West-Kanada Fischfang in Steveston

Die größte kommerzielle Fischereiflotte Kanadas liegt in Steveston. Seit mehr als 100 Jahren dreht sich in der Kleinstadt südwestlich von Vancouver alles um Fisch. Kenner kaufen das Seegetier frisch weg vom Kutter - oder gehen auf eine amtliche Portion gleich ins Kultlokal PaJo's.

Den Hinweis hatte uns Rod D. Pybus gegeben, ein gestandener Logistikunternehmer aus Vancouver: "Fahrt doch mal dorthin, wo die Locals hingehen, wenn sie guten Fisch kaufen oder gleich essen wollen - zum Fischerhafen in Steveston."

Weit ist es nicht nach Steveston, gut 20 Kilometer entfernt von Downtown Vancouver. Busse verkehren regelmäßig, doch wer sich gerne bewegt und ein bisschen was Besonderes sehen will, der leiht sich in Vancouver bei einem der zahlreichen Anbieter ein Fahrrad und nimmt den West Dyke Trail. Auf dem Weg entlang der Pazifikküste, dem Strait of Georgia, lässt sich aktiv die wirklich wunderschöne Natur erleben.

Direkt am Meer und am in den Strait of Georgia mündenden Fraser River liegt Steveston. Was überrascht: Mit einer Flotte von 600 Booten ist die Kleinstadt der größte kommerzielle Fischereihafen Kanadas. An den Quais schaukeln die zum Fischen aufgerüsteten Boote im Wasser, ihre schmalen Masten stechen hoch in die Luft, während jenseits dieser Kulisse schneebedeckte Berge gen Himmel ragen, soweit das Auge reicht. Ein Teil der Stege bildet das "Fisherman's Wharf". "Tartu", "Interceptor" oder "Pacific Searcher" heißen die hier vertäuten Boote, von ihren Decks werden wilder Lachs, Tuna und andere frisch aus dem Pazifik gefischte Köstlichkeiten feil geboten.

Fisch genießen auf kanadisch - in Steveston

Wer in Steveston nicht nur kaufen, sondern den Fisch auf amtliche Weise essen will, der geht ins Kultlokal PaJo's, gleich um die Ecke vom Hafen, established since 1985. "Die haben die besten Fish & Chips weit und breit hat", hatte uns Rod vor unserer Abfahrt aus Vancouver erklärt. Vor allem aber hat der Laden auch eine Toplage - und zwar im wahrsten Wortsinne. Denn der Schuppen thront auf dem Wasser und ist nur über einen schmalen Steg zu erreichen. Das PaJo's ist eine richtig gute Bude: Fußboden und Gelände aus Holzplanken, bunte Holzbänke und -tische samt Sonnenschirmen - that's it.

Es ist Nebensaison. "Daher gibt es keine langen Warteschlangen wie in der Hauptsaison von Mai bis September", wusste Rod zu erzählen. "Im Sommer musst du oft sogar unter der Woche über eine halbe Stunde warten, ehe du bestellen kannst." Dabei hat Steveston rund um seinen Boardwalk zirka 50 Restaurants zu bieten, das allein sagt alles über die Qualität des PaJo's.

Der Andrang ist zur jetzigen Jahreszeit wie erwartet mäßig, aber der Appetit riesig und die Speisekarte klein und fein: An Fisch wird serviert, was kurz zuvor quasi genau vor der Tür aus dem Pazifik kam: Halibut, also weißer, zarter Heilbutt; Cod, Kabeljau mit festem Fleisch; Salmon, sprich echter Wildlachs; und Yellowfin Tuna, den man bei PaJo's als Burger kredenzt. Cod, Halibut und Salmon kommen dagegen comme il faut eingehüllt in einer Panade, in Fett gebacken und mit Fritten (chips) auf den Tisch. Dazu hausgemachter Kohlsalat (cole slaw) und diese typische, leicht säuerliche Tartarsauce - gratis und bis zum Abwinken.

