Riding Mountain National Park Manitobas wildes Geheimnis

Dahinten, wo der Nebel sich lichtet, leben die Bisons, die Wölfe, die Bären. In ungezähmter Natur. Der Riding Mountain National Park in Manitoba ist einer der schönsten Parks in ganz Kanada. Und einer, den im Ausland kaum jemand kennt.

Grayling Lake, Riding Mountain National Park

Sie kommen. Sie kommen und sie sind laut. Ihr dunkles Grölen dröhnt über die Prärie wie das Gluckern eines Tiefseemonsters durch den Ozean. Und sie sind viele. Vierzig schwarze Schemen vor der aufgehenden Sonne, mit schwarzem Fell und schwarzen Hörnern und schwarzen Augen, die in unsere Richtung blinzeln. "Vielleicht ist es besser, wenn wir ein paar Schritte zurückgehen", sagt Ken Kingdon, während die Bisons langsam näher kommen.

Manitoba – mitten im Herzen des Landes

Wilde Bisons in Manitoba, Kanada

Grasende Giganten: Ein Bison ist so schwer wie ein Kleinwagen. 40 davon parken in der Wildnis, die von Wasserläufen durchzogen ist.

Auf uns zu trabt eine der letzten Büffelherden Nordamerikas. Von den ersten Siedlern beinahe ausgerottet, erholt sich das größte Landsäugetier des Kontinents heute vor allem in Schutzgebieten wie diesem: dem Riding Mountain National Park. Wie eine Pistole, die gen Westen zielt, liegt der Park in der Provinz Manitoba mitten im Herzen des Landes. Vom Lauf der Kanone sind es 2000 Kilometer bis zum Pazifik, von ihrem Griff 3500 bis zum Atlantik. Kanadas Kern ist hier.

Und hier leben die Bisons in einem großen Gehege, durch das Besucher wie auf einer Safari fahren – während Parkranger wie Ken schon einmal aus ihrem Wagen aussteigen. Der 51-Jährige mit dem Gesicht eines Windhunds koordiniert alle Forschungsprojekte in Riding Mountain, etwa über die Wirkung der Bisons auf die Prärie. "Die Landschaft vor dir haben sie geschaffen. Grasend, trabend, sich im Staub suhlend. Nicht umsonst sind sie das Wappentier Manitobas. Ein Symbol, ein Fenster in die Vergangenheit."

Schwarzbären, die in Bäumen hängen

An diesem Morgen sind die Bisons mit der Balz beschäftigt, und es ist besser, ihnen aus dem Weg zu gehen. Also läuft Ken zurück zu seinem Auto, fährt auf der Schotterpiste ein paar Meter weiter, bis er auf der anderen Seite etwas in den Bäumen entdeckt. Er steigt aus, überprüft die Windrichtung und schleicht bis auf zwanzig Meter an eine Eiche heran: Dort oben, in ihrem Wipfel, hängt ein Schwarzbär. "Der sieht uns, aber solange er dort oben verkehrt herum baumelt und mit seinen Tatzen wie ein Gorilla Eicheln pflückt, ist er ziemlich gelassen", flüstert Ken, kurz bevor der Bär seine Schnauze wie die Bisons in unsere Richtung reckt. "Ja, der sieht uns auf jeden Fall."

Die Natur erwidert den Blick des Menschen

Manitoba, Kanada
Nicht immer ist eben in Riding Mountain klar, ob man selbst Wild beobachtet oder das Wild einen selbst beobachtet. Oft ist es wie an diesem Morgen: Die Natur erwidert den Blick des Menschen. Weil beide diesen Ort teilen, eng miteinander verbunden. Wie eine Insel hebt sich der Park über das Meer aus Feldern im Westen Manitobas. Seine 3000 Quadratkilometer liegen zum Teil auf einer Hunderte Meter hohen Böschung und sind eine Hybridlandschaft aus Mischwäldern, Grassteppen und mehr als tausend kleinen Seen. "Es ist ein Hin und Her, ein Yin und Yang zwischen zwei Zonen", erklärt Ken. "Ein fruchtbares Land, auf dem sich Tiere der Prärie und des borealen Waldes begegnen." 1800 Hirsche, 3000 Elche und Gott weiß wie viele Bären – sie sind so zahlreich, niemand weiß es sicher – leben in dieser Oase.

