Dominikanische Republik Surferparadies Cabarete

Als Claudia und Frank Schwarz 1988 nach Cabarete kamen, mussten die beiden Aussteiger aus Aachen sich mit wenig begnügen: "Wir haben leere Flaschen gesammelt, um uns vom Pfand wenigstens ein Sandwich kaufen zu können."

Verschwenderisch war nur die Natur - eine weite, mit Palmen bestandene Bucht, ein kilometerlanger Strand, ein Riff, an dem sich die Wellen brachen. Und nur ein paar einsame Windsurfer aus Kanada draußen auf dem Meer. Heute gibt es sechs Surfschulen in Cabarete, das ehemalige Fischerdorf gilt als einer der besten Windsurf-Spots der Welt. Ehepaar Schwarz muss keine Flaschen mehr bergen, sondern besitzt ein 50-Zimmer-Hotel direkt am Strand, mit angeschlossener Surfschule natürlich.

Wie bringt man es vom Altglassammler zum Hotelier? "Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Claudia Schwarz. Nachdem ihre Surfschule in Haiti gescheitert war, strandeten die beiden an der Nordküste der Dominikanischen Republik. "Wir hatten sämtliche Ersparnisse aufgebraucht, uns waren nur fünf Surfbretter geblieben", erzählt die 36-Jährige. "Zum Glück landete eine Woche später die erste Charter-Maschine."

Cabarete wurde nicht nur zum Mekka der Surfer, sondern auch ein Magnet für die internationale Aussteigerszene. Eine Art Goa in der Karibik, nur aktiver, sportbegeisterter, frischer. "Wenn du willst, kennst du hier nach zwei Tagen jeden am Strand. Wenn du für dich sein möchtest, gehst du abends in dein Low-Budget-Zimmer und es ist auch okay", sagt Andrea Wellacher, 41, Sozialpädagogin aus Graz, die hier zum dritten Mal ihre Ferien verbringt.

Mit etwa 20 kleinen und mittleren Hotels und ebenso vielen Strandrestaurants, rund 15.000 Einwohnern und 30.000 Besuchern jährlich steht Cabarete für die andere Version eines "DomRep"-Urlaubs: zwar keine pittoreske Schönheit mit Bambushütten, aber auch nicht die daueranimierte All-Inclusive-Maschinerie des Massentourismus. Aus den Strandbars wabert Chill-out-Musik, am frühen Abend gibt es Bier und Avocado-Sandwiches, zum Dinner bei Kerzenlicht Sushi und Wein.

Das Szenevolk ist überwiegend jung, aber nicht nur. Dave, der 50-jährige Manager aus Miami, gehört ebenso dazu wie die blonde Rebecca, 25, Krankenschwester aus der Schweiz, oder der 23-jährige Ricky aus Venezuela, der seinen Dauerurlaub mit Kellnern in einer Strandbar finanziert.

Für die Kinder derjenigen, die nicht nur ausgestiegen sind, sondern in Cabarete ein neues Geschäftsleben angefangen haben, gibt es eine internationale Schule mit kleinen Klassen, Tennisplätzen, Pferden. Was den Ort so reizvoll macht? "Die relaxte Atmosphäre", sagt Irit, 23, aus Israel, die nach ihrem Armeedienst in Cabarete überwintert. Für Surfer ist der Ort ein ganzjährig geöffneter Abenteuerspielplatz, die besten Winde wehen im Sommer von Juli bis August. Am frühen Nachmittag liegen Hunderte Segel am Strand bereit, gegen vier ist das Meer übersät mit bunten Tupfern. Eng wird es trotzdem nicht, die Bucht ist groß genug. Bereits viermal wurden hier Weltmeisterschaftsläufe ausgetragen.

Jedes Jahr im Juni kämpfen Amateur-Windsurfer aus aller Welt um den Cabarete Cup. "Hier ist alles dicht beieinander, du wohnst direkt am Spot", sagt Surflehrer Jens Baur, 34, der vom Bodensee in die Karibik emigrierte. In Cabarete brauchen Windsurfer keinen Pick-up-Laster, um ihre Ausrüstung heranzukarren, und Beach-Bunnys nicht mal Schuhe. Vom Surfboard-Verleih bis zum letzten Caipirinha morgens um 3 Uhr in der Lax-Bar - das Leben spielt am Strand, rund um die Uhr. Auf 300 Metern wetteifert ein gutes Dutzend halb offener Kneipen und Restaurants miteinander. Jede Saison ein neuer Hotspot des Nachtlebens, es hängt vom DJ, aber auch vom Personal ab.

Die hübscheste Kellner-Crew und damit auch das angesagteste Publikum hat seit einiger Zeit das Lax, wo Irit, Rebecca und Rasta-Ricky aus Venezuela zum Sonnenuntergang die ersten Margaritas mixen. Von hier zieht die Karawane weiter, etwa zum Bier-Pub Onno's oder zum Dinner for two ins Vento. In Cabarete gibt es keine Türsteher, die Stimmung ist familiär, der Dress-Code sportlich. Mit Flip-Flops ist man allemal besser beraten als mit festen Schuhen, denn der Weg von einer in die nächste Bar führt immer über den Strand. Einige Kneipen haben sogar ihre Lounge-Ecken auf Sand gebaut, komplett mit Kolonialmöbeln und Hängematten. Mondbeschienen und soft beschallt vergisst an diesen lauschigen Plätzen sogar der härteste Surfer die Zeit.

