Österreich Albergs Snowboarder arbeiten hart

Wenn Mathieu morgens um kurz nach sieben vom Klingeln geweckt wird, kann er mit nur einer Handbewegung den Wecker ausschlagen und gleichzeitig nach seinen Snowboard-Schuhen greifen. Sie stehen vor der Heizung, direkt neben dem Kopfkissen. Ein bisschen Mief in der Nacht, findet Mathieu, sei besser als tagsüber zehn Eiszapfen an den Fußspitzen.

Er springt aus den Federn direkt in die Stiefel, wirft einen Blick aus dem eisblumenverzierten Fenster und jubelt: "Draußen sieht es aus, als hätten sich die Wolken ausgekotzt!" Dann tobt er in die Küche und fahndet unter Türmen dreckigen Geschirrs und Pyramiden antiker Pizza- Kartonagen nach etwas Essbarem - wie ein Lawinenhund auf der Suche nach Überlebenden. Mathieus dunkelbraune Locken stehen dabei in alle Richtungen vom Kopf ab. Mit einer Wollmütze drückt er die Frisur in Form, gibt ungeduldig die Nahrungssuche für heute auf und greift sich sein Board. Raus aus der WG, rauf auf den Berg. Frühstück gibt es vielleicht später, auf der Hütte. Wenn nicht, auch egal: Die frisch verschneiten Bergspitzen leuchten in der Morgensonne. Sie strahlen hinunter zu Mathieu. Und Mathieu strahlt zurück.

Mathieu ist 28, sieht aber aus wie 18. Vielleicht liegt es an der Bergluft. Davon hat er in seinem Leben schon ordentlich inhaliert. Er gehört zu den Menschen, die eine Passion haben und sie ausleben. Bedingungslos. Seine Leidenschaft ist Snowboarden. Er kommt aus Lourdes, dem Pilgerort am Fuße der Pyrenäen. Obwohl er kein Wort Deutsch spricht und in den französischen Alpen Dutzende von Skistationen liegen, die schneller zu erreichen wären, wohnt er am Arlberg. Und schuftet in der Spülküche einer Pizzeria für ein paar Euro die Stunde.

Eigentlich müsste er wochenlang arbeiten, um sich Liftkarte und Leben in der Nobelskiregion finanzieren zu können. Pizzateige kneten, Bestecke sortieren, Lasagne- und Germknödelreste von den Tellern kratzen. "Der Lohn ist mies, aber wenn du in der Pizzeria arbeitest, darfst du in der Wohnung ein Stockwerk drüber wohnen", sagt er. "Hauptsache, ein billiges Bett." Ein Zimmer mit Aussicht ist es nicht gerade. Mathieu schaut aus seinem Fenster auf die betonfarbene Rückwand eines Hotelneubaus. Ein Wohnzimmer hat er nicht. Abgesehen von den Bergen natürlich.

Es ist 8 Uhr morgens. Mathieu, Joe und ich treffen uns am alten Sessellift von Stuben. Wir hatten uns am Abend zuvor verabredet, nach einem letzten von vielen Bieren im "Pfefferkorn", einer typischen Après-Ski-Bar in Lech, in der sich die Skiverrückten die Abenteuer des Tages erzählen, während verheiratete Frauen mittleren Alters verzweifelt auf der Suche nach der Urlaubsaffäre mit einem Skilehrer sind.

Joe, 30 Jahre alt, aufgewachsen in Australien und Österreich, wohnt seit neun Wintern am Arlberg. Er und Mathieu wollen unbedingt die Ersten "am Berg" sein, wie sie sagen, als Erste ihre Spuren in einen frisch verschneiten Hang ziehen. Deshalb stehen wir am Lift, bevor der erste Sessel überhaupt die Talstation verlässt. Die Sonne und der Schnee lassen die Berge glänzen. Die Skiverrückten des Arlbergs, die "Ski-Bums", erkennt man, wenn sie ihre Brillen abnehmen: um die Wangen braun gebrannt, rund um die Augen - bleich wie Computernerds. So auch Joe. Er ist einen Kopf größer als Mathieu. Wenn er den Mund aufmacht, dann nur um ein Stück Kautabak nachzuschieben. Er nuschelt ein breites australisches Englisch. Wenn er überhaupt spricht. Eben Typ schweigsamer Bergführer. Lange Haare, braun gebrannt, sympathisch. Auch er besitzt nicht viel. Sein größter Schatz ist ein neues Paar Ski, extrabreit, nur für Tiefschneetage.

