Toronto Eine Stadt im Wandel

Vom Mauerblümchen zur Lichtgestalt: Lange galt die Metropole als sterbenslangweilig. Keine Kultur, keine Klasse und erst recht keine Kante. Jetzt wird aus der Stadt Toronto in Ontario ein Superstar!

Torontos Skyline

Ein "Fest fürs Leben", das wusste Hemingway, war Toronto sicher nicht. "Oh Gott", stöhnte er in einem Brief an seine Freundin Isabel Simmons, "es graut mir davor, Paris Richtung Toronto verlassen zu müssen, diese Stadt der Kirchen." Auf Drängen seiner hochschwangeren Frau Hadley und mit Aussicht auf einen festen Job beim Toronto Star, für den er seit 1920 als freier Autor und Korrespondent schrieb, kehrte Hemingway im September 1923 dennoch zurück. Gerade mal dreieinhalb Monate hielt er es aus, dann, nach einem Streit mit dem Schwiegersohn des Herausgebers, packte die junge Familie ihre Koffer und verließ Toronto geradezu fluchtartig. Die letzten Monatsmieten für das Apartment in der Bathurst Street, Hausnummer 1599, zahlte Hemingway einfach nicht mehr. Einen Fuß setzte er nie wieder in diese Stadt.

Toronto auf dem Weg zum Superstar: 

Toronto im Wandel

Toronto, die Bunte

Die Seele Torontos 

Toronto – eine Stadt im Wandel 

Toronto Sehenswürdigkeiten

Der auf zwölf Stelzen thronende Quader des Sharp Centre for Design

Ein knappes Jahrhundert später ist Toronto eine aufregende Stadt, die selbst den Hemingwayschen Vergleich mit Paris nicht scheuen muss. Eine Stadt mit historischen Markthallen voller Delikatessen und rustikalen Lagerhallen, in denen Gruppen von Hipstern dem neuen Trendsport Axtwerfen nachgehen. Wer mag, kann beim "Detox to Retox" direkt neben den Kesseln in einer Bierbrauerei bei Yoga-Übungen entspannen und anschließend ein paar Frischgezapfte probieren. 

Mitten im Stadtgebiet und auf den vorgelagerten Inseln gibt es Strände mit zuckerfeinem Sand und solche, an denen man alle Hüllen fallen lassen kann. Jeden September findet in der Stadt das TIFF, nach Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt, statt, es gibt ein modernes Opernhaus, ein Hip-Hop-Festival, die weltgrößte Fetish-Party, Museen für Schuhe, Keramik, islamische Kultur und moderne Kunst. Die Street-Art-Szene blüht, am besten zu bewundern, wenn man die viele Häuserblocks lange "Gaffiti Alley" entlangwandert, von Downtown Richtung West Queen West, einem Viertel voller Galerien, Patisserien und Boutiquen. 

Das Traditionshotel "Drake" geht mit der Zeit

West Queen West: Torontos Kunst und Design-Viertel

In einem historischen Gebäude von 1890 inmitten des Viertels West Queen West ist heute das "Drake Hotel" zu Hause

Im Herzen dieses Stadtteils liegt das "Drake Hotel", von dessen Rooftop-Bar man, mit einem kreativen Cocktail wie dem "Voodoo Child" in der Hand, den Blick über die Dächer schweifen lässt. "Ja, es hat sich in unserer Nachbarschaft und ganz Toronto extrem viel getan", bestätigt Jessica Rodrigues, die PR-Managerin des Hotels. "Als wir 2004 eröffneten, war hier kulturelles Brachland, wir waren Pioniere." Das "Drake" sei zwar auch vorher schon ein Hotel gewesen, aber eher ein zwielichtiges. Wo einst Junkies rumhingen, hängt heute kinetische Kunst an der Wand. Im Club, unten im schalldichten Keller, sind schon Beck und M.I.A. aufgetreten und der "Sky Yard" auf dem Dach ist das ganze Jahr über Treffpunkt der kreativen Szene Torontos. Gerade mal 19 dezent nach Zedernholz duftende Zimmer hat das "Drake", und die sind meist auf Monate hinaus ausgebucht, erst recht, seit die Vogue West Queen West im Jahr 2014 zum "zweitcoolsten Stadtviertel der Welt" kürte, getoppt einzig von Tokios ultraschrägem Shimokitazawa-Viertel.

