Karibik Inselhopping mit dem Kreuzfahrtschiff

Der Traum einer Kreuzfahrt in der Karibik ist vor allem eins: warm und pudrig. Puderfein sind die Strände am Paradise Beach, T-Shirt-tauglich die Luft auch noch um zehn Uhr abends. Auf Barbados werden gerne Werbefilme gedreht, denn hier sieht die Karibik so aus, wie Werber meinen, dass Kunden es mögen könnten: mit Palmenstränden vor türkisblauem Wasser, pastellfarbenen Häusern und schicken Villen. Vor allem aber wirkt die Karibik hier irgendwie aufgeräumt und übersichtlich. Keine wild wuchernde Natur, stattdessen viele solide, hübsche Häuser in soliden, hübschen Straßen. Vielleicht lag das an den ordnungsliebenden Briten, die 1628 als Kolonialisten hierher kamen. Noch heute ist die Queen das Staatsoberhaupt der Karibikinsel und in der Hauptstadt Bridgetown gibt es eine Miniaturausgabe des Londoner Trafalgar Square.

Wir müssen die Filmkulisse schon wieder verlassen, denn wir legen ab. Zwei Wochen lang kreuzen wir mit dem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik. Der Basishafen des Kreuzfahrtschiffes liegt in der Stadt La Romana in der Dominikanischen Republik, man kann aber auch auf Barbados zusteigen und von dort die 14-tägige Runde durch die Inselwelt beginnen. 1985 Seemeilen werden wir in dieser Zeit zurücklegen, zwölf Inseln besuchen und zwei Tage komplett auf See verbringen. Was uns auf ein Kreuzfahrtschiff in die Karibik gebracht hat? Sehnsucht, Neugierde und Faulheit. Sehnsucht, eines der schönsten Gewässer der Weltmeere zu bereisen. Neugierde, die Bilder im Kopf mit den realen zu vergleichen. Und die Unlust, sich für eine der Inseln entscheiden zu müssen oder zwei Wochen in einem umzäunten Strandresort zu verbringen. Warum nicht auf bequeme Art viele auf einmal kennenlernen? Vielleicht ist ja unser persönlicher Liebling darunter.

Vom wilden Tobago hinein ins blühende Grenada

Das nächste Ziel, Tobago, ist genau das Gegenteil von Barbados. Wilder, tropischer, hier wächst der älteste Regenwald auf der westlichen Erdhalbkugel. Monica Greig führt uns über ihre Heimatinsel und räumt gleich zu Beginn mit dem ersten Mythos auf: "Christoph Kolumbus hat Tobago nicht entdeckt. Er hat es vom Schiff aus mit seinem Fernrohr gesichtet." Seitdem ist viel passiert. Gesundheitsversorgung und Universität sind kostenlos, "und unsere Mannschaft war sogar 2006 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland dabei!" sagt Monica stolz. Trotzdem ist das Leben auf Tobago kein Paradies. Monica muss mit ihrem Job Mutter, Schwester und Kind durchbringen. "Es ist nicht leicht, einen guten Mann zu finden", sagt sie. Viele würden den Tag nur mit "Liming" verbringen: eine Mischung aus am Strand herumlungern und Leute gucken.

Grenada präsentiert sich schon beim Einlaufen als Karibik-Postkarte. Steile Gipfel überragen üppige Regenwälder und cremeweiße Sandstrände. Wohin als erstes? Zu den Concorde-Wasserfällen, in deren Becken man auch baden kann? In die Rumfabrik River Antoine, wo per Hand der angeblich reinste Rum der Karibik hergestellt wird? Oder vom Liegeplatz des Kreuzfahrtschiffes einfach an der Küste entlang zum Grand Anse Beach bummeln? "Ihr könnt euch hier ganz unbehelligt und sicher bewegen, auch als Frauen", sagt Rahel Blackman, die gemeinsam mit ihrem Mann eine Tauchschule nahe der Hauptstadt St. George's betreibt. Recht hat sie. Am Strand geht es entspannt zu. Ein paar karibische Jungs spielen Fußball, Urlauber dösen unter Palmen, Einheimische gehen herum und bieten freundlich Getränke an, aber ziehen sich zurück, sobald man nichts mehr möchte. Wer das Ginger Beer, ein köstliches Erfrischungsgetränk mit viel Ingwer, und den perfekten Rum Punch auf einer Karibik-Kreuzfahrt nicht probiert hat, ist selbst schuld.

