Kanada Der visionäre Aufstieg des Drake Hotel

Es ist der Abend nach der Feier, zwei Tage nach dem Konzert, und einen Tag bevor eine Reihe neuer Kunstwerke in der Lobby aufgehängt wird. Vor dem Drake schlängelt sich eine gut gelaunte Menge stylisch aussehender Menschen die Queen Street entlang. Eigentlich ist es auch egal, welcher Abend gerade ist - in Torontos hippen Bohemien-Treff ist ständig so viel los, dass der Fluss an Trendsettern nie abzureißen scheint.

Das Drake ist ein Hotel, die Einheimischen vergessen das oft. Für sie ist es Club, Restaurant, Bar, Café, Musikschuppen, Künstlertreff und Ausstellungsraum im Viertel West Queen West. Dass ab und an ein paar Leute ihre Koffer durch die Lobby rollen, scheint niemanden zu stören. Wo anfangs vorwiegend junge Kreative ein und aus gingen, trifft man heute auch Yuppies, aufgebrezelte Mädels aus den Vororten und überschöne Wesen aus der Modebranche. Sobald abends die Lichter gedimmt werden und die Musik beginnt, vermischt sich das Publikum sowieso.

Im "Underground" wird gerockt oder geravet, in der "Lounge" legen DJs auf, ansonsten stehen Bands auf der Bühne und in der "Sky Bar" gibt es Bier und Cocktails unter freiem Himmel. Die Events und Stile fließen ineinander wie das Design in den 19 Zimmern im oberen Trakt. Holz trifft auf Leder, antik auf High-Tech und schlicht auf Schnickschnack. Manche Räume haben Backsteinwände, andere sind getäfelt, ein paar mit Ornamenttapeten ausstaffiert. Alle strahlen die Ruhe aus, die man erhofft, aber beim Gang durch die Lobby nicht erwartet. Vom Partyrummel bleiben die Zimmer verschont. "Sonst", sagt Drake-Eigentümer Jeff Stober, "könnte man hier niemandem Geld für eine Nacht abverlangen."

Das Drake ist ein Ort für nationale und internationale Kunst

Dass die Co-Existenz von privatem Hotelraum und öffentlichem Event-Space so gut funktioniert, hat Stober der großzügigen Raumverteilung über mehrere Etagen zu verdanken, aber auch versteckten Ecken und Nischen, in denen man es sich auf roten Ledersofas bequem machen kann. Abgelenkt wird man dort höchstens von der Kunst über, neben und vor einem. Mit dem Anspruch Ausstellungsfläche für lokale und internationale Künstler zu sein, hat das Drake ein "Artist in Residence"-Programm sowie eine eigene Art-Kuratorin. Mia Nielsen kümmert sich um die ständig wechselnden Werke. Die sind überall. Im Treppenhaus, auf dem Weg zur Toilette, über der Theke oder als überdimensionaler Kronleuchter an der Lounge-Decke. Jedes Detail ist vollständig durchdacht.

Das war in diesem Gebäude nicht immer der Fall. Der Bau wanderte lange durch viele Hände und konnte sich in seiner Geschichte nicht immer des besten Rufs erfreuen. 1890 eröffnete das Eckhaus als "Small's Hotel" seine Türen und hinein strömten vor allem Arbeiter des benachbarten Canadian-Pacific-Railway-Unternehmens.

Im nächsten halben Jahrhundert tauschte es unter Namen wie "Hotel Cecil" oder "The Stardust" Stil und Klientel in schnellem Wechsel - 1949 wurde es zum "Drake", ausgebaut und erlebte eine kurze goldene Zeit, gefolgt vom ganz tiefen Fall.

