Fast Lane Haiti-Hirntrauma für alle

Der Dienstag war für mich der längste Tag des Jahres. Irgendwann kurz nach Mitternacht wurde ich aus meiner bequemen, halb liegenden Position gerissen und saß mit einem leichten Schock aufrecht im Bett. Es wäre natürlich klüger gewesen, den Fernseher früher ausgeschaltet zu haben, aber ich wollte mich über das Ereignis, das die Welt bewegt, auf dem Laufenden halten - und ließ den Nachrichtenkanal im Hintergrund vor sich hinplappern. Ich war fast eingenickt, als ich hörte, wie Wolf Blitzer vom Nachrichtensender CNN seine Zuschauer nachdrücklich aufforderte, eine bestimmte Benefizsendung für Haiti mit Staraufgebot einzuschalten.

Da ich das nicht verpassen wollte, drehte ich mich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie Larry King zur Kamera gebeugt versuchte, via Satellit Kontakt zu seinen Kollegen Anderson Cooper (ein Moderator, der enge T-Shirts für eine passende Bekleidung für Nachrichtensprecher hält) und Dr. Sanjay Gupta (medizinischer Chefreporter von CNN) in Haiti herzustellen. Dies allein wäre schon Grund genug gewesen, die Dosis an Schmerzmitteln zu erhöhen - aber ich saß gebannt vorm Fernseher, als ein ganzer Beitrag Cooper und seiner Verwandlung in einen aktiven Teilnehmer des Nachrichtengeschehens gewidmet wurde, da er versuchte hatte, einem verletzten haitianischen Jungen zu helfen. Und Dr. Gupta erzählte Larry, wie er aus seiner Rolle als Journalist herausgetreten sei, um in der Früh mal eben eine Hirnoperation durchzuführen.

Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie irgendwo in einem Kontrollraum der CNN-Zentrale in Atlanta ein übereifriger Nachrichtenchef in dem Glauben, hier würde Rundfunkgeschichte geschrieben, triumphierend die Fäuste in die Höhe reckte. Vielleicht klatschte er oder sie aber auch mit den Kollegen ab und schrie etwas wie "Ja! CNN sendet nicht nur Nachrichten, CNN ist die Nachricht! Wir können lesen, Bericht erstatten, Leute retten und ebenso mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma umgehen!" Außer dem Schädel-Hirn-Trauma, das er seinen Zuschauern zufügt - natürlich.

Hat Twitter etwa CNN gekauft?

Ich hatte endlich die Fernbedienung irgendwo in einer Falte meiner Bettdecke entdeckt und wollte gerade nachschauen, ob alle anderen News-Sender ihren Verstand ebenfalls verloren hatten, als Ashley Judd (von der ich nie weiß, weshalb sie eigentliche "berühmt" ist) auftauchte und anfing in eine Art improvisierter Knoff-Hoff-Show vorzuführen, wie man aus verschmutztem Wasser ganz leicht erfrischendes Trinkwasser machen kann. Jetzt wartete ich fast schon darauf, dass Anderson Cooper sich plötzlich im Studio materialisieren und auf besagtem Wasser wandeln würde, aber Larry King wollte keine Sendezeit verlieren und sagte, man müsse nun zur "tweet suite" wechseln, um zu hören, worüber die Leute in der Welt redeten.

Was zum Teufel ist da eigentlich los?

Erstens: Hat Twitter etwa CNN gekauft? Es scheint fast so angesichts der Massen an Moderatoren, Reportern und Produzenten, die an die Zuschauer appellieren, ihnen auf Twitter zu folgen. Wenn all diese TV-Persönlichkeiten klug wären, würden sie allerdings die Arbeit niederlegen. Denn derselbe abklatschende Nachrichtenproduzent in der CNN-Zentrale ist höchstwahrscheinlich der Typ, der gerade ein Meeting mit dem Verwaltungsrat des Mutterunternehmens des Senders hatte, in dem er zeigen wollte, dass Nachrichtensprecher und Redakteure nicht mehr länger notwendig seien und wie das Sammeln von Informationen zukünftig von 140-Zeichen-Textchen übernommen würde, die jeder verfassen kann, der weiß, wie man eine Tastatur bedient.

Zweitens: Ist es nicht ein bisschen beunruhigend, wenn eine Nachrichten-Agentur die Rolle eines aktiven Geldbeschaffers übernimmt? Eine Reihe von Telefonnummern auf dem Bildschirm einzublenden, unter denen man spenden kann, ist eine Sache; zwei volle Stunden lang die ganze Welt abzuklappern - mit Jennifer Lopez am Telefon - ist etwas ganz anderes.

Drittens: Warum hat CNN noch nicht gelernt, dass eine Präsentation im amerikanischen Stil außerhalb der 50 Staaten nicht ankommt und sie ihren ganzen heimischen Kram nicht in den internationalen Ableger einspeisen sollten?

Mein auf dem Nachttisch summendes BlackBerry lenkte mich endlich vom CNN-Spendenmarathon ab - mit einem Schwall an E-Mails von japanischen Lesern, die annahmen, dass ein Gläubigerschutzantrag für die Fluggesellschaft JAL unmittelbar bevorstünde. Was ich darüber denken würde? Was die Zeitung darüber denken würde? Ob dies einen Wendepunkt für Japan bedeutete? Und: Wäre es tatsächlich die größte Demütigung einer Firma aller Zeiten?

Einen Moment lang war ich versucht, das Licht einzuschalten, den Laptop rauszuholen und all diesen Lesern zu antworten. Aber in wenigen Stunden stand ein Meeting im Zentrum Mailands an und dafür brauchte ich einen klaren Kopf.

Am Ende wälzte ich mich stundenlang hin und her, versuchte mich durch eine kräftige Dusche wiederzubeleben und flitzte für eine Reihe an weiteren Treffen rund um Mailand, bevor ich nach Malpensa aufbrach, um einen Flug nach Frankfurt und dann meinen Anschlussflug nach Hongkong zu bekommen.

Jetzt befinde ich mich irgendwo über Russland und werde bald in den chinesischen Luftraum vorstoßen. Der Herr im Sitz neben mir ist mit Sicherheit auf dem Weg zu einem Vorsprechen mit dem Cirque du Soleil, da er sich in alle möglichen unbequem aussehenden Positionen verknotet und es geschafft hat, mich dabei drei Mal mit einem fuchtelnden rechten Arm zu treffen. Ich habe mich jetzt an die Wand geschmiegt, um einen weiteren Schlag zu vermeiden, und frage mich, warum Lufthansa so lange braucht, um ihre Erste Klasse ein bisschen privater zu gestalten. Außerdem denke ich über all diese JAL-Fragen nach und was das Unternehmen und sein neuer Vorstand tun müssen, um erfolgreich eine allseits bewunderte und zukunftsfähige Luftfahrtgesellschaft zu kreieren. Mein Wochenende werde in Kyoto verbringen - der perfekte Ort, um meine nächste Kolumne über die Zukunft der zivilen Luftfahrt in Japan zu schreiben.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

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Tyler Brûlé