Niger Mit den Tuareg durch die Sahara

Mitten in der Wüste plötzlich ein Mädchen. Es ist vielleicht fünf, sechs Jahre alt. Barfuß, ein Fetzen von Kleid am Körper, wilde, schwarze Haare. Das Mädchen bleibt etwa zehn Meter vor mir stehen. Sagt nichts, fixiert mich. Mit Augen, die mich aus dem Dunkel seines Gesichts wie zwei weiße Blitze treffen. Der neugierige Blick tastet mich ab, fast physisch. Meine Nase, meine groteske weiße Haut, meine Hände. Erst dann meine Schuhe, mein Hemd, meinen dummen Sonnenhut. Zwei Menschen aus anderen Jahrhunderten. Wir schweigen.

Wie kann die Kleine hier überleben? Um uns herum ist nichts. Hunderte Kilometer gen Süden, tausende gen Norden nichts als Sand, Himmel, Steine, Büsche und kopfzersägende Hitze. Wir sind umgeben von der Ténéré, le grand vide, der großen Leere der Sahara.

Ich gehe langsam auf sie zu. Sage leise meinen Namen und tippe mit dem Zeigefinger auf meine Brust. Sie sagt nichts, lächelt nicht. Betrachtet mich, als käme ich von einem der Sterne, die jede Nacht ihren Himmel entfachen. Sie spricht nur Tamascheq, die Sprache der Tuareg. Den Dialekt der Kel-Ewey-Nomaden, die seit Jahrtausenden keine feste Bleibe haben. Die ganze Wüste ist ihr Zuhause.

Ich hole vorsichtig einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier hervor. Male einen Kreis und zeige auf die Sonne. Wir unterhalten uns in Bildern, einfachen Zeichnungen. Nach zehn Minuten wortlosem Skizzieren hat das Mädchen mir sein Universum erklärt. Mit ein paar krakeligen Strichen, die seine Welt bedeuten. Kamele, Ziegen, ein Zelt, ein Brunnen – die Siedlung, die zurzeit hier in der Nähe liegen muss. Dann zieht die Kleine eine horizontale Linie quer über das Blatt. Die Wüste. Erst ganz zum Schluss malt sie sich selbst, ein kleines Mädchen aus Strichen. Sie zeigt auf sich und lächelt. Der Mensch nicht als Mittelpunkt, nur als Detail. Ein winziges Wesen in der Weite.

Obwohl die Sonne im Neunzig-Grad-Winkel herabbrennt, senkrecht wie ein einsam in den Himmel geschraubter Halogenstrahler, sage ich Ar’ tufat. Das heißt so viel wie "Gute Nacht". Da lacht sie sich bald tot. Sie ist die wenigen komischen Fremden noch nicht gewöhnt, die höchstens zwei, drei Worte ihrer Sprache stammeln können und sich gelegentlich durch das Gebiet des Air-Gebirges im Norden des Nigers führen lassen.

Touristentouren bringen mehr Geld als Salzbarren auf den Märkten zu verkaufen 

Einige Tuareg verdienen mit solchen Kamelkarawanen inzwischen mehr Geld als damit, Fotchi, Salzbarren, aus den fernen Oasen zu holen und sie wie vor tausend Jahren auf den Märkten der Wüstenstädte zu verkaufen. Ab einem gewissen Punkt jedoch verlieren sich Wüstenstädte, lösen sich auf. Wer weiter gen Norden fährt, navigiert in die Ödnis, mitten hinein in eine der feindlichsten und heißesten Zonen der Erde. Die Nomaden werden uns zum Beginn des Sandmeers führen, dorthin, wo kein Stein mehr liegt, kein Busch mehr wächst. Nur noch Sand, so weit das Auge reicht. Fast drei Wochen werden wir unterwegs sein, tagsüber zu Fuß marschieren und auf Dromedaren schaukeln, wir werden zelten, brüten und in den Sand machen. Verloren in den Marswelten des Sahel, des "südlichen Ufers" der Sahara. Es ist das Reich des berühmten Wüstenvolks, das hier nach wie vor jenseits aller Zivilisation umherzieht. Lebt.

