Steiermark Innovative Architektur in Österreich

Seit sieben Jahren treibt sie nun auf der Mur wie ein wassergelandetes Raumschiff. Als Kunstwerk auf Zeit war sie 2003 gedacht, Graz war damals Europas Kulturhauptstadt, man überschlug sich mit avantgardistischen Projekten. Die Murinsel, eine futuristische Stahl- und Glaskonstruktion des New Yorker Star-Architekten Vito Acconci, war nur eines von ihnen. Mittlerweile ist sie zum Inventar geworden: ein 47 Meter langes und 320 Tonnen schweres Eiland, das die einen an einen eigenwillig verzogenen Schiffsrumpf erinnert, die anderen an eine Muschelschale oder eben an ein Raumschiff mit zwei Ausstiegsrampen für Außerirdische: die beiden Stege zu den Ufern der Mur.

Die Grazer selbst wissen mit dem architektonischen Implantat, das da mitten in ihrem Stadtfluss vor Anker gegangen ist, zwar nicht so recht was anzufangen, aber es ist ihnen ans Herz gewachsen, als beliebtes Postkartenmotiv mit Café-Bar, Open-Air-Bühne und Spielplatz. Vor allem nachts, wenn die spektakuläre blaue Neonlichtbeleuchtung die umgebende Uferlandschaft in eine unwirklich galaktische Lichtatmosphäre hüllt, wird die Murinsel zum Blickfang.

Und sie ist längst nicht der einzige futuristische Alien, der sich in Graz und Umgebung niedergelassen hat. Die Stadt hat ein altes Zugpferd wieder aus dem Stall geholt und neu gesattelt: die junge Architektur. Es war über die Jahre etwas müde, nahezu lahm geworden, doch heute steckt es wieder voller Energie und wird von den Grazern mit Stolz vorgeführt.

Da ist zum Beispiel das Kunsthaus am rechten Murufer, ein Museum für zeitgenössische Kunst, an dessen Front eine meerblaue Acrylglaskonstruktion wie eine überdimensionale Seifenblase klebt. Das Werk des britischen Architekten-Duos Peter Cook und Colin Fournier kann nur der richtig begreifen, der auch die extravagante Dachkonstruktion mit den rüsselartig aufgesetzten Fenstern im Blick hat. Und der beste Platz dafür ist das Plateau des Schlossbergs, 123 Meter hoch über der Stadt.

Der bequemste Weg dorthin führt mitten durchs Gestein: Ein Lift im Inneren des Berges hievt die Besucher in einem Tempo von 2,5 Meter pro Sekunde nach oben. Ende der neunziger Jahre wurde das seit dem Zweiten Weltkrieg im Schlossberg bestehende Labyrinth von Stollen und Luftschutzkellern, in denen bis zu 40 000 Grazer Zuflucht vor Bombenangriffen fanden, großzügig erweitert. Zwei zusammengelegte Kavernen bilden seither den "Dom im Berg", eine einzigartige Veranstaltungslocation.

5000 Kubikmeter Dolomitgestein wurden dafür aus dem Berg gesprengt. Ein Stollen führt von dort zum Aufzug, und bei der Fahrt nach oben geben die freistehende Stahlkonstruktion, die verglasten Kabinen und geschickte, indirekte Beleuchtungsinstallationen den Blick auf das Innere des Berges frei - bis man plötzlich oben ausgespuckt wird, direkt am Uhrturm, dem Rest einer alten Festungsanlage und dem noch immer unumstrittenen Wahrzeichen der steirischen Landeshauptstadt. Wie ein freundlicher Schiedsrichter thront der Uhrturm oben am Berg und wacht, ob unten in den verwinkelten Gassen und auf den gemütlichen Plätzen im permanenten Wettstreit zwischen alter und neuer Architektur alles mit rechten Dingen zugeht.