Toronto, die Brave – das war einmal

Doch wie hätte Hemingway diese Verwandlung auch ahnen können? Zu seinen Zeiten war Toronto schlicht "Toronto the Good", "Toronto, die Brave". Eine Stadt, deren Einwohner zu 85 Prozent britischer Abstammung und strenggläubig waren, eine Bastion viktorianischer Moral. Alkohol gab es nur auf Rezept, im Winter durfte man sonntags nicht Schlitten fahren, im Sommer durften Männer nicht mit nacktem Oberkörper baden. Wer dagegen verstieß, wie die dreißig schwitzenden Jungs, die bei 41 Grad Celsius im Sommer 1936 oben ohne baden gingen, wurde verhaftet.

Die streng christlichen Moralvorstellungen und die verklemmte Prüderie Torontos hielten lange an: Bis Anfang der sechziger Jahre durften an Sonntagen weder Filme in Kinos gezeigt noch professionelle Hockey-, Baseball- oder Footballspiele ausgetragen werden. 1964 musste die Schauspielerin Elizabeth Taylor ihre zwei Pudel auf dem Dach des "King Edward"-Hotels Gassi führen, weil unten auf der Straße ein aufgebrachter Mob gegen ihre liederliche Beziehung zu Richard Burton demonstrierte. 1990 wurde Madonna beinahe von der Bühne weg verhaftet, zu obszön schien der Staatsanwaltschaft ihre Show, und die kanadische Band Barenaked Ladies bekam Silvester 1991 Auftrittsverbot. Begründung: Der Bandname würde "Frauen objektivieren". 

Toronto, die Bunte

Bathurst Street Bridge

Endlich Feierabend: Über die Bathurst Street Bridge rauscht der Verkehr

Heute ist Toronto nicht länger "Toronto, die Brave" sondern "Toronto, die Bunte": 2,8 Millionen Menschen leben in der City, rund sechs Millionen im Großraum Toronto. Eine Stadt der Superlative: Kanadas größte und wirtschaftlich stärkste Metropole, Hauptsitz von Banken, Börse und Medien. Toronto hat den dichtesten Verkehr Nordamerikas, pro Jahr verbringen "Torontonians" über einen Monat im Auto. Einer Dokumentation des Senders PBS nach ist Toronto auch die Welthauptstadt der Waschbären (sorry, Kassel!), und, so behaupten es Bürgermeister und Blogs seit Jahren, "laut UN die multikulturellste" Stadt der Welt.

Das ist zwar ein Mythos, denn die UN hat derlei nie behauptet, aber Fakt ist, dass Menschen aus 230 Nationen hier zu Hause sind; etwa die Hälfte aller Bewohner wurde außerhalb Kanadas geboren. Viele von ihnen leben in Vierteln wie Chinatown, Little Italy, Portugal Village, Greektown und Little India. Über 180 verschiedene Sprachen und Dialekte werden in Toronto gesprochen, darunter Mandarin, Gujarati und Tagalog.

Polterte vor hundert Jahren noch Ontarios Parlamentsmitglied E. N. Lewis mit markigen Worten – "Wir wollen kein Volk von Orgeldrehern und Bananenverkäufern werden!" – gegen Zuwanderung, so geht man heute, wenn man die Bloor Street hinunterläuft, an eritreischen, äthiopischen und italienischen Restaurants vorbei, am islamischen Informationszentrum und an Shops, die indische Saris anbieten. Es ist ein leicht chaotisches Gewusel fremdartiger Klänge, exotischer Düfte und greller Outfits, das einem das Gefühl gibt, man wäre zufällig in ein Straßenfest hineingestolpert.