Ich stecke meinen Block wieder ein. Es gibt keinen Abschied. Nur den Blick des Wüstenmädchens, ohne ein gesprochenes Wort, ohne eine Geste. Der Blick haftet auf mir, er klebt und durchdringt mich. Was habe ich hier verloren? Was habe ich zu erzählen von jener Welt, die hinter der Wüste beginnt?

Dann dreht sich das Mädchen um und geht davon. Es geht langsam und mit dünnen, kargen Bewegungen und mit den nackten Füßen über die Steine und durch den heißen Sand. Der Sand tut dem Mädchen nicht weh. Mich würde der Sand schmerzen, verbrennen. Noch einmal dreht sich das Mädchen um. Dann nicht mehr. Geht davon und wird kleiner. Die Wüste saugt die junge Targia in sich auf.

Es gibt hier nichts - kein Haus, keine Straßen, keinen Strom

Wir ziehen weiter. Es wird wenig gesprochen in der Wüste. Worte passen nicht hierher. Die Sprachen, die Zunge und der Gaumen funktionieren besser in kalten Ländern. Fremde, die aus einem solchen Land kommen, einem Land, in dem sich der Mensch morgens unter eine Dusche stellen kann, können vor allem eines nicht begreifen: Wie kann seinesgleichen hier existieren? Es gibt nichts. Keine Bar, kein Haus, keine Straßen, keinen Strom, kaum Schatten. Stattdessen ragen hundert Meter hohe, glühende Granitberge empor, wie in der Gegend herumliegende tote Saurier. Dann wieder dunkles, schwarzes Geröll, bis zum Horizont.

Es ist noch weit, bis das Sandmeer beginnt. Ein paar stachelige Akazien und Dornenbüsche wachsen, obwohl der Fremde schwören möchte, dass der letzte Tropfen Feuchtigkeit vor Jahren verdampft ist. Die Hitze. Sie kommt von oben und unten, von allen Seiten. Dabei ist Winter. Im Sommer wird das Land um das Air zum Hochofen. Dann trinken selbst die asketischen Tuareg zwanzig Liter Wasser am Tag, ohne sich groß zu bewegen. Wer dann die wenigen Wasserstellen verlässt und keine Reserven hat, stirbt binnen vierundzwanzig Stunden.

Wenig reden, selbst wir reden wenig. Es hat seinen Grund. Es ist die trockene Luft. Sie unterbindet das Sprechen. Jeder hält sich daran, es geschieht automatisch und leicht. Dabei ist dies erst der Anfang. Was später, was beim Verdursten geschehen würde, hat der US-Physiologe Edward Adolph anschaulich formuliert. Demnach durchläuft jemand, der bei fünfzig Grad im Schatten nicht trinkt, mehrere Phasen. Bereits nach drei Stunden ist das Schimpfstadium erreicht. Je nach Konstitution folgen Wattemund-, Schwellzungen-, Schrumpelzungen- und Blutschwitzstadium. Nach einem Tag schließlich vegetiert der Verdurstende im Lebender-Leichnam-Stadium, um kurz darauf mit schwarzgefaulten Schleimhäuten ins Jenseits zu trocknen.

Unser Wüstenführer: mit Sand in den Augen geboren

Sidi Rali kennt die Tücken der Wüste. Und er weiß, wie der Mensch in ihr überleben kann. Sidi Rali ist mit Sand in den Augen geboren, wie die Wüstenmenschen sagen. Er ist der Führer der Gruppe. Wenn einer der acht Weißen schwächeln würde, Sidi Rali könnte es lange vorher erkennen. Ein paar Fußspuren genügen ihm, um zu sehen, ob einer bei Kräften ist oder sich bereits zu schleppen beginnt. Er kennt die Gesten, hängende Arme, der gebeugte Körper, der Kopf.

Auch in den vierzehn Kamelen, die die Karawane begleiten, kann er lesen wie in einem Buch. Ihr Grunzen, ihre Kopfhaltung, der Gang und ihre Augen verraten ihm den Zustand der Tiere. Ein kurzes Zischen, ein Blick von Sidi Rali reichen, um die sensiblen Widerkäuer in die Knie zu zwingen. Oder sie zum Weitermarschieren zu bewegen.

