Kanada - Toronto Ein Herz für Brettspieler

Die Geeks rennen ihm die Bude ein. Das "Snakes and Lattes" von Ben Castanie in Toronto bietet gegen ein "Sitzgeld" von fünf Dollar mehr als 2200 Spiele zur freien Auswahl an - und das sonst so ungeduldige Szenevolk wartet dafür bis zu sechs Stunden auf einen freien Tisch in dem kleinen Café.

Wenn Lynne Jenston die Welt retten will, geht sie ins Café "Snakes and Lattes“. Dort wird die Designstudentin zur Seuchenspezialistin: Mit einem Team Gleichgesinnter entwickelt sie einen strategischen Plan, um eine Epidemie zu stoppen und bastelt fieberhaft an einem Heilmittel. Es gibt Tage, an denen sich der tödliche Virus trotzdem ausbreitet und Jenston sich frustriert geschlagen geben muss. Meistens bestellt sie dann einen doppelten Espresso und startet mit ihren Freunden von neuem: "Pandemic" macht süchtig, sich gegen den Sog des Brettspieles zu wehren, hat die 22-Jährige längst aufgegeben. Sie kommt mindestens zwei Mal die Woche zu "Snakes & Lattes", um ihrem liebsten Hobby zu frönen und ist in Toronto nicht alleine mit ihrer Leidenschaft: Spiele gelten als ultra-cool, Geeks als die neuen Hipster und "S & L" als der beliebteste Szene-Treff.

Dabei ist es nicht so, dass Torontos Nightlife wenig Spannendes zu bieten hätte: Von Clubs über Bars, Galerien bis hin zu voll gestopften Musikschuppen kann man jeden Abend etwas Neues unternehmen - langweilig wird es garantiert nie. Trotzdem etabliert sich in der 3 Millionen-Einwohner-Metropole gerade dieses Café als Geheimtipp, dessen Konzept gemessen an der sonst so stylischen Toronto-Ausgeh-Auswahl eher bieder anmutet. Fernab vom Discogewummer sitzt man sich hier brav gegenüber, flucht vielleicht schlimmstenfalls über eine verpasste Chance oder jubelt etwas laut über den Gewinn. Obwohl Alkohol ausgeschenkt wird, sind die meisten bestenfalls auf einem Kaffee-Hoch.

Mit Snakes & Lattes spielend zum Erfolg

Hirn ist in, Konzentration sexy und ein beeindruckendes Gedächtnis für Spielregeln kann einem hier schneller ein Date verschaffen als jeder pfauenhafte Monolog über Kunst oder Politik. Seit einem Jahr versorgt "S & L" die Torontianer mit einer Flut an Brettspielen und der Laden an der Bloor Street West brummt derart, dass in ein paar Monaten eine Vergrößerung ansteht.

Inhaber Ben Castanie ist vom Erfolg seines Liebhaberprojektes am meisten überrascht. Zwar hatten der Franzose und seine Lebenspartnerin Aurelia Peynet bei ihren ersten Reisen nach Kanada schon vor Jahren erkannt, dass es dem Land der Elche und Bären an gemütlichen Cafés mangelt, in denen man in Ruhe sein Karten- oder Brettspiel auspacken konnte. Dass die Leute ihm die Tür einrennen würden, sah er so aber nicht kommen. "Gruppen oder selbst Einzelne müssen am Nachmittag mindestens zwei Stunden warten, bis ein Tisch frei wird, in heftigen Stoßzeiten sogar fünf bis sechs", sagt der wuchtige, schüchterne Kerl und kratzt sich mit einem Kopfschütteln etwas unsicher an der Stirn, als verstehe er die Begeisterung der Kunden selbst nicht ganz. Die gehen mittlerweile schon so weit, in der Schlange um den nächsten Tisch zu knobeln.

Wer mal einen Platz ergattert hat, steht so schnell nicht auf und viele der Gruppen geben Spiele wie "Dixit", "Puerto Rico", "Bananagram" oder "Munchkin" gar nicht mehr her. Pro Person wird 5 Dollar "Sitzgeld" berechnet, ein Zeitlimit gibt es nicht, wer das Brett ausgepackt hat und in anderen Welten versunken ist, kann so lange würfeln, knobeln oder mischen wie er will.

"Es gibt Leute, die hier jeden zweiten Tag auftauchen und ein paar Runden ihres Lieblingsspiels absolvieren oder einen unserer Tipps ausprobieren. Andere kommen nur einmal die Woche, bleiben dafür aber auch gut und gerne sechs bis acht Stunden", erzählt Barmann Sean Jacquemain. Eigentlich sei "S & L" am Wochenende bis zwei Uhr früh geöffnet, meistens werde es aber vier, oft sechs und ab und an sogar acht Uhr. "Wir schmeißen niemanden raus, ganz sicher nicht, wenn gerade ein heißes Match stattfindet", so Jacquemain.

