Fast Lane Olympia leuchtet - aber nicht für Kanada

Anlässlich der Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 besuchte unser Kolumnist Tyler Brûlé sein Geburtsland Kanada. Wobei er äußerst skeptisch ist, ob seine Heimat vom Ballyhoo um die "fünf Ringe" profitieren wird.

In den kommenden Tagen wird Kanada, insbesondere Vancouver, im Zentrum der Weltöffentlichkeit stehen - wenn das Olympische Feuer in die Stadt einzieht, tausende Athleten dabei in Formation marschieren und in die Kameras winken.

Im Vergleich internationaler Sport-Events sind die Olympischen Winterspiele zwar keine Goldgrube oder ein Quotenrenner wie die Sommerspiele, aber für eine Kleinstadt in Norwegen, die die Heimat eines rekordverdächtigen Skilangläufers ist, oder einen Zürcher Vorort, der einen angehenden Eishockey-Star hervorgebracht hat, sind sie eine große Sache.

Im Check: die Rolle des Landes bei dem Ereignis

Vergangenen Sonntag flog ich nach Kanada (Toronto, nicht Vancouver) und versuchte herauszufinden, welche Rolle das Land bei dem Ereignis einnehmen möchte. Sieht es die Olympischen Spiele als Gelegenheit, sich ins beste Licht zu rücken und die Welt daran zu erinnern, wofür der Name "Kanada" steht? Werden die Spiele als Möglichkeit begriffen, eine Image-Erneuerung in Gang zu setzen? Oder nutzen die Medien - wie bei vielen Olympischen Spielen zuvor - die weltweite Aufmerksamkeit, um zu kritisieren, was alles schief läuft und wie armselig öffentliche Gelder verschwendet werden?

Ich bin gebürtiger Kanadier (aufgewachsen in Winnipeg, Montreal und Toronto), weshalb es mir schwer fällt, wirklich objektiv zu sein. Aber ich denke, dass meine 20-jährige Abwesenheit mir genügend Abstand verschafft hat, um einen relativ nüchternen Blick auf den Ort des Geschehens zu werfen.

Das Fernsehen ist ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, um das Selbstbild einer Nation zu analysieren. Also zappte ich zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender CBC und seinem privaten Konkurrenten CTV hin und her, um zu sehen, wie sie den Countdown bis zum Beginn der Spiele gestalten.

CBC brachte eine Menge Geschichten über gesellschaftliche Themen und Sicherheitsfragen. Wurde genug für die Obdachlosen getan? Wurden die Menschenrechte durch die ganzen extra installierten Überwachungskameras eingeschränkt? Dann gab es einen ausführlichen Beitrag zu den warmen Temperaturen und dem fehlenden Schnee an einigen der Veranstaltungsorte. Und weshalb werden einige der weltweit meistgesehenen Wettkämpfe auf einem Berg abgehalten, der vor allem für seine Schneematsch-Garantie bekannt ist?

Beim privaten Konkurrenten CTV, der die Spiele übertragen wird, war der Ton etwas fröhlicher. Aber niemand dort schien die Möglichkeit ins Auge gefasst zu haben, einen Teil der Erlöse aus den Olympia-Werbespendings fürs Aufpeppen der Nachrichtensendungen und Informationsprogramme auszugeben. Haben die für die Nachrichten Verantwortlichen vergessen, dass Tausende von Besuchern die Übertragung der Wettkämpfe von Bars, Hotelzimmern, Besucherzentren aus verfolgen werden und es jetzt vielleicht doch an der Zeit sein könnte, einen Gang höher zu schalten?

Das Morgenmagazin jedenfalls sieht immer noch so aus, als würde es in der Ausstellung eines Möbelgeschäfts aufgezeichnet, und die Spätnachrichten haben sich unwesentlich verändert.

Klar, sie alle werden ihren Betrieb rechtzeitig nach Vancouver verlegen, um im Bild festzuhalten, wie die Flaggen entrollt werden, aber alles in allem wirkt es ein bisschen zu sehr business as usual. Gleiches lässt sich übrigens auch von den in der Bundeshauptstadt Ottawa sitzenden Hütern der "Marke Kanada" behaupten.

Kein "Bilbao-Effekt" für Vancouver

Jeder, der viel Zeit mit Kanadiern verbracht hat oder das Land bereist hat, weiß, dass es unter einer Identitätskrise leidet. Die schwankt zwischen tiefen Minderwertigkeitsgefühlen und Anfällen von Selbstgefälligkeit - beides im Verhältnis zu den Nachbarn im Süden. In zu vielen Hinsichten definiert Kanada sich darüber, wie sehr es sich von den USA unterscheidet.

In Momenten des Selbstvertrauens überwiegt das Gefühl, dass hier sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Lebensqualität viel höher sind. Aber Kanada sollte lieber einen neuen nationalen Zeitvertreib finden, und dafür gibt es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, wo man Olympia-Gastgeber ist.

So sehr es bei den Spielen um Medaillen, fette Sponsoring-Verträge und die Umarmung aller Ländern dieser Erde geht, so sind sie doch auch gleichzeitig ein weicher Machtfaktor in heftiger Ausprägung. Sydney im Jahr 2000 und Barcelona 1992 wussten um die enorme Strahlkraft ihrer Sommerspiele. Letztere nutzten die Veranstaltung als Sprungbrett für eine städtische Rundumerneuerung, die Barcelona in eines der größten touristischen Zentren Europas verwandelte.

Leider sieht es nicht so aus, als würden Vancouver oder Kanada viele Geschichten zu erzählen haben, wenn die Athleten, die Werber und die Journalisten ihr Zeug wieder zusammenpacken, um die Heimreisen anzutreten. Sicher wird die Stadt von einigen infrastrukturellen Verbesserungen profitieren und auch die Zahl der Besucher wird ansteigen - aber es wird keinen "Bilbao-Effekt" geben: Weder wird sich Vancouver neu erfinden, noch wird Kanada sich in einem neuen, vielschichtigeren Licht präsentieren.

Die Marketing-Experten hätten für Aufsehen sorgen können, wenn sie wenigstens einen kanadischen Pavillon errichtet hätten, der als nationales Aushängeschild die besten heimischen Talente und Ressourcen vorgestellt hätte. Stattdessen wählten sie die denkbar uninspirierteste Lösung. Als mich die kanadische Tageszeitung "The National Post" fragte, was ich von dem tatsächlichen Pavillon hielt, dachte ich erst, das Bild, das sie mir geschickt hatten, sei entweder ein Witz oder sie hätten versehentlich ins falsche Foto-Archiv gegriffen.

Denn der Pavillon sieht aus wie eine dieser typischen weißen Leichtbau-Hallen, in denen auf Messen Traktoren und Laster untergebracht sind. Ich fragte den Journalisten, ob das nicht eher ein temporärer Schutzraum sei, den man besser nach Haiti schicken solle. Ohne Zweifel würde er auf dem Flughafen von Port au Prince Kanadas weiche Standortvorteile stärker betonen als im feuchten Vancouver.

Diese Spiele könnten einen Ruck für Kanada bedeuten, der dem Land dabei hilft, endlich die unheilbare Krankheit des "Comfies" (nationales Leiden an zu großer Bequemlichkeit und Selbstzufriedenheit) abzuschütteln und sich für ein weltweites Publikum neu auszurichten. Aber es erscheint unwahrscheinlich, dass das Olympische Feuer die Welt zugunsten Kanadas erleuchten wird.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

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Tyler Brûlé