Wie die anderen fünf Tuareg, die uns begleiten, trägt Sidi Rali Wüstenkleidung. Latschen, langes Gewand und den Tagelmust, den sechs Meter langen Baumwollturban, der Kopf, Mund und Nase umschlingt und nur zwei Augen hervorleuchten lässt wie aus einer Höhle. Nie nehmen die Tuareg den Tagelmust ab, selbst nachts nicht. Der Nomadenschleier ist mehr als ein Schutz, mehr als ein Zeichen des Respekts, in dem das Gesicht verborgen bleibt. In der Ödnis und in der Sonne ist der Turban ein kleines Zuhause auf dem Kopf. In zwei Tagen werden wir die großen Dünen erreichen, sagt Sidi Rali auf Französisch.

Wie jeden Tag macht die Karawane drei Stunden Mittagspause. Die Menschen brauchen die Pause, die Kamele brauchen die Pause. Die Mittagszeit in der Wüste ist eine eigene Zeit, es ist die schlimmste Zeit, selbst der Wind hat Angst vor ihr. Es weht kein Lufthauch mehr. Die Wüste gerät jetzt zum Trugbild, der Stillstand ist vollkommen. Wer aus einem kalten Land kommt, hat dies noch nie erlebt. Wenn sich nichts mehr bewegt, wenn selbst die gefühlten Bewegungen erstarren. Die Welt blickt sich selbst an. Die Steine liegen auf dem Sand, der Sand lastet auf der Erde, die Bäume stehen auf dem Boden, die Luft ruht in der Luft.

Mittagszeit: die Zeit völliger Gleichgültigkeit

Die Mittagszeit ist die schlimmste Zeit. Sie ist die völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Wir sitzen unter einer Akazie im Sand. Die Akazie ist eine Skulptur beachtlicher Form. Ein Gewächs, vielleicht sechs Meter hoch, es hat die Haltung eines verbogenen Krüppels. Das karge Dach aus Blättern schützt die Akazie, spendet dem Stamm und den Zweigen Schatten. Der Stamm verzweigt sich in der Mitte, die Äste wachsen dürr und genügsam, dann ragen sie steil nach oben. Erst dort bringen die Äste einige grüne Blätter hervor. Die Akazie braucht keinen Regen, jahrelang keinen Regen. Sie kann ihre Wurzeln bis zum Grundwasser treiben, an den Enden dieser Wurzeln kann sie Stickstoffknöllchen bilden, obwohl der Wüstenboden nicht einmal Stickstoff schenkt. Ich blicke die Akazie hoch. Was ist dies für ein Baum? 

Nachmittags. Es wird jetzt eine Spur kühler. Erst jetzt muten die Tuareg ihren Kamelen zu, weiterzugehen. Die Kamele sind seit jeher ihre Lebensversicherung hier draußen. Ihnen gilt alles Wohl. Boucha Kayir guckt mich gelangweilt an. Boucha Kayir ist mein Kamel, das mir für die drei Wochen zugeteilt wurde. Ein zwanzig Jahre altes Kamelmännchen und ein Wunder. Ein Ata Allah, ein Geschenk des Allmächtigen. Boucha Kayir kann in zehn Minuten hundertzwanzig Liter Wasser saufen, danach wochenlang nur mit Dornenbüschen auskommen, die mir, wenn ich mir auch nur einen Zweig davon an die Lippen führte, den gesamten Mund blutig reißen würden.

Mein verfilztes, stoisches, siebenhundert Kilo schweres Kamel kann bis zu einem Viertel seines Gewichts verlieren, ohne dass dies seine Körperfunktionen beeinträchtigen würde. Eine Überlebensmaschine. Seit vierzig Millionen Jahren auf dem Planeten vertreten. Eine Ehre, sich auf seinen Rücken schwingen zu dürfen. Wie ein wackeliges Hydraulikgestell wuchtet sich Boucha Kayir mit seinen dünnen Beinen aus der vierbeinigen Hocke hoch. Dann ziehen wir weiter. Schwanken im Rhythmus seiner weichen, ledrigen Füße durch den Sand und durch die Weite.