Die deutschen Spiele sind der Renner

Die Angestellten im gemütlichen Cafe verstehen die Euphorie zu gut. Sie sind mehr als nur Bedienungen, allesamt Spiel-Freaks, die ihr Wissen nur allzu gerne weitergeben. "Es ist toll, wenn jemand hinter der Theke einen leckeren Milchkaffee machen kann, aber hier wird mehr erwartet", sagt Castanie. Jeder im Team ist Spielleiter, Berater, Lehrer und wenn Not am Mann ist auch Ersatzspieler. Das Servieren der leckeren französischen Quiche, der Schokocroissants oder von Bier und Wein wird zur Nebensache. Die Spiel-Sommeliers wissen, was top oder neu ist, was sich für Gruppen oder Paare eignet, wie die Regeln am einfachsten erläutert werden - das ist am wichtigsten.

Bei einer Auswahl an mittlerweile 2200 Spielen sind vor allem Neulinge dankbar für die Hilfe. Wer nicht genau weiß, ob er am Nachmittag lieber Straßen kaufen, Länder aufbauen, Kriege gewinnen, Monster bekämpfen oder doch nur Fragen beantworten will, muss sich auf eine Lawine von Möglichkeiten aus allen Ländern, Epochen und in unterschiedlichen Designs gefasst machen. Als eine Gruppe Freundinnen Jacquemain mit einem Wortschwall klar macht, wonach ihnen die Laune steht, schleppt er deshalb gleich sechs fette farbenfrohe Boxen an und erklärt am Ende die Regeln zur Jubiläumsausgabe von "Trivial Pursuit".

"Klassiker sind nach wie vor der Renner", sagt der gebürtige Kanadier. Dabei gibt es so viel mehr in der langen Regalwand und im Lager: Vom Notwendigen ("Monopoly") über Nostalgie ("Jumanji") bis hin zu jenen mit Seltenheitswert ("Fireball Island") ist alles dabei. "Arkam Horror" "Race to the Galaxy", "Seven Wonders", selbst "Tabu" und "Das verrückte Labyrinth" finden sich in den Stapeln. Die deutschen Spiele hätten in Nordamerika einen hohen Stellenwert, so Castanie, "Die Siedler von Catan" sei mit Abstand die am meisten gesuchte Schachtel. Aber die US-Industrie hole auf", sagt der "S & L"-Chef.

Dass die Bedeutung der Spielwelt zunehme, merke er nicht nur am Zulauf der Spielwütigen aus allen Altersgruppen. Auch die künstlerischen und strategischen Aspekte ziehen immer mehr Interessierte an. "Wir haben ganze Studenten-Gruppen, die hier Stunden verbringen, um die europäischen Spiele zu analysieren", so Castanie.

Vintageläden, Flohmärkte und Ausverkäufe

Drei Jahre dauerte es, bis Ben Castanie und Aurelia Peynet ihre Basissammlung von 1500 Spielen aus Vintageläden, Flohmärkten und Ausverkäufen zusammen getragen hatten und vor einem Jahr "Snakes &Lattes", eine Anlehnung an das altertümliche Brettspiel Snakes & Ladders, eröffneten. "Mir ist schon klar, dass es dabei Verluste gibt. Ecken werden verbogen, Karten geknickt und Spielsteine gehen verloren. Vielleicht klinge ich etwas naiv, aber ich will, dass die Leute Spaß haben, das ist doch der eigentliche Grund, warum Spiele kreiert werden - also beschwere ich mich auch nicht, wenn mal was kaputt geht", so Castanie. Neben der Erweiterung der Räume arbeiten er und sei Team zudem an Themen-Nachmittagen, Rollenspielen, eine Game-Brunch für Familien und Vorträgen von Spielemachern.

So viel ihm am Einführen einer kanadischen Spielkultur liegt, sein größtes Anliegen sei ein anderes, ganz simples. "Ich möchte Spieler und Nicht-Spieler zusammen zu bringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in einem Raum zu treffen und austauschen zu können. In Europa ist es etwas Alltägliches, in Nordamerika gelten Brettspiel-Anhänger noch als Exoten, die keine Freunde haben. Aber die Geeks sind für mich andere. Überall in den Cafés sitzen Einzelne versteckt hinter ihren Computern und geben vor, über irgendwelche Netzwerke wie Facebook schweigend ihre sozialen Kontakte zu pflegen", wundert sich Castanie und schaut in die bunte Runde an den Tischen, an denen lebhaft diskutiert oder konzentriert verhandelt wird. Eine W-Lan-Internetverbindung gibt es deshalb bewusst nicht im "Snakes & Lattes". "Hier muss man seinem Gegenüber in die Augen sehen und reden. Es ist ein großartiger Weg, das Eis zu brechen, ohne dass man über Belanglosigkeiten wie das Wetter sprechen muss. Mit Geek-Sein hat das nichts zu tun!"

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Autor:
Manuela Imre