Österreich Entspannen in Vorarlberg

Wie eine scharfe Kerbe schneidet das Große Walsertal in die Gebirgswelt Vorarlbergs ein. Tobel heißt hier so ein Tal, das ganz ohne flachen Talboden und mit steilen Flanken die Landschaft teilt, in diesem Fall den Bregenzerwald von den Lechtaler Alpen, die mit der Roten Wand bis zu 2700 Meter hoch aufragen. An seinen Steilhängen siedelten im 13. und 14. Jahrhundert Bauern aus dem heutigen Schweizer Kanton Wallis, die Walser, und gaben dem Tal auch seinen Namen.

Sechs kleine Gemeinden mit jeweils wenigen hundert Einwohnern, weit in die Höhe verstreut liegende einzelne Höfe oder kleine Weiler - wer das Große Walsertal besucht, kann sich gut vorstellen, welche Arbeit es für die Siedler einst bedeutet haben muss, die Wälder zu roden und erste Behausungen zu errichten. Bis heute sind die Höfe klein und viele ernähren kaum ihre Bewohner. Das Große Walsertal war das Armenhaus Vorarlbergs.

Ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts zog es daher viele Walser Richtung Walgau und Rheintal, wo der Wohlstand winkte, dem Tal drohte die Entvölkerung. Dies war die Zeit, in der Nathanael Wirth in den Tobel kam. Der damals knapp 30-jährige Schweizer Pfarrer hat mit Ausdauer und Eigensinn, mit Kunstverstand und Menschenliebe die kleine Propstei St. Gerold wiederbelebt, die im Jahre 960 von dem berühmten Benediktinerkloster Kloster Einsiedeln im schweizerischen Schwyz gegründet, aber 1802 enteignet worden war. In den vergangenen Jahrzehnten gab sie dem Tal und seinen Bewohnern neue Impulse, die - weit mehr als geistlicher Natur - ein Kern des wirtschaftlichen Aufschwungs im Großen Walsertal waren.

Die bescheidene kirchliche Niederlassung, mit einem einzelnen Pater kaum ein Kloster zu nennen, muss man suchen, grad einmal ein Dach und nur die Spitze des Kirchturmes lugen unterhalb der Ortschaft St. Gerold hervor. Nathanael Wirth begreift sich nicht nur als Seelsorger für die 380 Seelen. Seine Propstei ist offen für Besucher aus aller Welt und überrascht mit einem weltlichen Kunst- und Bildungsprogramm und mit therapeutischen Angeboten. Heute bleiben die Walser im Tal, es ziehen gar einige zu, weil gute Verkehrsverbindungen das Pendeln erträglich machen und es neue Jobs gibt. Es kommen Touristen, und oft eben in die Propstei St. Gerold: zum Meditieren und Musizieren, zum Heilfasten oder zum therapeutischen Reiten oder um eines der 27 Gästezimmer als Urlaubsdomizil zu beziehen. Dass die kleine Propstei etwas Besonderes sein soll, machte Wirth den Einheimischen bald klar, als er den Gottesacker neben der Kirche völlig umgestaltete. Weil im Tod alle gleich sind, bekommen hier alle Toten die gleiche Tafel aus Eisen - mit Geburtsund Todesjahr und dem Namen, aber ohne einen Hinweis auf weltliche Verdienste. Eine Lehmmauer umschließt den friedlichen Ort und macht deutlich: "Mensch, du bist Lehm und kehrst zu Lehm zurück." Dafür hatte der Propst einiges an Kritik einzustecken, mittlerweile gibt es keine Probleme mehr mit dieser ungewöhnlichen Ruhestätte, besonders das positive Echo von außerhalb hat die Bergbauern umdenken lassen.