Kazarah ist einer der Tuareg, die uns durch die Wüste bringen. Er spricht kein Französisch. Er reitet jetzt neben mir, er blickt ab und zu mir herüber. Dann nickt er, ich nicke. Meistens blickt er mein Kamel an, das Kamel namens Boucha Kayir, immer hat Kazarah es im Auge. Kazarahs Sattel ist mit Ziegenleder bezogen, mit Silber und Kupfer beschlagen und mit wollenen Streifen behangen. Die Rückseite dieses Sattels schmücken eingefasste türkisfarbene Fragmente, gesäumt von verzierten Silberleisten und einem kleinen Zickzackmuster aus roten, gelben, blauen Wollfäden. Darüber ein Dorm aus Metall, mit Leder beschlagen. Der Sattel ist in der Wüste die Erinnerung daran, dass der Mensch ein Mensch ist. Eine Kreatur, die der Einöde die Kraft der Fantasie, der Kunst entgegensetzen kann. Kazarahs Märchensattel. Leicht wippt er auf und ab. Ich nicke, Kazarah nickt.

Ein zerbeultes Ölfass dient als Kamel-Tränke

Abends erreichen wir einen Brunnen. Vier, fünf Maultiere stehen regungslos in der Gegend, etwas weiter die Zelte einer Nomadenfamilie. Neben dem Brunnen ruht ein altes, hellblaues Ölfass. Das Ölfass ist zerbeult, aber es trägt keinen Rost. In der Wüste rostet nichts. In das Ölfass kippen die Tuareg das Wasser für die Kamele.

Kazarah kommt heran, er hat seine Latschen ausgezogen, geht barfuß. Die nächsten Latschen gibt es erst achthundert Kilometer weiter im Süden, wo die erbärmlichen Siedlungen der Sahelzone beginnen. Kazarah knotet zwei helle Seile aneinander, die Seile laufen über einen geschnitzten hölzernen Block, der eine Einkerbung für die Führung des Seils besitzt. Kazarah führt das Seil, an dessen Ende ein Eimer hängt. Zwei Tuareg lassen das Seil hinab, ziehen es dann wieder hinauf. Sie werden dies bis in den späten Abend hinein tun, der Eimer ist jedes Mal nur halb gefüllt. Die Kamele brauchen Wasser, die Maultiere brauchen Wasser.

Die Zeit wird lang. Die Tage, die Nächte. Nichts geschieht. Was soll schon geschehen in der Wüste? Die Landschaft bietet stets das gleiche Bild. Steine. Sand. Steine. Sand. Ab und zu ragen schwarze Hänge empor, verbrannte Gerippe, die bald wieder verflachen. Keine Oase, keine Brunnen mehr. Immer weiter taumeln wir gen Sandmeer.

Einer der jungen Tuareg legt sich abends einen Wüstenkäfer auf die Hände. Er spielt mit dem Käfer, der pechschwarz ist und glänzt, spielt ein, zwei Stunden mit dem Käfer. Die Gespräche der Tuareg sind leise. Jedes Wort wird Hunderte Meter weit getragen, ansonsten existieren keine Geräusche in der Wüste. Die Wüste ist das Spiegelbild der Stille. Dann kommt wieder die Nacht. Dann kommt wieder der Tag. Jedes Mal das gleiche Bild. Sand. Steine. Sand. Steine. Über allem der Himmel, nur noch die Illusion eines Blaus. Der Himmel besitzt tagsüber keine Farbe mehr. Er ist weiß.