Ideale Bedingungen also, aber nicht nur für Nachtschwärmer, auch meteorologisch: Tag für Tag und immer gegen Mittag kommen beständige Passat-Winde auf - spät genug, damit Pistengänger den Kater von der letzten Beachparty in Ruhe ausschlafen können.

Der Wind weht stetig parallel zum Strand, das gibt reichlich Speed auf freier Strecke. Und draußen am Riff warten nicht selten Drei-Meter-Wellen auf die wahren Könner. "Auch Anfänger können in der Bucht sicher windsurfen", sagt Franz Fix, Leiter der Happy-Surf-Schule. Wer mit seinem Board abtreibt, landet immer wieder am Strand, das Gestade ist geformt wie ein Hufeisen. Newcomer lässt der 40-Jährige aber erstmal in der Süßwasser-Lagune La Boca üben, wo fliederfarbene Wasserlilien am Ufer schaukeln und nach Ende des Kurses frische Kokosnüsse an der Busch-Bar geköpft werden.

Sehr im Trend zurzeit: der Extremsport Kite-Surfen. Von Riesendrachen lassen sich die Akteure über die Meeresoberfläche ziehen, heben ab zu Loops und Double Flips. "Zehn Sekunden und länger bist du in der Luft", schwärmt Andrea Wellacher, Drachensurferin aus Österreich. Der neue Sport verhält sich zum Windsurfen etwa so wie Snowboarden zum Skifahren: "Einfacher zu lernen, aber gefährlicher auszuüben", so Wellacher. Riskant wird es vor allem, wenn sich die Leinen verheddern oder bei extremer Geschwindigkeit die Kontrolle verloren geht.

Auch lokale Windsurf-Talente hat Cabarete hervorgebracht: An der Spitze steht der schüchterne Weltmeister Tony Garcia, 24, der erste dominikanische Profi, der schon einmal den renommierten Freestyle-Wettbewerb vor Hawaii gewonnen hat.

"Die ersten, die hier surften, waren US-Soldaten, Mitte der sechziger Jahre", sagt Eric Franco. "Heute werden die Kids von Cabarete mit Brettern groß." Der 35-jährige Rechtsanwalt ist selber Surfer und setzt sich mit seiner Organisation Fundato für den Umweltschutz und gegen die Privatisierung der Strände ein. "Das kann man doch nicht verbieten", sagt Franco und zeigt auf sechs Knirpse, die wie Delfine über die Wellenkämme hinweg aufs Meer hinauspaddeln. "Inzwischen sehen auch die meisten Hotelbesitzer ein, dass der Strand der Allgemeinheit gehört."

Wir sind vor Sonnenaufgang an die Encuentro-Bucht gefahren, sechs Kilometer nordwestlich von Cabarete. Die Piste führt unter Mandelbäumen und roten Meertrauben hindurch direkt an den menschenleeren Strand. Dies ist das Revier der Wellenreiter. Sie müssen früh aufstehen, um die Windstille des Morgens zu nutzen - bald wird der Passat die Wellen wieder zerblasen.

Carolina Guzman, Sommersprossen im Gesicht, sonnengebleichte Locken auf dem Kopf, lehnt an einem Baumstamm und schaut hinaus aufs Meer. Fast scheint es, als ob sie meditiert. Sie ist erst 15, aber die einzige Dominikanerin, die in der internationalen Surf-Szene mitmischt. "Dominikanerinnen wollen nicht braun werden und mögen keine athletische Figur", erklärt die Schülerin die mangelnde Popularität des Sports bei ihren einheimischen Geschlechtsgenossinnen.

Alle drei Spielarten des Surfens - Windsurfen, Kite-Surfen, Wellenreiten - sind einsame Vergnügen. "Da draußen bist du ganz allein mit dir selbst und dem Ozean", sagt Carolina und trägt ihr Board ins Wasser. Vielleicht suchen Surfer nachts einen Ausgleich und sind deshalb ein besonders geselliges Partyvolk.

"Für Carolina bedeutet das Meer alles", sagt ihre Mutter Lucia Guzman. "Sie ist am Strand zu Hause." Die Parterre-Wohnung der Guzmans liegt am Ortsausgang direkt hinter einer Dünenkette, Carolina hat ihr bescheidenes Zimmer wie einen Meerjungfrauen-Traum dekoriert, mit Wellenpostern, unzähligen Surf-Fotos, einem Mini-Kite über dem Rüschenbett und zwei Goldfischen im Glas. "Erst das Windsurfen hat diesen Ort groß gemacht", sagt ihre Mutter, während eine Brise vom Meer durchs Haus streicht. "Vor zehn Jahren lebten die Menschen hier noch vom Bananen-Anbau, heute arbeitet Carolinas Bruder in einer Surfschule." Und insgeheim hofft sie, dass Tochter Carolina sich eines Tages in die Profi-Liga surft und dort das große Geld machen wird.

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Autor:
Andrea Tapper