New York Trendviertel Park Slope

"Nach Park Slope wollt ihr ziehen? You gotta be kiddin'!", rief mein Kumpel Mike erschrocken und warf mir einen Blick zu, als klebte eine Lage Klopapier unter meinem Schuh. "Passt bloß auf, dass ihr nicht von den Kinderwagen platt gemangelt werdet."

Mikes Rat war nur halb im Scherz gemeint. Das Brooklyner Viertel Park Slope ist für New Yorker das, was der Prenzlauer Berg für Berliner ist: ein Viertel, in dessen Altbauten zwar jede Menge Künstler, Intellektuelle und Promis wohnen, von Jonathan Safran Foer bis hin zu Tom Hanks, das aber, glaubt man der Presse, von Müttern im besten Alter beherrscht wird, die mit ihren Maclaren-Zwillingskarren alles über den Haufen fahren, was nicht schnell genug zur Seite springt. Angeblich plant die Schauspielerin Sarah Jessica Parker sogar eine Nachfolgeserie von "Sex and the City" über die Muttis von Park Slope, und wer in den letzten zwei Jahren den Blogs und Lokalberichten aus der Gemeinde gefolgt ist, weiß um deren TV-Potenzial.

Herrlich, wie sich Park Slopes Weltverbesserer aufregten, als dort jemand Zettel an die Laternenpfähle klebte: "Gefunden: Jungen-Mütze". Was fiel dem Finder bloß ein? Das könne schließlich genauso gut die Mütze eines Mädchen sein, beharkten sich die Lokalblogger im Internet noch Monate später. Oder der arme Narr von Wirt, der versuchte, die Kinderkarren zumindest während der Happy Hour aus seinem Gastro-Pub zu verbannen. Unverschämt! Billige Drinks am Nachmittag? Immer gerne, gerne viel, aber nie, nie ohne meine Kinder! Inakzeptabel auch die Kirchengruppe, die zu Ostern im Prospect Park Luftballons an die Kleinen verteilte ("Latex-Allergie!"), das Restaurant, das keine Kinderportionen auf der Karte hatte ("ignorant!"), und das Ehepaar, das einen Eltern-Blog dazu missbrauchte, nach swingenden Bettpartnern zu suchen ("pervers!").

Doch nicht nur Eltern scheinen hieran einer - für New York untypischen - bieder-provinziellen Spießigkeit gemischt mit leichter Paranoia zu leiden: Als im Frühjahr im Teich des Prospect Park abgehackte Hühnerfüße auftauchten, vermuteten die Parkwächter gleich einen gefährlichen Voodoo-Kult dahinter. Erst viel später kam die Entwarnung. Ein chinesisches Restaurant hatte dort schlicht seine Küchenabfälle entsorgt. Und als bekannt wurde, dass "Barneys Co-Op", der junge Ableger des Manhattaner Modekaufhauses, eine Filiale in Brooklyn eröffnen wollte, protestierten die Betreiber des Members-only-Bioladens "Park Slope Food Coop": Nur Lebensmittelmärkte wie der ihre, in denen Mitglieder monatlich drei Stunden schuften müssen, um das Olivenöl für sieben anstelle von zehn Dollar kaufen zu können, dürften legal den Zusatz "Coop" im Titel tragen.

Genügend Grund für Spott und saftiges Material für eine Soap Opera gäbe es also. Zum Beispiel auch die Coffeeshop-Kriege, die Anfang des Jahres in Park Slope ausbrachen: Geschwister, die sich über die korrekte Zubereitung eines Milchkaffees so zerstritten, dass sie nun konkurrierende Cafés nur wenige Blocks voneinander entfernt betreiben. Oder die aufgebrachte Belegschaft von "Gorilla Coffee ", die aus Protest gegen den schroffen Befehlston ihrer Chefin gesammelt ihre Jobs hinschmiss.

Überhitzte Gemüter hin, resolute Mütter her - es gibt sehr viele New Yorker, die liebend gern in Park Slope leben oder leben würden - und das, ohne sich gleich in ein Klischee zu verwandeln.

Schweinebauch gegen den Kater

"Es ist die einzig gescheite Alternative", beschrieb der Journalist Pete Hamill seine Heimat im New York Magazine. "Ein Teil von New York, in dem man ein echtes Stadtleben führen kann, ohne pleitezugehen, in dem Kinder eine gute Ausbildung bekommen, auch wenn die Eltern nicht das Einkommen eines Onassis haben, ein Platz, von dem aus man den Himmel sehen kann und der gerade mal 15 Minuten von der Wall Street entfernt ist."

