Kärnten Gmünd überrascht mit moderner Kunst

Kein anderer hat einen so tiefen Blick auf Gmünd wie Luk. Luk, der Bauernsohn vom Lukashof im Nachbardorf, heute 52 Jahre alt und Vater von vier Kindern; Luk, der eigentlich Josef heißt, Josef Strasser, was aber selbst seine Frau Ula, 47, erst bei der Hochzeit erfuhr. Luk, der Burgherr von Gmünd. Er stützt seine Ellbogen auf den kleinen Ecktisch der Burgveranda und schaut hinab wie ein stets besorgter Vater auf den Spielplatz seiner Kinder. Die Berge ringsum sind gescheckt vom Dunkelgrün der Wälder und dem Hellgrün der Sommerwiesen, weit hinten stampft die Autobahnbrücke auf dicken, betongrauen Elefantenfüßen durchs Tal, und direkt unter der Burg drängen sich die Dächer des 2600-Einwohner-Städtchens Gmünd eng an den Felsen.

Luk blickt den Gmündern in ihre Hinterhöfe und durch die schrägen Dachfenster. Er schaut ihren Kindern beim Spielen und den Alten beim Kaffeeklatsch zu, sieht das taubengraue Schloss Lodron, das altertümliche steinerne Maltator und die schmale Hintere Gasse, deren Häuser den Hauptplatz dahinter verdecken, und genau das gefällt Luk an seinem Blick; er sagt: "Die Hintere Gasse ist viel mehr mein Gmünd als der Hauptplatz."

In der Hinteren Gasse quieken Schweine aus einem der Verschläge. Bis vor wenigen Jahren waren Vieh und Gartenmöbel das einzige, was hier, in den Hinterhäusern der Cafés und Gasthäuser vom Hauptplatz, untergebracht wurde. Heute stecken orangerote Plastikblumen im Kopfsteinpflaster, an vielen Stellen wurden die alten Gewölbedecken wieder freigeklopft, und in den Schaufenstern liegen Filzschals, Broschen und Ringe, Ölgemälde und Drucke. Birgit Bachmann, 41, öffnet die hölzernen Fensterläden ihres Ateliers.

Sehr dünn ist die Künstlerin, ihre Hände aber können zupacken. Sie fräst ihre abstrakten Bilder mit Kraft in leinwandgroße Holzspanplatten, bestreicht sie mit Farbe und druckt sie auf Papier, fräst weiter, druckt weiter, bis der Holzdruck fertig ist und ihre Arme schmerzen. Sie schaut die Gasse entlang und rümpft die Nase, aber das liegt nicht an der Prise Schweinestallgeruch, die herangeweht kommt. Es sind die Stimmen und das Kaffeetassengeklapper und die Motorengeräusche auf dem Hauptplatz. Ältere Herren spazieren zu ihrer Neun-Uhr- Kartenrunde im Café Nußbaumer, die ersten Touristen parken ihre Autos ein, Gmünd wacht auf.

Und das ist nichts für eine Künstlerin wie Birgit Bachmann, die sagt, dass sie sich gerne verkriechen würde vor der Welt und dass sie eine Sozio-Autistin sei; anders könne sie nicht arbeiten. Heute malt sie zur Entspannung Ölbilder mit Vogelnestern, die für sie Geborgenheit symbolisieren. Eine Stunde noch, vielleicht zwei, länger, sagt sie, "halte ich die Menschen um mich nicht mehr aus". Dann geht sie, lässt die Tür zu ihrem Atelier offen stehen und das Künstlerpaar nebenan ihre Werke mitverkaufen. Lieber kommt sie am frühen Abend zurück, wenn Gmünd sich wieder beruhigt hat, und am allerliebsten morgens um fünf, wenn es noch schläft.

