Kärnten Lesachtal am Fuße der Karnischen Alpen

Fünf Polizisten hat die Gemeinde Lesachtal, für vier Dörfer, einige Weiler, 1500 Einwohner. Vor der Wache in Liesing das Polizeiauto. Groß, geländegängig, es steht immer da. Von Verbrechen weiß kein Lesachtaler etwas zu berichten. Nur davon, dass die Türen der Häuser auch bei Nacht nicht abgeschlossen sind. Eine große Familie, mit allen Seiten, den guten, den schwierigen, sagen sie, die Ober- und die Unterguggenbergers, die Wilhelmers, Strieders, Lexers.

"Ach ja, das Lesachtal", sagt Engelbert Obernosterer, und schweigt dann erst mal. Dabei ist der 71-jährige Experte. Und Schriftsteller. "Mythos Lesachtal" heißt sein Buch. Mit vielen Fotografien und breit dahinfließendem Text, eine Elegie. "Eine Abrechnung", sagt Engelbert nach einigem Nachdenken. Er sitzt im "Gasthof Tuffbad", eine Schlucht hindurch drei Kilometer von der Hauptstraße aus, bis sich das Wildsendertal zu den Flanken der Lienzer Dolomiten hin öffnet.

Engelbert sitzt auf der Terrasse, unterm rotweißen Sonnenschirm, trinkt Goldmelissenlimonade und senkt die Stimme, bis sie beschwörend klingt, leise, fast düster. Bucklig, sagt er, zäh, der Körper hart wie Holz, so war der Bauer des Lesachtals früher. Früher, das war die magische Zeit, die Zeit der Wasserkraft, der Mühlen. Ohne Strom, Autobrücken und Touristen. Polenta, Milch und Brot gab es zu essen, und manchmal gab es auch gar nichts; die Abende kühl, die Nächte bitterkalt. Beim Holzeinschlag stand Mann gegen Baum, und nicht immer siegte der Mann. Das Pferd galt was, der Knecht, das Feld. Dann kam die Europäische Union. Mit ihr kam die Veränderung. Der Bauer, bisher abhängig von der Natur, war nun abhängig von Brüssel, einer fremden fernen Macht, die Genehmigungen erteilte oder verwehrte. "Und so ist es bis heute", sagt Engelbert, den Blick weit weg. "Wie kann man das mögen?"

Für die Lesachtaler ist Engelbert ein Abtrünniger. Er war auf dem Priesterseminar, aber er hat es nicht beendet, ist stattdessen Lehrer geworden, eine Schande für die Obernosterers aus dem Frohn-Zweig. So sehen es die Lesachtaler. Erst die geistliche Berufung und dann das Dasein eines Lehrers, wo gibt es so was? Das hängt Engelbert nach, er wirkt trotzig, provokant. Er spricht über die Religiosität der Lesachtaler, er hält sie für übertrieben, jeden Sonntag Frühmesse, Hochamt, Abendandacht, wozu? Er spricht wie Eugen Drewermann.

Ach ja, die magische Zeit, sagt Engelbert. Vor rund 50 Jahren ging sie zu Ende. Der elektrische Strom kam, dann die Brücken über die Gräben, die das Lesachtal queren. Viele der Gräben sind unpassierbar gewesen, ein Schutz waren sie, vor der Einheitskultur, die jetzt eingeschleppt wird von den Touristen. Dennoch ist das Lesachtal nicht ganz verloren. Das ist schon immer Engelberts Ansicht gewesen. Die meisten Bauern leben abgeschieden, in 27 Weilern, das Tal hält dem Massentourismus stand, und das trotz der asphaltierten Straßen und der Brücken. Das, sagt Engelbert, hat sich aus der magischen Zeit erhalten. Das, sagt er, gibt dem Tal sein Profil.

Eben noch war der Himmel wolkenlos, dann geht plötzlich Regen nieder, und es wird kalt. Ende August, Spätsommer im Lesachtal. Das Laub der Birken und Buchen beginnt fleckig zu werden, der Wind fährt den Bergen in die Seite, es stürmt, und die Luft riecht frisch, wie vor dem ersten Schnee. In einer der nächsten Nächte wird er fallen, 15 Zentimeter hoch, in den Bergen, in den Dörfern. Engelbert verabschiedet sich.

