Panama Karneval am Kanal

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass Wasser das zentrale Element Panamas ist. Hier konnte man im ausgehenden 19. Jahrhundert das Glück für sich verbuchen, dass sich die Planer eines historischen Bauwerks für das schmale Land auf dem Weg von Nord- nach Südamerika entschieden haben. Eigentlich sollte ein Äquivalent des Panamakanals in Nicaragua entstehen, was allerdings nie realisiert wurde. So wurde das Wasser nicht nur zur wirtschaftlichen Goldgrube Panamas. Es machte das Land auch zum zentralen Knotenpunkt für die moderne Schifffahrt, für die nach der Eröffnung 1914 nicht mehr die Umrundung des südamerikanischen Kontinents nötig war, um vom Atlantik in den Pazifik zu kommen.

Auch beim alljährlichen Karneval in Panama spielt das nasse Element eine entscheidende Rolle. Während es beim großen Bruder in Rio de Janeiro zum anstehenden Saisonstart am 11. November wieder hauptsächlich um sexy Posen mit viel nackter Haut sowie immer größere und buntere Paradewagen geht, hat man für die närrische Zeit in Panama schon zu Kolonialzeiten ein anderes Alleinstellungsmerkmal etabliert.

Wenn die Nassmacher kommen

Vor allem zum großen Finale rund um den Rosenmontag, wenn auch in unseren heimischen Hochburgen gefeiert wird, kocht die Stimmung bereits in der gleißenden Mittagshitze über. Zwischen der Kulisse der mächtigen Hochhäuser Panama-Stadts, die so sehr an Miami erinnern, und der hübsch-kolonialen Altstadt Casco Viejo tanzen gebräunte Latinas und Latinos mit geübtem Hüftschwung. Von der Bühne auf einem abgesperrten Areal an der Uferpromenade Cinta Costera schallen die Beats bekannter Reggaeton-Künstler Panamas. Und obwohl keine Wolke am Himmel zu sehen ist, beginnt es urplötzlich wie aus Eimern zu gießen.

Eine Schäfchenwolke mit Leck? Ein karibisches Sturmungeheuer? Mitnichten. Grund für die Wassermassen sind die sogenannten culecos. Die traditionellen "Nassmacher" stehen mit Wasserschläuchen in der Hand auf riesigen Tankwagen und kühlen die Massen ab. Gelfrisuren und geschminkte Gesichter haben hier keine Chance. Dazu sorgen Blubbermaschinen von der Bühne für eine glitschige Schaumparty auf der Tanzfläche. Es ist nicht alles jugendfrei, was in diesen Tagen unter den nassen Klamotten zum Vorschein kommt. Doch das stört hier keinen: Die Menschen toben und trinken ihren Seco-Rum, das Nationalgetränk Panamas - endlich ist wieder Karneval!

Obere Straße gegen untere Straße

Die Tradition der culecos ist im ganzen Land gegenwärtig: In Penonomé, dem geografischen Mittelpunkt des Landes, genauso wie im idyllischen Portobelo an der karibischen Küste oder in der Karnevalshochburg Las Tablas. Nur gibt es auf dem Dorf noch ein ganz anderes Ritual, das ebenfalls aus der alten Zeit stammt: Calle Arriba gegen Calle Abajo - die obere gegen die untere Straße. Wer rüstet mehr auf? Wer baut die pompöseren Paradewagen? Wer macht die anderen nasser?

In Panama-Stadt ist diese Rivalentradition weitgehend gewichen, als die Regierung das Karnevalstreiben aus der Innenstadt an die Küste verlegt hat. Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken. "In den 1990er Jahren war unser Karneval ein wenig in Vergessenheit geraten", sagt Ernesto Orillac, Panamas Vize-Tourismusminister. "Wir haben ihn nun mit neuem Konzept wiederbelebt, um ihn auch für internationale Touristen erlebbarer zu machen." Jedes Jahr kommen zwei Millionen Besucher nach Panama, speziell zum Karneval in der Hauptstadt sind es bisher etwa 10.000.

