Kanada Vancouver, die Geliebte im Westen

Vancouver ist in einer traumhaften Lage: zu Füßen das Meer, im Rücken die Berge und dazu 600.000 Einwohner, die ihre Heimat regelmäßig zum Weltmeister in Sachen Lebensqualität küren.

Vancouver habe ich immer geliebt, aber es ist eine komplizierte Liebe, die nicht nur mit der Schönheit dieser Stadt zu tun hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Stadt Vancouver in Kanada ist schön. Es verbirgt sich zwischen den North Shore Mountains und dem Pazifik, der von Westen als Burrard Inlet ins Land hineinragt. Krokusse und Narzissen blühen im Februar. Weißkopfseeadler kreisen am Himmel. An klaren Tagen scheinen die Lichter der Innenstadt über dem Inlet zu schweben, als sei Vancouver gerade dem Meer entstiegen. Aber für mich bedeutet diese Stadt weit mehr als all das, ich liebe sie wegen ihrer Widersprüche.

Vancouver damals und heute

Mein Großvater emigrierte 1913 aus China nach Vancouver, das damals von Holzwirtschaft und Fischerei geprägt war - und von Männern, die harte, schmutzige Arbeit verrichteten. Denen schnitt mein Großvater, ein sorgfältig gekleideter Mann, in seinem kleinen Barbiersalon die Haare und Bärte. Dabei hörte er sich ihre Geschichten an: wie sie im Busch oder auf See knapp dem Tod entronnen waren. Auf den ersten Fotografien, die er nach Hause schickte, um seiner Frau zu beweisen, dass er noch am Leben war, sah man auch damals schon die Berge.

Freizeitaktivitäten wie Rudern lassen sich in Vancouver gut ausüben.
Vancouver gehört zu den Städten mit der weltweit höchsten Lebensqualität. (Klaus Bossemeyer)
 

Aber das Vancouver von damals, die Stadt, die mein Großvater durchquerte, wenn er von seinem Mietzimmer zu seinem kleinen Laden ging, machte sich wenig aus dieser großartigen Natur. Hier zu leben, bedeutete für meinen Großvater, zu akzeptieren, dass er als Chinese vorerst nicht die Staatsbürgerschaft beantragen konnte - das war erst 1947 möglich. Es bedeutete, dass er so schnell wie möglich Englisch lernen musste, damit er die Zeitungen lesen konnte. Und als er genug Geld gespart hatte, kehrte er nicht nach China zurück, sondern holte seine Frau und seinen Sohn nach Vancouver.

Meine Beziehung zu dieser Stadt, in der ich geboren bin, ist nicht annähernd so schwierig wie die meines Großvaters. Im Gegenteil. Die Gegensätze meiner Stadt begeistern mich. Ich liebe es, zum Lighthouse Park zu wandern und dann später am Abend Cocktails in einer schicken chinesischen Brasserie zu trinken. Alles ist hier möglich und machbar, und deswegen spielen alle meine Bücher in dieser Stadt.

Vancouver – Natur und Urbanität

Als Studentin zog ich in eine Stadt auf der anderen Seite des Landes. Aber die Wochen dort krochen dahin, und ich ertappte mich dabei, wie ich in meinem winzigen Apartment herumstapfte und vermisste, was ich hinter mir gelassen hatte. Als mein erstes Semester endete, beschloss ich, nach Hause zurückzuziehen.

Ich stürzte mich Hals über Kopf in meinen ersten Roman, entschlossen, alle Sünden und Tugenden Vancouvers offenzulegen. Ich verliebte mich erneut in die Stadt, nicht nur in die überwältigende Naturkulisse, sondern auch in ihren Gegenpol, die urbane Seite, zu der die legendären Bordelle in der Shanghai Alley ebenso gehörten, wie die breit gefächerte Subkulturszene.

Jachthafen von Vancouver
Klaus Bossemeyer
Nach Feierabend geht es oftmals noch mit dem Boot hinaus aufs Meer.

Vancouver – von Osten nach Westen

Vancouver ist gespalten. Auch geografisch in Ost und West, das war schon zu Zeiten meines Großvaters so. Auf der West Side liegen die gut gepflegten Strände. Am Jericho Beach picknicken Familien, am Kitsilano Beach treffen sich die Jungen und Schönen. Nicht weit entfernt in Gegenden wie Shaughnessy oder Point Grey stehen prachtvolle, hundert Jahre alte Herrenhäuser. Die Immobilienpreise hier gehören zu den Höchsten in ganz Nordamerika.

Der Osten bestand dagegen immer aus rauen Arbeitervierteln und ist berühmt für den bunten Mix seiner Bewohner. Die Italiener bevölkerten Commercial Drive, die Asiaten Chinatown. Auf der Main Street, der geschäftigen Durchfahrtsstraße, reihten sich Wäschereien und Nudellokale aneinander. Ob jemand sich dem Osten oder Westen zuordnet, hat oft eine tiefere Bedeutung. "Ich bin von East Van" meint: "Ich habe mehr Ideen als Geld." "Ich bin von der West Side" heißt so viel wie: "Ich mache mir ein schönes Leben."