Die beiden testen kurz ihre Lawinensuchgeräte und nehmen den Lift. Stuben ist bekannt für seine steilen Nordhänge. Die Schattenseiten sind schlecht fürs Sehen und Gesehenwerden, also schlecht für die Schickeria. Aber gut für die Schneequalität. Hinter den Liften endet die Zivilisation. Erst nach 20 Kilometern gen Süden kommt das nächste besiedelte Tal. "Willkommen im Backcountry, willkommen im Paradies", sagt Mathieu, als wir hinter der letzten Bergstation nach einer Stunde Fußmarsch eine Bergkuppe erklimmen und sich ein riesiges Amphitheater aus Schnee und Eis vor uns ausbreitet. Erst der mächtige Piz Buin verstellt den Blick Richtung Süden. Joe lächelt zufrieden, als ob er mir seine bildhübsche Freundin vorstellen würde. Ein bisschen ist es auch so. Fast 1500 Höhenmeter sind es von hier ins Tal.

Im Tiefschnee werden Träume wahr

Es ist Anfang April, aber es sieht aus wie im Februar. Gevatter Frost hat letzte Nacht noch einmal seine Macht demonstriert und dem Arlberg die kalte Schulter gezeigt. 20 Zentimeter Neuschnee. Joe und Mathieu suchen sich eine "Line", ihre ganz persönliche Abfahrt. "Früher hieß es, Snowboarder und Skifahrer würden sich nicht vertragen. Dabei geht es nicht um das Sportgerät, sondern um den Stil. Entweder du gehst Freeriden, oder du fährst wie in den Achtzigern", sagt Mathieu, kurz bevor er sich in den Steilhang stürzt. "Wer sich heute wirklich lächerlich machen will, der wedelt einen Neuschneehang hinunter. Mann, Freeriden geht so: Du nimmst erst mal 200 Meter Anlauf, ohne irgendwelche Kurven, und wenn du richtig schnell bist, dann setzt du lang gezogene Schwünge in voller Fahrt." So geht es die ersten tausend Höhenmeter bis zur Baumgrenze, weiter unten rasen wir im wilden Zickzack durch den Wald. Joe boxt in Slalommanier die Äste der Tannen weg. Auf die Idee, einfach etwas langsamer zu fahren, kommt keiner der beiden. Irgendwann stehe ich alleine im Wald, kämpfe mit mir und dem Schnee. Nass geschwitzt komme ich im Tal an. Die beiden sitzen auf dem Geländer einer Brücke über den Bach Alfenz, der irgendwann im Bodensee mündet. Joe raucht eine Zigarette, Mathieu liegt auf seinem Board in der Sonne. "Gute Abfahrt", sagt Joe. "Das Zwischenstück war etwas verharscht." Es sind, glaube ich, seine ersten Worte heute. Mathieu grinst zufrieden.

Später quetschen wir uns in Mathieus Kastenwagen. Auf einem Bauernhof in der Nähe steigt eine Grillparty. Als wir ankommen, wendet ein Doppelgänger von Maradona gerade lachend tellergroße Steaks. Joe und Mathieu begrüßen ihn wie einen Bruder. Es sind noch 20 weitere Freunde der beiden da. Aus England, Deutschland und Norwegen. Der harte Kern der Ski-Bums. Es hat etwas von einem Aussteiger-Camp. Aber statt Latzhosen tragen sie Funktionsjacken, und statt Müsli gibt es Riesensteaks - dank Oski. Er ist das Maskottchen der Skifreaks vom Arlberg. Vor zehn Jahren ist er hier hängen geblieben. "Den Sommer habe ich aus meinem Leben gestrichen. Ich bin jeden Winter am Arlberg, und wenn hier Sommer ist, fahre ich auf die Südhalbkugel und passe 1600 Kilometer entfernt von Buenos Aires in der Pampa auf die Rinderherden meiner Familie auf."

Die Sonne geht unter, stattdessen leuchtet die Glut des Lagerfeuers. Und die der Joints. Dancehall-Reggae aus Jamaika schallt aus dem Kassettenrecorder. In Daunenjacken und Wollmützen eingepackt, starren wir zufrieden ins Feuer. Wir bleiben über Nacht. Als die anderen am nächsten Morgen ihren Rausch ausschlafen, nimmt mich Aline mit auf den Berg. Die 23-Jährige ist die Freundin von Mathieu und Profi-Snowboarderin. Was bedeutet, dass ein Snowboard-Hersteller ihre Ausrüstung und Reisen zu Wettbewerben finanziert. Außerdem erhält sie eine Art Taschengeld. "Ich komme damit gerade so über den Winter, ohne dass ich einen Nebenjob annehmen muss."

