Kanada Ossington Street: Schäbiger Schick ist heute Hip

Graffiti, rostige Straßenschilder und tiefhängende Stromleitungen - eine polierte Augenweide ist Torontos Ossington Street nicht. Aber gerade weil sich die Hipster-Meile im Westen der Stadt in Kanada ihren schäbigen Schick bewahren konnte, zieht es die Ausgehwütigen hierher, vor allem nachts.

Jake Bronell haut sich auf die Schenkel, wenn er seinen Lieblings-Ossington-Witz erzählt. "Wer vor zehn Jahren seinen Zeigefinder in Richtung Ossington hielt, konnte ihn abends in vietnamesischer Pho Suppe zwischen den Nudeln suchen", scheppert der kahlköpfige Motorradfan, und man möchte sofort jeden Tipp für das beste noch existente Asien-Restaurant dieser Gegend mit einem Würgen ablehnen. "Von denen gibt es aber ohnehin nicht mehr so viele. Verdrängt von den Hipstern", sagt der 39-Jährige Gelegenheitsmusiker mit einem leicht verschämten Schulterzucken - wohlwissend, selbst ein Gewächs dieser Sparte zu sein.

Damals, als die vietnamesischen Gangs, grölenden Punks, Drogenbanden und Waffendealer den Straßenzug zwischen Dundas und Queen Street für sich vereinnahmt hatten, wollte selbst ein gestandener Kerl wie Jake nachts keinen Finger gen Ossington recken. Tagsüber schon, da konnte man in besagten aneinander gereihten Restaurants günstig zu Mittag essen, Kunden kamen zum Ölwechsel in die Autowerkstätten oder stöberten in billigen Second-Hand-Läden nach ausrangierten Schnäppchen. Aber sobald die Sonne unterging wurde Ossington zum "no go". Die Kriminalität war in den 1990er Jahren so hoch, dass selbst die Polizei machtlos schien.

Dabei hatte ganz am Anfang, 1812, alles so gut begonnen für Ossington. Als Teil einer Pionier-Straße gebaut, wurde sie schnell zu einer Hauptader Torontos - die ersten Werkstätten und Geschäfte siedelten sich an, das Leben pulsierte. Viele der heutigen Gebäude stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, einige wurden aufwendig renoviert, die meisten zumindest mit einer neuen Schicht Farbe versehen, andere schlichtweg vergessen. Vor allem in den 1990er Jahren dachte kaum jemand an Verschönerungen.

Statt düsterer Gestalten sind gut gestylte Trendsetter unterwegs

Bis 2003 ein Doppelmord in einer Karaoke-Bar die Stadt und vor allem die Nachbarschaft aufschreckte. Das Elend der Gegend offensichtlich und der langsame, kontinuierliche und stellenweise sehr lückenhafte Großputz begann. Noch heute besticht die Ossington Street durch ihre legere Unaufgeräumtheit: viele Wände sind bemalt, die Werkstätten haben ihr Aussehen seit damals nicht überholt und die Metallwarenläden wirken ebenfalls wie aus den 1980er Jahren. Die Gefährlichkeit wurde allerdings sauber vom Bordstein gekehrt.

Keine Schießereien mehr, die Gangs sind verschwunden, statt finster dreinblickenden Drogendealern streunen heute gut gestylte Trendsetter auf High Heels oder in teuren Turnschuhen über den Asphalt. Nachts ist plötzlich reger Betrieb, seit einigen Jahren haben die Bohos, die Bohemians der Stadt, das frühere No-Go für sich entdeckt.

Vor den dunklen Einfahrten hat nun keiner mehr Angst, genervt ist man höchstens, weil die haushohen Graffiti-Werke in den Seitenstraßen nicht angestrahlt sind. Die gelten als cool, oder "artsy" wie man das hier nennt - lässiges Understatement. Das Grobe wurde aufgeräumt, damit keiner stolpert. Konformes Blitzblankgetue fänden aber Anwohner wie Ausgehfreudige daneben. "Dafür stand Ossington noch nie. Das wäre ja, also ob man die Geschichte ausradieren will", sagt Melly Anderson, die genau diese dunklen Flecken in der Vergangenheit des Streifens faszinierend findet. Kurz nach der Karaoke-Schießerei lief sie aus Neugierde zum ersten Mal durch die "Ossing" und verliebte sich in deren rauen Charakter.

Die wilden Zeiten sind vorbei

"Damals war es auch echt noch einfach, eine günstige Bleibe zu finden. Seitdem wohne ich hier. Und staune mit jedem Jahr über die wahnsinnigen Veränderungen, die sich abspielen", erklärt die Blondine und bestellt ihren täglichen Lieblingstrunk, einen tiefschwarzen Kaffee bei "Crafted by Te Aro". Die Cafe-Bar, die seit über einem Jahr allerhand Kunst um die Kaffeebohne betreibt, ist nur ein Beispiel der angesagten Läden, die sich in den vergangenen Jahren hier angesiedelt haben. Auch wenn immer mehr solcher Kaffee-Spots oder Boutiquen aufmachen: Tagsüber ist Ossington sehr ruhig, geradezu verschlafen.