Hamill schrieb dies im Jahre 1969, doch über 40 Jahre später trifft die Beschreibung immer noch zu. So war es keine große Überraschung, als das New York Magazine im April 2010 Park Slope zum "lebenswertesten Viertel New Yorks" wählte. Die Redakteure bewerteten dabei nach relativ leicht zu überprüfenden Kriterien, darunter der mittlere Mietpreis, die Verbrechensrate, Anzahl und Qualität von Schulen und Grünflächen, die Verkehrsanbindung sowie das Angebot an Restaurants und Bars. In keiner Kategorie war Park Slope absoluter Spitzenreiter, doch in der Summe reichte es, um die Lower East Side knapp zu schlagen und andere gehypte Viertel, Harlem beispielsweise, auf die hinteren Ränge zu verweisen.

Der wirkliche Charme von Park Slope lässt sich allerdings kaum an nüchternen Statistiken ablesen. Aber man kann ihn spüren - am besten bei einem samstäglichen Spaziergang durch die Nachbarschaft. Ich starte beim Flohmarkt im Norden. Hier feilschen bärtige Hipster um ein Paar alter Nike-Air-Force-1-Sneaker, um Jazz alben und Lederjacken, während im Schatten des Schulgebäudes bleiche Sonnenbrillenträger versuchen, ihren Kater mit fetten Schweinebauchsandwiches zu kurieren.

Die Mumien im Brooklyn Museum kann man sich für einen verregneten Nachmittag aufheben, ich ziehe also weiter, vorbei am Botanischen Garten, in den Prospect Park. Entworfen von denselben Landschaftsarchitekten, die zuvor den Central Park planten, vermeidet der Prospect Park all dessen Mängel: Anstelle von manikürten, flachen Rasenflächen locken hier sanfte Hügellandschaften, Wälder mit altem Baumbestand, eine Konzertmuschel, in der in dieser Saison Norah Jones und Sonic Youth kostenlose Konzerte gaben, und Wiesen, auf denen man den Grill anfeuern darf.

Dort sammeln sich an Sommerwochenenden die "Sloper", wie die Einheimischen heißen - von der puertoricanischen Großfamilie, die sich zwischen Bergen von Koteletts, Papptellern und Kühlboxen lachend den Bauch vollschlägt, bis hin zum französischen Diplomaten, der an einen Baum gelehnt auf seiner Gitarre zupft.

Außerhalb des Parks, den Hang hinunter Richtung Fifth Avenue, laufe ich durch Straßen mit den typischen, denkmalgeschützten Brownstone-Häusern, die heute zwischen zwei und sechs Millionen Dollar wert sind. Hier trifft man sie, die resoluten Mütter mit ihren Kinderwagen, aber auch stolze Hausbesitzer im Rentenalter beim Putzen ihrer Gaslaternen und langhaarige Untermieter, die auf der Straße Bio-Limonade für vier Dollar den Becher verkaufen. "Ich weiß, das ist eigentlich ein Job für Kinder", entschuldigt sich der Zottel lachend, "aber auf diese Weise lerne ich all meine Nachbarn kennen und verdiene mir ein bisschen dazu, um die Studiengebühr zu bezahlen."

Weiter südlich, in der 15. Straße, beeindruckt die gigantische Park Slope Armory. Ende des 19. Jahrhunderts als Waffenlager und Exerzierhalle erbaut, wetzen drinnen heute Athleten über eine Sprintbahn - das renovierte Gemäuer beherbergt eine der modernsten Trainingshallen der Stadt.

Sport, selbst bloßes Zuschauen, macht mich durstig, und so kehre ich rechtzeitig zum Sonnenuntergang in der "Mission Dolores" ein, einer obskuren Mischung aus Garage, Raucherecke, mexikanischem Fast Food, altem Soul und frisch gezapftem Bier. In Manhattan würde eine so coole Kneipe nie funktionieren: Im Handumdrehen würde sie vom Schweiß feister Banker und den Stiletto-Absätzen ihrer langbeinigen Trophäen zerstört. In Park Slope aber gedeiht sie und lässt im warmen Abendlicht, das vom Fluss reflektiert über die flachen Dächer in den Hof gleitet, aus dem leicht angetüdelten Barkeeper einen sensiblen Poeten werden: "Manhattan ...", ringt der mit den Worten, "... Manhattan ist Frank-Gehry-Land. Park Slope aber ist Edward-Hopper-Land!"

Ich hätte darüber noch lange nachsinnen können, wäre nicht plötzlich Mike neben mir am Tresen aufgetaucht. Er strahlt: "Dude, du wirst es nicht glauben, aber wir haben uns gerade eine Wohnung angeguckt. Gleich um die Ecke. 300 Dollar billiger als unsere Bleibe in der Lower East Side. Mit Garten!" Ich spare mir den Blick, den er eigentlich verdient hätte, und gebe ihm einen aus.

Schlagworte:
Autor:
Severin Mevissen