Norwegische Vesterålen-Inseln Walsafari

Aus der polaren See ragt ein Berg, der nicht viel anders aussieht wie einer der Berge am Horizont - schwarz, zerfurcht und erhaben, eine zerklüftete Kuppe in der diesigen Weite dieses bewölkten Sommertages. Doch jetzt fängt der Hügel an, sich zu bewegen. Lautlos gleitet er weg und taucht steil hinab, um entlang des Kontinentalsockels, der hier unweit der Küste bis auf 1000 Meter abfällt, zu jagen. Tintenfische vor allem, die in der Tiefe nach Plankton suchen.
Fünf Minuten hat der Riese bei seiner Jagdpause still auf der Oberfläche geruht, geatmet, dabei Wasser geblasen und dem Gebirge weit hinten so ähnlich gesehen, dass ich mich fragte, ob der Wal nicht auch Landschaft ist. Aus den Gedanken reißt mich ein Schrei: "Diving, he’s diving". Diesmal war es ein italienischer Akzent, der lauthals eine Neuigkeit verkündet, die sich heute schon das vierte Mal wiederholt, mit dem vierten Pottwal, an den die MS Reine des Walsafari-Anbieters Hvalsafari AS bis auf 50 Meter herangefahren ist. Und den die 60 Reisenden aus allen Ecken Europas dann unter Feuer genommen haben, Fotofeuer.

Serienfunktionen rattern durch, Videokameras laufen an, armlange Objektive pendeln sich ein. Dann sitzen die Treffer. "Hit", johlt einer der Safaritouristen aus dem schwarz-blauen Outdoorjacken-Knäuel, das über die Reling zuckt, wenn die Guides aus einer Ecke wieder "Wal" rufen. Zumeist wartet das Knäuel aber fast regungslos, murmelt und entzerrt sich leicht, sodass seine Augen und Münder erkennbar werden, um sich erneut zusammenzuziehen, wenn die Walmatrosen Fotobefehl geben. Es ist die Bewegungsart einer Eidechse, die verharrt und etwas züngelt, bis sich dann die Fliege nähert und sie vorschnellt.

Euphorie beim Wale-Beobachten vor den norwegischen Vesterålen-Inseln

Der Jackenknäuel schnellt wieder vor, denn nun schreit eine Touristin "Wale, I see" in ungelenkem Frenglisch, dem französischen Versuch, sich dem Kanalnachbarn anzunähern. Wieder zieht sich das Knäuel zusammen, hüpft in eine Ecke und feuert, Arme schnellen vor, Knie stoßen aneinander. Ein Kind schreit. Die Guides rufen, die vordersten Fotojäger sollten sich hinknien, damit Kinder etwas sehen könnten. Aber keiner hört zu. "Please, sit down", nochmal, nochmal. Die Pioniere in der ersten Reihe interessiert das kein bisschen, sie feuern aus allen Linsen, immer im Glauben, dass das nächste Bild das beste ist und der Wal jeden Moment taucht.

Ich bin nun auch im Knäuel und schieße mit, bis der Riese seine Fluke ein letztes Mal in den polaren Wolkenhimmel streckt und dann der Tiefe entgegenstrebt. Nun ist Zeit für Tee und Gemüsesuppe oder doch noch eine der Pillen gegen Seekrankheit, die die Crew dabei hat. Aber fast alle sind an Deck, der Wellengang bleibt erträglich.

Später wird der Kapitän erzählen, dass sie hier jeden Wal kennen, manche schon sehr lange. So etwa Glenn, der sofort an seiner Schwanzflossenkerbung zu erkennen ist – wie jeder Pottwal, denn die Fluke ist ihr Fingerabdruck und Arbeitsgrundlage für die Walforscher. Glenn lebt seit 1994 in der losen Männer-Clique, die vor den Vesterålen haust und taucht. Manche von ihnen bleiben für immer, wie er. Andere ziehen weiter, hoch nach Tromsø oder direkt auf Liebestour in den Süden. Denn die Weibchen leben vor den Azoren, 4300 Kilometer weit entfernt. Dort können die Männer lieben, die Vesterålen sind alleine zum Fressen da.

Der Kapitän auf Wal-Safari trägt Walkopfhörer

Die Pottwale werden dreimal am Tag von den Hvalsafari-Schiffen angefahren, dazu kommen die Boote eines kleineren Anbieters, die sich oft dranhängen. "Weil sie kein Echolot haben, und erst später wissen, wo die Wale sind", sagt Kapitän Geir Maan. Auf der Reine hat Maan Kopfhörer auf und hört die Schallsignale der Pottwale ab; auf fünf Kilometer weit kann er sie aushorchen. Sie senden Klickgeräusche aus, um Beute aufzuspüren, sich zu orientieren oder Artgenossen zu begrüßen. Jeder Wal hat seinen eigenen Code und ist daran für die anderen im Rudel erkennbar, erfahre ich später im Hvalsenteret (Walmuseum) von Andenes.

Hier habe ich die Tourkarte gekauft und bin vor dem Ablegen noch einer Museumsführung gefolgt - durch spärlich erhellte Räumen Räume, in denen Plastikpottwale mit Riesentintenfischen kämpfen, ihren einzigen echten Konkurrenten in der Tiefe. Und in einen Saal mit einem riesigen Pottwalskelett. Er wurde 1996 angeschwemmt und dann kurzerhand im Hafenbecken versenkt. "Den Rest haben die Fische erledigt", sagt der junge Museumsführer, einer dieser stets lächelnden und sonnengebräunten Meeresbiologiestudenten, die hier schein überall sind. Und die mir nach der Führung Walgarantie versichern: eine Ausfahrt umsonst, wenn wir keinen sehen. "Nur den Platz, den muss Du selbst reservieren."