Fragen nach der Wüste? Der Wüstenführer weiß keine Antworten

Meine Fragen nach der Wüste versteht Sidi Rali nicht. Was soll er mir über die Wüste erzählen? Über ihre Traditionen? Wo sie Wasser finden? Wie lange sie ohne Wasser auskommen? Woher sie die Kamele haben? Wann er das letzte Mal in einer Stadt war, in Agadez, in Timbuktu, oben in Algerien? Wie lange sie noch so leben werden? Wie teuer die alten Jeeps sind, die sie fahren, wenn sie die Kamele verkaufen? Wo sie die Planen für die Zelte her haben? Die Ölfässer? Die Kanister? Das Messing? Sidi Rali sagt nichts. Er nickt nur. Es gibt nichts zu erzählen. Hier draußen sterben die Geschichten, bevor sie geboren werden. Alles liegt auf der Hand. Morgen werden wir die Dünen erreichen. Es ist nicht mehr weit, sagt Sidi Rali.

Abends sitzen sie am Feuer. Vier trockene Äste und zwei Blechschalen mit Fleisch. Sie sprechen leise, sie lachen leise. Die Wüste wird dunkler, dann schwarz. Wenn das Feuer aus ist, legen sie sich für die Nacht in den Sand und schlafen.

Der nächste Morgen. Wir reiten früh weiter, langsam und stetig. Punkte in der Weite, Splitter in der Hitze. Kommt der Mensch hier überhaupt voran? Es ist nachmittags, als uns die Dünen entgegenbranden, ohne Ankündigung, ohne Schild, ohne ein Wort. Der letzte Stein liegt uns plötzlich zu Füßen, ein schwarzer Stein, klein und unscheinbar. Dies ist der letzte Stein für mehrere tausend Kilometer. Vor uns beginnt der Ozean aus Sand. Bis zur Oasenstadt Faya-Largeau, bis nach Mali und Algerien kommt nichts anderes mehr. Luft und zermahlene Erde, so weit die Augen blicken.

In weichen Wellen und Linien, in sanften Kurven und messerscharf gezogenen Graten fließen die Sanddünen unter dem Himmel dahin. Ein erstarrtes, hellbraunes Meer, endloses Land aus gewaltiger Dünung. Keine Spur, kein einziger Fußtritt ist zu sehen. Derart breitet sich die Wüste vor uns aus, schweigend und von erdrückender Schönheit. Am frühen Abend schlagen wir unser Lager auf. Ich höre nichts. Nur das Rascheln des Zelttuchs, durch das ein dünner, trockener Wind geht. Ich sitze vor meinem Zelt, es ist in einiger Entfernung zu den anderen aufgebaut. Ein Schiff aus Tuch am Fuße einer gelben Welle, die sich steil auftürmt, eine Wand aus Sand. Dahinter steht der Himmel, nunmehr in einem hellen, feinen Blau. Ich greife mit der Hand in den Sand. Die Körnchen fließen warm und geschmeidig durch meine Finger, ein altes, ein sehr altes Spiel. Das Große und das Kleine sind sich so nah.

Abends macht Kaziir, der Koch, Feuer. Drei dahinfackelnde, knochentrockene Äste. Kaziir besitzt Tekarakit. Den Tuareg, den von Gott Verstoßenen, ist dies wichtiger als Brot. Eine Form der Ehre. Nie laut werden, allem Respekt zeigen, anderen Menschen nie zu nahekommen. Sagt man einem Targi, er besitze kein Tekarakit, ist es ein Peitschenhieb ins Gesicht.

Eine abgemagerte Ziege wird zum Abendbrot

Leise und ohne Grobheit nähert er sich der Ziege. Die Ziege ist nur noch ein wackelndes Knochengerüst. Dann schneidet Kaziir ihr die Kehle durch. Das Fleisch schmeckt gut, die feuerkrosse Leber, dazu der Hirsebrei, die Yam-Wurzeln. Sie haben dem Tier das Fell abgezogen, es hängt auf den Ästen neben dem Feuer. Sie werden das Fell wieder zusammennähen und die ausgewaidete Hülle noch ein, zwei Jahre als Wasserbehälter nutzen. Wenn Wind über das Fell streicht, kühlen der Wind und das Fell das Wasser. So einfach.

