Niederösterreich Landhausviertel St. Pölten

Wer nach St. Pölten kommt, ist vorgewarnt. Ein 50.000-Seelen-Städtchen mit Bahnanschluss, 60 Kilometer westlich von Wien gelegen, irgendwo zwischen Wachau und Voralpenland, Wienerwald und dem nächsten Autobahnkreuz. Obwohl St. Pölten Bistum und Diözese ist und im Jahr 1159 das erste Stadtrecht Österreichs erhielt, ist sein Image nicht viel besser als das von Wanne-Eickel: der Inbegriff von Provinzialität. "Österreich besteht aus eineinhalb Millionen Wienern und fünf Millionen St. Pöltnern", hämte der Wiener Kaffeehausliterat Anton Kuh in den zwanziger Jahren. Nur wüssten die stolzen Wiener nicht, "dass sie eigentlich St. Pöltner sind."

Seit Juli 1986 nun sind viele Wiener in gewisser Weise tatsächlich auch St. Pöltner, denn das Eisenbahn- und Industriestädtchen ist, nach einer Volksbefragung, zur Landeshauptstadt von Niederösterreich erklärt worden - nachdem das größte österreichische Bundesland bis dahin und seit 1922 von Wien aus regiert worden war. Nach einem Kraftakt ohnegleichen, mehreren internationalen Architekturwettbewerben und einer rekordverdächtigen Bauzeit von fünf Jahren wurde 1997 das neue Regierungsviertel, bis dahin die zweitgrößte Hochbaustelle Europas nach dem Potsdamer Platz in Berlin, feierlich eröffnet.

Zusammen mit dem angrenzenden Kulturbezirk samt Festspielhaus, Museum, Landesbibliothek und -archiv, insgesamt mehr als 20 Gebäuden, repräsentiert das mehr als 500 Millionen Euro teure Landhausviertel am Flüsschen Traisen mit seiner über 600 Meter langen Steinund Glasfront den geballten Einbruch der ästhetischen Moderne ins beschauliche Barockstädtchen.

Einen Gedenkstein für das Foyer hatte Papst Johannes Paul II. höchstpersönlich gesegnet, und nicht nur Chefarchitekt Ernst Hoffmann war sich sicher, nun würde die Stadt, nur durch eine Autostraße vom neuen Zentrum getrennt, enger an den lange vernachlässigten Fluss rücken und flirrendes urbanes Leben anziehen. Man hoffte auf den Zuzug von einigen tausend neuen Einwohnern und viele zukunftsweisende Arbeitsplätze. Frische Metropolenluft schien durch den Landhausboulevard zu ziehen, kulturell inspirierende Offenheit und Transparenz.

Der neue Komplex sollte keine martialische Trutzburg sein, sondern ein glitzerndes "Schaufenster des Landes", wünschte sich Chefplaner Hoffmann. Kein abstraktes Designkunststück, sondern ein Bau in "menschlichen Dimensionen" mit Grünanlagen, Dachgärten, verkehrsfreien Zonen, Spielplätzen, begehbaren Skulpturen und hängenden Terrassen. Doch noch bevor die ersten der dreitausend Landesbeamten, Abgeordneten und Angestellten einzogen, befürchteten Kritiker eine Geisterstadt - eine "Tintenburg", ein "Beamtenghetto", kurz: ein Bonsai-Brasília an der Traisen, eine leblose Kunststadt.

Und das, obwohl die professionelle Architekturkritik zunächst überwiegend positiv reagierte: "Europareif", jubelte der Standard, die "FAZ" lobte "die klare Schlichtheit der großen Linie", und die "Berliner Zeitung" freute sich über die "demokratische, lockere Organisation der Bauten", ganz auf der Höhe der Gegenwartsarchitektur. Vor allem Klaus Kadas Festspielhaus mit dem türkis-gläsernen Schiffsrumpf fand Bewunderung als Teil einer neuen Formensprache. Doch auch die kritischen Stimmen waren nicht zu überhören: Die Kunstzeitschrift art sprach von "abgestandener Moderne". Und die "Süddeutsche Zeitung" mahnte: "Ein wenig wirkt Neu-Sankt Pölten wie hingestellt, bejubelt und vergessen. Zu weit abseits, zu schlecht angebunden."

