Reisen nach Nordkorea Besuch beim Diktator

Herr Lee und Herr Myoeng stehen auf dem Bahnhof der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang und warten auf ihre Reisegruppe aus Deutschland. Sie sind Reiseleiter, haben perfekte Deutschkenntnisse und sind dem Kim-Jong-il Regime treu ergeben. Die kommenden Tage werden sie die Besucher aus Deutschland in Nordkorea herumführen, ihnen das Land zeigen und Propaganda. Herr Lee ist selbst noch nie im Ausland gewesen. Herr Myeong war vor über 20 Jahren einmal sechs Monate in Deutschland, in der DDR, kurz vor dem Mauerfall. Als endlich der Zug aus Peking im Bahnhof ankommt geht Herr Lee zielstrebig auf die beiden Touristen zu, die aus dem letzten Waggon aussteigen. Schwer zu erkennen sind sie nicht, nur zwei Nicht-Nordkoreaner haben den Zug verlassen. "Sind Sie die Gäste aus Deutschland", fragt er höflich. Die beiden Touristen nicken. Dann fügt Lee hinzu, "ich bin Ihr Reiseführer."

Kaum ein Land schottet sich so stark ab wie Nordkorea. Dass Touristen aber relativ problemlos den kleinen Staat in Ostasien besuchen können, weiß fast niemand. Gleich mehrere Reiseanbieter haben sich gar auf Reisen ins nördliche Korea spezialisiert. Weil das Land so abgeschottet ist, entwickelt es einen ganz besonderen Reiz. Der ehemalige "Schurkenstaat" ist garantiert ein Reiseziel, das nicht viele vorher gesehen haben.

Die weltweit bekannteste Agentur, die sich auf Reisen nach Nordkorea spezialisiert hat, hat ihren Sitz in Peking. Die Koryo Group wurde 1993 von zwei Briten gegründet. Seit dem gibt es fast keine Dienstleistung, die mit Nordkorea und im entferntesten mit Reisen zu tun hat, die von der Koryo Group nicht schon angeboten oder ausgeführt worden wäre. Bei mehreren Filmproduktionen in Nordkorea haben sie assistiert. Auch Kultur- und Sportaustauschprogramme werden von den Briten aus Peking betreut. Sie sind mittlerweile als Dienstleister mit Schwerpunkt Nordkorea so bekannt, dass seit einigen Wochen ihre Webseite in Südkorea gesperrt ist.

Die Anzahl westlicher Touristen, die Nordkorea pro Jahr besuchen, schätzt die Koryo Group auf rund 2500. Das ist verschwindend gering, vergleicht man die Zahl mit der westlicher Touristen, die das andere Korea bereisen: Rund 7500 Touristen allein aus Deutschland waren 2010 in Südkorea, und das ist bisher kein bekanntes Reiseland. Dass kaum jemand nach Nordkorea fährt, hängt zum einen mit dem ungewöhnlichen Ziel zusammen, zum anderen aber "realisiert kaum jemand, dass man nach Nordkorea reisen kann", sagt Hannah Barraclough, eine von vier Mitarbeitern der Koryo Group. Auch der Geschäftsführer des German Travel Network, Harry Reingruber, hat diese Erfahrung gemacht. Seit drei Jahren hat er Nordkorea im Angebot. "Grundsätzlich läuft das sehr zuverlässig, aber wir haben vielleicht 30 Touristen, die wir pro Jahr dorthin schicken", sagt er.

Nach Nordkorea zu reisen bedeutet in erster Linie, sich schon vor Reiseantritt intensiv mit dem Land auseinandergesetzt haben. Einfach hinfahren und durchs Land reisen ist nicht möglich. Die Tour muss vorher festgelegt werden. Einmal gebucht können Änderungen nicht ohne Weiteres aufgenommen werden. "Das Reiseprogramm kann aber frei gestaltet werden", sagt Malika Ben Naoum-Horst. Sie betreibt den Korea-Reisedienst in Hannover. Seit über 20 Jahren organisiert sie Trips nach Nordkorea. Wenn das Programm zusammengestellt ist, wird aus Deutschland in Pjöngjang bei der staatlichen Tourismusorganisation Ryohaengsa angefragt. Hat man dort am Reiseverlauf nichts auszusetzen, kann der Aufenthalt in Nordkorea gebucht werden. Fünf Tage, sieben Tage, zehn oder auch 14 Tage nach Nordkorea sind möglich. Das nötige Visum gibt es entweder von der nordkoreanischen Botschaft in Berlin oder beim Zwischenstopp in Peking.