Wir sitzen noch am Feuer, die vom Osten her kommende Nacht liegt wie ein tiefblaues Tuch auf der Haut, während die Dünen im Westen orangefarben brennen. Kaziir putzt seine Zähne, die vor den Flammen leuchten; ein faserig gekauter Dornenhalm genügt ihm. Ob er es gut findet, dass jetzt ab und zu Fremde durch die Wüste ziehen? Kaziir sagt nichts. Dann sagt er, auf Französisch, ja, es ist gut. Auch in der Wüste verändern sich die Dinge. Aber du dir musst um die Wüste keine Sorgen machen, die Wüste ist zu groß. Die anderen Tuareg, Sidi Rali, Ajumlik, Ibrahim und Kaleb, sitzen im Sand. Zwei haben dünne, zerrissene Anoraks, die sie von den Lastwagenfahrern in N’Guigmi, tief im Osten des Nigers an der Grenze zum Chad, bekommen haben, an. Die Tuareg tragen ihre Gewänder, ihre Latschen und ihre ruhigen, warmen Gesichter. Dann stehen sie auf und gehen ein paar Schritte, verteilen sich in den Dünen, schwarze Silhouetten in der anschwellenden Nacht. Das Abendgebet gen Mekka vollzieht jeder für sich, geräuschlos und leicht, eine stille Verbeugung in den Dünen.

Vor dem Schlafen noch ein paar Schritte gehen. Weg vom Lager, weg von allem; fort von allen Geräuschen und allem Licht, außer den Sternen. Ich setze mich mitten in der Wüste in den Sand, oben auf einer Düne. Ein warmer Wind streicht über die Erde und schleicht an mir vorbei wie ein Geist. Doch dann verebbt selbst dieser letzte Hauch. Ich höre nichts mehr. Absolut nichts. So muss sich der Weltraum anhören.

INFOS
Was Sie wissen sollten

Die Schönheit der Wüste in Worte zu kleiden ist eine schwierige Angelegenheit. Die Wüste, wenn sie wirklich nur noch aus Sand besteht, ist einfach zu schön. Nichts lenkt dort ab, nichts irritiert, nichts stört. Es ist ein sehr konzentriertes Erlebnis.

Den Sternenhimmel in Geschichten zu beschreiben ist für Reporter immer eine fürchterliche Aufgabe. Daher in Kurzform: Die Sterne in der Wüste hauen einen um. Sie leuchten so milliardenfach und funkelnd und hell am Nachthimmel, dass man schweigt, betet und durchdreht. Und anschließend an einen Schöpfer glaubt.

Einige Dinge sind in der Wüste allerdings nicht so schön: Mit der Hitze muss man gar nicht erst anfangen. Halten Sie einfach mal kurz den Kopf in Ihren Backofen, wenn die Pizza schon fast gut ist. So in etwa fühlt es sich an. Nicht ganz koscher ist auch die Sache mit den Skorpionen. Die Tuareg fanden insgesamt vier dieser tödlichen Biester während dieser Reise, ein erschreckender Schnitt. Die Tuareg ärgerten die Tiere mit einem Stock, aber sie ließen sie leben. Die Attacke eines Skorpions kann tödlich sein. 

Was Sie können sollten
Zu ertragen ist hier etwas, das wir in der Regel nicht kennen: die Abwesenheit von Wasser. Natürlich ist auf so einer Tour genug zu trinken dabei. Ansonsten aber sieht man fast drei Wochen lang keine Dusche, keinen Wasserhahn, keinen Fluss, keinen See; nichts, das plätscherte, floss oder gluckerte. Dieses Nicht-Vorhandensein von Wasser in der heißen und trockenen Wüste ist ein komisches Gefühl. Es kann ermüdend wirken, manche macht es aggressiv. Damit sollten Sie klarkommen.

Noch ein Punkt, zur Beruhigung. Wer in der Wüste drei Wochen nicht duscht, muss nicht zwingend stinken. Denn die Trockenheit ist außerordentlich. Der Schweiß verdunstet sofort auf der Haut. Darin liegt also nicht das Problem.

