Neufundland Die besten Wanderrouten in St. John’s

Das weite Netz aus Wanderwegen rund um Neufundsland Hauptstadt St. John's erstreckt sich über 160 Kilometer. Wer gut zu Fuß ist, läuft quer durch die Wildnis, am Meer entlang, an steilen Klippen vorbei und steht plötzlich ganz schön hoch über den Dingen.

 

Die besten Wanderrouten in St. John's

Neufundland: Wandern durch die kanadische Wildnis

Das Wandern geht ganz gemütlich los. Über einen schmalen Pfad, der sich in den flachen Hügeln von St. John’s in herrlich seichten Kurven emporlümmelt. Auf dem Rücken ein federleichter Tagesrucksack, an den Füßen Turnschuhe, ansonsten eine dünne Jacke um die Hüfte gebunden und ein Flöten auf den Lippen: So läuft es sich höchst erquicklich über die gerade mal zwei, drei Grad steile Strecke. Ein paar bunte Wohnhäuser stehen am Wegesrand, ein geparktes Auto. Dann aber biegt der Weg plötzlich ab. Macht einen erschreckend steilen Knick nach oben. Jäh ändert sich nach zehn Minuten auch das Terrain. Die Augen blicken plötzlich auf Klippen, Steilhänge, eine beinahe lotrechte Granitwand erhebt sich himmelwärts.

North Head Trail: Die Idylle von St. John’s

Der Mann im Hotel hatte eindeutig gesagt: „Nichts Schlimmes, ein, zwei Stunden, und du bist oben.“ Er meinte den North Head Trail, sprach von einer netten kleinen Morgenwanderung, die von der Hauptstadt Neufundlands auf einen Berg mit ziemlich schöner Aussicht führen soll. Warum also nicht? Eine kleine fußläufige Spritztour vor dem Mittagessen kann der Pumpe schließlich nicht schaden. Zudem wurde die Frage nach extravaganten Steigungen mit einem klaren Nein beantwortet.

Doch Vorsicht, dies ist Neufundland. Ruppiger Atlantik, exponiertes Kanada. Ein vom Sturm umpfiffenes Ende der Welt, wo vermutlich Menschen leben, die der Natur erschreckend nahe stehen müssen. Wer weiß, was die mit „nichts Schlimmes“ meinen? Prompt schießt einem nach weiteren 500 Metern der Wind ins Gesicht, ein beißend kalter Nordwester, der um die Felsen fegt. Von einem Haus keine Spur mehr. Dichtes Gras wächst zwischen den Steinkuppen, ein paar störrische, grüne Büschel, die panisch im Wind flattern. Eben noch in der Hauptstadt, latscht man eine halbe Stunde später durch kanadische Ödnis. Und dann, eine Biegung weiter, liegt einem der offene Ozean zu Füßen: petrolblaues Meer, das seinen salzigen Atem ausspuckt. Den Wind muss die Arktis höchstpersönlich herüber schicken. Jacke anziehen, Kragen hoch, die Mütze aus dem Rucksack kramen. Es musste ja so kommen: Aus dem erhofften kleinen Spaziergang über den Dächern der Hauptstadt St. John’s wird prompt eine Wanderung durch einsame Klippenwelten, eine Tour über Stock und Stein und einen sich immer steiler hinaufziehenden Bergpfad.

Grand Concourse - Ein Netzwerk aus Wanderrouten

Die besten Wanderrouten in St. John's
Und dieser ist nur einer der vielen Wege, sich in, um und nahe St. John’s zu Fuß umzutun. Die „Newfies“, wie sich die Neufundländer nennen, haben hier gleich ein ganzes Netzwerk an Wanderrouten angelegt und ausgewiesen: insgesamt über 160 Kilometer begehbarer Strecken, die sich durchs Umland der kleinen Hauptstadt winden, über Hügel, Felsen, Klippen, Kuppen, an Abhängen vorbei, die Hänge rauf und runter. „Grand Concourse“ nennen sie dieses womöglich einmalige Konglomerat an Marschiermöglichkeiten. Aber dass die Kanadier Outdoor-Verrückte sind, ist ja bekannt.

Der sich vor der Nase immer haltloser entfaltende North Head Trail soll dabei eine der schönsten Routen sein. Er führt um einen See, umzüngelt die Westküste, führt schließlich hinterrücks die Felsen hinauf bis auf den Signal Hill, jene imposante Anhöhe hoch über der Stadt, wo der Italiener namens Guglielmo Marconi 1901 das erste transatlantische Funksignal empfangen haben soll. Angeblich ließ er da oben damals einen Drachen steigen, der an einer Drahtschnur hing – und empfing so den Buchstaben „S“ per kabellosem Funksignal, das aus Cornwall entsandt wurde, von der anderen Seite des großen Teichs. Das erste „Telefonat“ der Geschichte.

