Zypern Nikosia im Wandel

Im Hotel Olympus an der Odos Ermou, der Hermes-Straße, gibt es keine frisch gemachten Betten. Die Türen des Gebäudes aus britischen Kolonialtagen bleiben seit mehr als 30 Jahren fest verschlossen. Auf der Ermou, dem einstigen Einkaufszentrum von Nikosia, bricht frisches Gras durch den brüchigen Asphalt. Manche Häuser sind nur noch Ruinen, deren Wände sich bedrohlich schief zum Gehweg hin neigen. Reklameschilder aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts preisen über leeren und glaslosen Schaufenstern Waren an, die es schon lange nicht mehr gibt.

Die britischen Soldaten der Uno-Blauhelmtruppe achten peinlich genau darauf, dass keiner der seltenen Besucher unbebaute Grundstücke am Wegesrand betritt: Dort könnten verborgene Minen den Ausflug jäh beenden. Die von den Vereinten Nationen kontrollierte Pufferzone ist nur wenige Meter breit. Doch sie zerschneidet Zyperns Hauptstadt Nikosia in zwei Teile.

Im größeren Süden leben mehr als 200.000 griechische Zyprer, der Norden beherbergt rund 65.000 Zyperntürken. Auf beiden Seiten der Grünen Linie haben sich seit dem Krieg von 1974 die Militärs eingegraben: Aufgeschichtete Sandsäcke, alte Öltonnen und provisorisch anmutende Unterstände markieren die Grenzlinie. Das Betreten der Pufferzone ist, außer mit einer Sondergenehmigung der Friedenstruppe, strikt verboten.

"Die letzte geteilte Hauptstadt Europas" - mit dieser zweifelhaften Auszeichnung darf sich Nikosia schmücken. Der Spruch steht am Ende der Ledra-Straße im Süden, einer Einkaufsmeile in der kreisrunden Altstadt. Die Fußgängerzone endet abrupt an einer kleinen Galerie mit Einblick in das Uno-Gebiet. Die Szene erinnert entfernt an Berlin bis zum Fall der Mauer. Schwere Zwischenfälle hat es an der zyprischen Demarkationslinie freilich bereits seit Jahren nicht mehr gegeben. Die Cafés neben der Aussichtsplattform sind sehr belebt - Sorgen um einen Krieg macht sich hier niemand.

Südlich und nördlich wuchern zwei Stadthälften in entgegengesetzte Richtungen. Und die halbierte Altstadt erscheint keineswegs museal. Bauwerke aus dem Mittelalter, wie die vor über 400 Jahren zur Selimiye-Moschee umgewandelte gotische Kathedrale der heiligen Sophia, wechseln sich mit einfallslosen Betonbauten ab. In engen Gassen stehen Häuser aus der Türkenzeit mit ihren hölzernen Erkern und kühlen Innenhöfen. Die britischen Kolonialherren wiederum haben der Stadt ihre viktorianischen Villen hinterlassen. Die Wälle der Stadtmauer mit den elf herzförmigen Bastionen stammen aus der venezianischen Zeit und die orthodoxen Kirchen erinnern daran, dass Nikosia überwiegend von Griechen bewohnt ist. So wetteifern die Epochen einträchtig miteinander. Ein Freilichtmuseum ist Nikosia jedenfalls nicht - aber ist es überhaupt noch eine Stadt oder sind es deren zwei? Mit dem Bürgerkrieg von 1964 und der türkischen Invasion zehn Jahre später entstand nicht nur die undurchdringliche "Grüne Linie". Auch die Menschen in der einstmals bunt gemischten Stadt mussten sich der Politik der Teilung unterordnen: Griechen flohen in den Süden, Türken in den Norden. Nur die vielen Kirchen und Moscheen blieben vom Zwangsumzug ausgeschlossen - nun stehen sie gleich mehrfach dort, wo keine ihnen wohlgesonnenen Gläubigen mehr leben.

"Die Leute werden wieder in ihren alten Häusern in der Altstadt leben", beschreibt Michalakis Zampelas, der griechische Bürgermeister von Süd-Nikosia, seine Vision. "Sie werden wieder in der Pufferzone spazieren gehen können." Auch für seinen türkischen Gegenpart Kutlai Erk im Norden ist die Zukunft der geteilten Metropole keine Frage: "Natürlich ist Nikosia eine einzige Stadt." Untätig auf die "große Politik" zu warten ist nicht die Sache von Zampelas und Erk. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen, finanziert aus Töpfen der Europäischen Union und den USA sowie mit Fachleuten beider Seiten der Stadt, arbeiten sie am "Nikosia Master Plan". Dieses Stadtentwicklungskonzept sieht für die Zukunft zwei Alternativen vor, eine ohne und eine mit der trennenden Pufferzone. Die Bürgermeister machen keinen Hehl daraus, welches Modell ihnen lieber ist. Sind sie damit die Vorreiter für ganz Zypern?