Propst Nathanael hat gezeigt, wie er sich von christlichen Grundsätzen leiten lässt. Mindestens ebenso gilt sein Interesse natürlich den Lebenden. Er hält es mit dem heiligen Irenäus, der im 2. Jahrhundert sagte: "Die Ehre Gottes ist der aufrechte Mensch." Eine souveräne Persönlichkeit zu werden und Fremdbestimmung abzustreifen, dazu macht St. Gerold, machen der Propst und seine Mitarbeiter Angebote. St. Gerold steht nicht nur für Meditation. Die Propstei gibt auch Impulse für Kunstformen, die am Anfang im Tal auf wenig Verständnis stießen. Das moderne Altarbild in der Propstei- und Pfarrkirche St. Gerold gehört dazu: So etwas war man im Tobel nicht gewohnt. Moderne Malerei braucht mehr als bloße kindliche Ehrfurcht, sie zwingt zum Nachdenken. Mag sie in fernen Großstädten vielleicht auch Alltag sein, in einem engen Bergtal ist so etwas gewöhnungsbedürftig. Aber auch hier ging es dem Propst Nathanael um alles andere als Provokation. "Bei uns sind Künstler aktiv, die nicht einfach wiedergeben, was jeder in der Natur sieht. Eine Aufgabe der Kunst ist es doch, das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren aufzuzeigen", erläutert er.

Ähnliches gilt für Jazzkonzerte, Ausstellungen oder Lesungen ebenso wie für das emanzipatorische Seminarangebot: All dies sind Themen, die in den Volkshochschulen der Metropolen gang und gäbe, im Großen Walsertal aber befreiend neu sind.

Natürlich sind die kulturellen und therapeutischen Angebote auch Besuchermagnete und ein Beitrag zum wirtschaftlichen Überleben. Dazu trägt bei, dass Propst Nathanael schon früh anfing, Gäste in St. Gerold aufzunehmen. Nachdem der heute 76-Jährige 1958 zunächst als Pfarrer arbeitete und zwei Jahre später das Amt eines Propstes übernahm, entstand bald aus der alten Propstei-Sennerei der Klosterkeller. Dort erhielten die Ausflügler anfangs nur eine kleine Jause. Jetzt ist der Klosterkeller von Mai bis Oktober geöffnet, das Gästehaus sogar das ganze Jahr hindurch. Das Geld, das hier verdient wird, investiert der Propst für die Menschen und deren Gesundheit.

In St. Gerold kann man nicht nur der Klosterfrau begegnen, die mit Wanderstöcken ausgestattet einige erholsame Tage genießt, es ist auch Kinderlachen zu hören - aus der Reithalle, die zur Propstei gehört. Dort bietet St. Gerold Reittherapien an. Menschen mit Problemen der Motorik oder der Atmung reiten auf friedfertigen, besonders ausgebildeten Haflingerpferden, geführt von Fachleuten. "Das richtet viele auf, lässt sie leichter atmen, gibt Linderung etwa bei MS-Patienten."

Die Idee zur Reittherapie hatte Propst Nathanael, aufgewachsen als Bauernbub und in der Jugend Kavallerie-Rekrut in der Schweizer Armee, selbst. Eine eigene Reithalle, ausgezeichnet mit Architekturpreisen, steht für die Therapien zur Verfügung. Das Außergewöhnliche: St. Gerold bietet die Hippotherapie unentgeltlich all jenen an, die das Geld hierfür nicht selbst aufbringen können.

Mancher kehrt zurück ins Tal

Propst Nathanael Wirth ist stolz darauf, dass sein kleines Refugium, das er so gern teilt, nach wie vor nicht angewiesen ist auf Subventionen von Land, Diözese oder vom Kloster Einsiedeln. Die Propstei war und ist Selbstversorger, die kleine Landwirtschaft wirft allerdings nicht viel ab. Es gibt glücklicherweise einen internationalen Freundeskreis mit tausend Mitgliedern, und es gibt Künstler, die für ein "Vergelt's Gott" und Verpflegung Konzerte gestalten.

