Österreich Die Eigenheiten der Voralberger

"Was Gott durch den Berg getrennt hat, das soll der Mensch nicht durch ein Loch verbinden." Das war im Land vor dem Arlberg zu hören, als anno 1880 der Bau des Eisenbahntunnels begann, der Vorarlberg seit 1884 mit dem großen Rest von Österreich verbindet. Selbst der lange später geplante Straßentunnel durch den Arlberg, 1978 eröffnet, führte noch zu ähnlichen Kommentaren im kleinen Ländle. Besonders weit weg von der Bundeshauptstadt Wien gab und gibt man sich selbstbewusst und hält sich für so ganz anders im Denken und Handeln als die "Restösterreicher", also alle anderen in der Alpenrepublik.

Zur Zeit des Bahntunnelbaus wurden noch 55 Prozent der Bevölkerung im kargen Land dem Bauernstand zugerechnet, und um zu überleben, zogen schon viel früher zahlreiche Vorarlberger in die Fremde - die einen im Herbst zum Krauthobeln, andere als gefragte Baumeister und Handwerker. Prachtvolle Kirchen und Klöster in der Schweiz und in Süddeutschland zeugen heute noch von den Fähigkeiten der Wanderarbeiter aus Vorarlberg.

Kinderreiche Familien mussten einst gar ihre jungen Söhne in die Fremde ziehen lassen, wenn daheim das Brot knapp wurde. Schon Siebenjährige verdingten sich als billige Knechte bei schwäbischen Großbauern - bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. "Wenn du nicht zufrieden bist, dann schickt man dich ins Schwabenland zum Sauenhüten", hieß es noch in meiner Jugendzeit, wenn keine andere Ermahnung fruchten wollte.

Inzwischen hat sich das Ländle stark gewandelt und ist zum Exportweltmeister geworden - rund 80 Prozent der von der hiesigen Industrie erzeugten Waren gehen ins Ausland. Und obwohl der Anteil der bäuerlichen Bevölkerung auf gerade noch 1,7 Prozent geschrumpft ist - das Bauernland wird bewirtschaftet, rund 550 Alpen sind bestoßen, werden also noch genutzt. Nach wie vor sind nicht wenige Vorarlberger Bauernfamilien Halbnomaden, sie ziehen im Frühjahr vom Talboden aufs Vorsäß, so um die 1000 Höhenmeter hoch, und im Sommer auf die Alpe, noch einmal an die 1000 Meter höher. Es ist nicht die schiere Lust am ständigen Übersiedeln, die Bauern dazu bringt, es fehlt im Tal schlicht an Heuwiesen. Ist aber das Vieh monatelang auf den Weiden im Gebirge, so kann das Gras im Tal zu Heu trocknen und dient als Winterfutter.

So pflegt das Vieh die Berghänge, zur Freude der Einheimischen und Gäste. Zudem bürgt saftiges Gras für beste Qualität von Milch und Fleisch. Das wissen immer mehr heimische Gastronomen zu schätzen, und der Gast bezahlt gern gut dafür. Nichts da mit Billigangeboten und Massenware - auf der Speisenkarte in vielen Gasthöfen und Hotels im Land ist vermerkt, in welchem Stall das Rind für den Braten stand und von welcher Alpe der Bergkäse stammt. Wohl anzunehmen, dass etliche der 46 mit Gault-Millau-Hauben ausgezeichneten Restaurants (bei insgesamt 96 Vorarlberger Gemeinden!) ihre ausgezeichnete Benotung auf die Qualität der regionalen Zutaten zum Menü zurückführen können.

"Suber", also sauber, ist nach der festen Überzeugung der Vorarlberger ihr Ländle, auf Reinlichkeit wird hierzulande auch sehr geachtet, ob bei der Reinigungsaktion am Ufer des Bodensees, der "Seeputzate", oder in höheren Regionen bei der "Bergputzate". Weil in diesem Landstrich Alemannen daheim sind, schwätzen sie auch leicht anders als der große Rest von Österreich. Das "suber" verweist darauf: Der Dialekt der Alemannen hat eine Lautverschiebung verschlafen. Und so macht die Geschichte vom Germanisten aus Japan die Runde. Er besucht den gräflichen Palast in Hohenems, wo zwei der Handschriften des Nibelungenliedes aufgefunden worden sind. Beim Weg zum Palast unterhalten sich seine Vorarlberger Begleiter in Mundart, worauf der Japaner bass erstaunt fragt: "Sprechen Sie Mittelhochdeutsch?"

