Österreich Hemmingway im Montafon

Schade, dass Tische nicht sprechen können. Dieser hätte ein paar hübsche Geschichten zu erzählen. Es ist ein großer Tisch, alt, rund und verschnörkelt, aus Ahornholz und Fichte gefertigt, mit einer eingelassenen Schieferplatte, auf der sie früher mit Kreide den Spielstand beim Kartenspiel kritzelten. Genau an diesem Tisch saß er. In der holzgetäfelten Gaststube des Hotels Taube, nächtelang. Sie nannten ihn den "schwarzen, Kirsch trinkenden Christus": Ernest Hemingway, damals noch völlig unbekannt, im Nachhinein der sagenumwobenste Gast, den das Montafon je beherbergte.

Der angehende Schriftsteller war mit Frau und Sohn aus Paris gekommen, weil er kaum Geld hatte und Freunde ihm erzählt hatten, dass in Schruns ein schönes Hotel stünde, dass das Montafon günstig sei und die Berge hinreißend. Hemingway gefiel es so gut, dass er 1924/25 und 1925/26 zwei Winter hier verbrachte, sechs Monate inmitten blendend weißer Schneewelt und umgeben von jener Ruhe, die er brauchte, um seinen ersten Roman "Fiesta" umzuschreiben.

Und der Herr Hemingway, damals Mitte 20, ließ es sich gut gehen. Auf Holzskiern und Seehundfellen stieg er auf ins Ochsental, kletterte über die Gletscher am Piz Buin, er liebte die Berge, und in Schruns soff er den selbstgebrannten Schnaps der Bauern, dazu Mengen an Fohrenburger Bier, und er zockte sie alle nieder. Den Wirt, seinen Skilehrer Walter Lent, sogar den örtlichen Gendarmeriehauptmann nahm er bei den abendlichen Pokerrunden aus.

"7 Flaschen. 158.000 Kronen gewonnen. Macht etwa 2,35 Dollar. Jedenfalls keine Schwulen in Vorarlberg." Das schrieb der junge Hemingway seinem Literatenfreund F. Scott Fitzgerald. Und in einem weiteren Brief aus Schruns, datiert vom 15. Dezember 1925: "Es hat zwei Tage geschneit. Ungefähr zweieinhalb Fuß Schnee. Kalt, die Luft schön dicht. Es ist verdammt schön, die Berge wiederzusehen." Dass aus dem bulligen Amerikaner einer der berühmtesten Schriftsteller der Welt werden sollte, ahnte von den Montafonern freilich keiner.

Doch dann wurde Hemingway zum Mythos, und inzwischen hängt sein Name über der Region wie die nassgrauen Wolken, die sich über die Täler schieben. Noch heute steht das Hotel Taube am Kirchplatz von Schruns, aufgeräumt und adrett die kleinen Straßen im Dorf, im Hintergrund thronen die Gipfel des Rätikon. Im Biergarten des Hotels, unter Rosskastanien, sitzen vier rüstige ältere Herren mit sehr roten Gesichtern, Trekkingschuhe an den Füßen, große Biere an den Lippen, und reden über den herrlichen Wandertag. Oben an der Lindauer Hütte waren sie heute, sechs Stunden auf Tour, und jetzt, bitte schön, Herr Ober, dürfen's noch mal vier Enzian sein.

Es ist September, die Wiesen sind von schmatzendem Grün, die hölzernen Walserhäuser stehen in blumiger Pracht an den Hängen, Geranien und Petunien wallen von den Balkonen, Kuhglocken bimmeln, Mädchen in Dirndln huschen durch die Gaststuben. Wie eine heile Spielzeugwelt schlummert das Montafon zwischen den Bergflanken. Das südlichste Tal des Vorarlbergs ist gerade mal 39 Kilometer lang und zählt elf kleine Orte, die Namen tragen wie Bartholomäberg, Gortipohl und Silbertal, Orte wie Puppenstuben, in denen man klare, seidige Luft in die Lungen bekommt.

Gleich dahinter liegt das Paznauntal im Osten mit dem Party-Dorado Ischgl, aber damit wollen sie hier nichts zu tun haben. Im Montafon gibt es nicht mehr Gästebetten als Einwohner, jeweils 18.000 sind es, ein Verhältnis, das nach bedächtiger Erholung statt nach Touristenabfertigung und lautem Remmidemmi riecht.

Viele hier sind noch echte Montafoner, und sie sprechen einen alemannischen Dialekt, der mit den Schweizer Mundarten verwandt ist. Hinter vielen Sätzen klebt ein keckes "odrr?", und dabei gucken sie Fremden fest, aber freundlich ins Gesicht. Das Montafon hat sich den Charme der alten Zeiten bewahrt. Keine Betonpaläste, keine überdrehten Szene-Läden mit dem letzten Snowboarder-Schick, und wenn oben vor der Berghütte am Hochjoch mal ein Techno-DJ auflegt, ist das eine Ausnahme und eher so selten, dass die Hirsche dann vor Schreck durch die Kiefernwälder davongaloppieren. Stattdessen: Almfrieden.

