervolles Bild" dar, "in welchem kein einziger Zug an Lieblichkeit und Anmuth dem andern nachsteht". Wobei es heute mit dem Smog gut ausgegangen ist.

Zu meiner Zeit als Stadtschreiber wurde ich häufig gefragt, wie man das denn mache, eine Stadt schreiben. Ich weiß das bis heute nicht, aber eine Antwort gab ich dennoch, das tut auch der Grazer gern: Man bekomme, sagte ich, von der Stadt einen Zylinderhut, und man male mit Feder und Tinte Geschichten. In der freien Zeit steige man dann hinab, um die schönen Grazerinnen mit einer Verbeugung zu grüßen. In Wahrheit schenkt man bei einer performativen Bierprobe Bier aus.

Das geht so: Vier Männer (mit Krawatte) in ihren Vierzigern (Künstlergruppe "Ergo") treffen sich am Abend (gar mit Fliege) und testen blind jede Menge Bier aus Allerweltsländern (darunter alkoholfreies). Sie loben (beschimpfen), was sie da schmecken, während eine Geisha (Kimono) die Runden wie bei einem Boxkampf ankündigt. In den Pausen geigt eine Koreanerin Brahms. Ein Kameramann filmt die vollen vier (fünf) Stunden. Am Ende wird (betrunken) das Siegerbier (Mythos, Griechenland) gekürt.

Wenn man Städten einen Sinn für Komik zugestehen darf, dann ist das ein Paradebeispiel für den absurden Grazer Humor. Ich muss jedenfalls dem "Gemählde" vehement widersprechen, wo es heißt: "Der gemeine Mann in Grätz ist wenig lebhaften Temperaments, ernsteren Sinnes und auch weniger rührig, als der Wiener." Die Stelle finde ich so unernst, dass ich sie glatt weiterzitiere: "Der Charakter des gemeinen Grätzers hat übrigens manche Züge, die auf Vermischung mit slavischen Elementen hinweisen. Bei der Arbeit langsam, im Handeln bedächtig, ist er gegen Fremde minder zuvorkommend und allem Neuen abhold. "

Meinem slawischem Charakter entsprechend, steige ich langsam den Berg hinab und lasse, allem Neuen abhold, den Nachmittag im "Café Fotter" ausklingen. "Nicht ärgern, nur wundern ", steht dort auf einer Tafel, die Tischdecken sind gehäkelt, die Wände holzgetäfelt, die Mäntel älterer Damen hängen an einem Hirschgeweih. Im magischen Gastgarten sitzt Graz. Graz trinkt Puntigamer und löffelt dazu einen Topfenstrudel. Am Hut (ein uhrturmartiger Zylinder) eine Feder, in der Hand der Katalog zu der Warhol- Ausstellung im Kunsthaus, auf den Schultern das Afrikazentrum Chiala' Afriqas, auf dem Schoß das Non-Stop- Pornokino am Bahnhof.

Aus der Entfernung hat Graz den großen Kopf von Arnold Schwarzenegger. Aus der Nähe ist es das entspannte Gesicht einer alten Frau mit den Augen eines schnellen Jungen, so grün wie die Mur. Der Topfenstrudel schmeckt Graz hervorragend. Bussi Bussi. Ich setze mich dazu. Bleibe - kurz. Wir schweigen eine Weile, Graz und ich, geht ganz leicht. "Glückliches Klima" hier am Tisch. "Und", fragt Graz, "die Eingänge, alle gefunden?" Graz' Stimme: klar wie Sauvignon blanc, barock wie kandierte Orangen, forsch wie die Würstelverkäufer am Hauptplatz. "Zum Glück", sage ich, "noch lange nicht."

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Autor:
Sasa Stanisic