Kanada Saskatchewan - das leere Land

Zweimal so groß wie Deutschland, nur eine Million Menschen. Die Prärieprovinz Saskatchewan ist das letzte Stück Wilder Westen - die Heimat der Farmer und Cowboys.

Ronald Carlson ist ein alter Mann. Er steht in seinem früheren Kinderzimmer unter dem Dach und stemmt die Arme in die Hüften. Plastikfolie überzieht das Bett, zwei Fliegen summen hinter der Gardine. Der gestickte Bibelvers, der einst an der Wand hing, liegt auf der Holzkommode. Carlsons Eltern bauten dieses Haus. Sie waren Farmer wie ihre Eltern. Er ist es noch immer. "Es verändert sich etwas in Saskatchewan", sagt Carlson und seine Brauen hängen tief in dem gegerbten Gesicht. Durch das Fenster in der schrägen Wand sieht er hinaus auf die Prärie.

Saskatchewan, Kornkammer Kanadas

Die Ernte wird eingeholt. Mähdrescher lesen die Ähren auf und spucken das Stroh hinter sich. Nirgendwo im Land wird mehr Getreide produziert als in Saskatchewan, der Kornkammer Kanadas. Auf Schotterstraßen fährt Carlson, 62 Jahre alt, drahtiger Körper, ein kaputtes Knie, über seine Farm. 1200 Hektar auf denen er Weizen, Gerste und Linsen anbaut. Eine Menge Land wechsele jetzt den Besitzer, erzählt er. Der Getreidepreis sei so gut wie lange nicht mehr, aber auch der Wert der Grundstücke schieße in die Höhe. Viele Familien verkauften an größere Investmentfirmen und zögen fort in die Stadt, nach Saskatoon oder noch weiter, nach Calgary. "Die Familienfarmen verschwinden. Ganz langsam.", meint Carlson. "In zehn Jahren gibt es sie vielleicht nicht mehr."

Als er noch ein Junge war, lag die Farm der Eltern inmitten des Ortes Strongfield. Während der Ernte aßen die Männer gemeinsam auf den Feldern. Am Abend besuchten sich die Familien auf den Farmen. Die Erwachsenen tranken zusammen in den kleinen Küchen, und die Kinder spielten auf der Veranda. Viel ist nicht mehr übrig von Strongfield. Carlson ist einer der wenigen, die blieben, umgeben von den Ruinen der Häuser und Scheunen, die dem Wind trotzen. In der staubigen Prärie verwittert das Holz nur langsam.

Farmen und Ranches in Saskatchewan

Wer in Saskatchewan bleibt, fühlt sich hier oft wie der einzige Mensch überhaupt. Nur eine Million Menschen leben auf einer Fläche knapp doppelt so groß wie Deutschland. Für viele Kanadier ist es nur das verlassene, langweilige Landesinnere, das man durchquert, um woanders anzukommen. Aber für andere ist es das letzte Stück Wilder Westen. 40.000 Farmen und Ranches gibt es noch immer in Saskatchewan. Die Great Plains, die Großen Ebenen Nordamerikas, teilen den Kontinent von hier bis zum Golf von Mexiko. Das Land ist so weit und flach und dünn besiedelt, dass selbst die Einheimischen sagen: "Wenn dir dein Hund wegläuft, kannst du ihm noch zwei Tage lang nachsehen!"

Highway in Saskatchewan.
Arthur F. Selbach
Gefährlich gerade: Der Highway ist wie mit dem Lineal gezogen.

Schnurgerade zieht sich der Highway bis zum Horizont. Keine Berge und keine Wälder muss er umkurven. Die trockene Luft lässt den Himmel noch größer erscheinen. "Big Sky Country" nennen die Menschen Saskatchewan. Gigantische Quellwolken türmen sich dort oben am Himmel auf. Dann wieder ist er verziert von einem Muster feiner, weißer Wolkentupfer, die sich so regelmäßig aneinanderreihen, dass man denkt, jemand müsse sie mit einem Pinsel auf die blaue Leinwand gemalt haben. Irgendwann ziehen am Horizont vier unterschiedliche Gewitter vorbei. Gleichzeitig.

Die Weite in Saskatchewan ist beängstigend - und aufregend

Manchmal scheint es unvermeidbar, dass dieser Himmel die kleinen Autos auf dem Highway aufsaugt. Die Weite ist beängstigend - und aufregend. Als strecke sich das Bewusstsein in alle Himmelsrichtungen. Obwohl nichts den Blick behindert, lassen sich Zeit und Raum leicht aus den Augen verlieren. Nur die riesigen Kornspeicher, die in jedem Ort alle anderen Häuser überragen, helfen bei der Orientierung. An ihren Seiten prangen die Ortsnamen. Horizon. Frontier. Endeavour. Erst nannte man so Siedlungen in der Prärie, später Space Shuttles für den Weltraum.

Bisons in Saskatchewan.
Arthur F. Selbach
Die Bisons waren fast ausgerottet. Seit 2005 lebt im Grasslands National Park wieder ein Herde.

