Mexiko Oaxacas berühmter Maler Francisco Toledo

Oaxaca im Mittagslicht ist ein Gemälde: Die Kirche Santo Domingo, vierhundert Jahre altes Wahrzeichen der Stadt, schimmert lindgrün. Die Häuser der Altstadt lehnen anmutig aneinander, sie leuchten wie die Tiegel in einem Malkasten. Schmale Schatten liegen wie feine, violette Pinselstriche auf dem Pflaster. Es sieht aus, als habe Walt Disney hier einen Themenpark "Koloniales Mexiko" inszeniert.

Indiofrauen in schillernden Volantröcken balancieren mit gewissenhaften Mienen Körbe mit Puppen oder gerösteten Heuschrecken auf den Köpfen, und über den Ständen der Straßenhändler wehen an langen Bändern knallbunte Luftballons. Zum Markt und zu den Festen kommen die Indios aus ihren Dörfern in die Stadt.

Kirchenglocken läuten. Das Centro Histórico, die hübsche, sorgsam restaurierte koloniale Innenstadt, hält Siesta. Ort und Zeit scheinen ideal für einen Massenselbstmord. Hunderte von schillernden Kadavern säumen die Gassen und recken die Beine zum Himmel.

"Sind sie nicht schön?", fragt Francisco Toledo. Er dreht einen daumendicken, noch ein wenig zappelnden Käfer mit dem Zeh auf den Bauch. "Ein Skarabäus. Ich glaube, man kann ihn sogar essen. Die Leute hier essen so ziemlich alles, was sich bewegt."

Francisco Toledo ist Mexikos berühmtester lebender Maler. Er wurde vor 49 Jahren in Juchitán geboren, einem Städtchen am Rand des Bundesstaates Oaxaca, sechs Busstunden östlich. In der Stadt Oaxaca wuchs er auf, überwiegend bei seiner Tante, einer Schuhmacherin.

Toledo ist klein, drahtig und hat pechschwarze Haare. Ein Indio vom Volk der Zapoteken. Die Zapoteken wussten schon vor 2500 Jahren, in welchem Winkel der geografische und der magnetische Nordpol gegeneinander verschoben sind, und sie entwickelten früh eine eigene Schrift. Monte Albán, ihr Zentrum, liegt elf Kilometer entfernt.

Ist der Maler stolz auf seine Ahnen? "Auf meine Eltern und Großeltern. Viel weiter reicht der Stolz nicht zurück", sagt er. "Ich bin ein Weltbürger, gemischtrassig wie 99 Prozent aller Menschen. Zwei meiner fünf Kinder sind zur Hälfte Dänen. Reine Indios gibt es nur noch in den Köpfen von Romantikern."

Mit 19 Jahren zog Francisco Toledo nach Paris, um ein großer Maler zu werden. "Ich habe keine Sekunde gezweifelt, dass ich es schaffen würde", sagt er. "Galeristen haben mir sofort Bilder abgekauft, als hätten sie nur auf mich gewartet." Nach Paris eroberte er London, Amsterdam, New York und Mexiko-Stadt. 18 Jahre dauerte der Ausflug in die weite Welt.

"Meine Lehrzeit", erklärt der Maler. "Akademien taugen allesamt nichts. Kunst kann einem keiner beibringen. Man muss sie in sich entdecken. Das Leben ist die Schule. Ich bin völliger Autodidakt und lerne immer noch, jeden Tag." Vor zwölf Jahren ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Ziel erreicht.

Experten vergleichen Toledo mit Pablo Picasso, Paul Klee oder Georges Braque. Seine Ölgemälde, Drucke und Skulpturen sind in den Museen der Welt ausgestellt und kosten manchmal so viel wie Einfamilienhäuser. Die Leute in Oaxaca senken ehrfürchtig die Stimme, wenn sie von ihm sprechen, ihrem "Maestro". Francisco Toledo ist ihr Idol und ihr Wohltäter, der seine Energie und sein Vermögen in Oaxacas Kulturleben steckt.

"Ich liebe Kunst. Es kann gar nicht genug Kunst geben, egal wo.Warum also nicht hier?", sagt er, nicht ohne Stolz in der Stimme.

Für das, was Toledo in Oaxaca initiiert, aufgebaut und zum großen Teil finanziert hat, brauchen andere Städte Kulturreferenten und hohe Etats. Die Stadt verdankt ihm ein Grafik-Museum, das Instituto de Artes Gráficas de Oaxaca (IAGO) mit mehr als 9000 Werken, auch von Picasso oder Otto Dix.

