Tirol Holzbildhauer aus Elbigenalp

Die Jungs in den Jeans stehen immer noch da - dabei sind sie doch in Wirklichkeit längst weg, der Christian, der Martin und der Norbert. Aber manche Leute hinterlassen eben Spuren. So wie die drei Absolventen der Holzschnitzerschule in Elbigenalp, die als Abschlussarbeit sich selbst dargestellt haben. Lebensgroß. Mit Ziegenbärtchen der eine, mit Rastalocken der andere, alle mit nacktem Oberkörper und in Jeans. Sogar die Gesichtszüge, versichert Direktor Robert Maldoner, seien perfekt getroffen. Jesus! Was ist nur aus den Tiroler Holzschnitzern geworden!

Wie gemeißelt ragen die Kalkpyramiden der Lechtaler Alpen, Anfang Oktober schon schneebestäubt, gegen einen stahlblauen Himmel - so wie sich das gehört im abgelegenen Lechtal, dem Rückgrat des Außerfern, das vom übrigen Tirol durch den Fernpass getrennt ist. "Überm Fera braucht mer a Joppn mehra", hieß es einst. Hier waren die Bauern noch vor hundert Jahren so arm, dass manche ihre Kinder zu Fuß zum Arbeiten nach Deutschland schicken mussten: die "Schwabenkinder". Um etwas dazuzuverdienen, versuchten sich hier von alters her viele Bauern in der Holzschnitzerei. In jeder besseren Dorfkirche stehen Heilige mit faltenreichem Gewand und entrücktem Gesichtsausdruck; vor allem während des Barock schufen Künstler wie Anton Sturm herausragende Werke. Und Krippen bauen ist noch heute beliebtes Hobby; sogar staatliche Subventionen gibt es für Krippenvereine.

Dass die einzige Holzschnitzerschule Österreichs in Tirol steht, auf halbem Weg zwischen Reutte und Lech, ist also einerseits nicht verwunderlich, hat aber noch einen anderen Hintergrund: Der Künstler und Historiker Anton Falger hatte sie um 1840 als private Zeichenschule in seinem Haus in Elbigenalp gegründet. Die Mauern, hinter denen der Holzschnitzernachwuchs ausgebildet wird, stehen seit über 200 Jahren - auch wenn so oft umgebaut wurde, dass davon nichts mehr zu sehen ist. Ein passendes Symbol für die Situation des Gewerbes. "Die Frage, die wir uns stellen", sagt Direktor Maldoner in seinem kehligen Lechtaler Akzent: "Wo kann ein Holzbildhauer heute überall tätig werden?"

Ja, das ist die Frage. Denn eigentlich gibt es nicht mehr viel zu tun für Holzbildhauer. Der gottesfürchtige Herrgottschnitzer, der so knorrig ist wie das Material, das er bearbeitet, existiert nicht mal mehr als Klischee. Die Nachfrage für Heiligenfiguren hält sich in Grenzen. In den Souvenirläden steht Maschinenware: röhrende Hirsche und Madonna mit dem Kinde in 20 Größen.

Und was im Bauhandwerk an Schnitzerei so anfällt - hier ein Balken, dort ein Schild - dafür ist keine Ausbildung notwendig. Bleibt der künstlerische Weg: Bildhauer. Von den etwa ein Dutzend Absolventen, die der Ausbildungsgang Bildhauerei pro Jahr hervorbringt, schaffen es allerdings nur zwei oder drei, tatsächlich in diesem Beruf zu arbeiten. Die anderen werden Taxifahrer. Oder Skilehrer. Oder Webdesigner.

Trotzdem gibt es immer wieder junge Menschen, die versuchen, ihren Traum zu leben. Den Traum von der Kunst aus dem Holz. "Man muss halt gut sein und Freude an der Sache haben und Ideen, dann wird's schon klappen", sagt Katharina Baumgartner, eine 22-jährige blonde Allgäuerin aus der diesjährigen Anfängerklasse. Oder Edi Hass, mit 35 Jahren der älteste unter den Schülern; er hat Tischler gelernt und schon 15 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Er weiß also, wie man mit Holz umgeht, kann sich deshalb einen Teil der Grundausbildung sparen und nebenher weiter als Tischler jobben. Auf Dauer ist Hass das Tischlern allein jedoch "zu fad", deshalb will er Künstler werden. Beide Schüler wirken so, als hätten sie bereits verinnerlicht, was der Bildhauer-Lehrer Josef Jehle seinen Schülern unermüdlich einschärft: "Gründlich das Handwerk lernen, fleißig sein, nie nachlassen, an der eigenen Entwicklung zu arbeiten!" Phantasie ist jedenfalls vorhanden.