Cowboys und Wilder Westen

Am Abend findet in Beechy, einem Ort wie hundert andere, ein Rodeo statt. Die Menschen im Publikum tragen breite Cowboyhüte und Gürtelschnallen so groß wie Untertassen. Zusammen schmettern sie die Nationalhymne. "Das ist das stolzeste, freieste und glücklichste aller Länder!", verspricht der Ansager. "God bless Canada." Harte Kerle reiten wilde Pferde ein, fangen Kälber mit dem Lasso. Ständig stürzen Cowboys auf den braunen Boden und stehen auf, als wäre nichts gewesen. So jung! Kein John Wayne oder Kirk Douglas, keine harten, kantigen Gesichter - die jüngsten Männer hier sind nicht einmal 17. Wenn keiner reitet, rattert Johnny Cash aus den Lautsprechern. Königsdisziplin des Rodeos ist das Bullriding. Als am Ende der Show ein Lokalmatador den "unrideable bull" schließlich doch noch zähmt, schwenkt das Publikum die Hüte und die Stimme des Ansagers überschlägt sich beinahe: "Diese feinen Jungs aus Saskatchewan müssen sich hinter den Cowboys aus Texas wirklich nicht verstecken!"

Die Cowboys prägten Ende des 19. Jahrhunderts das Bild Saskatchewans als Wilder Westen. Echte Männer, deren beste Freunde ihre Pferde waren. Nachts sangen sie leise am Lagerfeuer oder ritten weiter, nur mit den Sternen als Orientierung und dem Tabaksaft, um die Müdigkeit aus den Augen zu reiben. Ganz anders die Züchter, für die sie arbeiteten. Sie lebten wie Könige in der Prärie, spielten Tennis und Polo, engagierten chinesische Köche und englische Gouvernanten und fuhren im Winter nach Vancouver Island oder Großbritannien.

Kornspeicher in Saskatchewan.
Arthur F. Selbach
Die Kornspeicher sind die Ortsschilder der einsamen Siedlungen.

Die Zeit der riesigen Ranches und Rinderherden neigte sich bereits dem Ende zu, als um 1900 der Wunsch nach dem eigenen Stück Land Siedler aus aller Welt nach Saskatchewan lockte. Für zehn Dollar gab es 65 Hektar Prärie vom Staat. "Die Freiheit eines großartigen, neuen Landes ohne Zäune", schrieb eine Siedlerin voller Begeisterung. "Ein Ort, an dem Träume geboren werden!" Und an dem Träume an der Wirklichkeit zerbrachen. Das Leben war hart und einsam, der Hunger manchmal so groß, dass die Farmer ihr Gras aßen. Erst die steigende Nachfrage im Ersten Weltkrieg brachte die Landwirtschaft in Schwung.

Dann traf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Saskatchewan, extreme Dürren zerstörten die Ernten. Gewaltige Staubstürme fegten über das Land. Manchmal war es mittags draußen dunkel. Mütter hängten Lampen in die Fenster, damit ihre Kinder von der Schule nach Hause fanden. Viele gaben auf, andere blieben stur. Sie arbeiteten auf dem Land, und das Land arbeitete an ihnen. Sie liebten es ohne Pathos. "Es fehlt nur ein bisschen Regen", lautete ihre Überzeugung.

Über Kilometer reihen sich in Saskatchewan Bohrtürme aneinander

Statt Cowboys oder Farmern sitzen in den Diners im Süden der Provinz jetzt Männer mit verschmierten Gesichtern. Anders als die Farmer, die ihr Land verlassen, kommen sie, um hier zu arbeiten und reich zu werden. Schon vom Highway sieht man den Grund. Über Kilometer reihen sich Bohrtürme aneinander. Der "Bakken" ist eines der größten Ölfelder, das man in den letzten 50 Jahren in Nordamerika entdeckte. Es reicht von hier bis in die amerikanischen Staaten North Dakota und Montana. Im Wilden Westen sucht man nach schwarzem Gold.

Tief im Süden, an der Grenze zu den USA, liegt der Grasslands Nationalpark. Rund 70 unterschiedliche Arten Gras wachsen hier, dazwischen leben Falken, Füchse, Klapperschlangen - ein geschütztes Ökosystem, das noch keinen Bohrturm und keinen Pflug gesehen hat. "Es ist nicht mehr viel übrig von dieser unverfälschten Prärie", erzählt ein Ranger. "So wie heute sah es hier auch nach der Eiszeit vor 10.000 Jahren aus." Sogar eine kleine Herde Bisons brachte man vor wenigen Jahren zurück in den Park. Einst gab es 70 Millionen dieser Tiere in den Weiten Nordamerikas - bis jagende Siedler sie fast ausrotteten.

Im Mai und Juni blühen die Gräser in allen Farben, doch jetzt, nach dem heißen Sommer, ist die Landschaft ausgeblichen und bereit für den Winter. Das Rauschen des Windes im Gras und die Lichtspiele der Halme, beides erinnert an die Meeresbrandung, obwohl dieser Ort nicht weiter von der See entfernt sein könnte. Ein Kojote hechelt durch die Weite. Zwei Antilopen bleiben wie angewurzelt stehen, bevor sie blitzschnell im Gras untertauchen. Und dann der Bison. Ganz allein grast er auf einem Plateau. Der muskelbepackte Bulle ist eine Tonne schwer und größer als ein Eisbär. Seine schwarze Zunge ringelt sich um die trockenen Halme. Auch er ist Teil des Wandels. Ein Stück Vergangenheit, das zurückgekehrt ist.