Das hofft zumindest Lellos Demetriades. Der 72-jährige Vorgänger von Zampelas hat 30 Jahre lang den Süden der Stadt regiert und erinnert sich gut an den Beginn der bis heute auf der Insel einmaligen Kooperation zwischen den Bürgermeistern. "Lellos", wie der populäre Pensionär und Rechtsanwalt von allen gerufen wird, hatte 1974 nach Krieg und Teilung ein ganz praktisches Problem: Das Abwassersystem für Nikosia war fast fertig, aber die Kläranlage befand sich plötzlich in unerreichbarer Ferne im "feindlichen" Norden. Aber Lellos startete den Versuch einer Zusammenarbeit zum Wohle der ganzen Stadt. "Drei Jahre nach dem Krieg mit all seinem Leid galt es nicht wirklich als eine gute Idee, mit den Zyperntürken direkt zu sprechen", erinnert er sich. Schließlich gab es keinerlei Kontakte zu den als illegal gebrandmarkten Behörden im Norden. Demetriades: "Zu Beginn wollten sie uns fast erschießen für das, was wir da vorhatten." So begann der Kontakt zu Mustafa Akinci, dem damaligen Bürgermeister von Nord-Nikosia.

Auch der hatte seine Probleme: "Das Projekt widersprach den Vorstellungen der damaligen zyperntürkischen Führung absolut. Man wollte die vollständige Trennung von den Griechen - also auch zwei Städte Nikosia." Der studierte Architekt erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Bürgermeister von der anderen Seite in dessen Haus. "Der Sohn von Lellos wollte uns sehen und kam ins Zimmer. Dann sagte er: Papa, die Türken sehen ja genauso aus wie wir!" Trotz aller Widerstände konnte das erste bikommunale Projekt auf Zypern realisiert werden - 1980 ging das Abwassersystem in Betrieb. Da hatten Demetriades und Akinci längst viel weiterreichende Pläne im Kopf: den "Nikosia Master Plan".

Einheimische sitzen in Cafés, Touristen entdecken das osmanische Ensemble

Nun ist es aber nicht so, dass dessen Vorstellungen nur aus Papier bestünden. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin vom schlanken Minarett der Omeriye-Moschee die Gläubigen zum Gebet. Allzu viele sind es nicht, die in den schlichten Betsaal strömen. Denn Omeriye, benannt nach dem Kalifen Omar, befindet sich im griechischen Teil Nikosias, und es sind keine türkischen Zyprer mehr, sondern Araber, die das Gotteshaus nutzen. Neben dem Gebäude weisen kunstvolle gotische Fassadenstrukturen darauf hin, dass hier früher die Sankt-Marien-Kirche des Augustinerklosters stand. Auf der anderen Seite der verkehrsberuhigten Straße steht das restaurierte türkische Bad aus dem 16. Jahrhundert mit seinen vielen Kuppeln. Einheimische sitzen in Cafés, Touristen entdecken das osmanische Ensemble - die Stadt lebt. Dank des Master-Plans. Denn noch vor einigen Jahren gehörte Omeriye und Umgebung zu den vernachlässigten Ecken der Stadt. Hinter gotischen Mauern hämmerte eine Autowerkstatt. Das türkische Bad glich einer Ruine und die wenigen Fußgänger mussten sich zwischen den Autos hindurchquetschen.

Ein wichtiger Programmpunkt im Master-Plan ist die Revitalisierung der Altstadt. Nach der Teilung Nikosias zog es immer mehr Menschen weg aus dem heruntergekommenen Zentrum mit der unsicheren Grünen Linie. Wer mag schon in einem Haus ohne Bad und mit der Küche über dem Hof leben? Viele der aus Lehmziegeln errichteten Gebäude standen leer. Wenn eine Fassade zu bröckeln beginnt und in den Wintermonaten der Regen die nackten Lehmwände aufweicht, ist es häufig zu spät: Das Gebäude beginnt sich zu neigen und ist bald unrettbar verloren. Noch heute befinden sich Plakate der Stadtverwaltung ("Warnung! Gefährliches Gebäude!") vor viel zu vielen Häusern mit leeren Fensterhöhlen.