Andere der Wanderstrecken um und bei St. John's führen mitten durch die Stadt, durch nahe Parks, hinein in die kanadische Walachei vor der Haustür. Die Wanderungen tragen alle verschiedene Namen und sind hübsch durchnummeriert. Pippy Park, Kenny’s Pond, Quidi Vidi Lake, Virginia River. Eine weitere Strecke endet erst bei Cape Spear, dem östlichsten Punkt Nordamerikas. An klaren Tagen, witzeln die Neufundländer, könne man von dort aus Irland sehen. Das hätten sie wohl gern. Europa in herzerwärmender Nähe - während in Wahrheit tausende Seemeilen eiskalten Atlantiks zwischen den Welten liegen.

Signal Hill - St. John's von oben

Die besten Wanderrouten in St. John's
Auf dem North Head Trail wird die Landschaft nach anderthalb Stunden nun noch eine Spur rauer, herber. Zum Glück ist der Pfad halbwegs befestigt, so dass auch leichte Turnschuhe Halt finden und man nicht gleich in die Bucht runterfällt: 200 Meter unter einem grünblaues Meer, eine schmale Meerenge, die in die Bucht von St John’s mündet. Der Eingang zum großen Naturhafen der Stadt, und gerade zwängt sich ein Kreuzfahrtschiff durch diese natürliche Mündung. Papageitaucher fliegen durchs Szenario, ein einsames Fischerboot dampft auf See hinaus.

Und dann das: Ein letzter Anstieg erhebt sich nach zwei Stunden zur Linken. Voraus ist er deutlich zu sehen, legt man den Kopf entschlossen in den Nacken. Da geht es nun quasi senkrecht nach oben, ein Zickzack gen Himmel, zum Glück aber über eine Bretterstrecke, die sie mitten auf die Klippen und Felsen genagelt haben. Was durchaus von Vorteil ist – ansonsten nämlich müsste man Freeclimber sein, um da hoch zu kommen. Die Stufen ziehen sich. Winden sich, dehnen sich. Beschleunigen Puls und Atmung. Es müssen weit über tausend sein. Inzwischen sind längst viele andere Wanderer auf der Strecke. Einige huschen erschreckend flott an einem vorbei, zwei Damen legen mit ihren Hunden sogar so eine Art Jogging-Tempo vor. Gibt’s gar nicht. Andere aber müssen auch verschnaufen, bleiben stehen, erhaschen mußevoll und würdig die Aussicht: Ein gewaltiges Panorama breitet sich hinter den Steinwelten aus, die Augen blicken hinab auf den grenzenlosen Nordatlantik.

Nach knapp drei Stunden ist es so so weit. Die Route findet ein Ende – oben, ganz oben auf dem Signal Hill. Ein paar Reisebusse parken dort oben, Wandersmüde können nämlich einfach die Straße hochfahren, um auf den berühmten Berg zu gelangen. Hinten rum sozusagen, auf die bequeme Tour, per Automatik.

Es sind nun noch circa tausend Schritte bis zum Ende der Kuppe. Bis zur seicht abfallenden Abbruchkante. Und von dort fällt der Blick nun tief und weit nach Süden – direkt auf St. John’s. Klein und bunt liegt einem die Stadt zu Füßen, ein pittoreskes Häufchen Häuser inmitten dieses Kanada. Das Kreuzfahrtschiff hat inzwischen festgemacht, noch immer zischt der Wind, Fischerboote liegen im Hafen, und, klein wie Pünktchen, arbeiten sich immer weitere buntgewandete Wanderer durch die Landschaft über der Hauptstadt Neufundlands.

Zwei große alte Kanonen zeigen aufs Meer. Gewaltige Kaliber, an denen man sich prima anlehnen kann. Ausruhen, genießen, schweigen, durchatmen und erst mal eine rauchen. Lilafarbenes Heidekraut wächst, irgendwo neben einer Pfütze quakt ein Frosch. Ja, eine imposante wilde Idylle. Großes Kino an diesem ersten Tag in Neufundland. Dazu ein Marsch zum Ankommen und vor allem eine fantastische Nachricht zum Ende dieser kleinen kanadischen Morgenrunde: Von nun an geht es ausschließlich bergab! Eine gute herrliche halbe Stunde bis zum redlich verdienten Mittagessen. Schätzungsweise. Und wenn einem keine Elche in die Quere kommen.

Der East Coast Trail für Wander-Profis

Wer extrem gern marschiert und sich zu den sportlichen Wanderburschen unserer Zeit zählt, kann von St. John’s aus auch gleich den gesamten East Coat Trail in Angriff nehmen: 265 Kilometer, auf denen sich die gesamte Ostküste zu Fuß abgrasen lässt. Unerschrockene übernachten dabei in Zelten, entzünden Kocher und essen unterwegs Trockennahrung. In den Büchern steht, der besagte Ostküstenknaller sei teils ein „leichter Küstenspaziergang“, dann allerdings wieder ist von einem „anstrengenden Marsch durch die Wildnis“ die Rede. Man sollte wohl eher mit letzterem rechnen.

Alle Routen und Infos zu den Strecken finden Sie hier: www.grandcancourse.ca