Der Ausstellungsraum der Schule lässt den Betrachter staunen, darüber, was sich mit Holz alles anstellen lässt. Da grinst ein HipHopper mit Bärtchen und Wollmütze; der Schriftsteller Günter Nenning, auf Gartenzwerggröße reduziert, liegt feixend in der Badewanne. Vier lebensgroße Fußballer stellen eine packende Spielszene dar, während drei Holzbildhauer lustvoll an einem weiblichen Akt herumhauen. Und so geht es weiter, hundert Quadratmeter voller lebendiger Holzbildhauerei, die nichts zu tun hat mit Schmacht und Kitsch.

Robert Maldoner, selbst Bildhauermeister und seit 17 Jahren Schuldirektor, ist entzückt über die Kreativität seiner Schüler: "Uns ist wichtig, dass wir sowohl den Kreativen wie den handwerklich Orientierten eine Perspektive bieten." Wo ist denn der Bär hin? Ja, schade, sagt Gotthard Weißenbach, der Bär ist weg, ich hatte mich auch an ihn gewöhnt. Vor vier Wochen war der Reporter schon einmal da gewesen, da stand vor dem Geschäft in Häselgehr ein prächtiger Bär, wie aus Holz gewachsen, lebensgroß auf den Hinterbeinen. Inzwischen hat ihn der Auftraggeber abgeholt, ein Deutscher, der in der Nähe eine Ferienwohnung hat; dort steht der Bär jetzt wohl im Wohnzimmer.

Weißenbach ist einer jener Holzschnitzer, die einen Souvenirladen betreiben und nebenher traditionelle Handwerksstücke anfertigen. Er ist 1940 geboren und in den sechziger Jahren von der Schnitzschule abgegangen; heute wäre es wohl ein rechtes Wagnis, solch einen Laden zu eröffnen. Mit der Tatsache, dass die Massenware meist von Fräsmaschinen im Grödnertal gefertigt wird, geht Weißenbach gelassen um: "Die meisten Kunden wissen, dass man zu solchen Preisen keine Handarbeit machen kann." Umso mehr freut es ihn, wenn er mal wieder zeigen kann, was er gelernt hat. Bären sind leider selten.

Gotische Spitzgiebel fürs Schlafzimmer, Blumenranken für den Salon

Von Handarbeit lebt auch Elbigenalp-Absolvent Erich Ruprechter. Er fertigt holzgeschnitze Verzierungen, etwa für Holztäfelungen, oder die so genannten Schleierbretter, die in manchen barocken Kirchen die Orgeln umrahmen. Oder er arbeitet für private Auftraggeber. Das sind meist Menschen, die mehr Geld als Geschmack haben.

Für einen reichen Privatier hat er schon ganze Zimmerverkleidungen gemacht: gotische Spitzgiebel fürs Schlafzimmer, Blumenranken für den Salon und eine riesige Deckenrosette für die holzvertäfelte Garage.

Dort stehen die Ferraris auf Teppichboden, in der Ecke neben der Bar plätschert ein Zimmerspringbrunnen, und an der Decke prangt jetzt eben Ruprechters Rosette: ein kitschig bunter Traum aus Weinblättern, Acanthusranken und venezianischen Masken. Man sieht den Hausherrn förmlich vor sich, wie er mit bewusst beiläufigem Stolz den Besuchern erklärt: "Von einem Holzschnitzer aus Tirol, Einzelstück, alles original handgemacht!"

