Kanada Montreal - verstörend betörend

Jung, alt, französisch, very British - Montreal hat viele Gesichter. Der Schlüssel zum Wesen der Stadt ist die Architektur. Ein Spaziergang durch die Millionenstadt zeigt: Harmonie ist nicht alles, es lebe das Durcheinander!

Das Hotel "St. Paul" in Montreal

Manchmal ist es das Gescheiteste, man macht einfach, was einem empfohlen wird. Im - übrigens sehr schönen - Hotel "St. Paul" in Montreal gibt es zum Beispiel in der Mappe mit den Telefonnummern und der Speisekarte auch eine Seite zum Thema "Choses à faire". Es gibt auch eine Seite mit "Things to do" für diejenigen, die es gewohnt sind, Montreal ohne Akzent auf dem "e" zu schreiben; und die Dinge, die der Besucher unternehmen soll, sind in beiden Sprachen exakt dieselben. Aber wenn man es sich schon aussuchen darf, dann tut man diese Dinge natürlich noch lieber, wenn sie kleine Dächer auf den Buchstaben haben. Man sieht so etwas so selten auf diesem Kontinent. Das Englische ist überall. Leute, die ihr Englisch mit französischem Akzent sprechen oder sogar nur Französisch, gibt es in nennenswertem Ausmaß nur hier, in Quebec, einer Provinz in Kanada, die sich als eigene Nation begreift.

Mont Royal und traditionsreiche Sandwiches

Man sollte also, Empfehlung Nummer 3, auf den Mont Royal in der Mitte der Stadt steigen. Das sollte man schon deswegen tun, weil Empfehlung Nummer 5 ein "Sandwich à la viande fumée chez Schwartz's" ist, ein Klassiker Montreals "depuis 1928": gewaltige Mengen geräucherten Rindfleischs, serviert in einem traditionsreichen, eher hemdsärmeligen Lokal, das seit Kurzem gar keiner Familie Schwartz mehr gehört, sondern mehreren Investoren - darunter eine gewisse Frau Céline Dion. Die stammt ebenfalls aus der Region und investiert das Geld, das sie als Montreals gefühlvollster Kulturexport zusammensingt, bevorzugt in lokale Gastronomiebetriebe.

Das sieht man ihr allerdings genauso wenig an, wie man es den Montrealern in der Regel ansieht, dass sie gern und auch gern ganz gut essen. Es würde also nicht überraschen, wenn der Mont Royal nur deshalb aus dem Boden emporgewachsen wäre, damit die Einwohner etwas haben, um Kalorien abzuarbeiten. Es ist aber auch ein sehr schöner Berg; und von da oben ist es schon viel schwerer zu sagen, welche die Viertel der Frankophonen sind und welche, die der Anglophonen.

Vom britischen Westmount zu den Rues du Plateau

Das besonders Schöne an diesem Mont Royal, von dem die Stadt ihren Namen hat, ist die Tatsache, dass man Roulette auf ihm spielen kann. Die Kugel ist man selbst: Die Wege winden sich um den Berg wie bei einer Murmelbahn; und wer sich nicht auskennt, muss sich einfach überraschen lassen, wo er am Ende unten rauskommt. In Downtown Montréal, wo die Hochhäuser stehen. Oder im feinen Westmount, wo es durchgängig aussieht, als würde gerade der Fünf-Uhr-Tee serviert, so überaus britisch. Oder auf der anderen Seite in Outremont, dem Westmount der Französischsprachigen. Oder aber im Nordosten in Mile End, wo das sogenannte Plateau beginnt, auf dem alle durcheinander wohnen - wo man Caffè Latte bestellen und über steigende Preise in den ehemaligen Einfache-Leute-Vierteln schimpfen kann. Und siehe: Empfehlung Nummer 2 auf der Choses-à-faire-Liste des Hotelgasts lautet: flanieren auf den Rues du Plateau mit ihren Boutiquen, Cafés und Restaurants.

Architektur in Montreal
Arthur F. Selbach
Schöner Anblick: Ganz Montreal ist wie ein Architekturmuseum.

Habitat 67 - weder ermüdendes Ordnungsmuster noch Chaos dominiert

Wirklich bemerkenswert aber ist die Nummer 1 der Empfehlungen: an den Hafen gehen und von dort übers Wasser den Wohnkomplex Habitat 67 betrachten, der sich auf einer Landzunge im Sankt-Lorenz-Strom, tja, was eigentlich? Erhebt? Erstreckt? Oder: wuchert? Bemerkenswert ist dieser Tipp deshalb, weil Habitat 67 ein Häuserhaufen ist, wie ihn nur die uferlosen Fantasien der Planer in den 1960er Jahren hervorbringen konnten. Und wo die umgesetzt wurden, gelten sie heute meist als Bausünden. Doch der Häuserhaufen, den der israelisch-kanadische Architekt Moshe Safdie aus Anlass der Weltausstellung im Jahr 1967 auf die Landzunge gesetzt hat, ist ein außergewöhnlich schönes Exemplar.