Der Gekreuzigte, der an fast jedem Hausgiebel hängt, blickt auf hübsche Pensionen, die "Haus Monika" heißen, auf brav dekorierte Schaufenster und auf einen Frisörladen, der sich "Crazy Hair" nennt und ungefähr so verrückt ist wie eine ordentlich gefönte Dauerwelle. Josef "Pepsi" Nels kommt an den Tisch der Tische. Er hat eisgraue Haare, buschige Brauen und ist zwischen 70 und 75, so genau rückt der heutige Wirt des Hotels Taube mit seinem Alter nicht raus. Sein Vater, Paul Nels, hat hier mit ihm gesessen, mit dem leibhaftigen Hemingway, lange, feuchte Abende waren es, und Pepsi weiß noch einiges von damals zu berichten - wenn man es ihm nur aus der Nase zieht. Denn nein, Herr Nels ist kein Schwadroneur, nicht einer jener Hoteliers, die sich mit gespreiztem Grinsen im Namen berühmter Gäste sonnen. "Oh ja, sie tranken viel damals, Veltliner Rotwein aus der Sassella-Traube, gibt's heute gar nicht mehr", erzählt er schließlich mit verschmitzten Augen.

Hemingway : "Ich erinnere mich an den Duft der Tannen"

"Hemingway war ein gern gesehener Gast, die Montafoner mochten ihn." An der Wand der Gaststube hängen heute einige kleine Schwarzweißfotos, Hemingway mit Bart, Hemingway auf Skiern. John, der erste Sohn des Schriftstellers, hat sie Herrn Nels selbst geschickt, nachdem er die "Taube" auf den Spuren seines Vaters einmal besucht hatte. Und irgendwann, wenn man nicht zu sehr nervt, holt Pepsi das Fremdenbuch von 1926 hervor, schon gelb und zeitzerfressen. Und darin steht, was in jedem neumodischen Nobelhotel mindestens in einer goldverzierten Glasvitrine aufgebahrt wäre: Hemingways Unterschrift, groß und gut lesbar, mit einem langen Querstrich durch das t, dahinter seine damalige Adresse, "4 Place de la Concorde, Paris". Auch sonst macht Pepsi Nels kein Aufheben um den legendären Nobelpreisträger, der einst in seinem Haus residierte. Eine kleine Messingtafel neben dem Eingang, die vom Tourismus wollten das so, und ein beiläufiger Vermerk in der Hotelbroschüre. Mehr nicht. Keine Logos, keine aufgedonnerte Bar, kein Hemingway-Getue. Selbst das Angebot zweier Banker, das einstige Hemingway-Zimmer originalgetreu wiederherrichten zu lassen - Pepsi Nels winkte ab.

Warum schlachtet er den einträglichen Namen nicht aus, so wie sie es auf Kuba oder Key West tun, mit großen Reklamesprüchen, Museen und teuren Drinks? Pepsi Nels guckt gelassen und gibt eine einfache Antwort, irgendwie montafonerisch: "Man muss ja nicht alles vermarkten, odrr?"

Dabei wäre das sogar naheliegend. Denn Hemingway kam nicht nur zum Schreiben. Er war, wenn man so will, einer der ersten Abenteuertouristen des Montafon. Er ging auf Hochtouren, lernte Skifahren und machte harte Tagesmärsche, damals noch durch völlig ungespurtes Terrain, unter Lawinengefahr bis hoch zum Madlenerhaus. Hemingway als Prototyp des alpinvernarrten Bergfex: Das Montafon könnte eigentlich keine schillerndere Werbefigur finden, denn bis heute kommen die Menschen aus den gleichen Gründen wie damals der Amerikaner - den Bergen zuliebe.

Legt man den Kopf tief in den Nacken, sieht man die Gipfel, ringsherum. Das Schwarzhorn, den Drusenfluh, die Madrisa und ganz hinten den Piz Buin. Oben an der Bielerhöhe steht auch das alte Madlenerhaus noch, heute eine frischrenovierte Berghütte des Deutschen Alpenvereins, und schon morgens kommen die ersten Wanderer herbeispaziert. Vor der Tür lehnen Teleskopstöcke, auf den Tischen werden Karten ausgebreitet, und dann geht's los. Kaum bricht die Sonne durch die Wolken, strömen sie aus, Rucksäcke aufgeschnallt und solide gerüstet im atmungsaktiven Wanderkleid. Auf 500 Kilometern markierter Wege marschieren die Trekker dahin, über duftende Routen, am Wegrand blühen Silbermantel und blauer Rittersporn.

