Montréal Auf den Spuren von John Lennon

1969 gastierte der Beatles-Star John Lennon im Hotel Queen Elizabeth in Montréal. Zusammen mit seiner Frischvermählten Yoko Ono nahmen sie bei einem Bed-In die Single "Give peace a chance" auf. Bis heute pilgern Fans zum Hotel, um sich die Suite der beiden anzuschauen - oder gar für Nachwuchs mit Lennon-Aura zu sorgen.

1. Juni 1969, Montréal: Aus einer Suite im kanadischen Fünfsterne-Hotel The Queen Elizabeth Hotel - kurz: QEH - hört man die Friedenshymne "All we are saying is give peace a chance". John Lennon und Yoko Ono hatten einige Sänger und Musiker sowie einen Tontechniker in die Suite 1738/44 dieser Fünfsterne-Adresse eingeladen. Das frisch vermählte Paar wollte das Medien-Interesse an ihrer Hochzeitsreise nutzen, um gegen den US-Militäreinsatz in Vietnam und alle übrigen Kriege zu protestieren. Sechs Wochen später sind genau diese Störgeräusche die Nummer 14 der US-Hitparade. 

Die Musikhistoriker werten diesen Tag als das Gründungsdatum der Plastic Ono Band - und damit als das Ende der Beatles. Die Tagesprotokolle des Hotel-Sicherheitsdienstes dokumentieren den Aufenthalt der Frischvermählten, die vorher bereits im Amsterdam Hilton und im Wiener Hotel Sacher ihre Schlafzimmer-Pressekonferenzen für den Weltfrieden abgehalten hatten, einfach nur als Chaos-Tage. Laut Eintrag vom 27. Mai 1969 irrten 200 Beatles-Fans in der Hotel-Lobby herum und wollten "ihren geliebten John" sehen, die meisten Hotelgäste "reagierten geschockt auf diese Langhaarigen".

Hotelgästen war der langbärtige John Lennon suspekt

Aber noch mehr beschwerten sich QEH-Stammgäste über jene finsteren Gestalten, die zur Entourage des Ehepaares Lennon-Ono gehörten. Wer konnte damals ahnen, dass dieser Typ mit dem wallenden Rauschebart à la Karl Marx heute als literarisches Sprachrohr der Beat-Generation verehrt wird? Dabei war Misstrauen wohl eher angebracht bei dem sanftmütig lächelnden LSD-Guru Timothy Leary, der wegen seiner Menschenversuche mit illegalen Substanzen weltweit ein Zielobjekt von Drogenfahndern war. Plattenproduzent Phil Spector - 2009 wegen Totschlags zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt - war 1968 ebenfalls auf Einladung der Friedensbotschafter John Lennon und Yoko Ono ins QEH nach Montreal gekommen und sang lauthals mit: "Give Peace A Chance!"

Draußen vor dem Hotel kreischten die Teenies und wollten ein Kind - oder zumindest ein Autogramm - von ihrem John. Aber das QEH ist kein Cavern Club in Liverpool und auch kein Hamburger Star Club, hier in Montreal wurde die Beatles-Mania durch ein neues Bewusstsein abgelöst. Außerdem legt die QEH-Pressebetreuerin Joanne Papineau Wert auf die Feststellung: "Heute joggen hier in Montreal die Stars unbehelligt in den Straßen herum. In New York oder Los Angeles werden sie sofort umringt von Autogramm-Sammlern." Bevor sie mich hinauf zur Lennon-Ono-Suite begleitet, drückt Joanne im Fahrstuhl erst einmal den obersten Knopf und will mir ihren Dachgarten zeigen.

Die goldenen Schallplatten von John Lennon
Winfried Dulisch
Die goldenen Schallplatten von John Lennon

Bienenzucht mitten in Montreal

Vier Bienenkörbe stehen hier über den Dächern von Montreal. "Die produzieren den Honig, den Sie zum Frühstück gegessen haben." Bienenzucht mitten in der Wolkenkratzer-Großstadt Montreal? "Unser Honig ist frei von Pestiziden und anderen chemischen Rückständen, die man in landwirtschaftlich genutzten Regionen kennt." Auf den übrigen Dächern stehen weitere Bienenkörbe in den Dachgärten.

Außerdem werden im QEH-Dachgarten produziert: Fenchel und andere Kräuter, 15 Arten von Tomaten, diverse Pfefferminz-Sorten, Paprika, Pfeffer, rote Bohnen, Gurken. "Wir ernten hier mindestens 160 unterschiedliche Pflanzen im Laufe eines Jahres." Und nicht zu vergessen die "Strawberries", obwohl "ausgerechnet die Erdbeeren gedeihen hier oben nicht so gut. Und das Zitronenbäumchen ist ebenfalls nur ein Gartenschmuck."

Der Dachgarten des Queen Elizabeth Hotels.
Winfried Dulisch
Joanne Papineau auf dem Dachgarten.