Eine selbstbewusste, moderne Metropole

Eine "lange Werbefläche für Toleranz" nannte der nigerianische Journalist Ken Wiwa die Bloor Street, und tatsächlich lebt dieser bunte Mix an Menschen recht friedlich und glücklich zusammen. Erst im August wählte The Economist Toronto zum achten Mal in Folge auf Platz vier seiner Liste der lebenswertesten Städte, wobei dieses jährliche Ranking durch Faktoren wie Kriminalität, Bildungs- und Gesundheitswesen bestimmt wird. 

West Queen West Toronto, Kanada

Im Szeneviertel West Queen West bleibt keine Mauer grau

Natürlich ist Toronto mehr als eine stolze Statistik. Toronto ist facettenreich, lebhaft und verspielt, und das coole West Queen West ist nur ein Beispiel dafür. Ein anderes ist die Architektur. Sie dokumentiert gleichermaßen traditionsbewussten Old World-Charme, Torontos multikulturelle, manchmal auch spleenige Seiten und die Entwicklung hin zur selbstbewussten, modernen Metropole. Die viktorianischen "Bay-and-Gable"-Häuser in Little Italy beispielsweise, mit rotem Backstein, Erkern und spitzen Giebeln, alternative Viertel wie Kensington Market mit seinen tibetanischen Cafés und Cannabis-Shops, historische Industriequartiere wie der Distillery District, die prachtvollen Villen in Rosedale und das Casa Loma, eine Art Schloss, mit einem Backofen, der groß genug ist, um darin Ochsen zu braten. All dies wird umrahmt, unterbrochen oder überragt von den glänzenden Fassaden der aus Stahl und Glas gebauten Hochhäuser Downtowns, den futuristischen Apartmentkomplexen entlang der Uferstraße und dem über 550 Meter hohen CN Tower, der für sich allein schon ein architektonisches Weltwunder der Moderne ist.

Toronto im Fokus prominenter Architekten

Stararchitekten haben sich in Toronto ausgetobt, manche erfolgreich, manche weniger. Das vom finnischen Alvar Aalto-Assistenten Viljo Revell erbaute Rathaus, zwei sich gegenüberstehende Betonschalen, wurde anfänglich als "steril" und "pseudomodern" kritisiert, ist heute aber eine der populärsten Film- und Fotokulissen der Stadt und sein Dachgarten ein beliebter Platz für die sommerliche Mittagspause. 

Royal Ontario Museum

Das von Stararchitekt Daniel Libeskind geplante Royal Ontario Museum sorgt für Gesprächsstoff

Daniel Libeskinds Erweiterung des Royal Ontario Museum ist dagegen ein Flop, da sind sich Kritiker und Besucher einig. "Das hässlichste Gebäude des Jahrzehnts ... hässlich und nutzlos gleichzeitig", schimpfte die Rezension der Washington Post. "Man braucht eine Landkarte, um sich im irrationalen Innern mit seinen toten Ecken zurechtzufinden", und tatsächlich zuckt manch Wärter nur hilflos mit den Schultern, fragt man im Museum nach dem Weg. Die von Frank Gehry neu gestaltete Art Gallery of Ontario hingegen ist ein echtes Highlight, ein luftiger, eleganter Bau mit gläserner Außenhaut, schwungvollen, hölzernen Wendeltreppen unter riesigen Skylights. Es ist ein Genuss, in den lichtdurchfluteten Räumen herumzuwandern und die Skulpturen von Henry Moore oder Bilder der kanadischen Landschaftsmaler der "Group of Seven" zu bestaunen. 

Den besten Blick auf die Skyline hat man von den Toronto Islands, mit der Fähre nur 15 Minuten vom Stadtzentrum, vom Gefühl her aber Welten von Downtown entfernt: ein Zusammenschluss von Inselchen, verbunden durch schilfbewachsene Kanäle und Brücken, über die Besucher joggen, skaten oder mit Fahrrädern flitzen. Autos sind auf den Inseln verboten.

