Kanada Nova Scotia: Gelassenheit in Lunenburg

Die Bäume leuchten, die Luft ist klar, und die Kanadier sprechen Deutsch. Willkommen in der kanadischen Atlantikprovinz Nova Scotia, wo seit mehr als 250 Jahren kanadische Gelassenheit und deutsche Tradition aufeinanderprallen.

Die Kirche aus weiß lackiertem Holz ist etwa so lang wie ein Blauwal, 30 Meter vielleicht. Sie steht in Lunenburg, einer 2500-Seelen-Gemeinde in der Provinz Nova Scotia. An einem Sonntag im September dringen vertraute Orgelklänge aus ihrem Inneren nach draußen. Der Hund an der Ecke horcht auf, bevor er weiter den Bordstein entlangschnuppert. Zwei Spaziergänger schmunzeln sich an, jeder hier kennt die Melodie. Aus der Zion Evangelical Lutheran Church weit im Osten Kanadas tönt die deutsche Nationalhymne.

An der Orgel sitzt Annette Collins, 75, schwarzes Jackett, fröhliches Lachen. Die Komposition von Joseph Haydn hat hier Karriere als Kirchenlied gemacht. In Frau Collins' Notenmappe trägt sie den Titel "Glories Of Your Name Are Spoken". "Früher habe ich das Lied oft bei Hochzeiten gespielt", sagt Mrs Collins, und früher, da war sie noch Klavierlehrerin und ihr Name klang noch ganz anders. "Bevor ich geheiratet habe, hieß ich Koch, mein Stammbaum geht zurück auf das Jahr 1753, als die ersten deutschen Einwanderer in diese Gegend kamen."

Deutsches Neuschottland

Um 1620 besiedelten Schotten die etwa 580 Kilometer lange Halbinsel und gaben ihr den Namen Nova Scotia, lateinisch für Neu-Schottland. Fast hundert Jahre lang kämpften dann England und Frankreich um die Herrschaft über die Kolonie. Als sie 1713 an England ging, lebten in Nova Scotia viele katholische Siedler aus Frankreich, die sich von den protestantischen Engländern ungern etwas sagen ließen. Die Engländer festigten ihre Macht, indem sie Landsleute zur Verstärkung holten: 1749 kam Edward Cornwallis als neuer Gouverneur von Nova Scotia und mit ihm ein Dutzend Schiffe voller Siedler - vor allem Engländer, aber auch erste Auswanderer aus protestantischen deutschen Gegenden in Württemberg und dem Rhein-Main-Gebiet.

Sie rodeten Wälder, bauten Häuser und kämpften gegen die Mi'kmaq, einen Indianerstamm, der sie regelmäßig mit Pfeil und Bogen daran erinnerte, dass das Land eigentlich schon bewohnt war. Die englischen Siedler hatten davon bald genug und zogen weiter ins nahe New England. Da standen schon Häuser, und man gründete schnell die ersten Tavernen. Die Deutschen jedoch blieben. Etwa 84.000 Menschen in Nova Scotia haben heute deutsche Vorfahren, und so liest man allerorten Namen wie Sawler (vom deutschen Nachnamen Zeiler), Eisenor (Eisenhauer) und Slauenwhite (Schlagentweit).

Gouverneur Cornwallis gründete die Hafenstadt Halifax – sein Nachfolger schickte deutsche Siedler hundert Kilometer weiter Richtung Südwesten, um dort eine neue Stadt zu bauen: Lunenburg. Der Name ist eine Reverenz an den englischen König Georg II., der zur Zeit der Neubesiedelung Nova Scotias herrschte und gleichzeitig Kurfürst zu Braunschweig-Lüneburg war.

Vom Fischerdorf hat sich Lunenburg zum Tourismusziel entwickelt

Aus der Siedlung wurde ein wohlhabendes Fischerdorf, heute verdient Lunenburg vor allem an den vielen Besuchern aus den USA und ganz Kanada, die in die Gegend kommen, um zu wandern, Ski zu fahren und Wale zu beobachten. Platz gibt es genug: Nova Scotia hat mit knapp einer Million Menschen weniger Einwohner als Köln, die verteilen sich aber über 55.000 Quadratkilometer, das ist mehr als hundertmal Köln. Seit 1995 gehört Lunenburgs Altstadt wegen ihrer kunstvollen, bunten Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert zum Weltkulturerbe. "In den letzten Jahren sind viele Leute hierhergezogen, vor zehn Jahren hatte in Lunenburg noch jeder deutsche Wurzeln", sagt die Organistin Annette Collins und lacht. "Damals konnte ich sicher sein, dass ich mit jedem, den ich im Supermarkt treffe, über ein paar Ecken verwandt bin!"

Hafen von Halifax.
Arthur F. Selbach
Auf der Hafenpromenade von Halifax reihen sich kleine Restaurants und Anbieter von Bootstouren aneinander.