Ruhe und Intimität - deswegen sei sie schließlich vor über 15 Jahren aus Graz hierher gezogen, in ihr "emotionales Rückzugsgebiet". Und wegen der Liebe. Sie hatte Fritz Russ, heute 46 Jahre alt, im Zug nach Wien kennen gelernt; irgendwann stand er mit seinem Auto vor ihrem Haus und sagte: "Pack deine Sachen und komm zu mir." Zu ihm nach Gmünd, wohin er selbst einige Jahre zuvor gezogen war auf der Suche nach einem friedlichen Ort mit einer günstigen Werkstatt, in der er seine Metallskulpturen zusammenschweißen konnte. "Solcherlei brauchen wir nicht", begrüßte ihn der damalige Bürgermeister. Aber das ist lange her. Heute ist Gmünd stolz auf seine Künstler. Die Stadt restauriert frühere Ställe und alte Wohn- und Lagerhäuser, bietet ihnen darin Ateliers an, organisiert Ausstellungen und finanziert Kataloge. "Künstlerstadt" nennt sich Gmünd mittlerweile. Dafür wurde es 1999 "Lebenswerteste Gemeinde Kärntens" und bekam 2000 einen "Europäischen Dorferneuerungspreis". Die Skulpturen von Fritz Russ stehen heute an der Autobahn von Spittal hoch nach Gmünd noch vor dem Ausfahrtschild.

Ein lebensgroßer Stier aus rostigen Ketten bewacht den Eingang zum Atelier am Flüsschen Malta. 15 Jahre hat Russ die Ketten gesammelt, auf den Recyclinghöfen, die er regelmäßig mit seinem Lkw nach neuen Arbeitsmaterialien abklappert. "Erst hatte ich kein Geld für andere Materialien", erklärt er, heute ist genau das sein Markenzeichen: Aus krummen, verschlagenen Nägeln formt er ein Bärenfell, er rahmt abgestumpfte Sensenblätter, macht eine Collage aus verölten Arbeitshandschuhen, setzt Mistgabeln zusammen wie ein Dinosauriergerippe. Im Blaumann und mit Zehntagebart steht er in seinem Atelier knöcheltief in Kuhglocken, Teilen eines Pfluges und Spatenenden und sagt, dass er Dinge besonders schätzt, auf die irgendwann einmal Arbeitsschweiß gefallen ist. Als junger Künstler verdiente er sich früher in Tirol sein Geld als Almhirte dazu.

Bei Birgit und Fritz in der Küche hatte Anfang der Neunziger alles angefangen. Ihre Tochter Laurin spielte unterm Esstisch, drumherum saßen Gmünder, die etwas machen wollten aus ihrer Stadt. Burgherr Luk und seine Frau Ula waren dabei, die Bleyers, die heute ein Holzmalatelier im Maltator haben, und auch das Ehepaar Miklautz, das in der Hinteren Gasse als Erste einen Antiquitätenladen und eine Galerie eröffnete. "Wir fühlten uns ein bisschen wie die Urchristen", erinnert sich Heinz Miklautz. "Bei Birgit und Fritz war es immer voll."

Kreativität entsteht im Kleinen

Eine Gruppe Kunstbegeisterter mitten in einem Bergort, an dessen Stammtischen sonst eher zählte, ob die Gemeinde einem den Zuchtstier oder eine neue Straße finanzierte. Wo man sie skeptisch beäugte und befürchtete: "Die bringen uns doch bloß langhaarige, zottelige Leute her."

War auch nicht ganz falsch. Aus Slowenien kamen die Textilkünstlerin Karmen Melocco, 53, die mit Filz arbeitet, und ihr Mann Peter, der, 64 Jahre alt, aus antiken Münzen, Fossilien oder zerbrochenen chinesischen Elfenbeinstäbchen Schmuck anfertigt und tatsächlich lange Haare hat.

Oder Larissa Tomassetti, 35, die in Gmünd aufwuchs, die Enge dort irgendwann nicht mehr ertrug und nach Salzburg, Paris und Rom ging, aber nun zurückkehrte. Weil ihr Heimatort weiter geworden war, weltoffener. Sie brachten vor allem auch Touristen her, und dem Argument konnten sich selbst die Bauern am Stammtisch nicht verschließen. Denn Gmünd hatte seine beste Zeit lange hinter sich.