In der Gaststube zwei Urlauberpaare aus Deutschland, bayerischer Akzent. Wenn das Wetter einmal sitzt, dann bleibt es, sagt der eine Mann, graumeliert, er blickt an seiner Frau vorbei in die Regenfront. Bei 36 Grad kannst du auch nicht raus, sagt der Andere, Massige, dessen Frau die Hände über einem Glas Tee gefaltet hat. Na, was machst du dann? Sie reden übers Essen. Über die Schlipfkrapfen im "Mühlenstüberl". Lesachtaler Schlipfkrapfen, um genau zu sein, sagt der Massige. Hiesige Spezialität. Er hat den Wirt gefragt, den Windbichler Hansl. Kartoffelmus, Knoblauch, Porree, Muskat ist in den Teigtaschen drin, dazu Schnittlauch und Petersilie. Hausrezept. Und vor dem Servieren kommen zerlassene Butter und Parmesan drüber. Alles hier ist hausgemacht, sagt der Graumelierte. Auch er hat den Windbichler Hansl gefragt. Schafskäse vom Jöhrerhof , Käse aus Kuhmilch vom Stabentheinerhof. Rindswurst und Schinken von der Familie Winkler. Das Brot von den Bäuerinnen. Nichts aus der Fabrik, nichts vom Fließband.

Anis, Fenchel, Kümmel hat der Graumelierte aus dem Brot rausgeschmeckt, er blickt noch immer in den Regen hinaus.Sie werden lauter, der Graumelierte und der Massige, sie sind jetzt beim Bier, Falkenbräu und Villacher, lokale Marken, und können sich nicht entscheiden. Jemand spielt Akkordeon, das "Kufsteinlied" und "Lustig ist das Zigeunerleben", und mit dem Schneewalzer fängt das Schunkeln an.

Die Nacht ist ohne Regen, der Himmel klar, das Mondlicht leuchtet. Über dem Fluss tief unten im Tal kräuseln sich Dunstfetzen. Die Schafe im Pferch sind aneinandergedrängt. Der Luchs ist wieder da. Es heißt, auch der Bär. Von allem ist genug da. Hirsch, Wildschwein, Auerhahn, Reh, es wird viel gejagt, die Lesachtaler jagen gern. Sie haben die Tannen, Fichten, Lärchen, 30 Meter hoch, dichter, saftiger Wald. Im Sommer morgens die Vögel, abends die Grillen, dazwischen das Rauschen der Gail, des Flusses tief unten im Tal, der mit der Donau ins Schwarze Meer fließt. Im Winter keine Piste, keine Rodelei, kein Lift. Nur das Weiß und die Stille, die wie das Vergessen sind.

Grüß Gott, sagt Gabriel Obernosterer. Mit Engelbert hat er nur den Nachnamen gemein. Er empfiehlt die Betten seines Hotels, gefüllt mit den Kräutern und Gräsern des Lesachtaler Bergheus, bei Schwindel, Ohrensausen, Gicht, Nervosität. So viele Lesachtaler Köpfe, so viele Gästebetten, nicht mehr als 1500 also. Das ist die Idee, die Doktrin. Sie schützt das Tal vor den Pauschaltouristen, den Bettenburgen, dem Après-Ski. Besser, als es die Gräben je gekonnt hätten.

Gabriel ist überall dabei. Seniorchef des Almwellness-Hotels oben am Radegund-Bach, ein Familienbetrieb. Zweistöckig, im Alpenstil, die Lobby wie ein Zuhause. Saunen, Whirlpool, Ruheräume mit Wasserbetten und Ausblick auf Tuffsteinfelsen. Gabriel war dabei, als das Lesachtal 1991 mit dem Titel "Umweltfreundlichstes Tal Europas" ausgezeichnet wurde. 1995, als die Naturfreunde Internationale (NFI) das Lesachtal zur "Landschaft des Jahres" wählte, zusammen mit Furka-Grimsel-Susten, Schweiz. Und jetzt sein Hotel mit Heilquelle, vier Sterne, Superior. Gabriel ist Nationalrat für die ÖVP, die österreichischen Konservativen. Er weiß, dass Landeshauptmann Jörg Haider viele Anhänger im Lesachtal hat. Dennoch haben die Leute ihn, Gabriel, als Abgeordneten nach Wien ins Bundesparlament gewählt, jenseits aller Weltanschauung. Weil er Lesachtaler ist von Geburt, weil er erfolgreich ist, und Erfolg zieht an. Dann sagt er noch, fleißig sei der Haider, intelligent und innovativ, er sei für Kärnten da, für die Menschen, ununterbrochen, kompromisslos. Das ist alles, was er ist, sonst nichts, deshalb ist er Landeshauptmann. Das ist zitierfähig, natürlich, ja.