Wie beschreibt man eigentlich das Geräusch einer elektrischen Kettensäge? Alois Fasching hält kurz bei der Arbeit inne und lässt die Säge sinken: "Hab' ich nie drüber nachgedacht." Durchs Fenster des Ateliers, im zweiten Stock von Faschings Bauernhaus hoch über Lienz, scheint eine freundliche Sonne. Fasching, ein schmaler, zurückhaltender Mann, ist einer der Absolventen der Schnitzschule von Elbigenalp, der es geschafft hat. Er ist als Künstler anerkannt, bekommt Aufträge von Kirchen und Gemeinden, seine Arbeiten sind auf internationalen Ausstellungen zu sehen. Die Spitze seiner Kettensäge tanzt um die Skulptur herum, nähert sich ihr wie ein Reptil, frisst sich blitzschnell ins Holz und zieht sich wieder zurück. Noch ein paar Mal zuschnappen, und aus dem Holz wächst eine Hand. Es ist ja ein beliebter Bildhauer-Satz, dass die Skulptur in dem Material schon vorhanden sei und der Künstler sie nur freilege. Andererseits: ein falscher Schnitt jetzt, und alles wäre kaputt. Die Säge übrigens klingt wie eine Mischung aus Zahnarztbohrer und Moped.

Wie gründlich muss man die Anatomie der menschlichen Hand begriffen haben, um sie mit solch groben Schnitten darstellen zu können? "Man kann eine Form nur abstrahieren, wenn man die Grundform beherrscht", sagt Fasching, der diesbezüglich "extrem dankbar" ist für das, was er auf der Schnitzschule gelernt hat. "Ein Freund von mir war auf der Kunstakademie, der hat sich meine ganzen Anatomie-Skripte kopiert, weil die so was gar nicht gemacht haben", erzählt er. Und obwohl er die Schnitzeisen schon vor Jahren weggelegt hat und nur noch mit der Kettensäge arbeitet, könne er "jederzeit wieder aus dem Gedächtnis einen traditionellen Akt machen".

Fasching hat eines der eindrucksvollsten Beispiele zeitgenössischer Tiroler Holzbildhauerkunst geschaffen: den Kreuzweg in der Kirche von Debant. Die 14 Holzreliefs des Kreuzwegs, durchkomponiert bis ins Detail und von archaischer Kraft, sind ebenso sehr eine Meditation über Christus wie ein Hochamt der Kunst. Man fühlt sich an Tucholsky erinnert, der angesichts der Kathedrale von Albi notierte: "Ihr Anblick schlägt jeden Unglauben für die Zeit der Betrachtung knockout."

Das ist kein Heiland, dessen Leiden bis zur Unkenntlichkeit verkitscht ist, und auch kein Pop-Jesus, der als Abziehbildchen taugen würde. Nein, die Bilder, die Fasching mit der Kettensäge aus den 20 Zentimeter dicken Zirbenholzplatten herausgebolzt hat, haben eine Wucht, die die fröhliche Klarheit einer Kinderbibel mit der schneidenden Schärfe einer existenzialistischen Erzählung verbindet.

Schon die erste Szene zwingt den Betrachter, das Bild, das er bisher im Kopf mit sich herumtrug, von diesen rauen Holzfiguren nachhaltig überprägen zu lassen: Pontius Pilatus wäscht: seine Hände in Unschuld. Aber wie! Der Mann wirkt so was von unschuldig, dass er einem fast Leid tut. Jesus dagegen, der ist schon ganz im Jenseits, kein Mitleid mehr mit dem Mann, es lohnt nicht. Man registriert diese Gefühle, und im selben Moment erschrickt man darüber.

Und so geht es weiter. Jede Szene eine Parabel über die Welt und die Menschen. Und in jedem Faltenwurf, jeder Figur erkennt man das Wissen des Künstlers um den menschlichen Körper. Da gibt es die Szene, in der vier Menschen auf Jesus herumtrampeln: Man sieht nur die Wadenmuskeln, aber die haben einen derart präzisen Ausdruck, dass man förmlich den Druck auf dem geschundenen Körper spürt.

Man steht davor und hofft plötzlich, dass dieses Leiden nicht umsonst gewesen sei. Dabei hat sich der Betrachter doch für diese Geschichte nie sonderlich interessiert. Tja, dann muss es wohl wirklich Kunst sein.

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Autor:
Martin Rasper