Kanada Yukon Quest-Hundeschlittenrennen

Der Yukon Quest gilt als das härteste Hundeschlittenrennen der Welt. Rund 1600 Kilometer über Eis und Schnee, bei Temperaturen bis zu minus 50 Grad Celsius. Eine Härteprüfung zwischen Alaska und Kanada, die Mensch und Tier an ihre Grenzen bringt.

Es ist 5.14 Uhr, als sich Hugh Neffs Lebenstraum auf dem Yukon Quest Schlittenhunderennen in Kanada erfüllt: Begleitet vom Jubel der rund einhundert Zuschauer, die sich in der Kälte der Nacht seit mehreren Stunden an den Absperrbändern am Ufer des Yukon in Whitehorse drängen, erreicht der 44-Jährige das Ziel. Mit letzter Kraft reißt er den müden Arm hoch, reckt die, in einem überdimensional gepolsterten Handschuh steckende, Faust in die Luft, lässt sich feiern – für wenige Sekunden. Noch in der Zieleinfahrt beugt sich Neff nach vorne und vergräbt sein von der Kälte gegerbtes und den Strapazen der letzten neun Tage gezeichnetes Gesicht im Fell seines Huskys Gringo. Ohne ihn und seine acht Gefährten, mit denen er am Vortag auf die letzte Etappe des Yukon Quest aufgebrochen war, hätte Neff das härteste Hundeschlittenrennen der Welt niemals gewinnen können.

Yukon Quest – Hunderennen seit über 30 Jahren

So genannte Booties, kleine Stiefelchen, schützen die Hundepfoten beim Laufen über Eis und Schnee.

Schlittenrennen Yukon Quest

Es ist ein Rennen, das Mensch und Tier an ihre Grenzen bringt: Seit 1984 gehen jedes Jahr im Februar zwischen 20 und 30 Gespanne, bestehend aus einem Schlittenführer, dem sogenannten Musher, und 14 Hunden, an den Start, um die 1.000 Meilen zwischen Fairbanks in Alaska und Whitehorse im kanadischen Yukon zurückzulegen. 1.000 Meilen durch die subarktische Wildnis, über zugefrorene Flüsse und mehrere Bergketten – bei Temperaturen von bis zu minus 50 Grad. 1.000 Meilen Einsamkeit, in denen die Musher mit sich und ihren Hunden allein sind.

Und so ist Neff am Abend nach seinem Triumph glücklich unter Menschen zu sein – auch wenn die Bar 98 wahrlich kein Platz ist, an dem man Sieger vermutet. Das schwarze Kunstleder der Barhocker ist zerschlissen, die früher wahrscheinlich goldene Frakturschrift auf den Toilettentüren verblasst. An den Wänden hängen, ausgestreckt und in Rahmen befestigt, die Felle erlegter Wölfe. Doch seit Neff im Jahr 2000 zum ersten Mal teilnahm, trinkt er hier immer sein Bier, wenn der Quest in Whitehorse endet. 

"Der Quest verkörpert für mich den Geist des Nordens. Und ich glaube an Geister", sagt Neff. "Ich sehe während des Rennens Gesichter auf den Bergen. Ich sehe völlig verrückte Wolkenformationen. Ich glaube, jeder Musher spürt diese besondere Atmosphäre", erzählt er. "Die Magie des Rennens ist größer als der Wettbewerb. Wir befinden uns in einer anderen Welt. Das kann man nicht verstehen, solange man es nicht selber einmal erlebt hat."

Eine Hommage an den Überlebenswillen von Mensch und Tier

Die historischen Wurzeln des Quests reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals herrschte im Yukon Goldgräberstimmung. Doch es gab nur eine Möglichkeit, während der harschen Winter die weit im Norden gelegenen Claims zu erreichen und mit Nahrungsmitteln zu versorgen – per Hundeschlitten. Die Rennstrecke folgt diesen alten Reise- und Handelsrouten sowie dem Fluss Yukon, dem historischen "Highway des Nordens". Der Yukon Quest, der so heißt, weil der britische Dichter Lord Alfred Tennyson in einem seiner Gedichte die Suche nach dem Heiligen Gral ebenfalls als "quest" beschrieb, ist eine Hommage an die Anstrengungen und den Überlebenswillen der Menschen und ihrer Schlittenhunde.

Große Teile der Strecke sind bis heute nur mit dem Hundeschlitten – oder dessen moderner Variante, dem Schneemobil – zu erreichen. Von Start und Ziel abgesehen ist die historische Goldgräberstadt Dawson City im Norden des Yukon eine der besten Gelegenheiten, um die Gespanne zu sehen, denn dort – nach etwa der Hälfte der Strecke – müssen alle Musher eine 36-Stunden-Rast einlegen. "In Dawson merkt man ganz besonders den Geist der Vergangenheit, diese ganz besonderen Schwingungen", sagt Neff. 

