Mittelamerika Das Erbe der Maya

Riesige Flutwellen, Kometen-Einschläge und Vulkanausbrüche: Die Weltuntergangs-Prophezeiungen lassen wenig Hoffnung für ein Leben nach dem 21. Dezember 2012, denn an diesem Tag endet der astronomische Maya-Kalender und alles ist angeblich vorbei. Die Maya waren hervorragende Astronomen und Mathematiker, ihre Kalendersysteme sagen präzise Sonnen- und Mondfinsternisse voraus. Doch trotz der anscheinend kurz bevorstehenden Katastrophe verläuft das Leben in Copán Ruinas in seinen gewohnten Bahnen. Auf den Bänken der zentralen Plaza sitzen alte Männer und philosophieren über vergangene Zeiten, Kinder spielen und von Zeit zu Zeit bleiben Touristen in bunten T-Shirts stehen, um ein paar Fotos zu machen. Dass sie hier sind, verdankt das hübsche Kolonialstädtchen im bergigen Westen Honduras seiner Nähe zu der gleichnamigen antiken Maya-Stätte.

In der sogenannten klassischen Periode, die von etwa 250 bis zum Jahr 900 andauerte, erbauten die Maya hier eine Stadt voller Tempel, Pyramiden, Altäre und Ballspielplätze. Besonders bekannt ist Copán aber für sein beeindruckendes Netzwerk steinerner Stelen, welche die Geschichte der Könige erzählen, die einst hier lebten. 

Rote Aras sitzen auf dem Maschendrahtzaun, der das innere Areal der Ruinenstadt umgibt. Auch in den Baumkronen tummeln sich die farbenprächtigen Vögel; auf dem Weg zu Copáns berühmtestem Bauwerk - einer monumentalen Hieroglyphentreppe - erfüllt ihr Zwitschern und Kreischen die Luft. Eine verblichene grüne Plane überspannt die Treppe. Sie soll die über 1000 Jahre alte Struktur vor widrigen Wettereinflüssen schützen. Die Hieroglyphentreppe ist Teil des Tempels 26, ihre 62 Stufen stellen die Geschichte Copáns dar: der längste in Stein gemeißelte Text des indigenen Volks. Und bis heute ist die antike Ruinenstadt mit der Natur untrennbar verbunden: Auf zahlreichen Tempeln und Pyramiden wachsen hohe, schmalstämmige Bäume, die ihre Wurzeln wie ein Netz über die alten Steine legen.

Star-Wars-Fans aufgepasst: eine Maya-Stadt als Drehort

Tikal, eine gewaltige Maya-Stätte im Norden Guatemalas, liegt ebenfalls inmitten des tropischen Regenwaldes. Ihre bis zu 65 Meter hohen, begehbaren Stufenpyramiden bieten ein spektakuläres Panorama: Sie überragen selbst die höchsten Baumwipfel - wie ein grünes Meer erstrecken sich diese bis zum Horizont. Bis auf den Hauptplatz zwischen Tempel eins und Tempel zwei, wo sich stets einige Besuchergruppen sammeln, wirkt die Anlage nahezu unberührt. Auf den langen Wegen von einer Pyramide zur nächsten begegnet man im dichten Grün oft nur Brüllaffen, Gürteltieren oder Nasenbären. Auch Jaguare sind in den Wäldern Tikals zu Hause, doch selbst die ambitioniertesten Entdecker bekommen sie kaum zu Gesicht, denn die Tiere sind nachtaktiv. 

Manch einem mag die Maya-Stätte vertraut erscheinen - aus George Lucas Spielfilm "Star Wars Episode IV - Eine neue Hoffnung". Beim Dreh dieses ersten Teils der weltbekannten "Krieg der Sterne"-Reihe nutzte der Regisseur Tempel vier als Rebellen-Basis mit dem im Film außergewöhnlichen Blick auf den Dschungelmond Yavin IV. Im Hintergrund der Aufnahme ragen die über 40 Meter hohen Tempel eins und zwei aus dem dichten Blätterwerk: Ein herrliches Fotomotiv für alle Fans dieses Klassikers. 

Tulum, eine Strand-Schönheit in Mexiko

Ein gänzlich anderes Ambiente herrscht in Tulum, einer südmexikanischen Ruinenstätte am karibischen Meer. Der frühere Umschlagplatz liegt - im Gegensatz zu allen bisher entdeckten Maya-Stätten - direkt am Wasser. Das Brausen der Brandung begleitet einen auf dem Rundgang über die palmenbestandene Anlage. Über eine steile Holztreppe gelangt man zu der versteckten Bucht, die eine besonders schöne Ansicht von Tulum bereithält: Mehrere Bauten thronen auf einer zwölf Meter hohen Kalksteinklippe über den türkisblauen Fluten.