Dann geht es um Matthias Lexer, geboren im Lesachtal, Sprachgelehrter des 19. Jahrhunderts. In Würzburg lehrte er, in Freiburg, München. Führte mit anderen das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm fort. Schrieb den "Kleinen Lexer", das Taschenwörterbuch des Mittelhochdeutschen. Dann Erich Lexer, sein Sohn, der erste Schönheitschirurg Deutschlands. Er erfand das, was heute als Facelifting bekannt ist. Kreative Männer, sagt Gabriel. Männer, die einen Namen haben, unvergänglich. Nur hätten sie im Lesachtal keine Gelegenheit gehabt, sich zu entfalten.

Das ist so, leider. Das Lesachtal hat keine Industrie, kaum Arbeit außer in Land- und Forstwirtschaft und im Tourismus.Gabriel weiß Bescheid. Die jungen Leute gehen weg, mit 14 schon, nach Lienz, Hermagor, ins Internat, auf weiterführende Schulen, zur Ausbildung oder aufs Gymnasium. Einige nachher nach Wien, Innsbruck, zum Studium, und von denen kommt keiner zurück. Die Lesachtaler Bevölkerung schrumpft, sagt Gabriel. Wir brauchen die EU, die Fördergelder und den Tourismus. Wir brauchen Arbeitsplätze.

20 Kilometer verläuft das Lesachtal parallel zur italienischen Grenze. Auf der anderen Seite die italienischen Dolomiten. Unten im Tal hat die Gail vor Jahrtausenden eine Schlucht gegraben, 200 Meter tief, eng. Oben, auf dem Sattel, die Wiesen, Weiden, die Straßen, Häuser, die Sonnenterrassen. Längs der Hauptstraße aufgereiht, an der Nordseite des Hanges, über tausend Meter hoch gelegen, die Dörfer Maria Luggau, Sankt Lorenzen, Liesing und Birnbaum.

Die Römer ließen das Lesachtal so, wie es damals war, menschenleer, als es Teil ihrer Provinz Noricum war. Nur ein Saumpfad führte von Arguntum, heute Lienz, über die Gail rüber nach Italien. Im 6. Jahrhundert nach Christus kamen die Slawen. Sie siedelten, sie gaben dem Tal den Namen, Lesach, das bedeutet Wald, Holz. Dann zogen die Germanen ein, später, im Mittelalter, die Bayern. Während der napoleonischen Zeit marschierten französische Soldaten durch das Lesachtal, einen General an der Spitze. Sie suchten nach Andreas Hofers Leuten, und die Lesachtaler beugten sich.

Dann der Erste Weltkrieg, als wieder Soldaten im Lesachtal waren, Österreicher. Sie zogen nach Süden, durch das Frohntal das Hochalpljoch rauf, Richtung Italien, sie schossen, und die Italiener schossen zurück. Die Toten liegen auf dem Heldenfriedhof von Sankt Lorenzen. Ein schöner Platz, frei, auf einer Anhöhe, von der Sonne beschienen, wenn die Sonne scheint. Den Zwölferspitz, den Monte Peralba im Blick, den ganzen Himmel. Schmiedeeisern das Tor und die Grabkreuze. Josef, der alte rotgesichtige Josef, er schneidet den Rasen zwischen den Reihen, er sagt, die Toten dürfen nicht vergessen werden. Slawen, Ungarn, der Unbekannte Mohammedaner, viele Juden: Rosenzopf, Wunsch, Sonnenschein.

Der Radegund - ein mystischer Ort

Die Wärme kommt am Mittag. Der Schnee der ersten eiskalten Nacht ist weggetaut, leichte Wolken balancieren auf den Spitzen der Berge. Wanderer wandern die Wanderwege rauf, sie wandern stundenlang, ohne Eile, von frühmorgens bis in den Abend rein. Auf Almen wandern sie, Bergkämmen, Hochplateaus. Pilzsammler suchen im Dämmerlicht, unter schweren Baumwipfeln, im feuchten, weichen Untergrund, zwischen umgestürzten Bäumen, moderigen Stümpfen mit seligen Mienen. Bärentatzen, Tintlinge, Rotkappen finden sie.

