Florida Der Traum vom Reisen ins Weltall

Es ist mucksmäuschenstill, nicht mal ein Räuspern mehr. Der dicke weiße Handschuh nähert sich jetzt der Luke. Vier Bolzen werden von innen entsichert, eine Hydraulik fährt zur Seite, und dann folgt einer der unfassbarsten Augenblicke in der Geschichte der Menschheit. Die Luke geht auf. Dem weißen Handschuh folgt ein Arm, ein schwerer Tornister, ein Helm. Dann ist der ganze Astronaut zu sehen. Er zwängt sich durch die Öffnung. Tritt auf die Leiter. Sieht auf die gleißend graue Landschaft vor sich, dahinter das mattschwarze Universum. Innehalten. Dann macht der Mann einen letzten Schritt – und steht auf der Mondoberfläche.

Vierhundert gelbe 3-D-Brillen sind schräg nach oben ausgerichtet, dahinter gebannte Gesichter. Die Zuschauer sitzen in einem Kino des Kennedy Space Center in Florida und sehen gerade den Film „Magnificent Desolation: Walking on the Moon“. Hollywoodstar und Weltraumnarr Tom Hanks hat den Streifen gedreht, und zwar passenderweise gleich im dreidimensionalen Imax-Format. Größer geht nicht. Ziel seiner aufwändigen Produktion war es, den Menschen das Erlebnis der Apollo-Mondausflüge so realistisch wie möglich vor Augen zu führen. Es ist gelungen. Einige der Astronauten, die auf dem Mond waren, sahen den Film als erste. Ihr Kommentar: „Wenn etwas dem wirklichen Erlebnis nahe kommt, dann das hier.“

Nach der Vorstellung herrscht reger Betrieb vor dem Kino. Kinder, Familien, Erwachsene laufen durch einen Park, in dem riesige Raketen emporragen, historische Geschosse, mit denen die USA einst den Orbit eroberten. Die Kinder wissen gar nicht, wo sie zuerst hingucken sollen; sie klettern in die Nachbauten von Raumschiffkapseln, die überall rumstehen, bestaunen die echten Cockpits und kriegen sich kaum wieder ein. Ein Junge mit Sommersprossen stellt sich neben einem ausgestellten Triebwerk auf, das zehnmal so groß ist wie er selbst, und ruft: „Hey, Mom, guck mal! Damit sind sie zum Mond geflogen!“

Kein Modell: Exakt diese Kapsel flog damals wahrhaftig zum Mond

Hundert Meter weiter ein Riesenmodell, schwarzgekachelt mit großer Schnauze. Mitten im Getümmel thront der Nachbau des Space Shuttle, detailgetreu und in Orginalgröße. Viel Andrang auch in den Erlebnishallen. Die Besucher stehen vor Marsrobotern, Mondautos und Astronautenanzügen. Und spätestens im Saturn-V-Zentrum quetschen die Leute ihre Nasen zu Pfannkuchen platt. Denn hier ist das Kommando-Modul von Apollo 14 aufgebahrt, kein Kino, kein Modell: Exakt diese Kapsel flog damals wahrhaftig zum Mond! Ganz nah darf man an das Projektil herantreten. Sieht die winzigen Sitze, die komplizierten Instrumente, das spartanisch-technische Innenleben. Minutenlang bleiben die Menschen vor dem unglaublichen Vehikel stehen. Und staunen schweigend. Ein Franzose verharrt ehrfürchtig, er sagt: „Es ist unfassbar, damit sind sie fast eine Million Kilometer durchs All geflogen!“

Szenen, die am Kennedy Space Center öfter zu beobachten sind. Denn der Themenpark im Norden Floridas übertrifft alle Träumereien in den Kinderzimmern und treibt selbst ausgewachsenen Weltraum-Fans die Begeisterung in die Augen: Vor den Besuchern findet keine Science-Fiction statt – sondern reale Raumfahrt zum Anfassen. Nirgends sonst kommt man dem feurigen Spektakel so nah wie hier am Cape Canaveral. Und erlebt keinesfalls nur den Nervenkitzel vergangener Tage. Blick nach Osten: Gleich da vorn, aus den flachen Sümpfen am Atlantik, ragen die monströsen Startrampen empor, von denen nicht nur die Mondraketen ins All geschossen wurden – von diesen Stahlrampen heben bis heute das Space Shuttle und andere Raketen unter Donnerkrawall ab.

