Fast Lane Oh, wie hässlich ist Kanada

Ottawa wirkt auf Tyler Brûlé wie eine Geisterstadt. Unser Kolumnist fühlt sich an diesem depressiven Ort wie eine verlorene Romanfigur von Stieg Larsson. Die kanadische Hauptstadt ist ein Höllenloch.

Glaubt man Tyler, dann lag auf den Straßen lüberall regendurchweichter Müll herum; einige Geschäfte hatten aufgegeben und ...

Am Montag sind die Kanadier mal wieder brav zu den Urnen geströmt, um ein neues Parlament in Ottawa zu wählen. Im Wahlkampf hatte sich auf der konservativen Seite Stephen Harper darum bemüht, auch der nächsten Legislaturperiode als Premierminister zu dienen. In der politischen Mitte hatte Michael Ignatieff versucht, die Nation mit seinem liberalen Charme und den akademischen Erfolgen betören. Und am linken Ende des Spektrums tat Jack Layton genau das, was moderne Sozialisten am besten können: unter dem Banner seiner Neuen Demokratischen Partei an die Gestressten und Unentschiedenen zu appellieren. Normalerweise verfolge ich die kanadische Politik nicht besonders intensiv, da meine Heimat eine der stabilsten Demokratien auf der ganzen Welt ist und wenig passiert, was dazu führen könnte, ihr größere Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Ostern verbrachte ich jedoch bei meiner Familie in Ottawa. Auf dem Weg vom Flughafen in die kanadische Hauptstadt kam ich an vielen Wahlplakaten vorbei, die in den Vorgärten der Vororte standen, und begann, nach dem Zufallsprinzip schon mal erste Tendenzen auszumachen.

Wahlkampf, Ureinwohner, Wirtschaftspolitik

Im Hotel schaltete ich dann den Fernseher ein, um die Schlagzeilen im öffentlich-rechtlichen Sender von CBC zu erwischen. Die Nachrichten hatten bereits angefangen. Aus einem Studio im Zentrum Torontos ratterte ein Moderator die Wahlkampfauftritte der Kandidaten herunter und, in dem Versuch, die Zuschauer einen Moment länger bei der Stange zu halten, fügte er noch einen Überblick darüber, was jede der Parteien für die Familien tun wolle, hinzu. Es folgte eine etwas verunglückte Überleitung zu einem Kollegen, der nun erklären sollte, warum die kanadische Familie als solche sehr verändert hat und warum die verschiedenen Parteien darauf entsprechend reagieren sollten.

An dem Punkt klinkte ich mich aus, machte mich fürs Abendessen fertig und wechselte dann zu einem anderen Sender und damit weiteren Schlagworten zur Wahl: Verteidigung, Ureinwohner, Wirtschaftspolitik. Ein paar Minuten später stand ich draußen auf den Straßen im Zentrum Ottawas, um nach dem langen Flug ein bisschen frische Luft zu atmen - und war schon irritiert, bevor ich auch nur den Schatten des Hotels hinter mir gelassen hatte. Auf der Straße lag überall regendurchweichter Müll herum; einige Geschäfte hatten aufgegeben; in fast jedem Büro-Gebäude klebte ein "Zu vermieten"-Schild im Fenster - und sie wirkten alle fast gespenstisch ausgestorben.

Ich ging ein paar Blocks weiter, in der Hoffnung, dass sich das Stadtbild irgendwie verbessern würde. Die paar Einzelhandelsgeschäfte, die noch geöffnet hatten, machten jedoch einen schäbigen und traurigen Eindruck, der Asphalt war uneben und die Straße voller Schlaglöcher, alle paar Meter stand man vor verlassenem Eigentum, leeren Parkplätzen und insolventen Restaurants.