Wasagaming, Clear Lake

300 000 Besucher durchkreuzen das Gebiet jedes Jahr. Die meisten von ihnen quartieren sich in dem kleinen Ferienort Wasagaming am Ufer des Clear Lake ein. An einem typischen Sommertag sieht man Jugendliche am Strand zwischen Fichten Beachvolleyball spielen und Pärchen am Pier Kanus ausleihen. Auf den ruhigen Straßen schlendern Familien vorbei an Geschäften im Stil rustikaler Holzhütten, die Namen tragen wie "Foxtail" oder "Wigwam". Es gibt ein Kino, einen Golfplatz mit 18 Löchern, und jeden Freitag ist Karaokeabend. In den Einfahrten der Cottages stehen Pick-ups und Motorboote, flankiert von Statuen von Schwarzbären.

Clear Lake, Manitoba

Clear Lake, Manitoba

"Letztes Jahr hat sogar ein Bär bei unserer Yogastunde auf der Wiese zugeschaut. Aber natürlich haben wir einfach weitergemacht", erzählt Dawn Goss und fängt an, laut zu lachen. Die 55-Jährige und ihr Mann Brian Milne, die beide breite Sonnenhüte tragen, betreiben am Ortsrand von Wasagaming die Lawn Bowling Greens. Auf einem perfekt gemähten Grün kann man hier das Rasenbowlen lernen, das so ähnlich wie Boule funktioniert. "Willst du es mal probieren?", fragt Brian sofort und drückt einem die schwere Kugel in die Hand.

Manitobas am besten gehütetes Geheimnis

Mehr als dreißig Jahre leben Dawn und Brian schon am Rand des Nationalparks. Die Fotografen gründeten einst ihre eigene Agentur, veröffentlichten in Time und National Geographic und reisten über den ganzen Kontinent. Sie fuhren mit dem psychedelisch angemalten Bulli, der in der Einfahrt steht, durch Mexiko, begleiteten die letzten Schreikraniche in Wisconsin und entdeckten einen neuen Wasserfall in der Arktis. "Indem wir ihn beinahe runtergefallen wären!", erzählt Dawn und lacht wieder. Aber Riding Mountain machten sie zu ihrer Heimat. "Er gilt als Manitobas am besten gehütetes Geheimnis. Weil er nicht auf dem Weg in die Rockies liegt. Man muss einen Umweg machen, um ihn zu finden."

"Wer ihn einmal gefunden hat, kommt wieder. Achtzig Prozent aller Besucher kehren zurück. Als sie sich zur Ruhe setzten, kauften Dawn und Brian das Clubhaus aus den Vierzigern mit seinem großen Rasen, renovierten es und hängten in jeden Winkel ihre Gemälde und Fotografen. "Riding Mountain ist ein bisschen wie Banff früher einmal gewesen sein muss", spielt Dawn auf den ältesten Nationalpark Kanadas in den Rockies an, der heute jedes Jahr mehr als drei Millionen Besucher empfängt. "Dieser Ort hat eine Vertrautheit. Die Menschen kennen einander", sagt sie und schaut hinüber zum Clubhaus. "Wir nennen es unsere Zentrale für Kleine-Welt-Geschichten." Von diesen Geschichten gibt es viele. Wie die von dem Flugzeugabsturz. Am besten erzählt sie Bob McRae, ein 65-jähriger Farmer mit Händen so groß wie Teller, in dessen verwittertem Haus am Ostrand des Parks schon sein Vater wohnte. Mit ihm beginnt die Geschichte: Es war am Abend des 30. April 1944, ein regnerischer Sonntag, als aus dem Wald hinter der Farm von Bobs Vater auf einmal zwei Männer stolperten. Sie entpuppten sich als Soldaten der Luftwaffe, die bei einem Probeflug über dem Park abgestürzt waren und wie durch ein Wunder nur Kratzer abbekommen hatten. Stundenlang hatten sie sich durch den Busch gekämpft, um Hilfe zu holen für ihre Kameraden, die verletzt am Wrack lagen.

Erinnerungen an den Flugzeugabsturz 1944

McRae Senior fackelte nicht lange, setzte die beiden in seinen Truck und fuhr in den benachbarten Ort Kelwood. Als sie ankamen, war es bereits dunkel, aber in der Kirche brannte noch Licht. "Ohne zu zögern, liefen sie hinein und unterbrachen den Gottesdienst", erzählt Bob am Küchentisch seiner Farm. "Und alle standen auf und liefen im strömenden Regen in ihren Sonntagsanzügen in den Busch, um nach Verletzten zu suchen." Ein Kamerad verstarb in der Nacht, den anderen bargen sie lebend am nächsten Tag.