Auf einer Wiese am Besucherzentrum hält der ehemalige Apollo-15-Astronaut Al Worden an diesem Vormittag eine Rede, er wendet sich an die lauschende Menge und sagt: „Dies ist ein besonderer Ort. Wo sonst auf der Welt könnt ihr euch in eure Wagen setzen und mitten auf einen aktiven Weltraumbahnof fahren?“

Knapp eine Autostunde östlich von Orlando beginnt jener Küstenabschnitt, der in Amerika als Space Coast berühmt ist. In den 60er Jahren, während des Wettlaufs zum Mond, starteten von hier aus die legendären Missionen, die Millionen Zuschauer in aller Welt fesselten. Heute ist die Küste von Titusville bis Palm Bay vor allem Ferienregion. Palmen, Surfstrände, blaues Meer. Plus zwölf Monate Hochsommer. Und keine Ecke, die hier nicht von der Raumfahrt geprägt ist. In den Lokalen gibt es „Space-Burger“, Pizza „Neil Armstrong“ und Long Drinks, die „Moonwalker“ heißen. Und überall prangt das Maskottchen der Gegend: eine mannshohe Astronautenfigur. Doch die große Attraktion ist das Kennedy Space Center, das jährlich 1,5 Millionen Gäste anzieht.

Und hier tickt mal wieder ein wichtiger Countdown. Die Uhren stehen auf „T minus acht“ – noch acht Stunden, bis an diesem Abend das Space Shuttle starten soll. Über 150.000 Menschen werden erwartet. Sie werden sich an den Stränden, Parkplätzen und Aussichtspunkten sammeln, um exakt um 6 Uhr 36 die Köpfe in den Nacken zu legen und zu sehen, wie das feuerspeiende Gefährt lotrecht in den Himmel rasen wird. Für alle irdischen Raumreisenden der Höhepunkt: einmal im Leben einen Raketenstart live erleben!

Mittendrin, statt nur dabei: Raketenstarts werden stündlich simuliert

Wie sich das für die Astronauten anfühlt, können die Besucher dagegen täglich ausprobieren – vor kurzem hat das Space Center die „Shuttle Launch Experience“ eingerichtet. Eine Anlage, in der die Abschüsse wie in einer verschärften Kirmesversion stündlich simuliert werden. Und die sechste Klasse, die heute eigens angereist ist, ist schon ziemlich aufgeregt. Denn gleich werden die Kleinen ins All gejagt. Die Gäste stehen auf blau leuchtenden Glasplatten, an den Wänden technische Zeichnungen, Countdown-Uhren, spaciges Ambiente. Via großem Videoschirm erklärt ein Shuttle-Experte jetzt die Startprozeduren im Detail: Treibstoffverbrauch, Speed, Neigungswinkel. Denn eines hat sich die Nasa groß auf die blaue Flagge geschrieben – wer das Kennedy Space Center besucht, soll nicht nur staunen, sondern auch dazulernen. Und da sind selbst Leute wie Weltraumfreak Don Hagels baff.

Der Mann ist 46, aus Michigan gekommen, trägt Schnurrbart, buntes Hawaiihemd und macht große Ohren, als er erfährt, dass beim Start des echten Shuttles zwei Millionen Liter eiskalter Flüssigwasserstoff und -sauerstoff aufeinander losgelassen werden. Dass sich die Treibstoffe mit brutaler Gewalt entzünden und mit 3,8 Kilometern pro Sekunde aus den Haupttriebwerken schießen. Hagels fährt sich stillschweigend übers Kinn, als der Film weiterläuft.

Nach zwei Minuten fliegt das Shuttle bereits 66 Kilometer über der Erde, lernt er, sechsmal höher als jeder Passagierjet, und rauscht mit über 6000 km/h weiter durch die Grenze von Strato- und Mesosphäre. Nach 8,5 Minuten sind die Astronauten im Orbit und nun mit 28.000 Sachen unterwegs. Mach 24 – zehnmal schneller als eine Pistolenkugel. Hagels entfährt ein langgezogenes: „Wow!“

Anschließend öffnen sich die Türen zum Simulator. Vierzig gespannte Gäste betreten eine Kabine, setzen sich, schnallen sich an, das ganze Gefährt wird siebzig Grad hinten rüber geneigt. Ein gewaltiges Dröhnen ertönt in der Zelle, die Sitze beginnen zu vibrieren, die Wände, die Plattform, alles erzittert. Kopfüber auf den Bildschirmen ist der Himmel zu sehen, daneben drehen die Geschwindigkeistmesser auf Hochtouren. Die Leute klammern sich an den Sitzen fest, gefesselt und voll bei der Sache.