English Bay Beach im Zentrum von Vancouver.
Klaus Bossemeyer
In den Sommermonaten sind die Stadtstrände von Vancouver gut besucht.

Vancouver und der Wandel der Zeit

Wer Luxusautos fährt, lebt in der Regel im Westen. Wer den Bus nimmt, wohnt im Osten. Ich bin in der Nähe von Commercial Drive aufgewachsen, aber auf der West Side zur High School gegangen, weil meine besorgten Eltern eine Schule im wohlhabenderen Teil der Stadt für sicherer hielten. Jeden Tag fuhr ich mit dem Bus einmal quer durch Vancouver, 50 Minuten lang, und sah, wie vor dem Fenster die rund um die Uhr geöffneten, kleinen Geschäfte allmählich von teuren Autohäusern und Bioläden abgelöst wurden. Ich habe in meiner Klasse nicht groß verbreitet, woher ich komme, aber ich glaube, es wusste ohnehin jeder Bescheid. Ich war gut in der Schule und trug Secondhand-Jeans. Was sonst brauchen privilegierte Teenager zu wissen?

Mittlerweile arbeitet sich die Gentrifizierung ostwärts und sprenkelt die Straßen mit Boutiquen und teuren Restaurants. In dieser Stadt ist es leicht, für ein Essen zu zweit 300 Dollar zu bezahlen, aber genauso leicht kann man nur 30 ausgeben. Die Bandbreite reicht vom noblen "Hawksworth" im "Rosewood Hotel Georgia" (kürzlich zum besten Restaurant Kanadas ernannt) bis zu "Save-On-Meats", einer Metzgerei mit Restaurant, die den Menschen im rauen Viertel ringsum - Downtown Eastside - bezahlbares Essen anbietet. Kriminelle, Dealer und Obdachlose versammeln sich an der, in ganz Kanada berüchtigten, Kreuzung Main und Hastings - nur ein paar Blocks vom "Terminal City Club" entfernt, einem exklusiven, über 100 Jahre alten Privatclub.

Wolkenkratzer in Downtown Vancouver.
Klaus Bossemeyer
Gläserne Bauten zieren die Innenstadt von Vancouver.

Gegensätze im Vancouver der Vergangenheit

Wenn ich über meine Stadt schreibe, dann meistens über die Entwicklung dieser Gegensätze im Vancouver der Vergangenheit, das zu gleichen Teilen Ort der Träume, wilde Industriestadt und glamouröses Unterhaltungszentrum war. Irgendwann hatte jeder hart arbeitende Mann einen freien Tag und ein wenig Geld, um es auf den Kopf zu hauen, und so öffneten Bordelle und Saloons. Als die Stadt erwachsen wurde, folgten Varietétheater, und die 1950er Jahre waren die Glanzzeit der Supper Clubs, in denen Künstler wie Sammy Davis Jr. auftraten. Vancouvers harter Kern wurde mit diesen neuen Lokalen aber nur oberflächlich kaschiert, zwielichtige Elemente verlegten damals ihr Geschäft auf Strip-Bars.

Diese Stadt verändert sich ständig, pulsiert, lässt sich in keine Schublade stecken. Die Menschen hier streben stets nach Neuem, nach Innovation. Hier wurde Greenpeace geboren. Hier sind die kanadischen Streiter für eine Marihuana-Legalisierung zu Hause. Vancouver ist tolerant, feiert alle Varianten von Sexualität - der Höhepunkt ist die jährliche Pride Parade, die über 600.000 Menschen anzieht. Diese Offenheit lockt Männer und Frauen aus aller Welt hierher. Die Hälfte der Einwohner im Großraum Vancouver haben eine andere Muttersprache als Englisch. Chinatown ist eines der größten asiatischen Viertel in ganz Nordamerika.

Chinese Garden in Downtown Vancouver.
Klaus Bossemeyer
Oase der Ruhe: der chinesische Garten in der Carrell Street in Vancouver

Von der Suche nach gutem Wetter und toleranten Menschen

Vancouver ist die letzte Station auf dem Weg "Going West", den rastlose Kanadier wie mein Ehemann eingeschlagen haben. Er kam aus der von Äckern und Prärie geprägten Provinz Saskatchewan in diese Stadt - wie viele andere auf der Suche nach gutem Wetter und nach Menschen, die jedermanns Eigenheiten hinnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Diese Atmosphäre machte es mir leicht, mit 16 Jahren daran zu glauben, dass ich Schriftstellerin werden könnte. Ich bin das Kind von Immigranten, von praktisch veranlagten, konservativen, vorsichtigen Menschen, die die Chancen, die Kanada ihnen bot, nicht durch eine unglückliche Berufswahl verschwenden wollten. Aber als ich erwachsen wurde, sah ich, wie andere in meiner Stadt Künstler, Musiker und Dichter wurden, Leute wie der Schriftsteller Wayson Choy, die Lyrikerin Daphne Marlatt und der Fotograf Stan Douglas. Ich konnte wie sie sein. Ich würde schreiben.