Das gemischte Team des Master-Plans arbeitet dagegen an: 25 Griechen und 25 Türken, Stadtplaner und Architekten, die ihre Aufträge an lokale Baufirmen vergeben. Sie haben im griechischen Chrysaliniotissa-Viertel die alten Wohnhäuser in Schuss gebracht und die Straßen umgebaut. In den engen Gassen wurden viele Kunsthandwerksläden eröffnet. Die meisten Gebäude stammen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, sind aber in der traditionellen osmanischen Art erbaut. Zur Straßenseite zeigen sie abweisend geschlossene Fensterläden, aber hinten öffnen sich die Häuser zu Innenhöfen mit Zitronen- und Orangenbäumen. Das Leben spielt sich abseits der Öffentlichkeit ab. Still wie auf dem Dorf sind die Straßen, nur am historischen Famagusta-Tor blüht abends die Kneipen-Szene. Teile des baufälligen türkischen Quartiers Arab Ahmet sind dank des Master-Plans zu einem Schmuckstück für die ganze Stadt geworden. Das erneuerte Kulturzentrum avanciert zum Treffpunkt für Künstler beider Stadthälften. Am Bedesten, der früheren Hauptkirche der Christlich- Orthodoxen neben der Selimiye-Moschee, künden Schilder der Vereinten Nationen vom nächsten Projekt. "Unsere Arbeit beginnt zu wirken", berichtet stolz Agni Petridou, die Leiterin der Master-Plan-Gruppe auf griechischer Seite. "Es wird wieder chic, in die Altstadt zu ziehen." Die blonde Griechin gehört von Anfang an zum Team. Für Agni Petridou ist die Arbeit für die Stadt und ihre Bewohner längst zur Lebensaufgabe geworden.

Fast 30 Jahre lang waren Besuche im jeweils anderen Stadtteil so gut wie unmöglich. Seit der Öffnung der Demarkationslinie am Ledra Palace Checkpoint im Jahr 2003 entdecken die Bewohner Nikosias ihre eigene Stadt neu. Türkische Zyprer kommen zum Einkaufen in den wohlhabenden Süden. Griechen locken die Cafés und Restaurants rund um die osmanische Karawanserei Büyük Han im Norden. Gewerkschaftsvertreter und Friedensgruppen begegnen sich spontan und ohne umständliche Genehmigungsverfahren. Das betrifft auch das Team des Masterplans: "Endlich können wir uns, sooft wir es möchten, mit den Kollegen im Norden treffen", sagt Agni Petridou. Schon heute wäre es den Zyperntürken möglich, auch im griechischen Süden zu wohnen. Doch die wenigsten wagen diesen Schritt - noch nicht. Die Kooperation der Bürgermeister stößt bisweilen an die Grenzen der nationalen Politik. So beschwert sich der Zyperntürke Erk bitter: "Die Griechen wollen uns isolieren. Bis heute lehnen sie es ab, mich als Bürgermeister von Nord-Nikosia anzuerkennen." Sein griechischer Kollege Zampelas sagt dazu: "Ich kann ihn nicht Bürgermeister nennen. Ich nenne ihn meinen Freund." Zampelas weigert sich aus Prinzip, den Nordteil der Stadt zu betreten: "Ich lehne es ab, in meiner eigenen Stadt den Pass vorzuzeigen." Er ist nicht der einzige: Viele Zyperngriechen sehen in den Kontrollen der zypern-türkischen Polizei eine indirekte Anerkennung Nordzyperns - und reisen deshalb gar nicht.

Eine Reise ins gänzlich Unbekannte hat die Öffnung der Demarkationslinie dem Master-Plan-Team beschert: in die Uno-Pufferzone. Zampelas konnte sich immerhin noch vage an seine Jugendzeit erinnern, als er das einstige Geschäftszentrum zuletzt betreten durfte. Die jüngeren Griechen und Türken des Master-Plan-Teams sind nie zuvor dort gewesen. Auch dieses schwer angeschlagene Gebiet soll gerettet werden. "Kleine Teams waren in Begleitung der Blauhelm-Soldaten dort", berichtet Agni Petridou. "Wir haben 265 Gebäude registriert. Aber nur zehn konnten notdürftig gesichert werden, weil das Geld fehlt." Michalakis Zampelas, Kutlai Erk und die 50 griechischen und türkischen Kollegen vom Master-Plan-Team werden weitermachen im Kampf gegen die Zeit. Vielleicht können sie die gotische Sankt-Georgs-Kapelle aus dem 13. Jahrhundert retten, die vor dem Kollaps steht. Eigentlich ist sie ein Schmuckstück von Nikosia.

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Autor:
Klaus Hillenbrand