Toronto Islands - Idylle für Aussteiger 

Ungefähr 250 Familien leben hier das ganze Jahr über, darunter einige Aussteigertypen, Künstler und Alt-Hippies, die der Stadtverwaltung energisch entgegentraten, als diese in den 1960er Jahren versuchte, die Inseln in einen großen Vergnügungspark zu verwandeln. Der deutschstämmige Manuel Cappel, der 1956 mit seiner Mutter auf die Toronto Islands zog und heute ehrenamtlich den Leuchtturm am Gibraltar Point wartet, ist so ein Asterix & Obelix-Typ. Wenn er in seinem alten Rettungsboot durch die Kanäle tuckert, über die Inseln, ihre Bewohner und ihren Widerstand spricht, dann klingt Stolz in seiner Stimme mit: "Wir sitzen hier nicht den halben Tag im Auto. Wir laufen, schwimmen, fahren mit dem Boot oder dem Rad." Im Gegensatz zu den Bewohnern der anonymen Hochhausburgen auf der anderen Uferseite kenne auf Ward’s Island jeder seinen Nachbarn mit Namen. Idyllisches Inselleben in Schlagweite einer Metropole: "So etwas gibt es nur in Toronto!" 

Toronto Islands Leuchtturm

Der Leuchtturmwächter und seine kleine Insel: Der deutschstämmige Manuel Cappel zog bereits Mitte der Fünfziger zum Lake Ontario

Überhaupt könnten die Bürger Torontos endlich stolz auf ihre Stadt sein. Lange fehlte ihnen dafür das Selbstbewusstsein. Der Rest Kanadas macht sich gern lustig über sie, belächelt sie als Weicheier, die doch allen Ernstes im Winter 1999 die Armee zu Hilfe riefen, als es mal ein bisschen doller schneite. Die ihre Stadt ungefragt und viel zu oft mit New York vergleichen und mit Rob Ford 2010 einen Bürgermeister wählten, der die Stadt durch seine Alkohol- und Drogenexzesse zum Gespött der Welt machte. Kanadas Rap-Superstar Drake witzelte in der TV-Show "Saturday Night Live": "In Toronto sind die Rapper höflich – und der Bürgermeister raucht Crack!"

Die Seele der Stadt hat sich verändert

Der in Toronto lebende Psychotherapeut und Schriftsteller Matt Cahill weiß um das Dilemma der Stadt. Über Jahrzehnte hinweg sei Toronto zurückgehalten worden, teils durch finanzielle Krisen, vor allem aber durch mangelnde Risikobereitschaft, die sich historisch aus dem presbyterianischen Glauben der Bürger erkläre. "In den letzten paar Jahren kann ich aber echte Veränderungen beobachten", sagt Cahill. Rein äußerlich in Nachbarschaften wie The Junction und Dundas West, die investierten, anstatt alles Alte abzureißen, und so ihren Charme bewahrten. Noch stärker aber innerlich, in der Seele der Stadt: "Endlich entwickeln wir eine stadtbezogene Identität, die unsere Vielfalt reflektiert. Wir begnügen uns nicht länger damit, New York kopieren zu wollen. Wir sind Toronto, TO, T-Dot, und wir sind stolz darauf!"

Städte sind komplexe, lebende Organismen

Nicht alle sind so euphorisch: "Wenn die Entwicklung hin zur Weltstadt bedeutet, dass steigende Mieten Menschen aus ihrem Viertel verdrängen und nur noch grotesk überteuerte Eigentumswohnungen gebaut werden, dann kann ich gern auf sie verzichten", moniert etwa die Dichterin Eva H.D. beim Bier im "Done Right Inn", einer Bar an der Queen Street West, – und fängt schon beim dritten Schluck an zu schwärmen. "Ich liebe meine Stadt! Ich liebe die von Bäumen gesäumten Straßen, die Schluchten, Parks, Radwege, die eklektische Musikszene, und ich bin froh, dass es nun mehr gute Restaurants, Bars, eine ordentliche Oper und einen Zug zum Flughafen gibt."

Städte sind komplexe, lebende Organismen, sie verändern sich, und am besten beschreibt Torontos Status quo wohl der simple Satz, den der Künstler Jesse Harris über eine Mauer an der psychiatrischen Klinik in West Queen West geschrieben hat. "YOU’VE CHANGED" prangt dort in Großbuchstaben. Eine inspirierende Botschaft an die Patienten der Klinik. Aber eben auch an die Stadt.

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Autor:
Severin Mevissen