Die deutschen Wurzeln werden in Nova Scotia nicht vergessen

Verglichen mit Lunenburg ist Halifax eine Weltstadt. 390.000 Einwohner, am Hafen stehen moderne Bürotürme, deren Fenster im Licht der Herbstsonne funkeln. Bianca Krueger arbeitet als Juristin bei der Kanzlei Cox & Palmer in einem dieser Türme, die 39-jährige Kanadierin könnte sich aber auch gut als Double von Jodie Foster durchschlagen. Ehrenamtlich arbeitet sie im Vorstand der German Canadian Association of Nova Scotia. "Für viele Kanadier, die deutsche Vorfahren haben, ist es wichtig, die Verbindung zur deutschen Kultur zu pflegen", sagt sie. "Darum unterstützen wir eine deutsche Sprachschule für Kinder und Erwachsene und veranstalten regelmäßig einen Stammtisch, einen Kaffeeklatsch und natürlich ein Oktoberfest!" Dabei feiern auch viele Kanadier ohne deutsche Wurzeln gerne mit. Anders als beim Karneval: "Das verstehen die Kanadier nicht", sagt Bianca Krueger. "Für die ist das wie Halloween im Frühling, das machen die nicht mit. Da kommen nur die Deutschen."

Malagash, ein kleiner Ort im Norden von Nova Scotia. Die Landstraße führt vorbei an klaren Seen, mehr als 3000 davon glitzern im steinigen Boden dieser Provinz, gesäumt von Wäldern aus Fichten, Kiefern, Ahorn und Birken. Sanft senkt sich die Hügellandschaft zur Küste hin ab, wo die Wellen sich an großen Felsen brechen, zum Landesinneren hin erstrecken sich grüne Weiden und Weinberge bis zum Horizont. Hier liegen die "Jost Vineyards" des deutschen Winzers Hans Christian Jost. 1980 emigrierte sein Vater aus Hessen nach Nova Scotia und baute das Weingut auf, nach seinem Tod übernahm der Sohn den Betrieb.

Hummerschalen als Düngemittel

Der sehnige Mann Anfang 50 hat eine spezielle Methode entwickelt, seine Reben zu düngen. Nach der Weinlese streut er Hummerschalen zwischen ihre Reihen. "Die bekomme ich von der Hummerfabrik in der Nähe, ich muss sie nur abholen, die sind froh, wenn sie das Zeug los sind", erzählt er. Die Schalen seien voll mit Stickstoff und Mineralien, das bekomme den Reben bestens. Und ein paar Nachbarn aus den Wäldern freuen sich, wenn Josts Felder rosa sind vor lauter Hummerschalen: "Die Bären sitzen dann schon am Waldrand und warten darauf, dass wir gehen. Sobald die Luft rein ist, setzen sie sich in die Felder, rutschen auf ihren Hintern die Wege zwischen den Weinstöcken entlang und schaufeln sich die Hummerschalen rein. Wenn sie satt sind, gehen sie wieder." Es bleiben genug Schalen für die Würmer, die sie nach einem Monat in den Boden gezogen haben und ihn damit schön locker halten.

Winzer Hans Christian Jost vor seinen Reben.
Arthur F. Selbach
Der deutsche Winzer Hans Christian Jost.

Seine Reben fühlen sich hier wohl, ihm selbst geht es auch so

Unter den Trauben sind viele robuste Sorten wie Pinot Noir, Maréchal Foch und Ortega, sie halten Kälte gut aus, und das müssen sie auch, denn in Nova Scotia fallen die Temperaturen im Winter oft auf minus 15 Grad. "Das Klima ist trotzdem gemäßigt, weil die Bay of Fundy etwas weiter westlich sich zweimal am Tag mit warmem Salzwasser füllt", erklärt Hans Christian Jost. "Der Tidenhub in der Bucht beträgt etwa 15 Meter: Da fließt so viel Wasser rein und raus, als würden Sie den ganzen Bodensee leer machen und wieder volllaufen lassen - zweimal am Tag!" Seine Reben fühlen sich hier ganz wohl, und ihm selbst geht es auch so. "Hier ist meine Heimat, aus ganzem Herzen", sagt er. "Die Kanadier sind offen und freundlich, das hat viel mit der Natur zu tun: Hier gibt es nicht so viele Menschen, und ich glaube, das allein wirkt schon entspannend. Die Menschen schließen hier ihre Haustüren nicht ab, und wenn sie ihr Auto abstellen, lassen sie oft den Schlüssel stecken."

Seinen deutschen Pass möchte er aber behalten. "Ich lebe hier wie die Kanadier, und das macht mich sehr glücklich, aber meine Wurzeln sind europäisch. Mein deutscher Pass ist Ausdruck dieses Teils von mir, den gebe ich nicht ab." Ressentiments deswegen erlebt er nie. "Jeder kennt hier irgendwen mit deutschen Vorfahren, die Deutschen gelten noch heute als fleißig und freundlich. Einmal habe ich mir ein Fußballspiel zwischen Deutschland und den USA in einer Kneipe angesehen. Die Kanadier dort waren alle für Deutschland."