Die Berge sind zur Spielwiese geworden, bunte Mountainbiker rasen da durch die Kulisse, Paraglider fliegen, und am spüligrünen Silvretta-Stausee werfen Angler ihre Ruten aus. Schön ist's hier oben, auf 2000 Meter Höhe. Und inzwischen auch ganz schön bequem. Da, wo Hemingway einst eisern durch die weglose Winterwelt stapfte, schlängelt sich heute die Silvretta-Hochalpenstraße empor. Wie ein plattgewalzter Korkenzieher schrauben sich die Serpentinen nach oben, bis rauf zum Stausee, wo Kapitän Stefan Schindlecker in den Sommermonaten ein holländisches Grachtenboot mit Passagieren durch die Gegend steuert. Kein Boot in Europa verrichtet seinen Dienst auf höherem Niveau.

Meistens so gegen Mittag schnaufen die Reisebusse die steile Straße hinauf, einmal die Woche kommen die Japaner und fluten das "Souvenirlädili", weil es ganz ohne großen Tourismus eben doch nicht geht. Da gibt's dann Ansichtskärtli und Hinterwälder Hexengeist in der 0,5-Liter-Flasche, niedlich verpackt nebst CDs mit "steirischen Harmonika-Klängen". Auch hier keine Spur von Hemingway-Devotionalien, obwohl der große Meister damals genau von hier aus ins Hochgebirge losmarschierte. Die Montafoner mögen's nun mal nicht an die große Glocke hängen. Ein schreibender Amerikaner als kletterndes Vorbild? Ja, bitte schön, wer sind wir denn?

Im Rätikon, dem Grenzgebirge zur Schweiz, warten bis heute einige der schwersten Bergsteigerreviere der Alpen, Klettersteige und Gletscherpassagen, Schwierigkeitsstufen bis Grad zehn, und Guntram Bitschnau, 64, ist einer, der sein halbes Leben auf diesen Routen verbracht hat. Bitschnau sitzt unten im Tal, im Hotel Alpenrose, vor sich ein großes Weizenbier.

Bitschnau ist Montafoner, einer der 54 professionellen Bergführer der Region, kennt jeden Stein da oben, hat graue krause Haare, rote Wangen, klettert, seit er gehen kann. 500, 600 Mal war er schon oben am Piz Buin, irgendwann hat er aufgehört zu zählen, und dann sagt er mit tiefer Stimme: "Der Alpinismus ist heute populärer denn je, da wollen auf einmal Leute in die Berge, die sind früher höchstens mal zum Brötchenholen gegangen."

An guten Tagen tummeln sich bis zu 150 Bergsteiger auf dem Piz Buin, mit Eispickeln, Steigeisen und dick vermummt, der höchste Gipfel der Region ist der Paradeberg des Montafon. "Die technisch kniffligen Touren aber liegen woanders", sagt Bitschnau und nimmt einen großen Schluck. "Die Überschreitung des Litzner-Seehorns etwa, da sollte man schon wissen, was man tut."

Die Berge sind der große Magnet. Sie ziehen die Menschen an wie mächtige Riesen, die gigantischen Kalksteinfelsen, die schroff gewachsenen Kamine, der Zimba, das Garnerajoch, und jährlich fordern sie einige Tote. Die Gründe seien immer wieder die gleichen, sagt Bitschnau: Leichtsinn und Übermut derer, die aus den schnuckeligen Montafoner Dörfern kommen und vergessen, dass nur wenige hundert Meter höher die Wildnis beginnt.

Es ist ein kühler Abend am Hochjoch, tiefe, matte Stille hängt über der Talschaft. Und dann kriechen plötzlich wässrige Nebel die Hänge herauf, Flusen, graue Fransen, und bald sind es geisterhafte Wolkenschiffe, die lautlos vorübertreiben. Es ist Spätherbst, der Winter naht, bald wird die Natur hier alles weiß streichen. "Am Weihnachtstag in Schruns war der Schnee so weiß, dass es den Augen wehtat ... Es war dort, wo sie ... die große Abfahrt machten, wo der Schnee so glatt aussah wie Zuckerguss und so trocken war wie Pulver ..." Es sind Zeilen aus "Schnee auf dem Kilimandscharo", einem der bekanntesten Werke Hemingways, in dem sich der delirierende Protagonist ans Montafon erinnert.

Und auch in seinen Erinnerungen, dem postum veröffentlichten Buch "Paris - ein Fest fürs Leben", besang Hemingway das Tal. Auf den letzten Seiten beschwört er seine damaligen Winter hinauf: "Ich erinnere mich an den Duft der Tannen und das Schlafen in den Holzfällerhütten auf den Matratzen aus Buchenblättern und das Skilaufen durch den Wald, wenn wir Hasen- und Fuchsspuren folgten. ?die Knöchel aneinandergedrückt, liefen wir ganz tiefgeduckt, überließen uns der Geschwindigkeit und glitten endlos, endlos im stillen Zischen des körnigen Pulverschnees. Es war schöner als jedes Fliegen oder sonst irgend etwas."

Sätze wie aus der Werbung, geschrieben von einem Literaturkoloss. Die Montafoner lassen sie behutsam dort, wo sie hingehören. In den Büchern.

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Autor:
Marc Bielefeld