Allerdings sollten Sie beim Reiten auf den Kamelen Haltung bewahren können. Es ist ein seltsames, träges Geschaukel, bei dem der Reiter in sich selbst zusammensackt und nach einigen Stunden wie ein Häufchen Elend oben auf dem Rücken der stolzen Tiere sitzt. Auch das wirkt ermüdend. Der Kamelreiter tut also gut daran, sich aufrecht hinzusetzen und die Wellenbewegungen des Kamelrückens beim langsamen Dahinschreiten mit den Hüften abzufangen. Trainieren Sie vor der Reise Ihre untere Rückenmuskulatur, sonst hängen Sie nach einer Woche auf dem Tier wie ein Sack Kartoffeln.

Auch müssen Sie eine gewisse Eintönigkeit ertragen. Und dies ist ein Phänomen auf so manchen Reisen: Landschaften und neue Eindrücke können noch so schön sein – wenn sie sich nicht abwechseln, sondern täglich und immerfort das gleiche Bild bieten, denkt der Reisende irgendwann: Und nun? Die tägliche Dosis Wüste kann also auch einlullen, erschlaffend wirken. 

Während der Etappen, auf denen marschiert wird, sollten Sie zudem eines klaglos erdulden können: heiße Füße! In der Wüste ist es ratsam, feste Schuhe zu tragen. Doch selbst, wer hier mit den berüchtigten Gummilatschen der Trekker unterwegs ist, wird glühende Sohlen haben und Füße, die rosarot dampfen. Keinen Fuß lässt es kalt, wenn er tagelang über sechzig bis siebzig Grad heißen Boden wandeln muss. Die dunkleren Böden nämlich werden da unten tatsächlich so heiß. Der nackte Wahnsinn.

Wie hart ist es wirklich?
Sie müssen in der Lage sein, täglich gut zehn Liter Wasser in sich hineinzuschütten, dabei klaglos marschieren können und bei guter Laune drei Wochen an keinem Tisch sitzen wollen, sondern die Mahlzeiten an Wollteppichen kauernd auf dem Wüstenboden einnehmen. Die Wüste verlangt nach solchen Entbehrungen. Und: Drei Wochen können ziemlich lang werden. Ansonsten ist bereits die Anreise in die Wüste nicht zwingend erholsam. Die Städte im Niger sind sehr arm, sehr heiß und sehr schmutzig. Sie werden an Siedlungen im Sahel vorbeikommen, an Schrotthaufen und brennenden Müllhalden, in denen Kinder und Tiere nach Essensresten suchen. Szenen, die einem die Kehle zuschnüren und die Existenz als solche in Frage stellen. Es folgt, groß und unermesslich, die Reinheit der Wüste. Ein Anblick, der unfassbar ist und den Sie nie wieder vergessen werden.

Informationen
Es gibt noch immer Menschen, die auf eigene Faust aufbrechen. Die mit Motorrädern, Fahrrädern oder gar zu Fuß allein durch Afrika und seine Wüsten ziehen wollen. Nur zu. Jede gepeinigte Seele sollte tun, was sie tun muss. Allerdings sollte sich nicht wundern, wer verschleppt wird oder sonst wie abhanden kommt in den Weiten. Reisen Sie also besser mit einem Veranstalter, der sich auskennt und die Reise in die Wüste mit kundigen Menschen wie den Tuareg organisiert. Die wissen, was sie tun. Wissen, wo sie Wasser finden. Und wo keine Banden umherziehen, die mit Maschinengewehren in ihren Jeeps sitzen und Fremde zu Geld machen wollen.    

Kosten
Es gibt verschiedene Agenturen, die Reisen in den Niger anbieten und Gäste auf Kamelen durch die Wüste scheuchen. Vor allem Drei-Wochen-Trips werden gern gebucht, und die lassen sich überleben und schenken einem einmalige Wüstenszenen. Die Reisen kosten von Deutschland aus meist um die 3000 Euro, Flug inklusive. Wer Näheres wissen will, kann sich zum Beispiel an diese Veranstalter wenden: 

www.desert-team.ch
www.meharees.de
www.transafrika.org
www.bedu.de

Nicht vergessen: Schauen Sie vorher beim Auswärtigen Amt vorbei, ob womöglich Reisewarnungen ausgesprochen wurden: www.auswaertiges-amt.de 

 
Autor:
Marc Bielefeld