Nordirland Der unbekannte Norden Irlands

Bisher hatte die "Girona" Glück gehabt. Englischen Feinden und heftigen Stürmen knapp entkommen, lief die arg ramponierte Galeasse der spanischen Armada den Hafen Killybegs an. Dank der Unterstützung eines irischen clan chief konnte sie rasch instand gesetzt werden. Die Invasion Englands schmählich gescheitert, mehr als 20 Schiffe der stolzen Kriegsflotte allein in irischen Gewässern gestrandet - nun wollten sich die Spanier nach Schottland durchschlagen. Mit 1300 Mann an Bord segelte die "Girona" am 30. Oktober 1588 an der Antrim-Küste entlang. Wieder kämpfte sie mit schwerer See.

Um Mitternacht brach das Ruder. Die Besatzung versuchte noch, das Schiff von den Klippen fernzuhalten. Vergeblich, die "Girona" zerschellte. Nur neun Männer konnten ihr Leben retten. Von Leuten aus dem nahen, hoch über dem Meer thronenden Dunluce Castle wurden sie gefunden. Die Burgherren nahmen die Gestrandeten auf, versorgten sie gut und schickten sie dann fort. Weil seither auch Menschen mit schwarzen Haaren und dunklen Augen hier leben, kehrten wohl nicht alle sofort heim.

Wieder im Oktober, über 400 Jahre später. Wie damals ist die Gastfreundlichkeit sehr herzlich, man kann sie nur über den irischen grünen Klee loben, und so manches gemütliche Bed & Breakfast wird auch zu dieser Jahreszeit noch frequentiert. Es ist unglaubliche 18 Grad warm und die See von einem für Irland unverschämt knalligen Blau. Die Fregatte F 81 "HMS Sutherland" der Royal Navy fährt dicht unter der Küste spazieren. Oben in den schönen, bizarren Ruinen von Dunluce Castle stehen Sonntagsausflügler, sie fotografieren, genießen die Sonne und den Blick aufs Meer. Wäre man clan chief oder Graf, genau hier baute man sich auch heute sein Domizil. Und schaute hinaus über eine der berauschendsten Landschaften, die an Europas Küsten auf Entdeckung warten.

Die Klippen, schwarze Basaltsäulen, roter Sandstein und weiße Kreidefelsen, zerfräsen die atlantische Steilküste zwischen Castlerock und Ballycastle. Oben auf dem Hochplateau vor dem Causeway Head wuchern Wacholder, Heide, Brombeere und Stechginster. Ihre Undurchdringlichkeit bewahrt die Wanderer auf den Pfaden und die Schafe auf den Weiden vor dem Abgrund. Tief unten brechen Tausende verstreuter Felsbrocken und strenge Basaltformationen die auflaufende See. 162 Stufen fordern, ausgenommen bei starkem Wind, zum Abstieg heraus. Wo sonst wird man am Ende eines schmalen Schäferstiegs mit einem Weltnaturerbe belohnt: dem "Damm des Riesen".

Konkurrenz für die Mittelmeerküste

Giant's Causeway ist ein Wunder aus fast 40.000 fünf- oder sechseckigen Basaltsäulen, eng aneinandergepasst am Strand. Man möchte kaum glauben, dass die so regelmäßige Felskomposition natürlichen Ursprungs ist. Sie weckt Phantasien, einzelne Gruppen dieser vulkanischen Kuriosität werden "Orgel des Riesen", "Amphitheater" und "Hufeisen" genannt. Kinder lassen sich gern erzählen, dass die massenhaften Klötze das Werk des irischen Riesen Finn McCool seien, der trockenen Fußes eine verfeindeten Kumpanen in Schottland heimsuchen wollte. Weil dieser geologische Skulpturenpark eine der bedeutendsten Attraktionen Nordirlands ist, kommt man auch mit de Shuttle-Bus hin.