Im Mittelalter hatte der Salzweg zwischen Venedig und Salzburg, der direkt über den Hauptplatz des Städtchens lief, noch Mautgebühren gebracht und Besucher. Später, im 17. und 18. Jahrhundert, dann der Eisenbergbau. Im 20. Jahrhundert blieben weder Besucher noch Bergbau; erst im Nachhinein kann man Rückgang und Stagnation als Gmünds Glück bezeichnen. Für Bausünden fehlte schlicht das Geld, und so gehört Gmünd heute zu den besterhaltenen mittelalterlichen Städten Österreichs.

"Mich inspiriert diese Widersprüchlichkeit hier", versucht Larissa Tomassetti die Liebe zu ihrer alten, neuen Heimat zu erklären. "Durch den Talkessel hat die Gegend einerseits etwas Lieblich-Südländisches. Aber von den Bergen ringsum auch wieder etwas Düsteres, Schroffes. Wenn ich anderswo lebte, habe ich immer etwas vermisst, entweder das Liebliche oder das Schroffe." Aus Kontrasten, Positiv und Negativ und Überlappungen bestehen ihre Ölgemälde, Zeichnungen, Fotografien, Installationen. Die Künstlerin projiziert Dias auf nackte Körper und fotografiert diese, malt ein Selbstporträt in der Farbumkehrung eines Negativs und erzählt, dass es ihr in ihren Werken darum geht, die Realität zu hinterfragen. 2000 war sie heimgekehrt, in ein Haus gegenüber dem ihrer Eltern, die einen Laden für Mode und einen für Radsport haben. "Als ich fortging", sagt sie, "war Gmünd ein kleines, verschlafenes Städtchen." Sie kam zurück, und plötzlich nannte man Gmünd Künstlerstadt.

Der kleine Kreis Kunstbegeisterter hatte sich nach und nach durchgesetzt: Im Stadtturm und in der Galerie Gmünd in der Hinteren Gasse wechselt seit Mitte der neunziger Jahre eine Ausstellung die nächste ab, ins Gastatelier im Maltator kommen jedes Jahr Künstler aus verschiedensten Ländern für zwei Monate. Die alte Burg war unter Luks Regie in Feierabend- und Wochenendschichten restauriert und umgestaltet worden zu einem Restaurant und zu Räumen für - was auch sonst - Ausstellungen, Theateraufführungen oder Konzerte.

Wenn heute eine Vernissage ist oder wieder einmal die Eröffnung eines Ateliers, dann backt die Holzmalerin Waltraud Bleyer immer noch ihren Apfelkuchen selbst, die Gäste kennen einander, duzen sich, und der Galerist und Antiquitätenhändler Heinz Miklautz sagt: "Gmünd ist keine Stadt. Gmünd ist ein Dorf geblieben. Ein 'Künstlerstadtl', das könnte man allenfalls sagen, ohne dabei rot zu werden."

Um einen einzigen Küchentisch, wie damals bei Birgit und Fritz, würden die Kunstbegeisterten des "Stadtls" heute längst nicht mehr passen. Ein gemeinsames "Wohnzimmer", wie Birgit Bachmann es nennt, ist ihnen aber doch geblieben: Luks Burg. 46 Stufen den Berg hoch, etwa 50 Meter über allen anderen Häusern stellt Ula Strasser ihnen selbst gemachte Spätzle auf den Tisch, die so gut sind wie in ihrer schwäbischen Heimat.Auch wenn den Künstlern gerade mal das Geld fehlt.

Luk zapft allen ein Bier und stützt auf seine väterliche Art die Ellbogen auf den Tresen. Gerade wenn jemand mal wieder an sich selbst zweifelt oder an einem neuen Konzept feilt oder einfach nur Liebeskummer hat, kommen die Gmünder Kreativen zu Luk auf die Burg. Luk sagt dann nicht viel, er zapft und schweigt und hört zu. Ob's hilft? Auf jeden Fall wird weiter Kunst gemacht in Gmünd.

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Inka Schmeling