Toledo hat ein Fotografie-Museum gegründet, das wechselnde Ausstellungen zeigt, Fotokurse anbietet und Laien eine Dunkelkammer zur Verfügung stellt. Er hat sein ehemaliges Wohnhaus gestiftet, um darin ein Programmkino, das Cinema Pochote, unterzubringen; im verwilderten Garten stellen Künstler Skulpturen aus.

Toledo hat eine der besten Kunstbibliotheken des Landes aufgebaut, eine Blindenbibliothek, eine Phonothek mit Klassik, Jazz und Volksmusik. Er inspiriert junge Künstler, die ihre Bilder in Parks und improvisierten Galerien ausstellen. Und um deren Bedarf an hochwertigem Papier zu decken, hat Toledo vor zwei Jahren in einem stillgelegten Wasserwerk eine Papiermanufaktur eröffnet.

Natürlich ist Toledo Präsident des "Museo de Arte Contemporáneo de Oaxaca" (MACO), und es ist seiner Initiative zu verdanken, dass das Kloster Santo Domingo kein Luxushotel, sondern eine Erweiterung des Völkerkundemuseums geworden ist. Mit einem Garten, der die Pflanzen des Hochlandes präsentiert.

Francisco Toledo ist nicht der einzige Künstler von Weltrang, der aus dieser Region stammt. Der große Rufino Tamayo, der 1990 starb und Oaxaca seine private Sammlung präkolonialer Kunst stiftete, ist ein weiterer, ebenso Manuel Jiménez Ramírez, Rodolfo Nieto, Rodolfo Murales, Sergio Hernández oder José Villalobos. Liegt es an der Kunsthochschule?

"Auf keinen Fall. Die ist unglaublich schlecht. Es liegt an den billigen Mieten und den irrsinnig vielen kaufwütigen Touristen", antwortet Toledo. Eine Wohnung kostet 1000 Pesos im Monat. Straßenkünstler verkaufen Aquarelle oder Tuschezeichnungen für 3000 Pesos aufwärts, soviel wie Hilfsjobs in der Tourismusbranche pro Monat einbringen. Jeder Maler hat hier eine Chance, zu überleben.

Tourismus kurbelt die Kunst an - und Kunst den Tourismus

Wer Talent hat, lebt sogar gut. Mehr als hundert Menschen haben zudem in Toledos Projekten einen Arbeitsplatz gefunden. "Er ist ein Wohltäter für Oaxaca und ein Segen für die Stadt", sagen Museumsangestellte, Künstler und auch Restaurantbesitzer und Hoteliers, die gut von den Besuchern aus aller Welt leben. Tourismus kurbelt die Kunst an, und Kunst den Tourismus.

Toledo hat ein regionales Wirtschaftswunder initiiert. Oaxacas Bewohner freuen sich über die Spiele, aber noch mehr über das Brot. Ihr Staat ist einer der ärmsten in Mexiko.

Wir warten an einer Ampel. Autoschlangen ohne Ende. Toledo spurtet furchtlos in eine Lücke und geht stumm weiter, Richtung Zócalo, dem Park im Zentrum. Unter den Arkaden sitzen blasse Damen mit großen Hüten, nippen an ihren Cappuccinos und blättern in Reisebüchern. Weizenblonde Teenager in HipHop-Hosen, die Beine auf ihre mannshohen Rucksäcke gelegt, ziehen Corona-Bier vor.

Andere knabbern Canasta de Chapulines, gerösteten Heuschrecken. Schuhputzer bringen die Sandalen kichernder Touristinnen auf Hochglanz, und eine mit Tubas, Hörnern und Tschinellen bewaffnete Band lässt den Pavillon unter den Baumriesen vibrieren. Es klingt wie eine bayerische Blaskapelle im Kokainrausch. Der Zócalo, Herz der 250.000-Einwohner-Stadt, ist ein Spektakel wie eine Chinesische Oper: laut, fremdartig, fesselnd.