Lokale Sushi-Konkurrenz

Da tröstet es Figurbewusste nur, wenn nach dem Essen 20 Kilometer auf dem Fahrrad zurück nach Vancouver anstehen. Oder man hält sich in Steveston gleich an die lokale Restaurantkonkurrenz und hier insbesondere an Japaner, wie Ichiro, Village Sushi Bar oder Sushi Ten, die unter anderem den Yellowfin Tuna in kalorien- und fettarmes Sushi verwandeln.

Was die Preise bei PaJo's angeht, bleibt die normale, aber reichliche Fish-&-Chips-Portion unter 10 kanadischen Dollar (um 7 Euro) und kostet nur als extra große Portion mit zweieinhalb Stücken Fisch mehr: Cod 11,20; Salmon 11,69; Halibut 13,29 kanadische Dollar. Umsonst sind die Löcher in den Tischplatten.

"Da passen die Tüten für die Fritten genau rein, die stellt man so ganz bequem ab", erklärt eine junge Deutsche am Nachbartisch. Sie heißt Judith und ist gerade angekommen, um wieder auf einer Ranch nordöstlich von Vancouver zu jobben. "Das habe ich schon im letzten Sommer getan. Da helfe ich dann auch wieder beim Viehtrieb und Markieren der Jungtiere."

Die Stadt Steveston existiert seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und entwickelte sich wegen der prädestinierten Lage am Meer wie am südlichen Arm des Fraser River zum angesagten Standort für den Wildlachsfang. Zudem wurden in großem Umfang von hier aus Meeresfrüchte aller Art aus dem Pazifik gefischt, auch Krebse und Hering. Das sprach sich herum. Aus nah und fern legten Handelsschiffe an, bunkerten Fischkonserven und fuhren sie zu den Abnehmern.

Heute wird vieles vorsorglich direkt auf dem Schiff schock gefroren und nicht nur ab Kutter verkauft, sondern genauso auf dem Fischmarkt von Steveston. Zum Angebot gehören hier auch Shrimps und Prawns, aber nicht Austern oder Muscheln, da nicht heimisch. Noch heute leben in Steveston viele Japaner und Chinesen, die damals hier nach Arbeit suchten und in den Fischfabriken anheuerten. Um 1890 war der Ort eine boomtown mit 15 Fischfabriken - nebst Kasino und Bordell. So schnell die Blüte kam, so verging sie - das war um 1920. Schließlich schloss 1985 die letzte Fischfabrik ihre Tore, der Ort ging derweil ein in die immer weiter wachsende Großgemeinde Metro Vancouver.

Über die Hochzeiten Steveston ist einiges zu erfahren in den örtlichen Museen: die London Heritage Farm mit ihrem Garten, die Gulf of Georgia Cannery National Historic Site, eine 1894 erbaute riesige Fischfabrik, und der Britannia Heritage Shipyard, denn Werften gab es am Fischerhafen traditionell. Und einige sind nach wie vor in Betrieb. Auch wenn inzwischen in Steveston viele Menschen leben, die in und um Vancouver herum allen möglichen Jobs nachgehen, nur nicht dem des Fischers und Bootsbauers. Und nach wie vor dreht sich hier vieles um guten Fisch.

Kurz vor der Rückfahrt nach Vancouver treffen wir Rod, unseren Logistikunternehmer, der uns den Tipp für den Trip gegeben hatte. Soeben hat er an einem der Kutter Lachs zum Grillen für daheim gekauft. Jetzt verstaut er den frischen Fisch in der Kühlbox im Kofferraum seines Autos. "Das gehört sich so", sagt Rod auf dem Weg ins PaJo's. "Ein Einheimischer nimmt seinen Kauf nicht mit in eines der Restaurants hier." Rod lacht uns an: "An den Fischtüten unter dem Tisch erkennst du die Fremden."

Reif für ein Abenteuer? Jetzt den perfekten Trip nach Kanada planen.

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Autor:
Ulrike Wirtz