Wer nun im Frühling 2007, zu seinem zehnten Geburtstag, durch das Landhausviertel streift, bemerkt zunächst eines: Er ist recht allein auf weiter Flur. Während die Beamten in schönen, hellen Büros dem hochsubventionierten Mittagessen entgegenarbeiten, flaniert man über menschenleere Straßen, Plätze und Stege. Das könnte wenigstens im Sommer anders sein, hätte nicht der Landeshauptmann nachdrücklich seinen Wunsch geäußert, die schwebenden Hochterrassen des Speisepavillons mit herrlichem Blick auf den Fluss möchten auch bei schönstem Wetter geschlossen bleiben. Der Grund: Am Uferweg vorbeigehende Bürger könnten den bösen Eindruck gewinnen, die von ihnen bezahlten Staatsdiener machten von 11.30 bis 14.30 Uhr durchgehend Mittagspause, Sonnenbad und ein Glas Gumpoldskirchner inklusive.

Wie ein gelandetes UFO

Die Beamten müssen also drinnen bleiben, und so ist draußen umso mehr Platz, sich in aller Ruhe umzusehen. In Form zweier, parallel zum Fluss angelegter Riegel prägen die Landhausgebäude das Viertel mit einer fast durchgehenden Stein-Glas-Rasterung, die hier und da in Höhe und Tiefe leicht variiert. Eine Ausnahme bildet das "Landtagsschiff" aus grünlichem Gneis, Glas und Leichtmetall, das frech aus der Einheitsfront hervorspringt. Der bugartig gekrümmte Baukörper mit schnittigen Lamellen vor der Glasfassade scheint ganz cool auf Stelzen zu schweben, die in einem Wasserbecken stehen - was die luftig-maritime Anmutung noch verstärkt. Leider ist das Becken inzwischen trockengelegt und deshalb kein wirklich romantischer Anblick. Wie man hört, sabotieren hartnäckig undichte Stellen die geplanten Wasserspiele.

Der Landtagssaal aus hellem Buchenholz mit Blick auf die Flussauen ist schön und licht, draußen aber pfeift der Wind über den Landhausplatz, und nicht einmal die breiten Stufen zur Traisen laden zum Verweilen ein. Verlässt man den zugigen Platz gen Norden, stößt man auf den "Boulevard". Doch leider, er ist nur eine Metapher, ein wehmütiges Zitat. Nichts erinnert an Urbanität und des Lebens reiche Fülle. Einzig im "Billa"-Markt sieht man ein paar Menschen vor vollen Regalen stehen, sonst nur mehr oder weniger kunstvoll arrangierte Ödnis. Es soll hier Läden und Restaurants gegeben haben. Doch kein Geschäft hat die Abwesenheit von Kundschaft überlebt. Stattdessen ist die Beamtenversicherung eingezogen.

Das gleiche Bild in der Neuen Herrengasse, die parallel verläuft. Das auffälligste Strukturmerkmal sind die rhythmisch aufgereihten Abluftquader für Österreichs größte Tiefgarage, in der sich schon mancher heillos verirrt haben soll. Inzwischen hat eine Neubeschilderung der kafkaesken Höhlenlandschaft immerhin die Orientierung verbessert. In südlicher Richtung passiert der einsame Wanderer den verspiegelten Neubau einer großen Versicherung.

Ursprünglich sollte dieser Teil des Landhausplatzes, auf dem der Papst eine Messe hielt, eine bukolische Freifläche bleiben. Aber Hirtenwiesen bringen kein Geld. Ein paar Schritte weiter ragt der Klangturm in den Himmel, ein vertikaler Akzent inmitten der horizontalen Baumassen - doch er ist eine allzu "spillrige Konkurrenz" zum gotischen Dom der nahen Altstadt, wie ein ungnädiger Kritiker schrieb. Fast 70 Meter hoch ist das technizistische Bauwerk mit gläsernem Aufzug, das man zu Zeiten des Kalten Krieges für eine besonders gut getarnte Abhöreinrichtung hätte halten können.

