Steiermark Die Stille der Provinz Leutschach

Dana, die trächtige Hündin, hatte sich um meine Füße gewickelt und war eingeschlafen. Ein Bussard rüttelte am Horizont, um dann weiter seine Kreise zu ziehen. Es roch nach Gras und nach feuchtem Holz. Die leeren Flaschen an den Himbeersträuchern, die vor ein paar Wochen noch Wespen eingefangen hatten, summten und schwiegen und summten mit dem Wind.

Genau dafür war ich in die Südsteiermark gekommen. Um mit dem Nichts Freundschaft zu schließen. Der Ort hieß Leutschach, der Hof auf einem der Berge daneben gehört einer Familie von Weinbauern, den Proneggs. Nebenbei vermieten sie Winzerzimmer für Städter wie mich, denen die Großstadt manchmal zu groß wird. Man konnte hier - ja, was eigentlich? Ein paar Tage und Nächte leben, bei der Weinernte helfen, durch das Kuppenland spazieren, sich an der Frischluft hungrig atmen und, wenn man wollte, den ganzen Tag lang den Wein aus der Gegend trinken.

Klang gut, als man mir das erzählte. Doch dann hatten sie nicht einmal einen Fernseher auf dem Mohnblumen-Zimmer. Geschweige denn Internet. Und weil es im Juni einen Hagelschlag gegeben hatte mit Körnern so mächtig wie Frühstückseier, hatten die Winzer die Trauben, die ihn überlebt hatten, zwei, drei Wochen früher als sonst vor dem Wetter in Sicherheit gebracht. Für mich gab es also nichts zu tun. Gar nichts. Überhaupt nichts.

Also aß ich und trank ich, wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen und getrunken hatte. Man kann in dieser Gegend auch gar nicht anders. Durch Reben und Wälder und Wiesen schlingt sich der Weg zum nächsten Weingut und zur nächsten Buschenschank, wo man sich eine Brettljause bestellt. Der Nachbar hatte über der seinen immer wieder so inbrünstig die Augen geschlossen, dass es bei diesem Ausblick schon etwas heißen musste.

Und tatsächlich: Auf einem schlichten, schon von sehr vielen Messern bearbeiteten Holzbrett breitete sich vor einem ein ganzes steirisches Himmelreich aus. Das Verhackerte, ein durch den Fleischwolf gedrehter Räucherspeck mit nicht minder würzigem Grammelschmalz. Der Salat aus Käferbohnen mit Zwiebelringen und Kernöl, herzhaft und scharf und nussig in einem Bissen. Das Bauernbrot, die Kürbiskerncreme, der Paprikaaufstrich, die Eier, der Käse, die Gurken, die Paradeiser (der viel passendere Name für diese Tomaten). Das fein geraspelte weiße Gemüse entpuppte sich nach der ersten großen Gabel als teuflisch frischer Meerrettich, Kren sagen sie hier dazu, und man möchte denen glauben, die es von "greinen", heftig weinen, herleiten.

Nach der Zirkularverordnung Kaiser Josephs II. von 1784, die in der Steiermark so gut wie unverändert fortbesteht, dürfen klassische Buschenschanken keine warmen Speisen auftischen. Der Wein und das Essen stammen aus der eigenen Landwirtschaft oder der direkten Umgebung, wer nach Kaffee oder Cola fragt, gibt sich sofort als Steiermarknovize zu erkennen. Man trinkt selbstgemachten Holunder-, Trauben- oder Birnensaft, bis jemand fragt, ob es vielleicht ein Achterl sein darf.

Ich sagte nie Nein, wenn mir jemand nachschenken wollte, und sie taten es oft. Welschriesling und Weißburgunder, Muskateller und Morillon, Sauvignon Blanc und natürlich Schilchersturm, der Federweiße dieser Region, zu dem man nicht Prost, sondern Mahlzeit sagt, das allerdings sehr ausgiebig - bis einem aufgeht, warum sie die rubinrote Schilcherpracht hier manchmal auch Rabiatperle nennen.

Dennoch war ich all die Tage kein einziges Mal so richtig betrunken. Im Gegenteil: So klar, kam es mir vor, hatte ich vorher selten gesehen. Wann zuletzt war ich stehengeblieben, um mir eine Himbeere anzuschauen, Wabe für Wabe, eine noch ungepflückte Feige? Die kleinen schwarzen Flecken auf dem Rücken des mit Abstand frechsten Schweins? Die Inschrift auf einem der Rebstöcke: "Dieser Weinstock gehört Purkt Christian und Brunner Matthias aus Thal bei Graz, Gewinner des Alkbarometers Weinleitn Beach 2004"?

Und so ging es immer weiter. Nachdem ich meine Angst abgeschüttelt hatte, nichts mit mir anfangen zu können in diesem Fernab, überkam mich ein seltsamer Friede, eine Ruhe, die nichts wollte. Mein Blick nahm sich Zeit und verharrte, ich ging herum, ohne Ziel, wohin auch immer, hier konnte man ja an jeder Ecke ein anderes Wunder entdecken. Neben dem Klapotetz auf dem Witscheiner Herrenberg rammte ich meine Füße in den Steilhang und blieb stehen. Gemeinsam mit der Holzwindmühle, die schon lange nicht mehr klappert, um die Vögel vom Naschen abzuhalten, schaute ich hinunter aufs Tal, eine halbe Stunde, eine Stunde, ich weiß es nicht mehr.