So arbeitet Propst Nathanael zwar abgelegen, aber mitten in der Welt: "Ich lebe hier gewiss kein klösterliches Leben oder gar wie ein Einsiedler. Aber so weiß ich auch, wovon die Leute reden und wo sie der Schuh drückt." Der Propst hält nur wenig von rückwärts gewandten Traditionalisten. "Im religiösen Bereich hat sich viel geändert in den Jahrzehnten, die ich hier bin. Der Mensch von heute will selbst Verantwortung übernehmen, Entscheidungen fällen. Die Suche nach dem Sinn, die Sehnsucht nach geistiger Heimat ist in den Menschen."

Und eine geistige Heimat bietet St. Gerold. Seminare für Trauernde, für Menschen in schwierigen Situationen, Hilfe auf dem Weg zu einem erfüllten Dasein, das ist es, was Meditation, Schweigen und Heilfasten bewirken sollen.

Der Propst weiß von vielen Gästen zu berichten, die dem Ort eine Kraft zumessen, die sie sonst nicht finden, in der sie aber zu sich selbst finden können. Kein Wunder, dass sogar der Kirchenbote, das Organ der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, Gutes zu zitieren weiß über den "katholischen" Ort der Kraft: "Ich fühle mich als Protestantin hier wohl. Das klerikal und konfessionell Trennende hat Raum gemacht für eine zeitgemäße, menschennahe Geistigkeit, die sich auch im offenen Kunst- und Bildungsprogramm zeigt."

Und was denkt der so gelobte Propst über die Menschen im Walsertal, die er seit fast einem halben Jahrhundert begleitet? "Anders als damals sind sie heute eigentlich nicht", sinniert Nathanael Wirth. "Nur viel wacher sind sie geworden, aufgeschlossen. Anfänglich besuchte niemand von hier ein Gymnasium. Ich habe dann dafür gesorgt, dass talentierte Kinder ins Gymnasium gehen konnten. Heute ist es eine große Selbstverständlichkeit, dass Schüler aus St. Gerold auch in Wien studieren."

Und die, die in der Fremde studiert haben, kehren mittlerweile sogar zurück ins Große Walsertal. Zum Beispiel nach Blons, das nur wenige Kilometer östlich von St. Gerold liegt. Dort wohnt und arbeitet Otmar Ganahl, auch einer, der allerhand bewegt im Tal. Und während Nathanael Wirths gute Verbindungen bis in den Himmel reichen, sorgt Diplom-Ingenieur Ganahl dafür, dass die Menschen im Tobel nicht den Anschluss an die Welt verpassen. Ganahl ist Software-Dienstleister und hat inzwischen keine Probleme mehr, auch internationale Spezialisten für seine Projekte zu interessieren. "Wer hier arbeitet, blickt aus dem Büro auf grüne Wiesen und Vieh oder auf verschneite Hänge. Und dennoch ist er zum nächsten Flugplatz nicht mehr viel länger unterwegs als in mancher Großstadt."

Eine wichtige Voraussetzung für die Ansiedlung moderner Firmen sind leistungsfähige Datenverbindungen, und genau die haben sich die Blonser in alter Tradition selbst geschaffen. "Früher wurden Genossenschaften gegründet, um einen Güterweg zu bauen oder eine Seilbahn, wir verlegten halt auf dieser Basis Glasfaserkabel", erklärt Otmar Ganahl. Damit haben die Blonser die besonders kritische "letzte Meile" entscheidend verbessert und die alten Kupferkabel der Post ersetzt, die für rasche Breitbandverbindungen nicht geeignet sind. Spezialisten der Universität Graz boten guten Rat, ein Regionalprogramm der EU übernahm einen Teil der Kosten. Und wo nicht sowieso bei Erdarbeiten das Glasfaserkabel gleich mitverlegt werden konnte, zog die Jugend im Dorf die erforderlichen Gräben.

Inzwischen sind rund 40 Haushalte, öffentliche Einrichtungen und kleine Betriebe ans Internet angeschlossen. Die schöne neue Welt ist angekommen im Großen Walsertal. Es war eine sanfte Landung.

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Autor:
Alfons J. Kopf