Unansehnliche Gesichtspiercings

Ein paar Tage vor meinem Abflug hatte mich meine Mutter noch gewarnt, dass Ottawa gerade eher düster wirke und sich im Vorfrühling ja generell nicht unbedingt von seiner Schokoladenseite zeige. Einen kurzen Moment lang war ich also fast bereit, die Schmutzschichten und allgemeine Lethargie einfach auf das späte Tauwetter und das Osterwochenende zu schieben. War ich vorschnell gewesen und zu hart in meinem Urteil? Vielleicht erwischte ich Ottawa ja wirklich einfach zu einem schlechten Zeitpunkt. Vielleicht brauchte ich nur einen guten Kaffee, um meinen Geist wieder zu öffnen.

Irgendwo entlang der Bank Street in Downtown Ottawa entdeckte ich einen Coffee Shop, der einigermaßen respektabel aussah und marschierte hinein, um mir einen Espresso zu gönnen. Kaum hatte ich die Türschwelle betreten hatte, stellten sich jedoch meine Nackenhaare auf. Alles in mir schrie danach, sofort wieder umzukehren - trotzdem näherte ich mich langsam dem Tresen. Wenn ich behaupten würde, das Café habe ausgesehen, als würde dort das Casting für eine besonders trostlose Rolle für die Verfilmung eines Stieg-Larsson-Romans stattfinden, wäre das sogar noch untertreiben. An jedem Tisch saß ein einsames, apathisches Wesen zusammengesunken vor einem Laptop, tippte gelegentlich auf die Tastatur und starrte durch den Bildschirm hindurch. Die meisten trugen schwarz, einige hatten unansehnliche Gesichtspiercings und viele schnieften rum oder kratzen sich.

Gewinner der Wahl

Als ich bestellte, konnte ich fühlen, wie sich Blicke in meinen Rücken bohrten. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich ein Mädchen in einem erbsengrünen Sweatshirt, die jemandem am anderen Ende des Raums ein irres Lächeln schenkte, dann klickten ihre Fingernägel übers Keyboard, während sie vor sich hinkicherte. Mit dem Kaffee in der Hand machte ich mich auf den Weg zur Tür und damit hinaus in die Sicherheit der sonnigen Straße. Ein paar Ecken später bog ich in eine Nebenstraße ein, schlug einen Bogen zurück zum Hotel und wunderte mich darüber, wie niedrig die Häuser der Stadt waren und wie locker aneinandergereiht; eine durch eine dichtere Bebauung hätte verhindert werden können, dass das Gebiet nun so öde und relativ unerschlossen wirkt. Ich fragte mich, wie ich mich wohl als australischer Diplomat fühlen würde, der von Rom für drei Jahre nach Ottawa versetzt wird. Oder was ein brasilianischer Militärattaché durchmacht, der seiner Familie die neue Heimat schmackhaft machen muss, bevor er sich verpflichtet, sein Land dort zu repräsentieren. Mein Fazit? Schlecht und viel.

Der Gewinner der Wahl (Anmerkung der Redaktion: Diesen Montag ging erneut der Konservative Stephen Harper als Wahlsieger hervor) sollte in Zukunft vielleicht lieber den Ansatz "von oben nach unten" verfolgen und Kanadas Hauptstadt mal unter die Lupe nehmen, um sie wieder ein bisschen herzurichten. Auch wenn dies nicht die Aufgabe ganz Kanadas sein kann, ist es sicherlich möglich, gemeinsam dafür zu sorgen, dass sich die Hauptstadt einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt besser in Szene setzt und damit ein Beispiel für den Rest des Landes abgibt. Die Grundvoraussetzungen sind ja vorhanden: ein ordentlicher kleiner Flughafen, jede Menge Grünflächen, eine hübsche Umgebung und das Entstehen eines ansehnlichen urbanen Herzens. Was fehlt, ist eine inspiriertere Führung, eine Strategie zur Dichte und Höhe der Bebauung und ein strenges Stadtentwicklungsgesetz, um qualitativ bessere Häuser, gewerbliche Bauten und öffentliche Räume zu fördern.

Autor

Tyler Brûlé