Graz: Irgendwo zwischen Welterbe und Zukunft

Die Spielregeln gibt seit 1999 die Unesco vor. Sie erklärte die historische Altstadt, in der sich seit der italienischen Renaissance jeder Baustil wiederfindet, damals zum Welterbe. Das machte die Sache für beide Seiten - die Traditionalisten da und die Erneuerer dort - nicht gerade einfacher. Die einen sehen das schützenswerte und per Unesco- Titel schutzpflichtige Kulturgut nur allzu leicht bedroht, die anderen klagen über eine "museale Käseglocke" und fühlen sich in ihren Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Dieses Spannungsfeld garantiert aber, dass sich Neubauten einem kompromisslosen Qualitätsanspruch unterwerfen müssen. Das hat der Stadt in ihrer jüngeren Vergangenheit nicht schlecht getan. Sie hat angeknüpft an eine Tradition: Schon einmal, in den 1960er Jahren, rebellierten Absolventen der Grazer Technischen Universität gegen den biederen Lehrkanon der Architekturfakultät. Sie legten damit das Fundament der "Grazer Schule", die sich - obwohl sie keine spezifische stilistischer Ausrichtung besitzt - durch eine neue, bisweilen verwegene Formensprache auszeichnet. Über zwei Jahrzehnte sorgten Namen wie Günther Domenig, Hermann Eisenköck, Klaus Kada oder Michael Szyszkowitz für eine Hochblüte zeitgenössisch-innovativen Bauwerk-Designs und hinterließen sichtbare Spuren im Stadtbild.

Doch die Revoluzzer von einst sind längst zu dominanten, meist universitätsprofessoralen Platzhirschen gewachsen, die den Markt für junge, nachstoßende Architekten mitunter verstopfen. So hat der heute 69- jährige Klaus Kada kürzlich die Stadthalle samt ihrem spektakulären, 46 Meter ausragenden Flugdach konzipiert. Noch dazu hat der Nachwuchs das Problem, dass sich Bauherren bei großen Projekten gern mit einem international klingenden Namen schmücken - siehe Kunsthaus und Murinsel oder das neue, mit seiner dynamisch fließenden, präzisen Linienführung überzeugende Musiktheater (Mumuth), das ein Werk der Niederländer Caroline Bos und Ben van Berkel ist.

Den neuen Museumsquadranten und den Dachausbau im Warenhaus Kastner & Öhler (eine Art Grazer KaDeWe) haben wiederum das spanische Büro Fuensanta Nieto/Enrique Sobejano gestaltet. Die Metropolenhaftigkeit mag importiert und damit ein wenig aufgesetzt wirken, doch sie hat Graz eine im Vergleich zu auch größeren europäischen Städten überdurchschnittliche Dichte hochklassiger moderner Architektur beschert.

Das wiederum ist eine Herausforderung für die lokale Szene, "weil man gezwungen wird, seine Ideen noch schlüssiger zu formulieren und noch bessere Qualität abzuliefern ", erklären die Chefs der regionalen Architektenkammer. Eine sportliche Sicht der Dinge. Eine neue Generation von Architekten, die sich mehr an internationalen Trends orientieren, hat der Stadt bereits ihre Stempel aufgedrückt: Markus Pernthaler verwandelte eine ehemalige Fertigungshalle für Lokomotiven in einen akustisch hochsensiblen Konzertsaal (Helmut-List-Halle), Christoph und Martin Zechner verpassten dem Bahnhof einen modernen, beinahe großstädtischen neuen Auftritt, Florian Riegler und Roger Riewe nahmen sich des alten Flughafens an.

Das Ergebnis ist eine atmosphärische Mischung aus urbaner Geschäftigkeit und ruraler Überschaubarkeit die typisch ist für die immerhin zweitgrößte Stadt Österreichs. In Graz kann man sich vielleicht verlaufen, wirklich verirren kann man sich nicht, weil an jeder zweiten Ecke ein architektonischer Orientierungspunkt in den Himmel ragt. Das schon etwas stumpfe Image von Graz als Architekturhauptstadt wurde also binnen kürzester Zeit wieder aufpoliert. Und strahlt über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Auf internationalem Terrain etablierte sich zuletzt unter anderem Marion Wicher (yes architecture), die das neue Kongresszentrum in Bonn mitgestaltet hat.