Alle zwei Wochen backt Oma Irene 16 Brote

Als ich auf den Hof zurückkam, war Karl Pronegg senior jedenfalls schon fast fertig mit dem Kürbis-Entkernen. Am Morgen hatten sie sich noch zu einem gelbgrünen Gebirge getürmt. Die Hälfte mit der linken Hand fest auf das Knie gedrückt, schoss seine rechte so versiert hinein in das Fleisch, dass man nicht bis fünfzehn zählen konnte, bis alle Kerne ausgelöst waren und zielgenau im Bottich landeten. Sobald sie gewaschen und getrocknet sind, wird aus ihnen das berühmte steirische Kernöl gepresst. Dieses Jahr sind es ungefähr 250 Kilo, in besseren Jahren sind es 800, der Hagel und das Wetter, da kann man nichts tun. Schon einmal darüber nachgedacht, von hier wegzugehen? "Warum sollte ich?", sagte Karli. "Ich hab hier ja alles."

Um halb eins war das Mittagessen fertig. Bis auf Hanna und Sophie, die beiden großen Mädchen, die erst um zwei aus der Schule kamen, saßen alle gemeinsam am Tisch in der Küche: die Großeltern Irene und Karl senior, Sandra und Karl junior mit ihrer kleinsten Tochter Maria, Karls Bruder Martin und Herbert aus München, der seit 20 Jahren Stammgast ist und auch dieses Jahr wieder bei der Lese geholfen hatte. Es gab Suppe mit Brotwürfeln, selbst gemachte Würstchen im Speckmantel, Kartoffelrösti und Krautsalat mit Kernöl. "Nur den Käse und so etwas wie Joghurt kaufen wir im Supermarkt", erzählte Sandra.

Alle zwei Wochen backt Irene 16 Brote, dann wird der Tisch zur Seite geschoben und 25 Kilo Teig landen zusammen mit Nüssen und Kernen, manchmal auch Speck und Zwiebeln, im riesigen Ofen. Im Winter brennt der Senior seinen Hausschnaps aus Äpfeln, Trauben und Williamsbirnen. Am Vortag, früh morgens um vier, hatte Martin im Wald ein Reh erlegt, das jetzt kopfüber im Kühlraum hing, die Augen noch immer halb geöffnet. Wieso hat es einen Zweig in der Schnauze, fragte ich Martin, der schmunzeln musste über mein Vokabular. "Der Bruch im Äser des Rehs, das ist der letzte Bissen, ein Zeichen des Respekts vor der Schöpfung, eine Schätzung der Kreatur." Die Jagd ist kein Hobby, kein Vergnügen, sondern eine Notwendigkeit. Der Lebensraum ist enger geworden, die Rehe trotzdem nicht weniger, sie fressen die Triebe und die Trauben.

Für den Nachmittag verabredeten wir uns für eine Traktorfahrt hoch in den Wald zum Maroni-Sammeln, die umso köstlicher schmecken, wenn man sie selbst aus der stacheligen Hülle schält. Dazu gab es Irenes Steckerlbrot, über dem Lagerfeuer geröstet. Dann öffnete Karli junior die Weine des Hauses. Wäre der Sturm nur nicht so himbeerig gewesen, wir hätten an diesem Abend einen von jeder Sorte probiert.

Diese Art schnörkelloser Herzlichkeit, die nicht das geringste Aufhebens um sich macht, überrumpelte mich nicht nur bei den Proneggs. Auf dem Weingut von Walter Skoff setzte sich der Großvater mit an den Tisch und erzählte Geschichten. Irgendwann stand Nusslikör auf dem Tisch, die Geschichten wurden davon nicht schlechter. Auch in der Buschenschank von Hannes Sabathi wurde ich begrüßt, als würde ich hier schon ein Leben lang wohnen. Nach dem ersten Achterl, einem Teller Carpaccio vom Kalb mit eingelegten Pilzen und einem Teller Speckzwetschgen mit Kürbiskernbuchteln, redete ich mit dem Winzer bereits über das Reisen und Ankommen und über das Leben und bestellte dazu noch so einen Welschriesling für zwei Euro. "Wenn er dir so gut schmeckt", sagte Hannes, "dann schick ich dir eine Kiste, die magst du ja sicher nicht nach Hause tragen."

Warum machen die das, fragte ich mich, so viel Kontaktlust einfach nicht mehr gewohnt. Wieso begann auch ich hier sofort mit jedem zu ratschen? Warum musste man niemanden kennen, um wie ein Freund behandelt zu werden? Und was sagte das aus über mich selber, dass ich darüber so staunte? Auf dem Rebenhof, dem Weingut von Hartmut Aubell, wurde tatsächlich noch gelesen. Natürlich konnte man vorbeikommen und sich das anschauen, und natürlich endete die Führung vom ersten Weinbauern der Familie auf der Terrasse bei einem Achterl.

Sind die Menschen hier immer so, fragte ich in die Runde, so urig und herzlich, so tratschbereit? "Ah jo", sagte Eginhard Aubell, der Vater des Winzers. "Wo Wein ist, da sind die Menschen gesellig." Marianne Elsneg, die Außenbetriebsleiterin, nickte. "Wenn man ein Glas trinkt, ist man doch gleich ein anderer Mensch." Die Runde lachte, jeder wusste, was gemeint war. "Hier bei uns ist das Herz immer offen", sagte Marianne. "Kann ich dir noch eine Flasche Essig einpacken ", fragte Hartmut. "Oder magst lieber einen Wein?"

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Okka Rohd