John Lennon und Yoko Ono hatten geplant, ihren Honeymoon-Trip in New York zu beenden, wo sie gegen den Vietnam-Militäreinsatz der Amerikaner demonstrieren wollten. Wegen seiner Drogen-Vergehen (Lennon war Heroin-abhängig) durfte er nicht in die USA einreisen, sogar die Bahamas erklärten ihn für unerwünscht. Als Ausweichadresse wurde Kanada gewählt. Das Londoner Beatles-Office buchte die Suite im QEH knapp 24 Stunden vor Ankunft der hohen Herrschaften und schickte ein Fernschreiben mit den Speisewünschen des britisch-japanischen Ehepaares: Orangensaft, Tee und Milch, dazu Rühreier mit knusprigem Schinken und Grill-Tomate, außerdem "jam and marmelade and lots of honey and butter" - also was ein Englishman so braucht, um sich fern der Heimat wohl zu fühlen.

Sonderwünsche von John Lennon und Yoko Ono waren normal

Sonderwünsche wie "ein extra großer Kamm und ein Käfig für die weiße Maus" gehören ebenfalls zum Alltagsgeschäft eines Beherbergungsbetriebes. Den Unterschied zu normal sterblichen Touristen dokumentieren solche Dienstrapporte: "Der Reinigungsdienst musste drei- bis viermal Staub saugen, weil Herr Lennon immer wieder Blütenblätter in die Luft geworfen hatte." Das Mobiliar hatten die Flitterwöchner vor die Tür gestellt und das Doppelbett in den Wohnbereich verschoben. Eintrag ins Rapportbuch: "Am Tag des Auszugs blieb dem Hauspersonal nur eine Stunde Zeit, um die Suite für die nachfolgenden Gäste fertig zu machen. John Lennon und seine Frau mussten mehrmals aufgefordert werden, das Bett zu verlassen, damit es wieder zurück ins Schlafzimmer geschoben werden konnte." 

Zum Dinner hatten sich die beiden Leckermäuler bestellt: Fisch, Salat, Reispudding, Wackelpeter und "Lots of tea". Dazu sollten noch "diverse Spirituosen - aber nur für die Gäste" gereicht werden, John Lennon war damals vorübergehend Abstinenzler. Heute können Hotelgäste, die in der Suite 1738/44 nächtigen, genau die gleiche Speisefolge ordern - bis auf eine Ausnahme: Turtle Soup, denn "Schildkrötensuppe wird in unserer Küche nicht mehr zubereitet." Die einst dafür in kleine Stücke zerhackten Tiere stehen seit 1988 unter der Obhut des Washingtoner Artenschutzabkommens.

Das Queen Elizabeth Hotel in Montreal.
Winfried Dulisch
Blick vom Dachgarten des Queen Elizabeth Hotels.

"Aber die gleichen Pyjamas, in denen John und Yoko sich damals fotografieren ließen, stellen wir Ihnen auf Wunsch immer noch zur Verfügung", garantiert die Pressesprecherin. Die Eheleute waren nur mit leichtem Gepäck angereist und bekamen deshalb die kultig gewordenen Nachtgewänder zur Verfügung gestellt. "Ein holländischer Moderator trug solch einen Pyjama, als er hier einen TV-Beitrag produzierte über dieses legendäre Hotelzimmer. Ein britischer Radio-Journalist zog sogar die Klo-Spülung, um seinen Hörern akustisch zu beweisen, wie nah er seinem Idol gekommen war.

Einigen Gästen erscheint der Geist von John Lennon

Es geht noch hautnäher. "Mehrere Paare hatten die Suite gebucht mit der Absicht, ein Kind in diesem Bett zu zeugen. Neun Monate später bekamen wir oft schon die Mitteilung, es hat geklappt." Außerdem feiern Alt-Hippies hier gerne ihre Silber- oder Gold-Hochzeit, andere wollen einfach nur mal wieder ein bisschen Schwung in ihr Eheleben bringen. Aber Vorsicht! Joanne Papineau erinnert sich auch an "Gäste, die mitten in der Nacht das Zimmer wechseln mussten, weil ihnen der Geist von John Lennon erschienen war". 

Trotzdem – oder gerade deswegen - kommen regelmäßig Musiker und andere Künstler in das Lennon-Ono-Schlafgemach und wollen sich inspirieren lassen. Für Ton-Aufnahmen ist die QEH-Suite 1738/44 allerdings nicht zu empfehlen. Ein kurzer Soundcheck mit meiner Mundharmonika offenbart: Das plüschige Ambiente bewirkt zwar ein akustisch angenehmes Raumklima für entspannte Plauderstündchen - aber genau deswegen sind diese Räumlichkeiten für eine Platten-Produktionen kaum geeignet ist. Der Tontechniker hatte also ein paar Hall-Effekte dazugeben müssen beim Abmischen von "Give Peace A Chance".

Falls aber ein Gast unbedingt am Geburtsort der Plastic Ono Band ebenfalls spontan ein Friedenslied produzieren möchte – bitteschön: Die QEH-Direktion besorgt wie damals für John Lennon innerhalb kürzester Zeit eine Gibson-Gitarre und engagiert einen Tontechniker. Joanne Papineau: "Wir können allerdings nicht garantieren, dass ein Ergebnis Ihrer Session sechs Wochen später die Nummer 14 der US-Hitparade sein wird."

Auf der offiziellen Website von Montréal finden Sie weitere Informationen über die Stadt, leider nur auf Englisch. 

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Autor

Winfried Dulisch