Nach einigen Minuten gefühlten Steigflugs ist der Himmel schwarz. Sterne leuchten, klassische Musik erklingt, weit unten zieht Europa vorbei. Willkommen im Weltraum, und ja, so ungefähr muss es sich wohl anfühlen. Shuttle-Astronauten wurden gefragt, wie gut die Simulation sei. Antwort: Das Ding käme zu 70 Prozent an die Realität heran, bis auf die klassische Musik freilich. Den wackeren Sechstklässlern hat’s jedenfalls prächtig gefallen, und die kleine Tracy ist sich schon jetzt ganz sicher: „Ich will Astronautin werden!“

Faszination generationsübergreifend: Kinder plus Erwachsene sind begeistert

Kaum ein Erlebnispark auf Erden dürfte es so gut verstehen, Kinder und Erwachsene gleichermaßen derart zu faszinieren. Es muss an der abgehobenen Thematik liegen, an den anschaulichen Präsentationen oder auch daran, dass immer wieder bombastische Hingucker warten. Wie im Saturn-Zentrum, wo die Leute durch eine Pforte wandeln, bevor ihnen langsam, aber sicher die Kinnladen runterklappen: Vor ihnen liegt eine original Mondrakete aufgebockt – ein 110 Meter langes, 2,8 Millionen Kilo schweres Monstergeschoss, das alles toppt, was man je auf Fotos gesehen hat.

Kinder zeigen mit den Armen auf Details, auf die riesenhaften Triebwerke. Und auch die Erwachsenen sind sprachlos. Vor ihnen ist des Menschen Griff nach den Sternen zu sehen. Keine Fantasterei, dies ist real! Weiter hinten in der Halle hängt – ebenfalls kein Modell, sondern ursprünglich für einen Flug konstruiert – eine Mondlandefähre, die aussieht wie eine vergoldete Riesenspinne. Und weil dies Amerika ist, hängt die Fähre direkt über einer Snackbar, wo es Cheeseburger, Pommes und „Dippin Dots“ gibt, gefrorene Kügelchen mit Karamelgeschmack. Die „Eiscreme der Zukunft“.

Und das Wundern nimmt kein Ende. „Das Space Center ist eindeutig unser Urlaubs-Highlight“, so nennt das Familie Bleaker aus Kalifornien, die gleich mit Tante und Onkel angereist ist und deren sechs Kinder höchstwahrscheinlich böse kreischen werden, sobald sie das Gelände wieder verlassen müssen. Vorher dürfen die Racker aber noch echten Mondstein anfassen, einem leibhaftigen Shuttle-Piloten Löcher in den Bauch fragen, sich im Space Shop Modellraketen und Anstronautenoveralls aussuchen und – der Knaller des Tages – um halb sieben den Live-Start sehen. Die Uhren stehen jetzt auf „T minus vier“. Noch vier Stunden, bis die Luft über Florida vibrieren wird.

Wer die Spannung solcher Missionen noch konkreter erfahren will, für den hält das „KSC“ zudem ein besonderes Paket bereit: ATX, „Astronaut Training Experience“. Ein zweitägiges Intensiv-Programm mit Kursen, ausgiebigen Touren und Übungen, bei den die Teilnehmer selbst ran müssen. Sechs Mütter und Väter haben sich mit Nachwuchs in der „Astronaut Hall of Fame“ eingefunden, inzwischen vertieft vor Bildschirmen, Knöpfen, Hebeln, Reglern. Der achtjährige Carter aus Dallas hat Kopfhörer auf und sitzt hochkonzentriert auf dem Pilotensitz des nachgebauten Shuttle-Cockpits. Vor ihm ein Meer von Instrumenten, seine Hände fest um den Steuerknüppel gelegt, während sein Vater auf dem Copiloten-Sitz die Befehle der Bodenstation bestätigt.

Die anderen sitzen in einem nachempfundenen Kontrollzentrum, auf den Stühlen von Technikern, Spezialisten, jeder ein dickes Handbuch vor der Nase. Beim ATX-Training wird eine Mission von Start bis Landung komplett durchgespielt – und man bekommt einen Eindruck von der Komplexität eines realen Unterfangens dieser Art. Plötzlich blinken Alarmsignale auf, es wird hektisch, als ob es tatsächlich geschehen würde: „Houston, wir haben ein Problem!“ Carter und sein Vater müssen jetzt reagieren, die Checklisten durchgehen, die richtigen Kommandos geben. „Wahnsinn! Man bekommt eine richtige Vorstellung davon, wie solche Missionen ablaufen“, sagen die beiden nach der Simulation.