Der Radegund. Ein tiefer Graben, der tiefste Graben des Lesachtals, 85 Meter tief, bei Sankt Lorenzen. Er schafft Wasser vom Eisenschuss und von der Grubenspitze runter zur Gail. Ein mystischer Ort, ein symbolischer Ort, ein Ort unbestimmter Kräfte. Kraftquelle Radegund. Natur, Wasser, Religion. Die Kräfte, die das Lesachtal durchdringen. So lehrt es die regionale Geschichtsschreibung. So erzählt es Franz Guggenberger, Direktor der Hauptschule und Bürgermeister der Gemeinde Lesachtal. Er führt durch den Radegund, am Mittwoch jeder Woche. Ein Mann mit gemütlichen Zügen im Gesicht.

Unten, auf der Grabensohle, neben dem Bach, ein Haus, eine Schmiedewerkstatt, ein Wasserrad. Museumsstücke. Oben eine Brücke mit hellen lichten Gliedern. Kleine Europabrücke nennen sie sie. 197 Mühlen hat das Lesachtal gehabt, in den 72 Gräben, die Wasser führen. Eine davon steht im Radegund. Das Wasser trieb nicht nur die Schmieden an, die Mühlen. Es bewegte Seilbahnen, Aufzüge, Pflüge, Dreschmaschinen. Auch die älteste Kirche des Lesachtals steht hier, 11. Jahrhundert. Gegenüber zwei Wasserkraftwerke, ein altes, ein neues, beide in Betrieb. Das alles gibt es im Lesachtal. Wasser, Wiesen, Wald und Religion. Franz flirtet mit dem Publikum, Familien, die da sind und ihm zuhören. Er will begeistern, für den Radegund, für das Lesachtal, mit Gesten und mit Worten. Fledermäuse sind wichtig für das Tal, sagt er und fragt, warum. Er sieht den Kindern ins Gesicht, einem nach dem anderen, er verharrt, dann sagt er, die Fledermäuse fressen den Borkenkäfer, darum sind sie wichtig.

Das Lesachtal lebt heute wie damals auch vom Holz, bis nach Venedig wird es verkauft, als Planken für die Gondeln. Franz zeigt Fotos von Männern, die kräftige Unterarme haben, strenge Augen und hohle Wangen. So haben die Bauern früher ausgesehen. Heute haben sie Traktoren. Breit liegt das Lesachtal da, in der Nachmittagssonne, es scheint zu dösen. Kein Laut, keine Bewegung, nur die Gail schäumt und dröhnt tief unten in ihrem Bett. Gras, das gemäht ist, trocknet auf den Wiesen, Heu für das Vieh, für den Winter. Dieser Geruch, er schwebt durchs Tal, würzig, kräftig. Nirgendwo Wildwuchs, die Hänge wie die Ebenen gleichermaßen gepflegt. Kulturlandschaft, die Tradition jahrhundertelanger Bewirtschaftung.

Das Dorf am Anfang des Lesachtals ist Maria Luggau. Dort, wo die 130-jährige Buche steht, das Kloster des Servitenordens, Mariens Diener, und die Kirche. Papst Johannes Paul II. hatte die Kirche 1987 zur Basilika minor erhoben, ein Ehrentitel für Wallfahrtskirchen. Maria Luggau, Stätte der Pilger, die hin zum Altar der Mutter Gottes strömen, zum Fürbittgottesdienst und auch zur Beichte. Maria hat geholfen. Danke für die bestandene Prüfung. Der lieben Gottesmutter zum Dank für die auffallende Hilfe in einer schweren Krankheit. Inschriften im Klostergang. Der Marienkult, sagt Pater Bernhard aus Wien. Manche brauchen die Mutter, um den Vater und den Sohn zu verstehen. Pater Bernhard liest die Messe am Nachmittag, in der Basilika.