Maya-Stätte Tulum in Mexiko.
Melanie Maier
Die südmexikanische Maya-Stätte Tulum liegt direkt am Meer.
Früher hatten Touristen in Tulum oft nur die Möglichkeit, die Nacht in einer einfachen Holzhütte mit Palmblattdach, einer sogenannten Cabaña, zu verbringen. Dort wurde meist schon um 21 Uhr der Strom abgeschaltet, Wachskerzen waren dann die einzige Lichtquelle. Inzwischen verfügt Tulum, wie andere Städte an der Riviera Maya, über eine eigene Hotelzone mit Unterkünften aller Preisklassen - sehr zum Bedauern vieler Individualreisender.

Ein Muss: das neue Weltwunder Chichén Itzá

Auf Touristen ist Chichén Itzá bestens vorbereitet. Das ist auch gut so, denn über eine Million Menschen besuchen die Ruinenstadt jedes Jahr. Schon auf dem Parkplatz wimmelt es von Reisebussen. Auch auf dem Areal selbst ist man trotz seiner beachtlichen Größe selten allein: Überall stehen Reisegruppen, deren Führer auf verschiedenen Sprachen die Besonderheiten der Bauwerke hervorheben. Auf den Straßen, welche die Sehenswürdigkeiten miteinander verbinden, haben fliegende Händler Kunsthandwerk ausgebreitet, lautstark preisen sie ihre Ware an. Trotz des Trubels gehört die antike Maya-Stadt aber zu den Höhepunkten jeder Mittelamerika-Reise. Nicht umsonst wurde die über 1200 Jahre alte Stätte 2007 zu einem der sieben neuen Weltwunder gekürt. Zwar ist nur ein kleiner Teil der Anlage für Besucher zugänglich, doch man sollte mindestens einen ganzen Tag einplanen, um alle wichtigen Strukturen der Ruinenstadt kennenzulernen.

Ruinenstätte Chichén Itzá
Melanie Maier
Über eine Million Menschen besuchen Chichén Itzá jedes Jahr.
Chichén Itzás Wahrzeichen und Publikumsmagnet ist die Pyramide des Kulkulkán, einer Schlangengottheit der Maya, im Zentrum der Anlage. Jedes Jahr zur Tagundnachtgleiche am 21. März und am 23. September kann man hier das "Schauspiel der gefiederten Schlange" sehen: Zu Beginn der 30 Meter hohen Stufenpyramide befinden sich zwei Schlangenköpfe aus Stein. Bei richtigem Sonnenstand erweckt das Spiel von Schatten und Licht den Eindruck, eine Schlange winde sich den Tempel herab. Das Gebäude ist auch für seine bauakustischen Besonderheiten bekannt, welche die vielen Fremdenführer immer wieder begeistert vorführen.

Doch was hat es nun mit der verhängnisvollen Prophezeiung des Maya-Kalenders auf sich? Müssen wir uns wirklich auf den Weltuntergang gefasst machen? Am 21. Dezember endet der 13. Bak’tun, ein etwa 144.000 Tage langer Zyklus im periodischen Zeitverständnis der Maya. Er ist Anlass für die zahlreichen Ankündigungen der Apokalypse, denn die Zahl 13 war den Maya heilig. Sagen die Maya also das Ende der Welt voraus? Augenscheinlich nicht, denn auf den letzten Tag des 13. Bak’tun folgt der erste Tag des 14. Bak’tun. Die nächsten 144.000 Tage sind wir also sicher.

INFO

Weitere schöne Ruinenstädte sind beispielsweise Uxmal, Cobá und Palenque. Auch die heiligen Brunnen des indigenen Volkes, die sogenannten Cenotes, können besucht werden - bei den tropischen Temperaturen auf der Yucatán-Halbinsel ist ein Bad in einer solchen Doline eine willkommene Erfrischung. Wer nach den vielen Besichtigungen nur noch Entspannung sucht, wird an der Riviera Maya fündig. Die mexikanischen Küstenstädte Cancún und Playa del Carmen sind zwar sehr touristisch, für einen kurzen Badeurlaub aber genau das Richtige.

Autor

Melanie Maier