Wenn mich als Teenager die Gedanken an meine Zukunft schwindelig machten, saß ich oft Stunden auf einem kleinen Felsen, der am English Bay Beach in den Ozean ragt. Noch heute ist dieser Stein für mich der perfekte Platz, um nachzudenken oder nichts zu denken, um zu beobachten oder einfach frei zu atmen. Auch dort habe ich Vancouvers Gegensätze vor Augen: Die Kajakfahrer, die hier durchs Wasser paddeln, halten auf einer Seite nach Seehunden Ausschau und bestaunen auf der anderen die Hochhäuser. Ich kenne Leute, die von hier weggezogen sind, weil sie mit dieser Stadt nicht zurechtkamen. Vancouver erschien ihnen zu schräg, zu verwirrend, ein loses Nebeneinander verschiedener Milieus und Interessen. Doch glauben Sie mir: Wer sich auf Vancouver einlässt, den wird es verzaubern. So wie mich. Ich habe mir selbst versprochen, dass diese geschäftige, komplizierte Stadt am Meer für den Rest meines Lebens mein Zuhause sein wird.

Lieblingsplätze in Vancouver von MERIAN.de-Autorin Jen Sookfong Lee

Restaurants in Vancouver 

  1. Bao Bei Chinese Brasserie: "Bao Bei" schafft es, Mahlzeiten zu zaubern, die mich zugleich an meine Mutter erinnern und meine Vorliebe für moderne kantonesische Küche befriedigen. Dazu kreative Cocktails - mitten in Chinatown. Adresse: 163 Keefer Street, www.bao-bei.ca
  2. L'Abattoir: Es gibt eine Menge französischer Restaurants in Vancouver, aber niemand vermischt die Aromen der Westküste so gekonnt mit klassischen französischen Rezepten wie Chefkoch Lee Cooper. Das Gebäude war Vancouvers erstes Gefängnis! Adresse: 217 Carrall Street, www.labattoir.ca

Bars in Vancouver

  1. Bitter Tasting Room: Das "Bitter" ist mein Lieblingsort für ein kühles Bier. Hier gibt es das Beste von kleinen Brauereien aus der Region, dazu selbst gemachte Brezeln, "Schottische Eier" und viele weitere Snacks. Adresse: 16 West Hastings, www.bittertastingroom.com
  2. The Keefer Bar: In der kleinen, düsteren und lauschigen "Keefer Bar" mixt man die schrägsten Cocktails in ganz Vancouver - mit Zutaten wie Mandelmilch oder einer mysteriösen Immunitäts-Tinktur. Einen Abend hier zu verbringen, fühlt sich an, als wäre man Mitglied in einem exklusiven Club. Einmal in der Woche treten Burlesque-Tänzer auf. Adresse: 135 Keefer Street, www.thekeeferbar.com

Shopping in Vancouver

  1. One of a Few/Two of a Few: Die beiden Schwestergeschäfte verkörpern für mich den Style Vancouvers: lässig, aber elegant. In den Regalen ausgewählte Designerstücke, Schuhe und Accessoires - sehr modern, aber klassisch genug, um in jeder Garderobe Platz zu finden. Adresse: 354 und 356 Water Street, www.oneofafew.com
  2. Paper-Ya: Die beste Papeterie überhaupt! "Paper-Ya" liegt auf Granville Island und hat ein breites Sortiment von Notizbüchern und Grußkarten bis hin zu personalisierten Wachssiegeln. Hier werde ich immer fündig und glücklich. Adresse: 9-1666 Johnston Street, www.paperya.ca
  3. Richmond Nightmarket: Schlendern, Shoppen, Schlemmen. Im Sommer bin ich mit Freunden fast jeden Abend auf dem Nachtmarkt im Süden der Stadt unterwegs. Hunderte von Händlern verkaufen internationale Spezialitäten, vom Crêpe bis zum Curry, und jede Menge Krimskrams. Adresse: 8351 River Road, Richmond, www.richmondnightmarket.com

Ins Grüne

  1. Vancouver Stanley Park: Mit einer Fläche von rund 400 Hektar ist dieser Stadtpark groß genug, um Tage darin umherzuspazieren. Noch heute stehen hier Repliken von Totempfählen der Ureinwohner. Zu den Attraktionen im Park gehört das Vancouver Aquarium mit mehr als 50.000 Tieren vom Beluga-Wal bis zur Qualle.

Kanadische Abenteuer erleben – beim ultimativen Entdecker-Urlaub! 

undefined

Autor

Jen Sookfong Lee

Ausgabe

Kanada 04/2013