Wale zeigen sich vor den Vesterålen-Inseln ungewöhnlich oft

Heute haben wir sechs Sichtungen, angeblich der bisherige Rekord. In der Tat ist die Zahl der Beobachtungen vor den Vesterålen ungewöhnlich; andere Pott-Spots wie Island,  Azoren, Kanaren oder Kapverden können da kaum mithalten. Der Grund ist das besondere Zusammenspiel von Geologie und Strömung bei Andenes: Im Bleik-Canyon, der hier in den Kontinentalsockel fällt, sorgt eine starke Aufströmung für reichlich Sauerstoff, der pflanzliches Plankton anzieht. Dieses ernährt wiederum das Zooplankton, die Hauptnahrungsquelle der 60 Zentimeterlangen Armbrust-Tintenfische. Und diese locken Wale an. Der Canyon ist mit seinen steilen Abbruchkanten wie ein senkrechtes Buffett, an dem sich die Wale laben. Bis zu eine Tonne Fisch und Kopffüßer fressen die norwegischen Pottwale am Tag.

Die bulligen Herren von Andenes werden bis 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer. Und sie haben bis sechs Meter lang Dickköpfe – kein Kopf im Tierreich ist annähernd so groß wie der eines Pottwals. Ein Drittel seines Rumpfes sind Kopf, darin bis zu einer Tonne wachsiges Walrat, das den Tieren fast zum Verhängnis wurde. Doch der Walfang ist zumindest hier vorbei; 1986 rückten die letzten Boote aus. Drüben auf den Lofoten geht die Jagd auf Zwergwale weiter, die jedes Jahr weltweit Kritik auf sich zieht.

Grindwale, Weißseitendelfine und Orcas – das sind die anderen Arten, von denen uns die Guides erzählen, während sie dabei in der Leiter zum Ausguck hängen und immer wieder in die Ferne schauen. Die Schwertwale sind die neuesten Bewohner der Wal-WG. Seit 2009 erst sind sie vor den Vesterålen wieder heimisch. Es war das Jahr, als erstmals seit den 1960er Jahren wieder große Heringsschwärme auftauchten. Seitdem gehen die Orcas den Pottwalbullen aus dem Weg; anderswo sie Pottwalkühe und ihre Jungen durchaus an. Hier herrschte Frieden – bis zum Juni 2011, als plötzlich 18 Orcas einen Pottwal verfolgten. Ihm schwammen aber plötzlich drei Artgenossen zur Seite, scharrten sich ringförmig um den Gejagten und steckten die Köpfe zueinander. Gegen die Abwehrformation kamen die Orcas nicht an, sie verschwanden. 

 

Hafen von Andenes
Vanessa Krieg
Hafen von Andenes
Dann hören wir noch von dem verstümmelten Orca auf den Lofoten, der von anderen durchgefüttert wird, als das Schauspiel wieder losgeht: Kapitän Maan ruft, die Guides rufen lauter, Touristen schreien, die MS Reine legt sich schräg, beschleunigt und fährt auf die Sichtungsstelle zu. Das Schiff bremst ab, die Fotoschar ist in die Ecke gezuckt und formiert sich als klickbereiter Jackenklumpen. Doch alles geschieht jetzt etwas langsamer und ruhiger. Entspanntere Mienen, die Kniebefehle werden befolgt. Manch einer schweigt und sieht zu, ohne Bildzwang.

Als dann der letzte Walruf für heute kommt und wenig später ein altes großes Tier auf der mittlerweile spiegelglatten See liegt, atmet, Wasser bläst und dabei die Ruhe spürbar wird, die der majestätische Jäger vor dem nächsten Beutezug sucht, ist die Spannung endgültig abgefallen. Der Fotostress ist verflogen. Nur wenige machen noch Bilder, viele schauen einfach. Nicht, denke ich, weil sie müde sind oder bildersatt – vielleicht auch das. Aber die meisten sind nun andächtig geworden. Es scheint, als wäre nach dem sechsten Wal der Blick zum ersten Mal frei für den Wal. Als wenn die ruhenden Tiere die Fotografen beruhigt hätten. Dabei wäre der Wal vor uns gerade das beste Motiv, da er von allen bisher am nächsten ist. Dazu glänzt die See in der Mittagssonne, weil auch die letzten Wolke verflogen sind.

Wal-Beobachtungen: Glück muss man haben

Ganz klar: Ich hatte absolutes Walglück, Garantie erfüllt. Aber das Naturwunder hat mir nicht nur gut getan. Denn ich haluziniere in den Tagen danach. Wenn wir mit dem Wohnmobil an der Küste halten, und ich etwas länger auf die See blicke, sehe ich Wale, Küstenwale. Ich sehe viele, obwohl ich weiß, dass es sie so oft nicht geben kann, selbst hier. Ich diskutiere mit meiner Frau, die skeptisch ist.  Aber ich bin mir dann doch sicher, in der Ferne eine Pottwalfluke gesehen zu haben. Oder eine Orca-Finne. Als wir bei einem Spaziergang einen einzelnen Delfin sehen, fühle ich mich endgültig bestätigt und stehe mit Fernglas und Kamera noch öfter starrend am Ufer. So, wie die Fotomeute an Bord. Nur bin ich allein im Fels. Der Ort, er scheint keine Rolle zu spielen.

Zu Hause gehe ich meine Bilder durch und lösche mehrere Dutzend, auf denen nicht mehr zu sehen ist als graue Wellen und viele Schaumkronen. Es sind Küstenwale - zumindest, wenn man kurz zuvor bei Andenes schipperte und der Erhabenheit der echten Tiere ausgesetzt war.

Autor:
Torsten Schäfer