Direkt daneben beginnt der Kulturbezirk, der vitale Poesie in die trockene Aura der Bürokratie bringen sollte. Während die Kalksteinquader von Landesbibliothek und Archiv, elegant durchbrochen von schießschartenähnlichen Fensterfolgen, eine angenehm klassische Ruhe vermitteln, wirkt Hans Holleins Landesmuseum wie der Aufgang zum ewig tagenden Kindergeburtstag. Ein keck gewelltes Vordach auf zahnstocherdünnen Beinchen, dahinter zwei kleine Kuben mit einem sägezahngeformten Dach - eine Verschachtelungsarie, eine erstarrte Tortenschlacht.

Umso größer die Überraschung im Inneren: Auf drei wunderbar verschlungenen Ebenen, Gängen und Treppen flaniert man, optisch perspektivenreich, durch die Errungenschaften Niederösterreichs - Natur, Kunst, Landeskunde -, darunter ein ausgestopfter Braunbär, ein Elch, Gemsen, Vögel, Fische in riesigen Aquarien, ein Minigletscher zum Anfassen, Bergkristalle und Bilder von Schiele, Kokoschka und Hermann Nitsch. Ein merkwürdig beliebiger Eklektizismus als provinzielle Leistungsschau. Als wären die Schwierigkeiten, den ästhetisch anspruchsvollen Museumsraum zu bespielen, mit jeder Menge Flora und Fauna zugestopft worden. Über Land und Leute erfährt man dabei leider ziemlich wenig. Das freilich ließe sich ändern.

Nicht so leicht ändern lässt sich die Tatsache, dass Kulturbezirk und Landhausviertel als urbanistisches Ensemble gescheitert sind. Es ist kein Zufall, dass es in diesen Kulissen der Moderne keine einzige Wohnung gibt. Dafür sind sie eine bevorzugte Location zur Produktion zeitgeistsatter Werbeclips. Wie ein Fremdkörper - Einheimische sagen auch "wie ein gelandetes Ufo" - liegt das Landhausviertel in der Nachmittagssonne, während die Beamten schon wieder auf dem Weg nach Wien sind. Kaum einer von ihnen ist nach St. Pölten gezogen, und so bleibt es vorerst dabei: Wirkliches Leben ist nur in der barocken Altstadt mit ihrem schönen Rathausplatz, der im Sommer mediterrane Atmosphäre entfaltet.

"Vielleicht ist es nur eine Generationenfrage von 20 Jahren", sagt Herbert Binder, Pöltner Patriot und Obmann des Fördervereins Kulturbezirk. "So lange kann es dauern, bis St. Pölten insgesamt ein eigenes Profil und neue Anziehungskraft gewinnt." Das Potential wäre da: angesehene Schulen und Hochschulen, 40.000 Arbeitsplätze in Industrie wie Dienstleistung, rundherum eine grüne, hügelig bewaldete Landschaft voller alter Adelsschlösser - und seit kurzem ist das Traisental auch noch zur jüngsten Weinregion Österreichs aufgestiegen.

Fürs Erste diskutiert man über "Erlebnismarketing", das den toten Plätzen im Landhausviertel Leben einhauchen soll. Ein neuer Architekturwettbewerb ist im Gange, und endlich werden durch neue Überwege die disparaten Teile von St. Pölten aneinandergerückt. Wer mit dem Auto Richtung Süden die sanften Hügel hinauffährt und von dort auf die Stadt blickt, kann durchaus eine Ahnung von dieser Zukunft gewinnen. Dann wird "St. Pölten" womöglich auch einen leichteren Klang verbreiten als bisher.

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Reinhard Mohr