Volle Kraft vorwärts: Eine Minute Simulation reicht den Erwachsenen

Und dann folgt eine weitere Einweisung, bei der es nun wirklich rund geht. In sogennanten Multi-Achsen-Trainern werden alle der Reihe nach festgeschnallt. Auf einem Stuhl, der mittig zwischen drei gleichzeitig vertikal, horizontal und diagonal rotierenden Stahlbügeln montiert ist. Dann gibt der Kursleiter Gas, und was nun kommt, fühlt sich in etwa so an, als ob ein Raumschiff die Kontrolle verlieren – und volle Pulle durchdrehen würde. Die Erwachsenen sind heilfroh, als die Simulation nach einer Minute zu Ende ist. Die Kids dagegen erweisen sich mehrheitlich als raumgierig und quieken vor Vergnügen: „Mehr, mehr, mehr!“

Das Programm geht weiter, spannender als jede Schulstunde. Wie baue ich eine Rakete? Was passiert mit unserem Körper in der Schwerelosigkeit? Und wie, bitte schön, Mister John E. Blaha, fünffacher Shuttle-Kommandant, geht man im All pinkeln? Oder: Wie ist das wirklich, wenn man 400 Kilometer über Australien die Bremsraketen zündet, das Plasma der Atmosphäre zu glühen beginnt  und man nur 30 Minuten später in Sturzflugmanier auf der Erde landet? Fragen über Fragen, die hier keine Bücher beantworten, sondern Spezialisten und waschechte Raumfahrer. Für Kinder und Eltern nicht nur Spaß, sondern auch Zeit für neue Einsichten. So will die kleine Peyton, 8, etwa wissen, wie man auf einem anderen Planeten landet. Astronaut Blaha guckt sie mit ernsten Augen an und sagt: „In dem du erstens sehr vorsichtig bist. Zweitens sehr gut mit anderen zusammenarbeitest. Und drittens: lernst, lernst, lernst!“ Peyton, strohblond, nickt. Und nimmt sich die Worte hochernst zu Herzen. Einem leibhaftigen Astronauten stand sie noch gegenüber.

Dann wird es viertel nach sechs an diesem Augustabend, und die Zeit für Simulationen ist nun vorbei. T minus 21 Minuten. Zehntausende haben sich eingefunden, liegen, sitzen auf der großen Wiese des Geländes, auf Handtüchern, Klappstühlen, und bereiten ihre Kameras vor. Ein Hauch von Woodstock liegt in der Luft, die Vorfreude auf einen großen Moment, als ob gleich ein weltberühmter Rockstar die Bühne betreten würde. 

Noch zwei Minuten. Alle stehen jetzt. Zigtausend Augenpaare sind gen Horizont gerichtet, Pärchen halten sich die Hände, Kinder sitzen auf den Schultern der Väter. Dann zählen alle mit, zehn, neun, acht, sieben …, weit hinten schwenken die Arme der Startrampe zurück, die ersten halten den Atem an, gegen dieses Ereignis sind alle Mick Jaggers dieser Welt leise Chorknaben, und dann geht alles sehr, sehr schnell.

In acht Kilometer Entfernung schießen Flammen über die Erde, gigantische Wasserdampfwolken blähen sich jäh in den Abendhimmel, der Kommentator spricht die Worte „We have lift-off“, und dann schwillt ein übermächtiges Donnern an, ein urgewaltiges Beben, das noch in zehn Meilen Entfernung die Fensterscheiben wackeln lässt. Erst kerzengerade, dann in schrägem Winkel steigt, fliegt, rast das Shuttle nach oben, einen erhabenen weißen Schweif hinter sich herziehend wie ein umgekehrter Komet. „Go, baby, go!“ schreien die Menschen, sie juchzen und klatschen, und nach achtzig Sekunden ist nur noch ein winziger Feuerpunkt zu sehen, der bald mit achtfacher Schallgeschwidigkeit an der Grenze zum Weltraum entschwindet. Überalll Gemurmel. „Unglaublich. Sagenhaft!“ Die Menge starrt noch immer nach oben, ins leere Blau.

Bis spät in den Abend, noch Stunden danach, herrscht eine seltsam feierliche Stimmung an der Space Coast. Überall, in Cocoa Beach, in den Bars und Restaurants, ist Musik zu hören. Ein warmer Wind weht vom Meer herüber und streicht durch die Palmen. Und gelegentlich blicken die Menschen zum schwarzen Nachthimmel auf. Da oben ziehen sie jetzt durchs All, in neunzig Minuten einmal um den blauen Planeten. Die Aussicht muss ziemlich schön sein, und nirgends kommt man diesem unglaublichen Abenteuer näher als hier unten. An der Küste der Raumfahrer.

Infos:
Hinkommen: Flüge nach Florida z.B. mit Delta Airlines, KLM und Air France.
Öffnungszeiten Kennedy Space Center: Täglich von 9 bis 18 Uhr, geschlossen am 25. Dezember und an einigen Ausnahmetagen.

Autor:
Marc Bielefeld