Lange Zeit waren im kleinen Ländle an der Grenze zur Schweiz, zu Liechtenstein und Bayern fremde Einflüsse verpönt, und die Regierenden versuchten, Vorarlberg abzuschotten vor verderblichen Neuheiten, es auch geistig "suber" zu halten. Das musste 1962 der Kapitän eines Bodenseedampfers schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Er wagte es, während einer Tanzausfahrt auf seinem Schiff selbst Twist zu tanzen. Diese Methode der Körperverrenkung verstieß aber nach Ansicht der Behörden gegen die Schicklichkeit und war deshalb verboten, der Käpt'n wurde umgehend vom Dienst suspendiert.

Heimische Tanztempel sind inzwischen übervoll, und niemand fragt mehr nach einem Verbot. Selbst die gestrenge Filmzensur ist in Vorarlberg längst abgeschafft. Ihr fielen einst Ingmar Bergmans "Schweigen" ebenso zum Opfer wie dümmliche Sexfilmchen - sehr zur Freude von Filmtheaterbetreibern jenseits der Grenze im deutschen Lindau, wo man sich nicht so sittenstreng gab. Die Vorarlberger feiern gern und ausgelassen: Im Sommer sorgen zahlreiche Vereine mit ihren Zeltfesten für Abwechslung im Veranstaltungsangebot, auch der Winter hat im Ländle seinen Reiz über das umfangreiche Wintersportangebot hinaus. Hier wird nicht Karneval gefeiert, sondern Fasching, und kaum ein Dorf, das auf buntes Maskentreiben verzichten möchte. Nach Aschermittwoch folgt der traditionelle Funkensonntag, bei dem kunstvoll viele Meter hoch aufgeschichtete Scheite in Flammen aufgehen. Der Brauch ist wohl ein heidnisches Erbe, das Feuer sollte dem Winter den Garaus machen, und weil der gestrenge Winter durch eine Hexe symbolisiert wird, regte sich vor Jahren Widerstand von Frauenrechtlerinnen. Dem wusste manche Funkenzunft pragmatisch abzuhelfen: Anstelle der einsamen Hexe steht jetzt eben ein Hexenpaar hoch oben am Funken und explodiert pflichtgemäß.

"Es ist ein Glück für unser Land, dass es den Fremdenverkehr gibt." So steht es in einem amtlichen Werk zu lesen, das einst die Vorarlberger Jugendlichen bei Erreichen der Volljährigkeit erhielten. Der Autor vergisst aber auch nicht, auf die Gefahren des Tourismus hinzuweisen: "Brauchtum, Sitte und auch Glauben sind Krisen ausgesetzt." Und er zitiert ein Kind aus dem Bregenzerwald, einer beliebten Tourismusregion. Auf die Frage, was er denn später einmal werden wolle, antwortet der Bub: "Ein Fremder!" Denn Fremde, so der Bub weiter, haben es in seiner Heimat immer gut.

Der Junge aus dem Bregenzerwald hat recht, Gäste werden verwöhnt zwischen Bodensee und dem 3312 Meter hohen Piz Buin. Sie können bei der Fahrt mit dem historischen Raddampfer über den Bodensee den Sonnenuntergang bestaunen und danach die Seeaufführung der Bregenzer Festspiele besuchen. Sie genießen ein Überraschungsmenü in einer alten gedeckten Holzbrücke, die fröhliche Rodelpartie in einem der Wintersportzentren oder die Wanderung auf 2500 Meter Höhe samt anschließendem Hüttenzauber.

Was aber beeindruckt die Besucher ganz besonders in Vorarlberg? Eine Antwort auf diese Frage gibt es im Silbertal, einer Talschaft, in der sich noch Stollen mittelalterlicher Silberbergwerke finden. Zimmervermieterinnen berichten von der Begeisterung ihrer Gäste bei Bergwanderungen. Und vom großen Staunen, wenn die ortskundige Begleiterin an einem der kühlen Gebirgsbäche Halt macht und mit der hohlen Hand Wasser zum Trinken schöpft. Wasser trinken, ganz ohne chemische Aufbereitung, einfach aus der Natur? Es sind halt die kleinen, unerwarteten Überraschungen, die Vorarlberg liebenswert machen und den Ruf vom "suberen Ländle" bestätigen.

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Alfons J. Kopf