"Als ich meinen Laden vor fünf Jahren eröffnete, gab es gegenüber immer noch zwei vietnamesische Karaoke-Bars, die selbst am Nachmittag ganz schön laut waren. Im Umkreis von zwei Minuten hatte man vier verschiedene Pho-Restaurante zur Auswahl, drei davon sind heute weg", erinnert sich Julie Yoo an ihre Anfangstage. Ihre edle Vintage-Boutique "I Miss You" traf genau ins Herz der Boho-Bewegung, die damals schon langsam durch Ossington rollte. Yoo reist viel und bringt die gut erhaltenen Schuhe, Taschen, Gürtel, Hüte und Kleider aus aller Welt nach Toronto. Liebhaber seltener Fundstücke kommen für ihre Auswahl aus der ganzen Stadt gen Westen. Auch, weil die Preise erschwinglich sind.

Mittlerweile findet sich aber auch schon das andere Ende der Skala in Ossington: Designerläden wie "Jonathan + Olivia" zielen mit Marken von Band of Outsiders, Barbour bis Comme des Garcons auf ein betuchteres Klientel ab, ein heftiger Kontrast zu "Vintage Mix 1" oder "I Miss You".

Die Mischung aus Stilen und Preisen ist aber bereits ebenso Markenzeichen der Straße wie die Verwandlung vom Tag zur Nacht: Jene, die hier wohnen, hängen in alt eingesessenen, gemütlichen Bars wie "Sweaty Betty's", "Dakota Tavern" oder "Crooked Star" ab. Die Schicken aus Downtown Toronto legen die weite Strecke bereitwilliger für neue Trendrestaurants zurück. Das vielgelobte "Boehmer" mit seinem großen Kronleuchter und dem sonst schlichtem Design wird momentan am heißesten gehandelt, dicht gefolgt vom "Foxley" oder der "Fishbar", das mit Meeres-Tapas einen ganz neuen kulinarischen Stil eingeführt hat.

Im "The Painted Lady" treffen sich wiederum alle. Hier geht immer der Punk ab, jugendfreier als es das schwarzweiße Bild der nackten Dame am Eingang vorgibt. Bands und DJs spielen Rock n'Roll, Jazz, Trance oder was das alternative Ausgehherz sonst noch begehrt. Die Atmosphäre ist lässig entspannt, auch die Besitzer der benachbarten Geschäfte und Galerien schauen ab und an vorbei.

Jamie Angell war einer der ersten, der sich in dieser Gegend um junge Nachwuchskünstler kümmerte. Schon 1996 eröffnete er die "Angell Gallery", in einer Zeit "als hier alles noch nicht so einfach war", wie er schön um brisante Geschichten von damals herum druckst. Seitdem haben "XPACE" oder "O'Born Contemporary" die Mini-Kunstmeile ausgebaut, wobei die eigentlichen Künstler, Schriftsteller und Musiker der Anfangstage mittlerweile schon wieder weiter in den Westen gezogen sind. Zwar sind die Mietpreise hier noch lange nicht vergleichbar mit dem Anstieg, durch den Anwohner an West Queen West gehen müssen, wo sich schicke Hotels und teure Apartmentanlagen breit machen - aber spürbar sei der Trend nach oben schon, meint Melly Anderson.

Mit jedem neuen Ladenausbau und jedem teuren Konzept steigt auch der Wert von Ossington. Jake Bronell wohnt jetzt etwas entfernt vom Brennpunkt der Hipstermeile, zwar immer noch auf Ossington, aber nun weiter nördlich - dort gibt es niedliche Häuschen mit kleinen Vorgärten. Der Gang zu den Bars ist aber kurz. Fast schon nostalgisch werden dann kleine Legenden aus den "wilden Tagen von Ossington" gewälzt. Man ist stolz darauf, damals schon gespürt zu haben, dass die Gegend ein verkannter, ungeschliffener Juwel war. Heute zweifelt niemand mehr daran und hofft höchstens, dass die Gentrifizierung weiter gnädig an den ganz dicken Veränderungen vorbeischrammt.

Läden wie das "Delux" sind deshalb besonders willkommen. Die kubanische Küche ist legendär, abends ist das Restaurant brechend voll. Der Laden brummt seit drei Jahren, die Preise sind gut, das Publikum bunt gemixt. "Die wenigsten von denen wissen, dass in genau diesem Gebäude früher die Karaoke-Schießerei stattfand", schmettert Jake Bronell sein dreckigstes Lachen durch den Raum. Aber da hier ohnehin keine Pho Suppe serviert wird, wäre das den meisten sowieso egal.

Neugierig geworden? Dann sofort mit der Planung des Traum-Trips starten!

undefined

Schlagworte:
Autor:
Manuela Imre