Am Flexen-Pass zeigt Aline aus dem Fenster. "Siehst du den Felsen da vorne? Den sind wir letzte Woche runtergesprungen. Wenn du willst, können wir den nachher noch droppen." Ich sehe nur eine Klippe, mindestens fünf Meter hoch, habe keine Ahnung, was "droppen" ist, weiß nur, dass ich dieses Selbstmörder-Kliff garantiert nicht "droppen" oder sonst was werde. Mich beschleichen langsam Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, dieses Gebiet mit Extremsportlern zu erkunden, die für eine frisch planierte Piste so viel übrig haben wie der Papst für Gruppensex. Zu meinem Glück macht das Wetter nicht mit. Der Nebel gibt die Berge nicht frei. Stattdessen setzen wir uns auf die Palmenalpe in eine Hütte mit DJ und Strandkörben, 2000 Meter über dem Meeresspiegel.

Als Aline ihre Handschuhe auszieht, entdecke ich eine 15 Zentimeter lange Narbe auf ihrem Arm. "Das ist mir letztes Jahr passiert. Bei einem Sturz hat die Elle sich ins Handgelenk gerammt", sagt sie und lächelt, als ob sie von einem blauen Fleck aus dem Turnunterricht spricht. Drei Wochen nach der Operation stand sie wieder auf dem Brett. Der Nebel ist hartnäckig. Normalerweise sind die Gipfel spätestens mittags frei, heute reicht die Sicht nicht einmal, um die Piste vom Rest des Bergs zu unterscheiden. "Das Backcountry können wir uns abschminken", sagt Aline ernüchtert. An diesen Tagen ist das Leben für die Schnee-Verrückten ein doppeltes Minusgeschäft. Die Berge machen keinen Spaß, und das Geld, das man am Abend verdienen wird, haut man schon tagsüber in der Hütte auf den Kopf.

Wir fahren zurück in die WG von Mathieu. Die Wohnung ist höchstens 50 Quadratmeter groß, in jedem Zimmer stehen zwei bis drei Betten, im Hausflur 20 Paar Ski und noch einmal so viele Snowboards. Die Tür im Bad wird von einer 20-Kilo-Packung Waschmittel blockiert. "Wie viele Leute wohnen hier?", frage ich Mathieu. "Im Moment sind wir acht", sagt er auf Englisch mit nicht zu überhörendem französischen Akzent. "Nein, stimmt gar nicht. Ich glaube, wir sind neun! Und wenn Aline da ist, eben zehn."

Die Tür springt auf, drei Engländer in mehlverdreckten, grünen Stoff-Overalls kommen von der Arbeit. "Die gute Schicht ist die von fünf bis elf, dann kannst du tagsüber auf den Berg", sagt einer der drei im Vorbeigehen. Heute hatten sie die Frühschicht und sind deswegen gerade in Eile. "Die letzte Gondel fährt gleich, und wenigstens eine Abfahrt wollen wir noch machen." Einen Lagerkoller habe noch keiner bekommen, sagt Mathieu. "Wenn einer eine Frau mit nach Hause bringt, müssen die anderen eben unten eine Pizza essen gehen."

Mathieu ist das erste Jahr am Arlberg, einer seiner Mitbewohner wohnt schon seit zwölf Jahren in der vollgestopften WG. Wozu eine große Wohnung, wenn man die endlose Weite doch jeden Tag auf den Gipfeln genießen kann? An die Wand in seinem Zimmer hat Mathieu ein zerbrochenes Skateboard genagelt, auf dem Nachttisch stehen Sonnenmilch- Tuben neben Kaffeetassen und Obststücken, die langsam Eigenleben entwickeln. "Mein Leben ist eine Pilgerfahrt zu den besten Spots der Welt", sagt der junge Mann aus Lourdes.

Dann drückt er seinen Joint aus und geht ein Stockwerk tiefer. Arbeiten in der Pizzeria. Der Nebel hat sich doch noch verzogen. Ich nehme die letzte Gondel mit Joe, dem schweigsamen österreichischen Australier. Aber manchmal muss man auch gar nichts sagen. So wie jetzt. Wir erwischen die letzte Bergfahrt auf den Trittkopf, das Tal ist längst in Schatten gehüllt, nur unsere Flanke wird noch angestrahlt. Der Schnee leuchtet orangefarben. Kein Mensch weit und breit. Die alten Kabinen der Bergbahn, der historische Charme dieser Gipfelstation - das erinnert an die Pionierzeit des Wintersports, als es noch keine Sessellifte mit Sitzheizung und Expressgondeln gab.

Am Arlberg gibt es noch einige dieser magischen Orte. Und wenn man Joe beobachtet, wie er den Berg mustert und seine Abfahrt plant, merkt man, dass er im Geiste ein Urenkel von Luis Trenker ist - ein hoffnungslos in die Berge verliebter Grenzgänger. Joe schnallt seine Ski an, rückt die Brille zurecht und fährt los. Nach wenigen Metern auf der Piste biegt er in den Tiefschnee ab. Dann ist er weg. Zurück bleibt nur eine Wolke aufgewirbelten Pulverschnees.

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Autor:
Jan Kirsten Biener