Der Grand Anse Beach auf der Karibikinsel Grenada.
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Der Grand Anse Beach auf Grenada.
Überall blüht und duftet es. Die Karibikinsel ist eine wahre Schatzkiste: Muskatnussbäume wachsen hier genauso wie Gewürznelken und Kakaofrüchte. "Sie können auf Grenada einen Besenstiel in die Erde stecken, und irgendetwas wird daran wachsen", sagt Rahel Blackman. Bis Hurrikan Ivan über die Insel jagte, war Grenada der zweitgrößte Muskatproduzent der Welt. Da die hiesigen Muskatnussfabriken noch nicht wieder voll ausgelastet sind, kann das Unternehmen in Gouyave an Ruhetagen besichtigt werden. Das ist spannend, denn was auf Grenada eine Fabrik ist, würde bei uns eher als Gewürzmuseum durchgehen. Ein guter Teil der Nüsse geht auch nach Deutschland. Trocknen, wenden, schälen, verpacken - alles wird hier noch per Hand gemacht.

Mit dem Trekkingrad zu den versteckten Schnorchel-Hotspots

Neuer Tag, neues Glück. Um acht Uhr morgens läuft das Kreuzfahrtschiff in die Häfen der quirligen, aber meist übersichtlichen Inselhauptstädte ein. Die großen Restaurantterrassen an der Hafenpromenade sind die perfekte Kulisse für das Frühstück. Landgänge auf eigene Faust sind in der Karibik fast überall problemlos möglich: per Taxi, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Jeden Tag wird aus dem riesigen Bauch des Schiffes eine Trekkingrad-Auswahl herausbefördert, die viele deutsche Fahrradläden neidisch machen könnte. Und jeden Tag trifft sich eine Gruppe an der Gangway, um die Inseln mit dem Rad zu erkunden. "Eine klassische Sightseeing-Tour kommt für mich bei einer Kreuzfahrt in der Karibik überhaupt nicht in Frage", sagt Jörg. Und Ramona hat sich für diese Kreuzfahrt überhaupt nur wegen der vielen Fahrradausflüge entschieden. "Ich möchte an Land aktiv sein", sagt die 33-Jährige. Das wollen wir auch. Die einigermaßen flachen niederländischen Antillen - Aruba, Bonaire und Curacao - scheinen wie gemacht dafür. Und tatsächlich: Dörfer, Strände, Leuchttürme, Landschaften ziehen diesmal nicht an uns vorbei, wir sind mittendrin und ein Teil davon.

Willemstad auf der Karibikinsel Curacao.
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Koloniales Flair: Willemstadt auf der Karibikinsel Curacao.
Willemstad auf Curacao hat zwar die eindrucksvollere Giebelhäuserzeile im niederländischen Stil, aber auf Bonaire fühlen wir Norddeutsche uns gleich ein bisschen wie zu Hause. Hier und da bunte Giebelhäuser, vertrautes Niederländisch auf den Schildern, hübsche Cafés: Klein-Amsterdam in der Karibik. Umgeben von einem glitzernden Türkisblau, das überall dazu verlockt, noch einmal abzutauchen. Das Meer um die Antillen umspült ein geschütztes Korallenriff. Kein Wunder, dass Bonaire zu den besten Tauchspots der Welt zählt. Wir dagegen begnügen uns mit vielen Schnorchel-Stops auf unserer Fahrradtour.

Danach kommen die beiden Seetage gerade recht. Endlich Zeit, um sich im Liegestuhl die Seeluft um die Nase wehen zu lassen. Genug Zeit, um die Eindrücke zu sortieren, einen Sundowner an der Ocean Bar auf Deck 12 zu trinken. Oder unglaublich gute Bio-Bison-Burger im schiffseigenen Steakhouse zu essen und in der Sauna zu entspannen. An Bord geht es sportlich und leger zu. Es gelten die gleichen Kleiderregeln wie in Ferienhotels: aufbrezeln erlaubt, aber Jeans und T-Shirt sind auch okay. Schon erstaunlich, wie viele ruhige Ecken so ein 1000-Kabinen-Schiff bietet, selbst wenn alle Passagiere an Bord sind.

Aber dann geht es weiter zu den nächsten Höhepunkten. Nach Dominica, wo der Ökotourismus bewusst gefördert wird, die perfekte Insel für Wanderer und Paddler. Zu den Kleinen Antillen nach Antigua und St. Lucia, wo die Luft nur so schwirrt vor Calypsomusik, besonders freitags, wenn die karibischen Strandpartys die Nacht zum Tage machen, und wo man nicht so recht weiß, welchen der 300 Traumstrände man zuerst ansteuern soll - schließlich bleibt nur ein Tag Zeit für jede Insel. Auf Antigua sollte es definitv die Dickenson Bay sein. An St. Lucias Küsten locken viele Luxus-Resorts, in denen gerne mal Prominente wie Harrison Ford oder Morgan Feeman einchecken. Das ist alles edel und schön, aber gar nichts gegen die spektakuläre Filmkulissen-Natur im Hinterland. Und so geht es weiter, bis unser schwimmendes Hotel wieder anlegt. Eines ist sicher: Grenada, Bonaire und St. Lucia, wir sehen uns wieder.

Autor

Bettina Laude