Steiermark Die Geschichte des Buchdrucks

Am Morgen hatte Pater Blitmunt die spektakuläre Bergkulisse des Gesäuses genossen. Vom Röthelstein aus konnte er ins Tal auf das mächtige Geviert und die Türme seines Klosters Admont blicken. Der Benediktinermönch war ein begeisterter Wanderer, der all seine Ausflüge in seinem Tagebuch "Über Berg und Tal" festhielt. Doch am Mittag des 27. April 1865 ahnte er noch nicht, welche Katastrophe er später schildern würde.

Er hielt gerade eine Probe mit dem Knabenchor in der Stiftskirche ab, als ein Signal erklang. Im Marktort Admont war im Haus des Kürschners Feuer ausgebrochen. Die Holzhäuser des Dorfes brannten wie Stroh, und ein starker Wind trug die lodernden Flammen zum Kloster. Ausgerechnet heute hatten die Mönche ihren freien Tag und waren fast alle unterwegs. Auch die zwei Patres, die die Feuerlöschordnung kannten und der angerückten Löschmannschaft Anweisungen hätten geben können. So brannten die meisten Gebäude des ältesten bestehenden Klosters der Steiermark, das Erzbischof Gebhard von Salzburg im Jahr 1074 gegründet hatte, bis auf die Grundmauern nieder.

Durch den Wiederaufbau erhielten sie ein völlig neues Aussehen. Nur die im Osttrakt gelegene Bibliothek fiel den Flammen nicht zum Opfer. Die massiv gemauerten sieben Kuppeln konnten der Wucht des einstürzenden Dachgebälks standhalten. So wurde ein Juwel des europäischen Spätbarocks gerettet, das schon bald nach seiner Vollendung im Jahr 1776 den Zeitgenossen als achtes Weltwunder erschienen war und heute zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Österreichs zählt.

Der Eingang zur Bibliothek im Stift Admont gleicht der Pforte zu einem lichten Ort des Wissens. Hinter der mächtigen Holztür öffnet sich ein Kuppelsaal, der den Besucher mit seiner strahlenden Helligkeit, architektonischen Harmonie und künstlerischen Ausgestaltung überwältigt. "Wie den Verstand soll auch den Raum Licht erfüllen", war das Credo des Baumeisters, der den Ideen der Aufklärung ebenso verpflichtet war wie die Mönche, die nicht nur theologische, sondern Werke der antiken Klassiker und bedeutende Bücher aus allen Wissenschaften und Künsten sammelten.

Admont in der nördlichen Steiermark gehörte zu den geistig führenden Klöstern im bayerisch-süddeutschen Raum. Gemäß der Regel ihres Ordensgründers, des heiligen Benedikts von Nursia: "Ora et labora et lege" (bete und arbeite und lese) unterhielten die Mönche schon im 12. Jahrhundert ein Skriptorium, eine Schreibstube, wo sie eigene Werke und Abschriften verfassten. Durch Schreiben, Kauf, Tausch und Schenkungen wuchs der Bücherbestand immer mehr, bis er um die Mitte des 18. Jahrhunderts annähernd 40 000 Werke umfasste. So entstand der größte klösterliche Bibliothekssaal der Welt - 70 Meter lang, elf Meter hoch und 14 Meter breit.

In den weißen, mit vergoldeten Rokoko-Ornamenten verzierten Regalen ist das gesammelte Wissen nach Sachgebieten geordnet, Kunst und Technik, Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte, Rechtsprechung und Theologie. In Schweinsleder gebundene Klassiker von Vergil und Ovid sind hier ebenso zu finden, wie Werke der Aufklärung, so Diderots und d'Alemberts Enzyklopädie, deutsche Philosophen und Schriftsteller und Lessings Briefwechsel mit Mendelssohn in einer frühen Auflage von 1789.

Geheimtüren hinter hölzernen Buchrücken

Wer genauer hinschaut, wird gewahr, dass in manchen Regalen die Buchrücken aus Holz sind. Sie verbergen Geheimtüren, doch wer jetzt an den "Namen der Rose" denkt, wo das in einem Benediktinerkloster sorgsam versteckte Buch von Aristoteles über die Komödie mehrere Morde auslöst, irrt. "Sein ›Zweites Buch der Poetik‹ ", erklärt Bibliothekar Johann Tomaschek, "hat Umberto Eco zu seinem Roman inspiriert, weil es tatsächlich als einziges von vier Bänden verloren gegangen und der Nachwelt nicht erhalten geblieben ist." In der Admonter Bibliothek war es der Baumeister, der die Optik des Kunstwerks nicht zerstören mochte und daher aus rein ästhetischen Gründen Geheimtüren hinter hölzernen Buchrücken verschwinden ließ. Man kann sie mit einem Schlüssel aufsperren, um über eine schmale Wendeltreppe zur Galerie zu gelangen.

Von oben entfaltet sich noch deutlicher die Raffinesse des Marmorfußbodens, dessen Rautenmuster aus weißen, roten und grauen Steinen ein illusionistisches Bild erzeugt, mal sieht der Betrachter Bänder, Würfel oder Stufen. Über ihm wölben sich sieben Kuppeln, mit prachtvollen Fresken, die der Maler Bartolomeo Altomonte schuf. Seine leuchtenden Werke sind Allegorien der menschlichen Erkenntnis bis zur göttlichen Offenbarung in der Mittelkuppel.