Mitten in den Wäldern Nova Scotias steht ein Schwarzwald-Restaurant

Es ist ein sonniger Tag, der Indian Summer lodert übers Land, ein Inferno aus Rot, Gelb, Gold und Orange. Auf einem blauen Schild an einer der langen Straßen steht in weißen Lettern: "Old Black Forest Restaurant". Drinnen tickt eine Kuckucksuhr, auf der Karte stehen Käsespätzle, Maultaschen und Schwarzwälder Kirschtorte, alles frisch und vom Chef selbst gemacht. Das Ehepaar Heimert hat sich hier mit stiller Unbeirrbarkeit seinen Traum erfüllt. "Wir haben noch keinen Dollar für Werbung ausgegeben", sagt Barbara Heimert (50), "wir leben davon, dass unsere Gäste uns empfehlen." Die beiden kommen aus dem Allgäu, sie hatten auch dort ein Restaurant. Es lief super, aber schön war es nicht. "Natürlich musst du hier auch arbeiten, sonst wirst du nix", sagt Thomas Heimert (56). "Aber die Leute essen anders. Es gehört zur deutschen Gemütlichkeit, dass man nach dem Essen stundenlang im Restaurant sitzen bleibt und Wein trinkt, als Gastwirt bist du dann bis nachts um eins auf den Beinen. Hier fahren die Leute nach dem Essen nach Hause, und wir schließen um neun." Nach dem Dessert müssen manche Gäste noch Hunderte Kilometer nach Hause fahren, das ist hier normal.

Im Winter machen die Heimerts den Laden zu, fahren zum Skilaufen nach Windsor oder Wentworth, auch nur ein bis zwei Autostunden entfernt, oder fliegen nach Mexiko und legen sich bei 28 Grad an die Playa del Carmen, während ihr Schwarzwaldhäusle unter einer Schneedecke schlummert. Thomas Heimert lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. "A guat’s Liäbe!", ein gutes Leben, so nennt er das in breitestem Schwäbisch. Spricht’s und grinst.

Top Tipps in Nova Scotia

MERIAN-Autor Burkhard Maria Zimmermann war begeistert von der Herzlichkeit der Kanadier in Nova Scotia: "Selbst fremde Leute grüßen hier auf der Straße mit einem Lächeln."

Hotel: Smuggler’s Cove Inn, Lunenburg

In den 1920er Jahren gab es in der Provinz einige Smuggler Coves - Schmugglerbuchten. Schließlich verschifften die Fischer während der Prohibition schon mal ein paar Kästen verbotenen Schnapses, man wollte ja auch an Land nicht auf dem Trockenen sitzen. Das Smuggler’s Cove Inn wird
von dem deutschen Ehepaar Eva und Jürgen Ziegler geleitet und hat mit solch verwegenen Geschäften nichts zu tun. Das kleine Haus mit den gemütlichen Zimmern (DZ ab ca.75 Euro) liegt direkt am Hafen, wunderbar, um vor dem Frühstück schon mal im Morgengrauen am Kai entlangzuschlendern. Zwischen acht und neun ist der Nebel noch auf den Beinen, danach legt er sich wieder hin.

Restaurant: The Savvy Sailor, Lunenburg

Nur ein paar Schritte vom Smuggler's Cove Inn entfernt befindet sich das Savvy Sailor. Unter der Woche gibt es hier schon ab halb acht einen kräftigen Milchkaffee (ca. 2,90 Euro) und das sehr gute Frühstück "Atlantic Eggs" mit pochierten Eiern, Räucherlachs und Kartoffelrösti (ca. 9 Euro). Die schönste Aussicht hat man bei Sonnenschein auf der Terrasse. Der Blick auf den Hafen von Lunenburg und die hüglige Umgebung ist ein Hochgenuss.

Restaurant: The Sou’Wester, Peggy’s Cove

Wer schon immer wissen wollte, wie eine Hummerfalle aussieht, muss in Peggy's Cove nur die Straße entlanglaufen. Man kann sie nicht verfehlen. Das Fischerdorf an dem Landzipfel rund 45 Kilometer südwestlich von Halifax ist winzig und hat schließlich nur eine größere Straße. Wenn man ihr folgt und die Stapel von Fallen umgeht, kommt man zum "Sou'Wester", einem großen Restaurant mit einem anständigen Lobster Chowder (Hummersuppe, ab ca.7 Euro). Bei schönem Wetter holt man sich nach der großen Schüssel Suppe am besten einen heißen Kaffee an dem kleinen Stand am Restauranteingang - und geht ein Stück weiter Richtung Wasser. Von den sanft abgerundeten, flachen Felsen neben dem Leuchtturm hat man einen fantastischen Blick auf das weite Meer, bei dem man sich nur allzu leicht in den eigenen Gedanken verliert.

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Autor:
Burkhard Maria Zimmermann