Auch auf dem Land: Ade, Blumenkastenidylle

Aber auch quer durch die Steiermark sorgen avantgardistische Wohn- und Zweckbauten für Aufsehen. Sie provozieren, indem sie Kultur- und Naturraum kontrastieren. In einer neuen architektonischen Sprache abseits heimatfilmtauglicher Giebelkreuz-Kasettenfenster- Blumenkasten-Idylle brüllen sie ihr neues Selbstbewusstsein und -verständnis in die Landschaft.

Mit schnörkellosem Design, klarer Linien-Ästhetik, hochfunktioneller Raumstruktur und professioneller Produktinszenierung liegen etwa die Weingüter der erfolgreichen Winzer in der sanft dahin rollenden südsteirischen Hügellandschaft. Ob bei Alois Gross in Ratsch, bei Manfred Tement in Berghausen, bei Daniel Jaunegg in Leutschach,Wilfried Schilhan in Gamlitz oder Erwin Sabathi am Pößnitzberg: Überall wurden seit der Jahrtausendwende anspruchsvolle Neubauten realisiert.

Dennoch stand bei allen Projekten der Wein und dessen reibungslose Produktion im Vordergrund. So feilte beispielsweise Winzer Erwin Sabathi zwei Jahre an der perfekten Zu- und Aufteilung der Geräte, Arbeitsflächen und Transportwege. Erst dann wurde Architekt Igor Skacel beigezogen, der eine streng reduzierte Laboratmosphäre für Sabathis önologische Handwerkskunst in die Landschaft zauberte - die leider zum größten Teil auf den ersten Blick unsichtbar ist. Zwei Drittel der 2000 Quadratmeter großen Anlage wurden in einem bautechnischen Kraftakt ins Innere des Weinbergs verräumt. Unter und über Tage dominiert eine detailverliebte Funktionalität, bei der natürliche Neigungen des Hanges zum Weintransport zwischen Presse und Tanks ebenso genutzt werden wie die Sonneneinstrahlung für Beleuchtungseffekte zwischen den funkelnden Edelstahltanks und mächtigen Eichen- Holzfässern in der Dimension von Handballtoren.

Ihre Fortsetzung findet diese stringente Formensprache der Weinbauern in den jungen steirischen Thermalbädern in Orten wie Fohnsdorf, Köflach oder Bad Gleichenberg. Der nüchterne, aber nicht ungemütliche Stil dieser Wellnesstempel steht wiederum in krassem Gegensatz zur Therme in Bad Blumau, in der Architekt Friedensreich Hundertwasser das Paradoxon von runden Ecken und Kanten in einer märchenhaften Inszenierung von Türmchen, Dachgärtlein und zuckergussähnlichem Fassadendesign zur verschnörkelten Perfektion getrieben hat.

Aber auch der alpine Gegenpol zum gemütlich flachen Osten der Steiermark, die schroffen Berge im Norden, sind längst keine architekturfreie Zone mehr. Im Hochschwab-Massiv thront auf 2156 Metern mit dem Schiestlhaus ein einzigartiger alpiner Stützpunkt, der heute als Meilenstein für ökologisches Bauen in Extremlagen gilt, da für die Bewirtschaftung lediglich erneuerbare Energiequellen zum Einsatz kommen.

Noch spektakulärer geht es in der Gipfelregion des mit 2995 Metern höchsten Berges der Steiermark, dem Dachstein, zu. Hier ragt der "Sky Walk" wie ein überdimensionaler Sprungturm gleich neben der Bergstation der Gondel hinaus ins - Nichts. Der Besucher steht auf einer Glasplatte, unter ihm bricht die Felswand der Dachsteinsüdwand abrupt Hunderte von Metern Richtung Talboden, und vor ihm breitet sich ein Meer aus Berggipfeln aus. Eine Landschaft, zu überwältigend, als dass sie von Menschenhand entworfen sein könnte.

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Autor:
Klaus Höfler