In den nahen viktorianischen Badeorten Portstewart und Portrush sieht ein nordirischer Sonntagnachmittag so aus: Die Seepromenaden sind bevölkert, und die Haltebuchten für Autos sind vollgeparkt. Mit fish 'n' chips, Eiskrem und der Sportzeitung hocken ganze Familien in ihren Autos und sind zufrieden, solange ihnen niemand den Blick aufs Meer verstellt. Da loben sich andere die Weitläufigkeit der Strände. Strände wie vor Portstewart oder an der Whitepark Bay versetzen Antrim-Anfänger erst in Erstaunen und dann in Begeisterung. Diese feinsandigen, kilometerweit ausholenden Gestade mit Dünen, weißen Kreidehochufern und grünen Hügelketten! Und plötzlich geht hier so mancher Urlauber den Mittelmeerküsten ein für allemal verloren.
Enthusiasten verlängern gern die Saison, indem sie sich zum Baden in Neoprenanzüge zwängen. Abends können sie sich dann mit einem edlen Whiskey im gemütlichen Landhotel "Bushmills Inn" durchwärmen.

Die Old Bushmills Destillery von 1784 ist in der Nähe und zu besichtigen, natürlich mit Verkostung. Auch Frederick Hervey (1730-1803), vierter Earl of Bristol und anglikanischer Bischof von Derry, soll kräftig eingeschenkt haben. Die Stätte seiner ausschweifenden Bankette, der Landsitz Downhill bei Castlerock, ist nicht mehr sehr einladend, wird aber geadelt durch eine gloriose Historie. Den klassizistischen Palast, im 18. Jahrhundert auf einem Hochplateau über dem Meer erbaut, findet man nur noch als Ruine vor. Auf der Treppe zur einstigen Vorhalle hocken junge Leute und angeln sich ein frugales Mahl aus dem Picknickkorb. Da servierte der Fürstbischof seinen Gästen Besseres.

Und danach ließ sie der weltgewandte, gebildete und reiseerfahrene Grandseigneur durch die Palastkorridore mit vielen Gemälden großer Meister flanieren und bat, vorzugsweise Damen, in seine reich sortierte Bibliothek. Einer jung gestorbenen Frau zum Andenken, Frideswide Mussenden, der wohl sein Herz gehört hatte, ließ Hervey einen römischen Tempel nachbauen. Den gibt es noch, er steht hart an der Kante der Steilküste und wird irgendwann Opfer der Küstenerosion werden. Bis dahin erinnert der Mussenden Temple an einen Exzentriker, der nicht nur Lebemann war, sondern couragiert gegen die Diskriminierung der Katholiken wetterte und als protestantischer Kirchenführer katholische Messen auf seinem Grund und Boden zuließ.

Einen Mann wie Frederick Hervey hätte man im Derry des 20. Jahrhunderts dringend gebraucht. Derry liegt sehr schön in einer Hügellandschaft, durch die sich der River Foyle windet. Von der Antrim-Küste kommend, fährt man hinab in die Stadt. Derry oder Londonderry - auf einigen Ortsschildern votierten radikale Bürger mit dem Farbtopf: Londonderry unterstreicht die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich, also wurde das Präfix "London" je nach politischem Bekenntnis übermalt oder wieder hinzugefügt. Das Zentrum von Derry ist rundum von einer breiten, anderthalb Kilometer langen Stadtmauer mit sieben Toren eingefasst, keine Stadt in Irland hat heute noch so eine Promenade. Jogger eilen vorbei, Touristen begutachten alte Kanonen.

Unterhalb des östlichen Walls weist sich ein protestantisches, probritisches Wohnviertel auf großer Tafel aus: "Londonderry West Bank Loyalists still under siege. No surrender". Die Britentreuen fühlen sich noch immer belagert. "Wir ergeben uns nicht!" 105 Tage lang hatten die Truppen des abgesetzten katholischen Königs Jakob II. die mehrheitlich protestantische Stadt belagert. Dabei wäre sie fast kampflos besetzt worden. Doch bevor die Stadtoberen im Dezember 1688 die Soldaten hereinlassen konnten, ließ eine Gruppe junger Leute kurzerhand die Fallgatter der Stadttore herab. Als Monate später endlich die Schiffe des protestantischen Gegenkönigs Wilhelm III. von Oranien den katholischen Blockadering sprengten, lebte nur noch die Hälfte der Einwohner. Doch der Mythos der heldenhaften "13 Lehrlinge" wird bis heute von den "Apprentice Boys"-Bruderschaften lebendig gehalten.