Momentan ist es nur möglich von China aus nach Nordkorea zu reisen. Die Anreise nach Peking muss separat geplant werden. Von da geht es entweder per Flugzeug oder mit der Eisenbahn in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang. Und dort warten dann zum Beispiel Herr Lee und Herr Myeong. Ein eingespieltes Team sind die beiden aber nicht. Denn zusammen gearbeitet haben sie noch nie zuvor. Und auch wenn die nächsten Touristen aus dem deutschsprachigen Raum das Land bereisen, werden Lee und Myeong wohl nicht wieder im Doppel auftreten. Die beiden Reiseleiter sollen weder mit den ausländischen Gästen, noch zueinander eine zu enge Bekanntschaft aufbauen.

Ein Visum für (fast) jeden

Wer mit der Koryo Group nach Nordkorea reist, kommt meist am Flughafen an. "Normalerweise reisen wir mit dem Zug zurück nach China", erklärt Hannah Barraclough. "Denn der Flug mit Koryo Air ist ein echtes Erlebnis." An Board erhält jeder Gast eine "Pyongyang Times". Etwas ganz Besonderes, denn die Wochenzeitung ist außerhalb des Landes quasi nicht zu bekommen. Das eigentlich Besondere ist aber die Bitte, die Zeitung nicht zu knicken oder zu zerknüllen, um ein eventuell enthaltenes Bild der beiden Führer Kim Jong-il oder Kim Il-sung nicht zu entehren. Ein weiterer Grund sich fürs Fliegen zu entscheiden: Die rund 800 Kilometer lange Fahrt von Peking nach Pjöngjang dauert rund 24 Stunden. Neun Stunden für mehr als drei Viertel der Strecke in China, drei Stunden Aufenthalt auf jeder Seite der Grenze und schließlich nochmal neun Stunden für die abschließenden gut 100 Kilometer bis Pjöngjang.

Einmal in Nordkorea angekommen wird erwartet, dass die regionalen Gegebenheiten respektiert werden. "Man sollte vor allem für Neues aufgeschlossen sein, wenn man dort hin fährt", sagt auch Hannah Barraclough. "Insbesondere sollten Touristen die Reiseleiter respektieren." Wer sich in Nordkorea nicht anpasst, der bringt weniger sich selber, als vielmehr die Nordkoreaner, mit denen er Kontakt hat, in Gefahr. Denn die sind für das Verhalten des ausländischen Gastes verantwortlich und können nicht einfach nach fünf oder sieben Tagen in den Zug steigen und zurück nach China in die Freiheit fahren.

Tatsächlich sind die Gepflogenheiten in Nordkorea unter Umständen gewöhnungsbedürftig. Beim Besuch der Internationalen Freundschaftsausstellung geht es zum Beispiel als erstes in einen Raum mit einer überdimensionierten Kim Jong-il Statue, vor der sich nach Aufforderung durch die Reiseleiter auch die Gäste zu verbeugen haben. Dieses Ritual wird auf dem Mansudae-Hügel einige Tage später vor der Riesenstatue des immerwährenden Präsidenten Kim Il-sung wiederholt. Samt Blumenstrauß, der zu Füßen des Diktators niederzulegen ist.

Abgesehen von Einschränkungen, die für US-Amerikaner und Südkoreaner bestehen, kann fast jeder ohne größere Probleme ein Visum erhalten. "Wir hatten erst einmal den Fall, dass jemand kein Visum für Nordkorea bekommen hat", sagt Harry Reingruber, der Inhaber von G-T-N Reisen in Schwabach. Das sei ein Bundeswehrsoldat gewesen, der im Übrigen nach wie vor in die Demokratische Volksrepublik Korea reisen wolle. "Aus Nordkorea kam der leise Hinweis, er solle doch beim nächsten Antrag einfach statt Soldat als Beruf Beamter angeben, dann werde auch das Visum ausgegeben." Auch wer als Journalist einreisen möchte, hat wenige Chancen auf ein Visum. Büroleiter oder Produzent sind dagegen Berufsbezeichnungen, die nicht im Widerspruch zu den nordkoreanischen Visavergaberegeln stehen.

Auch moralisch ist eine Reise nach Nordkorea nicht jedermanns Sache. Wer in das Land fährt, der unterstützt das Regime in Pjöngjang finanziell. Bei der Koryo Group hält man allerdings einen anderen Aspekt für wichtiger: Die Annäherung an das abgeschottete Land. Jede Reisegruppe und jeder Tourist, der ins Land kommt, hat einen positiven Einfluss auf die Bevölkerung und in erster Linie auf die Reiseleiter, glaubt Barraclough. "Die bekommen ein gutes Training und Erfahrungen mit Ausländern", erklärt sie. Das könne in der Zukunft einmal eine wichtige Qualifikation sein.

Dann, wenn Herr Lee und Herr Myeong einmal am Bahnhof in Pjöngjang stehen und nicht auf ihre Reisegruppe warten, sondern auf den Zug nach China.

Autor:
Malte E. Kollenberg