Im Mittelraum stehen die "Vier letzten Dinge" : Vier Skulpturen, die der barocke Bildhauer Josef Stammel aus Lindenholz schnitzte und bronzierte, stellen den Tod, das jüngste Gericht, Himmel und Hölle dar. Zu Füßen der zweiten Figur, eines athletischen Jünglings, kauert ein kleiner Teufel mit Zwicker und Rechnungsbuch, von dem es heißt, in ihm habe der Künstler die Züge des Rentmeisters verewigt, weil der mit dem Lohn so knauserig gewesen sei. "Das ist" , sagt Abt Bruno Hubl, "eine gern erzählte Legende."

Hubl ist Chef des Klosters, dem 35 Mönche angehören. Er empfängt in seinem Büro, wo sich Tradition und Moderne vereinen: eine Madonna-Ikone aus dem 15. Jahrhundert, ein Barockgemälde des Drachentöters, des heiligen Georgs, und zwei farbenfrohe Werke einer zeitgenössischen Künstlerin aus der Steiermark. Admont ist wohlhabend, das Stift besitzt seit der Gründung Waldflächen und ein Weingut im heutigen Slowenien. Es unterhält forstwirtschaftliche Betriebe, ein Industrieunternehmen, das Naturholzplatten produziert und ein umweltfreundliches Biomassekraftwerk. Sechs eigene Wasserkraftwerke versorgen den Ort Admont mit Energie.

Mit rund 500 Mitarbeitern in den stiftseigenen Wirtschaftsbetrieben ist das Kloster der größte Arbeitgeber der Region Gesäuse. Doch die Wirtschaft, betont der Abt, habe ausschließlich "dienende Funktion: Sie ist die Grundlage für Erträge, die wir in unsere sozialen Einrichtungen, die Seelsorge und das Kulturangebot stecken." Das Ziel des Ordens ist es, den Glauben, das Wissen und die Kultur mit den Menschen zu teilen.

Auch deshalb entschloss sich das Stiftskapitel, sechs Millionen Euro in die Klosterbibliothek zu investieren, um sie grundlegend zu sanieren. Ab 2004 wurden vier Jahre lang alle Deckenfresken, Skulpturen, Ornamente und Böden restauriert, während mehrere Expertenteams etwa 70 000 Bücher reinigten und in mühevoller Kleinarbeit die Schäden an mehr als 5000 Büchern behoben. Insgesamt umfasst der Buchbestand 200000 Bände, aber nicht alle werden ausgestellt. Die mittelalterlichen Handschriften und die ältesten Drucke sind in eigenen Räumen untergebracht.

Dies ist das Reich von Johann Tomaschek. Der Herr der Bücher tippt einen Nummerncode ein, dann öffnet sich die Tür zum Büchertresor, wo die Raritäten lagern: 1400 Handschriften und 530 Inkunabeln, das sind frühe Druckwerke aus der Zeit bis 1500 sowie 400 weitere von 1501 bis 1520. Die Prachtbände liegen in Stahlschränken, um sie vor Feuer, Luftfeuchtigkeit und Dieben zu schützen. Die mittelalterlichen Handschriften vertragen auch kein Sonnenlicht. Vorsichtig streicht der Bibliothekar über das Pergament eines Codex, den der Mönch und spätere Abt Irimbert verfasste. "Dies ist ein Kommentar zu den geschichtlichen Büchern des Alten Testaments", erklärt er und übersetzt einen lateinischen Text fließend ins Deutsche.

Der Abt schloss dieses Kapitel am 1. Juli 1170 ab. Der Illustrator zeichnete den Priester Zacharias im Gespräch mit dem Erzengel Gabriel. Man könnte sagen, ein Comic des Mittelalters, statt Sprechblasen vor dem Mund haben die Figuren Spruchbänder in der Hand. Es dauerte mehrere Jahre, um ein Buch Seite für Seite fertig zu stellen und damals schon entstand es in Teamarbeit: Der Pergamenarius war verantwortlich für die Qualität des Pergaments, das aus den Häuten von Kälbern, Ziegen oder Schweinen gebeizt wurde, der Lineator gestaltete mit Stechzirkel und Lineal das Layout, der Scriptor schrieb mit Tinte meist aus Ruß, Pflanzenextrakten und Alkohol, und der Illuminator malte die Bilder, die er oft mit Blattgold hinterlegte.

Die älteste Handschrift, die Admont besitzt, ist ein Fragment und stammt aus dem 8. Jahrhundert, bevor Karl der Große die karolingische Schriftreform anordnete. In einem Kasten lagert ein besonderes Stück. Bibliothekar Tomaschek rollt einen meterlangen, beschrifteten Pergamentstreifen ab, die so genannte Totenrotel. Alle paar Jahre, erzählt er, schickte der Abt einen Boten mit einer Rotula los, auf der er um Gebete für verstorbene Klosterangehörige bat. Der Bote ritt damit durch den deutschen Kulturraum von Kloster zu Kloster. Jedes bestätigte mit eigenen Eintragungen, dass er dort gewesen war. Auf diese Weise entstand schon im Mittelalter ein Newsletter.

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Christiane von Korff