Er besteht aus 148 Wohnungen in 354 Quadern, die auf zwölf Stockwerken so übereinandergestapelt sind, dass weder ein ermüdendes Ordnungsmuster dominiert noch Chaos. Stattdessen entsteht die Illusion von Naturwüchsigkeit. Wenn die Sonne den Bau in honig-farbenes Licht taucht, gibt es in ganz Montreal nur eines, was größer sein könnte als dieser Anblick vom Hafen übers Wasser: der Wunsch, umgehend da rüberzukommen, um sich zu vergewissern, dass es kein Trugbild ist, das sich in den Wellen spiegelt.

Das ist aber gar nicht so einfach, wenn man als Tourist kein Auto hat. Man muss zunächst mit der Metro auf die ebenfalls im Sankt-Lorenz-Strom gelegene Île Sainte-Hélène fahren, wo die Weltausstellung zum größten Teil stattfand. Heute fällt vor allem das ins Auge, was einmal der Pavillon der Vereinigten Staaten war: eine der geodätischen Kuppeln, mit denen der Zukunfts-Ingenieur Richard Buckminster Fuller einst die Hälfte von Manhattan überbauen wollte, damit dort niemand mehr nass geregnet wird. Auf der benachbarten Île Notre-Dame haben außerdem der französische Pavillon und derjenige der Provinz Quebec überlebt; beide beherbergen das Casino von Montreal - der äußeren Form nach eine Mischung aus Salatschleuder, James-Bond-Bösewicht-Hauptquartier und Engelsburg von Rom.

Gemälde an der Hauswand.
Arthur F. Selbach
Kunst an der Hauswand - Montreal hat einfach viele Gesichter.

Majestätische Natur und freier Skyline-Blick

Von den renaturierten Weltausstellungsinseln muss man sich anschließend über eine zugige Autobrücke hinüberkämpfen, auf die Landzunge Cité du Havre. Und dort verbieten einem Schilder, das Habitat 67 zu betreten, denn es ist: eine private Wohnanlage. Diejenigen, die hier leben, haben vermutlich keine Lust darauf, dass dauernd Architektur-Liebhaber um die Ecken schleichen. Nach allem, was man so hört, sind sie nämlich überwiegend selber welche. Mirko Zardini, der aus Italien stammende Direktor des Centre Canadien d'Architecture (CCA), ist der Ansicht, dass das Habitat eine der begehrtesten Wohnanlagen für Leute mit Geld und Geschmack sei. Warum, begreift man sofort: hinten majestätische Natur in Form des Sankt-Lorenz-Stroms, vorne freier Blick auf die Skyline.

Wenn man die sieht, ist auch klar, warum das CCA hier so ein großes Ansehen hat. Im Grunde ist ganz Montreal ein Architekturmuseum. Und der schiere Anblick vielleicht ein Schlüssel, der Schlüssel zu dieser komplizierten, komplexen, herrlichen Stadt. Man muss mit diesem Schlüssel jetzt nur noch einmal von vorne anfangen und durch die Straßen spazieren. Dann entdeckt man plötzlich, dass es bei Weitem nicht nur ein Montreal der Anglos und ein Montréal der Frankos gibt - sondern auch ein sehr altes, ein sehr modernes und dann noch eines, rund um den Bahnhof, das auf den ersten Blick ein bisschen wirkt wie Nowosibirsk. Wobei man da sicher der Stadt Nowosibirsk unrecht tut. Jedenfalls ist es ein finsteres Gebirge aus Beton, durch das man da etwas eingeschüchtert flaniert.

Die 1960er Jahre haben Montreal geformt und zerrissen

Immer wieder die sechziger Jahre. Vielleicht hat keine andere Zeit die Stadt so geformt und gleichzeitig zerrissen. Die 1960er Jahre waren auch die Zeit, in der die Frankokanadier aus der Defensive kamen und ihre Sprache wieder zur Norm in ihrer größten Stadt machen wollten. Man hört heute oft, dass seither die englischsprachigen Eliten nach Toronto abgewandert seien - aus Angst vor einer Abspaltung der Provinz Quebec oder weil sie mit dem Französischlernen nicht klar kamen. Montreals Modernisierung, das wäre die bittere Pointe, hat ausgerechnet die Konkurrentin gestärkt, die heute wirtschaftlich stärker dasteht.

"Ach Gottchen ja, Toronto", sagt John Zeppetelli, der Chefkurator der Ausstellungshalle DHC/ART, eines Abends nach einer Eröffnung. "Ja, Toronto hat wohl ein paar mehr Banken. Aber: Wir sind nicht beeindruckt." In Montreal sei immer noch mehr los. Es sei die jugendlichere Stadt. Die Stadt mit mehr Bühnen, Kinos, Konzerthäusern, die im Übrigen ein großer Wirtschaftsfaktor sind. Der weltweit operierende Cirque du Soleil hat in Montreal sein Hauptquartier, von den vielen Festivals ganz abgesehen. Und das Nachtleben sei auch besser. Nur in Montreal kann man sich einmal den Boulevard Saint-Laurent hochfeiern, bis man am Morgen da ist, wo es die Bagels gibt.

Oh, die Bagels! Falls jemand sich schon gefragt hat, was Empfehlung Nummer 4 im Hotel "St. Paul" ist: die weltberühmten Bagels essen, die in Montreal im Holzofen gebacken werden und, wie die Montrealer und Montréalais betonen, ganz anders und wesentlich besser sind als die in New York. Toronto kann da ohnehin nicht mitreden.

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