Wir ziehen zur Mutter der Gnade, zu ihrem hochheiligen Blick, singen die Pilger, bevor sie eintreten. Dann beten sie einen Rosenkranz, zwanzig Minuten lang, und heben zum Halleluja an. Rot und weiß die Blumen auf dem Altar, Weiße Carmen, Margeriten, Begonien. Pater Bernhard im grünen Ornat. Die Letzten werden die Ersten sein, und manche von den Ersten die Letzten, liest er vor. Die Pilger knien nieder, sie senken den Blick. Zum Schluss beten sie wieder einen Rosenkranz. Gnadenreiche, unter Tränen bitterer Wehmut scheiden wir, singen sie, als sie Maria Luggau verlassen. Über hundert Wallfahrten erlebt Maria Luggau jedes Jahr. Die meisten kommen mit dem Bus. Aber es gibt auch die über die Berge, zu Fuß. Solche, die um drei Uhr morgens beginnen und nach zwölf Stunden in Maria Luggau eintreffen, wie in vergangenen Zeiten.

Ein mystisches, ein gesellschaftliches Ereignis, sagen die, die teilnehmen. Sie kommen Jahr für Jahr, Tausende. Die Tage vergehen, im Rhythmus von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Kaum Autos auf der Straße, die das Tal erschließt, die Hauptstraße. Motorräder fahren die Steigungen hoch, die Gefälle runter, sie fahren schnell, auch durch die Kurven. Die Mountainbiker atmen schwer, sie schwitzen, sie nehmen niedrige Gänge und meiden das Gelände. Barbara von der Lakenalm ist überall zu hören, bei ihr muss jeder Talbesucher gewesen sein. Die einzige Sennerin des Lesachtals, obwohl sie keine gebürtige Lesachtalerin ist. Ihre Hütte, ein kleiner Gastronomiebetrieb.Töpfe und Pfannen hängen von der Decke. Strom hat Barbara nicht immer, aber Wasser aus der Quelle. Milch gibt es von Rosi, der Kuh, die gern abseits grast. Herr Ratzinger ist auch da, der alte Hahn mit den langen gebogenen Sporen. Und Valentina, das Huhn, das herbeirennt, wenn es seinen Namen hört. 50 Kühe von 15 Bauern stehen auf der Lakenalm, trächtig, schöne Köpfe, jedes Tier ein eigener Charakter. Außerdem ein Dutzend Pferde. Sie fressen das kurze, harte Gras, das die Kühe stehenlassen. Das nützt der Alm, das erhält sie. Das nützt den Bauern, dann fließen die Fördergelder der Europäischen Union.

Gut gewachsen ist Barbara, energisch, aschblond, 41 Jahre. Merlin, der Border Collie, ist immer in der Nähe. Er zeigt Kunststücke, Körperrolle, Männchen und so weiter. Dann legt er sich unter den Tisch. Er wartet, er ist Barbaras Hirtenhund. In zwei Stunden wird er die Herde umkreisen und ins Gehege treiben, zur Nacht.

Das sechste Jahr ist Barbara jetzt auf der Lakenalm. Sie liebt das Leben, das sie führt. Sie liebt die Berge, die Luft, den Blick. Das besondere Licht, das der Morgen und der Abend in den Alpen haben. Sie liebt Tiere, sie sagt, dass sie mit Tieren groß geworden ist. Durch Zufall ist sie auf die Alm gekommen, denn ihren Wohnsitz hat Barbara in Wien. Dort hat sie einen Waldkindergarten, mit einer Jurte aus der Mongolei.

Als sie für ein Wochenende zu Besuch auf einer Alm war, starb die Sennerin. Barbara ging zu den Bauern hin und sagte, dass sie die Sache interessiert. Dass sie es versuchen will und einen braucht, der sie anlernt. Aber keinen Busen- und Hinterngrabscher. Die Bauern guckten erst, dann überlegten sie. Sie schickten ihr einen Greis. Nach 14 Tagen konnte Barbara allein weitermachen. Lang ist es her. Nun ist sie im Sommer für vier Monate auf der Alm und den Winter über in Wien, bei den Kindern im Waldkindergarten.

Rauf zu Barbara. Drei Stunden, 500 Höhenmeter, steile Anstiege. Rauf auf den Gipfel des Laken, auf 1600 Meter. Den Atem hören und das Herz, wie es pocht. Zu denken, 500 Höhenmeter, was ist das schon? 400 sind geschafft, aber die letzten 100 schaffen dich. Zu fühlen, wie stark die Natur ist. Und wie glücklich derjenige, der mit ihr lebt.

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Autor:
Thomas Feix