Mit wilden Tieren auf dem Trail ist nicht zu spaßen

Was die besondere Energie des Quest ausmacht und auslöst, da hat jeder Musher seine eigene Geschichte. So schmetterte Normand Casavant, zweimaliger Quest-Teilnehmer, regelmäßig italienische Opernarien, um sich in der Einsamkeit zu unterhalten. Einmal, so erzählt der Kanadier aus Quebec, hätten seine Hunde sogar mitgejault. Hugh Neff hingegen fuhr in diesem Jahr mit Blues durch den Schnee: "Ich hatte einen Lautsprecher an meinem Schlitten, den ich mit meinem Ipod verbunden hatte. Kurz hinter Dawson habe ich nachts eine Stunde lang B. B. King gespielt. Ich weiß nicht, wie meine Hunde es fanden, aber für mich war es genial." Außerdem hätte die Musik auch die Elche verjagt, sagt Neff. Im Yukon kommen 70.000 Elche auf etwa 35.000 Einwohner.

Und mit wilden Tieren auf dem Trail ist nicht zu spaßen. 1993 hatte Jeff Mann eine äußerst unangenehme Begegnung mit einem ausgehungerten Elch, der ihn angriff. Seine Erinnerung an den Kampf ist lebhaft: "Es war wie beim Boxen. Ich habe einen rechten Haken angetäuscht und er hat sich nach rechts weggeduckt." Mann verteidigte sich mit seiner Axt, die zur Pflichtausrüstung jedes Mushers gehört, und musste den Elch schließlich töten. Es war die einzige Möglichkeit, sich und seine Hunde zu schützen.

Jeder Schlittenhund hat seine Stärken

Auch wenn es nicht um Leben oder Tod geht, ist das Verhältnis zwischen den Mushern und ihren Hunden eng. Die meisten kennen die Tiere von klein auf, trainieren sie, seit sie Welpen sind. "Ein gutes Team ist wie ein Puzzle mit 14 Teilen. Jeder Hund hat seine individuellen Stärken. Die gilt es herauszufinden", sagt Frank Turner, 24-maliger Quest-Teilnehmer und Sieger von 1995. "Aber am wichtigsten sind bedingungsloser Respekt und Vertrauen."

Überhaupt sind die Hunde die wahren Helden des Quests. Ihr Energieverbrauch ist so hoch, dass sie etwa 10.000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen – so viel wie manche Top-Athleten. Zum Vergleich: Der Tagesverbrauch eines erwachsenen Menschen liegt durchschnittlich bei etwa 2.000 Kalorien. Und da ein Hundeschlittenrennen wie der Yukon Quest letztendlich Leistungssport ist, hat jedes Mushing-Team auch Physiotherapeuten und Masseure für die Vierbeiner dabei. Die andere Seite der Professionalisierung: Für einen erfolgreichen Schlittenhund, der auch zur Zucht eingesetzt werden soll, werden inzwischen mehr als 10.000 Dollar bezahlt. 

Auch der Tourismus hat die Schlittenhunde inzwischen als Einnahmequelle entdeckt. Sowohl in Alaska als auch gerade um Whitehorse herum gibt es unzählige Möglichkeiten, selbst einmal auf einem Hundeschlitten zu stehen – nicht mit der Kraft von 14 Hunden vorweg, aber immerhin von vier bis sechs. Einer der bekanntesten Unternehmer in diesem Bereich ist die Quest-Legende Frank Turner mit "Muktuk Adventures". Da Turner aus Überzeugung keine Hunde verkauft, lebt er mit fast 140 Tieren zusammen. 

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An jedem Kontrollpunkt steht ein Team von Tierärzten bereit

Doch die Rennen haben auch ihre Schattenseiten. Die Gesundheit der Tiere hat oberste Priorität für alle Teilnehmer. Die Musher wehren sich gegen den Vorwurf, dass sie die Hunde gefährden würden. An jedem Kontrollpunkt auf der Strecke steht ein Team von Tierärzten bereit. Sie haben das letzte Wort und können einem Gespann auch eine längere Zwangspause verordnen. Zusätzlich kann jeder Musher während des Quests an sogenannten "drop points" erschöpfte Hunde in die Obhut der Ärzte geben. Doch trotz aller Fürsorge kommt es immer mal wieder vor, dass Hunde die Strapazen nicht überleben.

Im vergangenen Jahr starben zwei Hunde, einer von ihnen Neffs dreijähriger Husky Geronimo. Das Tier erstickte am Aufstieg zum mehr als 1.000 Meter hohen Eagle Summit. Als der Musher dieses Jahr wieder den Berg passierte, ließ er ein Foto von Geronimo zurück. "Das Bild wird verschwinden, aber er wird für immer da sein", sagt Neff, schluckt und wischt sich eine Träne weg. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse des Vorjahres. "Als ich später nach Carmacks kam, sah ich eine Wolke, die so aussah, als ob mein Junge Geronimo auf mich herabblicken würde." Etwa 180 Meilen weiter südlich von Carmacks – nach insgesamt neun Tagen, 16 Stunden und fünf Minuten auf dem Schlitten – erreicht Neff schließlich das Ziel in Whitehorse.

Es ist 5.15 Uhr, als Musher Allen Moore ins Ziel kommt. Er wirkt erschöpft, jubelt nicht. Es ist das engste Finish in der Geschichte des Yukon Quest. Nach 1.000 Meilen auf einen Hundeschlitten durch die endlosen Weiten Alaskas und des Yukon trennten Sieger und Zweitplatzierten nur 26 Sekunden.

INFOS
Offizielle Website: yukonquest.com
Deutschsprachige Infoseite: www.yukonquest.info

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Autor:
Indra Kley und Thomas Schöneich