Eine Vision für die Absteige "Drake Hotel"

Das Drake wurde zur Absteige, zum Stundenhotel, kurzzeitig zur Punk-Bar und irgendwann zur Rave-Höhle. Der Putz bröckelte, der Ruf war schon lange dahin, und die Nachbarschaft galt gemeinhin als Brutstätte verruchter Künstlertypen, die in Lagerhallen hausten und abgedrehte Ideen auf Leinwände pinselten. "Es war nicht einfach, in diesem heruntergekommenen Bau eine Vision zu haben", erinnert sich Jeff Stober. Er hatte sie dann doch - "sehr plötzlich und klar" - und kaufte das Gebäude 2001. Drei Jahre sollten vergehen, bevor der schnell sprechende Geschäftsmann mit der dunklen Hornbrille genau das eröffnete, was er im Drake sah: Ein Kunst- und Kultur-Mekka für Bohemiens, mitten im aufkeimenden Galeriebezirk von Toronto in Kanada.

Es wurde das Liebhaberprojekt eines Mannes, der gerne schon lange vor dem Hotelkauf kreativ gewesen wäre, aber erst einmal Vernunft und Geschäftssinn folgte. Als Gründer und CEO baute Stober 20 Jahre lang ein erfolgreiches Computer-Serviceunternehmen auf - und verkaufte es im richtigen Moment, bevor die dot.com-Blase platzte.

Mit 17 hatte Jeff Stober überlegt an die Kunsthochschule zu gehen, nun standen ihm die finanziellen Mittel zur Verfügung, seine Hobbys zum Beruf zu machen. In gewissem Sinn ist das Drake sein Spielzimmer. Der Hausherr tobt sich in Architektur, Design, Kunst, Musik, Literatur und Kulinarik aus und lädt andere zum Mitspielen ein.

Hotels haben für den gebürtigen Montrealer eine eigene Faszination. "Früher sollte einem das Zimmer das Gefühl geben, auch im Ausland im gewohnten Umfeld zu schlafen. Heute will man, dass es die DNS der Stadt, der Nachbarschaft repräsentiert", sinniert Stober und bedankt sich artig beim großzügig tätowierten Keller für den Cappuccino. Ihm sei deshalb Individualität und Authentizität wichtig. "Die Leute sind doch nicht dumm. Sie merken sofort, wenn man aufgesetzten Mainstream produziert, nur um allen zu gefallen. Das führt ins Leere."

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West Queen West hat sich weiterentwickelt - zusammen mit dem Drake

Dass das Drake, die internationalen Gäste, die gut betuchten 9/5-Schickimickis und die coolen Kleinfamilien, die sich sonntags zum späten Brunch treffen, die Nachbarschaft verändert haben, das kann keiner bestreiten. Auch Jeff Stober nicht. "Es ist etwas, das in vielen Vierteln großer Städte passiert. Die Kunstszene entdeckt eine Ecke für sich, andere ziehen nach, weil hier das Leben brodelt, weil es spannend ist", sagt er. Und den Begriff "Veränderung" findet er im Bezug auf das Drake sowieso nicht ganz richtig. Von Anfang an habe man sich darum bemüht, sich an die Nachbarschaft anzupassen und nicht anders herum. "West Queen West hat sich weiterentwickelt - mit dem Drake, mit den Leuten."

Die müssen sich darauf einstellen, dass es so schnell kein Halten gibt für diese Gegend. Neue Geschäfte, Restaurants, Coffee-Shops und vor allem hochmoderne und teure Apartmentgebäude und Hotels sind überall im Entstehen, die Mietpreise sind längst nicht mehr künstlerfreundlich. Gegner der Gentrifizierung machen das Drake mitverantwortlich, die meisten zucken mit den Schultern und nehmen die Neuerungen mit einer gewissen Neugierde an.

Die ganz Kreativen sind mittlerweile ohnehin ein gutes Stück weiter westlich nach Parkdale gezogen, wo die Kosten noch erschwinglich sind und eine neue Szene aufgebaut wird - in abgespackten Lagerhallen. Zum Feiern und Tanzen kommen die meisten dann aber doch noch vorbei. Und reihen sich brav in die Schlange vor dem Drake ein.

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Früher schliefen im Drake Hotel Schichtarbeiter und Leute die nur für gewisse Stunden ein Bett benötigten. Heute buchen internationale Gäste lange im Voraus.

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Autor:
Manuela Imre