Politische Wandmalereien in Derry

Die Katholiken von Derry pflegen hingegen die Erinnerung an den 30. Januar 1972. An diesem Sonntag demonstrierte die Bürgerrechtsbewegung der stets benachteiligten katholischen Bevölkerung gegen die Internierung von Hunderten politischen Gefangenen, die ohne Prozess einsaßen. Britische Fallschirmjäger richteten ein Blutbad an. 14 Menschen wurden erschossen. Keines der Opfer war bewaffnet, doch die Armee erklärte, sie habe nur das Feuer erwidert. Erst 2010 bat die britische Regierung für den "Bloody Sunday" um Verzeihung. Erneut ein Blick über die Stadtmauer, diesmal nach Westen. Auch hier Parolen. An einer Giebelwand steht: "You are now entering free Derry." Dies ist das katholische Viertel Bogside.

Wer die jüngere Geschichte des konfessionell-politischen Zwistes auf ungewöhnliche Weise erleben will, besucht dort die People's Gallery. Sie zieht sich an Häuserwänden der gesamten Rossville Street hin. Murals, Wandmalereien, die ganze Hausmauern beanspruchen, zeigen eindrucksvoll Szenen der troubles in einer Stadt, die wie keine andere für den irischen Bürgerkrieg steht. Der Bloody Sunday hat sich nicht nur tief in die Geschichte Irlands, sondern auch in das Leben der drei Künstler Tom und William Kelly und Kevin Hasson eingebrannt, die von 1994 bis 2008 ein Dutzend murals malten. Persönlich führen sie Besucher zu ihrer Kunst, deren Aktualität glücklicherweise mehr und mehr verblasst. Derry/Londonderry gibt sich heute friedlich, lebhaft und attraktiv.

Die Gefahr, in Nordirland in politische Auseinandersetzungen zu geraten, ist ungleich geringer, als etwa von Schafen attackiert zu werden. Aber die lassen sich nicht mal sehen auf dem Weg durch die Sperrin Mountains, eines der schönsten und einsamsten Hochlandgebiete auf dem Weg nach Omagh. Man kann nicht über Nordirland schreiben, ohne auf Omagh einzugehen, was hiermit geschehen ist. Aber wenige Kilometer außerhalb dieser Stadt befindet sich immerhin der Ulster American Folk Park mit Gehöften und Siedlungen der Alten und Neuen Welt. Dieses Freilichtmuseum ist für Iren und viele Amerikaner bedeutend. Über zwei Millionen Iren allein aus der Provinz Ulster bestiegen im 18. und 19. Jahrhundert Auswandererschiffe.

Das Navan Fort kurz vor Armagh führt noch viel tiefer in die irische Geschichte, gibt aber bei zunehmender Erforschung immer mehr Rätsel auf. Zu sehen ist nicht mehr als ein riesiger aufgeworfener, von einem Erdwall umgebener Grashügel. Der Sage nach Sitz des mythischen keltischen Königs Conchobar von Ulster, bronzezeitliche Siedlung und kurz vor der Zeitenwende Ort eines riesigen hölzernen Tempels, der vermutlich in einer Opferzeremonie abbrannte. Bei Ausgrabungen fand man den Schädel eines Berberaffen aus Nordafrika, wie man im Besucherzentrum erfährt.

Im gemütlichen Armagh ist der Reisende wieder in die christliche Zeit zurückgekehrt. Sie präsentiert sich in beiderlei irischer Gestalt mit zwei Kathedralen, die beide dem heiligen Patrick geweiht und jeweils erzbischöflicher Sitz für ganz Irland sind. Auf die Frage, ob man zwecks Wegersparnis erst die katholische und dann die anglikanische Kirche aufsuchen solle oder besser umgekehrt, antwortet ein älterer Einheimischer:
"Egal. So oder so, am Ende deines Weges steht Gott."

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Tibor M. Ridegh