Whirlpool Lake

Whirlpool Lake

Aber das ist nur der erste Teil der Geschichte. Fünfzig Jahre später begegnete Bob zufällig einem der Männer, die an jenem Sonntag aus dem Busch gestolpert waren – und etwas rastete ein in seinem Kopf: Er wollte, nein, er musste die Absturzstelle, die über die Jahre in Vergessenheit geraten war, wiederfinden. Aber westlich der Farm befindet sich nur dichter Busch, "das ist, als wolle man eine Nadel im Heuhaufen finden." Also interviewte er Zeitzeugen, studierte alte Tagebücher und lief mit seiner Tochter, selbst wenn sie eigentlich in der Schule hätte sein müssen, monatelang immer wieder aus seinem Garten in den Wald. Bis er eines Tages das Wrack fand. "Wir stapften durch den Sumpf, und auf einmal war da dieses große Gerippe. Was für ein unglaubliches Gefühl!"

In dem Sumpf lag kein Schatz, nur ein paar rostende Eisenstangen. Aber sie lagen eben auf dem Land, das ein Teil von ihm ist. "Als die Familie meines Vaters 1929 hierher zog, lebten sie von Wild und hackten hier ihr Feuerholz. Der Park bedeutete alles", erzählt Bob mit immer leiser werdender Stimme. Als später Jagd und Abholzung im Park verboten wurden, gab es wütende Proteste. Heute sind der Park und sein Umland Unesco-Biosphärenreservat, und viele der Menschen hier fühlen sich für ihn verantwortlich.

Auf der Suche nach Wölfen

"Na klar, manchmal zerstören Tiere einen Zaun und beschädigen die Ernte, aber ich würde nirgendwo anders leben wollen", sagt Bob. "Man könnte mir ganz Winnipeg anbieten, und ich würde es gegen keinen meiner Äcker tauschen." Bobs Suche hat ein Ende gefunden, die von Christina Prokopenko hat gerade erst begonnen. Es ist früher Sonntagmorgen, als sie auf einem Pfad Handschuhe und Schutzbrille anzieht, das GPS-Gerät überprüft, den Rucksack mit der Axt überstreift und in den Busch geht. Die 26-jährige Doktorandin aus Ottawa studiert das Räuber-Beute-Verhältnis in Riding Mountain, was heißt: Sie sucht Wölfe. Etwa 80 Tiere gibt es im Park und jeden zweiten Tag folgt Christina ihren Peilsendern in der Hoffnung, mehr über ihr Jagdverhalten zu lernen. Das ist harte Arbeit. Entweder man stolpert durch dichtes Unterholz oder stapft in ein Moor. "Fühlt sich an, als würde man durch Jurassic Park laufen", sagt Christina, das blonde Haar voller Zweige, während sie über Baumstämme klettert und unter Haselnusssträucher kriecht. 

Wald in Manitoba, Kanada

Boreal Trail mit Blick auf das grüne Herz Kanadas

Wenige Tiere werden noch heute so sehr verteufelt wie Wölfe. "Ich habe das Sprichwort gehört: Ein gesichteter Wolf ist ein toter Wolf. Das ist möglich, in vielen Gegenden werden sie nicht gemocht", sagt Christina. "Schau dir an, wie viele Wölfe in unseren Geschichten die Rollen von Bösewichten spielen. Dabei stellen diese Jäger nur eine geringe Gefahr für den Menschen dar. Meist ist es andersrum." Die Wölfe sind scheu. Nur einmal, als ein Tier vor ihr die Straße überquerte, bekam Christina einen zu Gesicht.

Nach ein paar Stunden steht sie am Ufer eines Sees, über den der Ruf eines Eistauchers schallt, und hält ein Hirschgeweih in den Händen. Wie einen Tatort untersucht sie das Schilf, nimmt Proben von Haaren und Kot, findet ein paar Knochen. "Eindeutige Anzeichen, dass es hier eine Jagd gab", sagt Christina und zeigt auf die geschwungenen Linien im hohen Gras. "Ich glaube, der Hirsch wollte zum See kommen. Das wäre vielleicht seine Rettung gewesen", versucht Christina den Angriff zu rekonstruieren. "Aber die Wölfe haben ihm wohl den Weg abgeschnitten." Die Spuren sind alles, was die Wildnis preisgibt. Der Rest bleibt ihr Geheimnis.

Auf der nächsten Seite finden Sie nützliche Tipps für den Riding Mountain National Park. 

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Autor:
Kalle Harberg