Und die treffen sich fünf Tage lang jeden Abend mit den Einheimischen an der Cinta Costera, tanzen und lachen und trinken entlang der Imbissbuden und schauen sich auf der Hauptbühne international bekannte Salsa-Stars wie Rubén Blades an. Zwischendurch wird auf dem Asphalt für die frischgekürte Karnevalskönigin Platz gemacht, die sich gegen bis zu 300 Mitbewerberinnen durchgesetzt hat und sich nun nebst Prinzessinnen winkend und wippend auf einem bunten und illuminierten Paradewagen präsentiert. Dazu wird jeden Abend ein großes Feuerwerk gezündet.

Am und auf dem Panamakanal

Auch an den Miraflores-Schleusen staunen massenweise Menschen über vorbeiziehende Vehikel. Doch mit dem Karneval hat man hier an der berühmtesten Schleusenanlage des Panamakanals nichts am Hut. Die Besucher sitzen auf einer großen Tribüne am Rande des Spektakels, aus den Lautsprechern über ihnen knarzt eine Stimme, die auf Spanisch und Englisch das beeindruckende Szenario erklärt. Ein riesiger Ozeankoloss schiebt sich gerade im Schneckentempo durch die enge Schleuse, um dann innerhalb von Minuten mindestens 13 Höhenmeter zu verlieren. Als das Containerschiff seine Fahrt fortsetzt, wirbt die Stimme in der Tribünendecke: "In unserem Kino startet gleich eine Dokumentation zur Geschichte des Panamakanals." Umgehend leeren sich die Reihen und man hat die Sicht auf die Schleusentore einen Moment lang für sich alleine. Bis zum nächsten Koloss...

Wer die Wasserstraße aus einer anderen Perspektive erleben möchte, fährt noch ein Stück weiter nach Norden. In Gamboa lebten einst vor allem Amerikaner, bis die USA den Kanal 1999 offiziell an Panama zurückgaben. Zwar sieht der Ort mit seinen pastellfarbenen Holzhäusern lediglich wie ein verschlafener US-Vorort aus, die Lage zwischen dem Kanal und dem künstlich geschaffenen Gatún-See ist aber traumhaft. Vom "Gamboa Rainforest Resort" starten überdachte Motorboote, mit denen man zwischen den Ozeanriesen hindurchschippern kann - ein tolles Erlebnis!

Beim Abstecher in den Gatún-See, einen der größten künstlichen Seen der Welt, fährt man entlang saftiggrüner Hügelinseln. Sie waren einst Berggipfel, deren Füße beim Fluten der Gegend im Wasser verschwanden. Auf einer der Inseln, "Monkey Island", ist eine auffällig hohe Population an Kapuzineräffchen entstanden, die neugierig durch die Wipfel springen, wenn sich die Ausflugsboote nähern.

In der Nähe des Resorts kann man sogar selbst die Wipfel des Regenwalds erklimmen - per Seilbahn, an deren Bergstation sich eine Aussichtsplattform befindet. Von ihr hat man den perfekten Rundumblick auf das grüne Land und kann die himmlische Ruhe der Natur genießen.

Der Blick folgt dem Lauf des Kanals, bis er kurz vor seiner Südmündung bei Panama-Stadt am Horizont verschwindet. Irgendwo dort hinten bereitet man sich inzwischen schon wieder vor - auf die nächste Partynacht beim Karneval am Kanal.

INFOS zu Anreise und Unterkunft in Panama

Anreise: KLM fliegt täglich von zehn deutschen Flughäfen via Amsterdam nach Panama-Stadt (ab 739 Euro). Günstiger wird es montags und donnerstags mit Condor ab Frankfurt über Santo Domingo (ab 360 Euro).

Unterkunft: Eine gute Ausstattung mit zentraler Lage in Panama-Stadt hat das "Hotel El Panama" (ab 102 Euro/DZ, www.elpanama.com). Das "Gamboa Rainforest Resort" liegt traumhaft zwischen Kanal, Regenwald und Gatún-See (ab 255 Euro/DZ, www.gamboaresort.com).

Auskunft: Die Karnevalshochzeit ist vom 9. bis 12. Februar 2013. Infos über Panama gibt es auf der offiziellen, englischsprachigen Tourismus-Website www.visitpanama.com

Autor

Christoph Pfaff