Toledo würdigt das alles keines Blickes. Mexikos wichtigster Maler ist ein wortkarger Stadtführer. Ob das Restaurant mit der schweren Eichentür gut sei? "Die Restaurants hier kann man allesamt vergessen", sagt er und stürmt weiter, "zu viele Touristen." Wo er denn esse? "Zu Hause." Und Bars? "Ich gehe doch nicht in Bars! Ich hasse Lärm." Ob er denn die koloniale Architektur liebe? "No." Die Menschen? "Ich kenne hier kaum noch jemanden näher." Warum er dann zurückgekehrt sei? "Wegen des Klimas. Paris und London sind zu kalt. New York auch, und Mexiko-Stadt ist zu dreckig. Hier ist es perfekt."

Kunsthistoriker wissen es besser. Ihrer Meinung nach ist Francisco Toledo nicht wegen des fast ganzjährigen Hochdruckwetters hierher gekommen, sondern zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückgekehrt. In das Land, wo Tiergeister, nahuas, in Männer kriechen, sie zu ihren Ebenbildern machen und Entscheidungen für sie treffen. Wo Schamanen mit Hilfe von Geistern - die auch in Kakteen und Pilzen stecken, deren Inhaltsstoffe LSD ähneln - heilen und helfen.

Daraus schöpft auch Toledo seine Motive. Und doch hasst er es, von Kunsthistorikern und Journalisten in diese Schublade gesteckt zu werden: der zapotekische Wunderknabe, der den Mythen der Ahnen eine schöpferische Form gebe.

"Es ist unglaublich, was ich für Unsinn dieser Art über mich gelesen habe. Die Wahrheit ist ganz einfach: Ich male, ohne nachzudenken, ich will weder etwas darstellen noch ausdrücken. Von zapotekischen Mythen habe ich etwa so viel Ahnung, wie in jedem Reiseführer steht. Aber kaum male ich eine Sandale, wird das auf meine Tante, die Schuhmacherin zurückgeführt. Unsinn! Kaum male ich einen Leguan oder Hasen, schon behaupten diese Leute, ich stelle nahua dar. Quatsch! Ich male Tiere, vor allem Insekten, weil sie schön sind und überall herumkreuchen. Noch lieber würde ich meine Kinder malen, aber die halten nicht still."

Francisco Toledo gehört zu einer Generation von Künstlern, die ihre Arbeiten von politischen Aussagen getrennt haben. "Seine Kunst widmet sich vor allem vorkolonialen Themen", dieser so oft geschriebene Satz lässt seine Augen wütend aufblitzen. "Meine Kunst ist international, nicht vorkolonial. Picasso wird ja auch nicht als spanischer Heimatkünstler gehandelt, obwohl er Stiere gemalt hat."

Der Meister ist auf dem Weg zur Arbeit, wie jeden Tag, wenn er nicht seinen Ausstellungen hinterher reist oder Regierungszuschüsse für Projekte aushandelt. Wenige Straßen entfernt, südlich des Zócalo, wartet ein fetter Brocken Kalkstein in einer Druckerei auf ihn. Toledo will die Lithographie fertig stellen, an der er seit Tagen arbeitet.

Er eilt los, als hätte er einen Startschuss gehört. Das Gesicht verschließt sich, als wolle er verhindern, dass Gedanken entweichen. Er setzt unsichtbare Scheuklappen auf und schaut seinen Füßen beim Gehen zu. Die Druckerei ist ein Wellblechbau im Vorhof eines Lagers für Klempnereibedarf. Sie gehört Mark Silverberg aus New Mexico: blond, fusselbärtig, Schlabberlook. Toledo ist sein dunkles Gegenstück. Zwei Hippies in Jesuslatschen, die einander kurz und herzlich begrüßen.

Toledo macht sich sofort an die Arbeit. Beugt sich über die Platte, bepinselt sie mit Tusche, kleine, schnelle Striche, kratzt sie mit einer Rasierklinge. Haar fällt ihm ins Gesicht. Nichts stört ihn. Er ist vertieft wie ein kleines Kind in ein Märchenbuch. Er hört weder, wie Mark Silverberg sagt, wie stolz er sei, diesen großen Künstler in seiner Werkstatt zu haben, noch bewegen ihn die traurig schönen Balladen von Barbarito Diez, die aus den Lautsprechern seufzen.

Francisco Toledo ist verschwunden. In eine Welt, in der Krabbelwesen einander beschnuppern, während sie auf geringelten Blättern balancieren. Und taucht erst wieder auf, als er perfekt ist: ein wunderbarer Skarabäus.

Quelle:
Autor:
Petra Mikutta