Editor's Blog Trendsport "Spaven" in New York

Meinen Freunden Angela und Jörg verdankt die deutsche Sprache das Verb "spaven" und ich einen Einblick in die hohe Kunst des Einkaufens. Spaven heißt "spending and saving at the same time", wie Jörg gerne erklärt. Und das geht so: Angela und Jörg, Eltern von zwei Töchtern, geben das ganze Jahr über nahezu NICHTS aus für Klamotten, Elektronik, Düfte und dergleichen. Eigentlich geben sie nur Geld aus für das tägliche Essen und Trinken. Jeweils im Herbst werden dann die Schwiegereltern zur Kinderbetreuung angeheuert und es geht für eine Woche nach New York. In Manhattan kaufen Angela und Jörg dann ALLES. Jeans, Polohemden, Camcorder, iPods .... kurz: alles.

Das sei nicht verrückt, sagt Jörg, das sei wirtschaftlich total sinnvoll: "Wir sparen dabei so viel, dass wir die beiden Flüge und ein ziemlich nettes Hotel herausbekommen. Und außerdem ist so eine Woche ohne die Kinder auch ganz gut für uns beide."

Nun ist es nicht so, dass Angela und Jörg am Hungertuch nagen. Eher im Gegenteil. Aber das "Spaven" hat für die beiden einen derart großen sportlich-erotischen Reiz, dass sie gar nicht mehr ohne können. Jörg spaved auch im Geschäftsleben: Der Unternehmer hat die Business-Seats für seine Kunden nicht im HSV-Stadion gemietet, sondern beim FC St. Pauli: "Das kostet bedeutend weniger, und der Spaß ist größer."

Jörg und Angela spaven seit langem - nicht erst seit die US-Wirtschaft am Boden liegt und der Euro oben steht. Aber in diesem Jahr haben die beiden die Situation genutzt und noch einen draufgesetzt: Schnäppchenjagd de luxe. Diesmal ging es für Angela und Jörg von Hamburg in der Business Class der Lufthansa nach New York in ein Fünf-Sterne-Hotel.

Bodyguards wehren die Kauflustigen ab

Meinen entgeisterten Blick hätte ich mir sparen können, denn Jörg erklärte mir auch diesmal haarklein den ökonomischen Vorteil: "Erstens haben wir das im Internet als Last-Minute-Package bei l'tur gebucht - das kostet zusammen die Hälfte von einem normalen Business-Ticket. Und zweitens sind beim Christmas Shopping in New York die Preise noch mal herabgesetzt. Wer da halbwegs clever kauft, macht auf jeden Fall einen Schnitt."

Erste Anlaufstelle in Manhattan ist für Angela und Jörg immer Macy's, das (natürlich) größte Kaufhaus der Welt. Nur, dass es diesmal alles ein klein wenig anders war als in all' den Jahren zuvor im Herbst: New York barst aus allen Nähten. Offenbar hatte es zum Christmas Shopping in Manhattan diesmal so eine Art globalen Weckruf gegeben.

Jedenfalls war nicht daran zu denken, einfach so ins Macy's zu gehen, wie sonst immer: Bodyguards vor dem überfüllten Kaufhaus wehrten die Kauflustigen ab, ein Flatterband markierte am Broadway die Gasse für die Warteschlange, die sich um den ganzen Block zog. Nach über einer Stunde Wartezeit konnten beide endlich das Paradies der "Super Saver", "80% Price offs" und "Special holiday offers" betreten. "Es war spektakulär", berichtete Angela, "auf dem Boden lagen Haufen von Tommy-Hilfiger-und Polo-Ralph-Lauren-Hemden - viele zerrissen. Preisschilder waren fast alle rausgerissen, dafür hingen überall Scanner für die eingenähten Etiketten, damit man prüfen konnte, was das Teil kostet. Neben uns prügelten sich fast ein holländisches und ein englisches Ehepaar. Dann waren noch viele andere Deutsche da, Schweden, Russen, Franzosen, Araber - nur keine Amis. Es war Wahnsinn." Aber lohnend.

Richtige Schnäppchen macht Angela immer bei Filene's Basement, einem Laden mit Designer-Klamotten und Accessoires, die immer billiger werden, je länger sie bei Filene liegen. Nach drei oder vier Wochen geht dann alles an die Heilsarmee - kein Witz. Nur so ist es wohl zu erklären, dass Angela ein Paar kaschmirgefütterte Damenhandschuhe von Etienne Aigner erstehen konnte - für umgerechnet 16 Euro ...Da hat sie gleich viermal zugeschlagen - für die Freundinnen zu Weihnachten.

Dabei geht es in New York nicht immer nur ums Spaven. Zum Abschluss gönnt Jörg seiner Angela immer einen Abstecher zu Bergdorf Goodman, dem luxuriösesten Kaufhaus (natürlich) der Welt - am Südende des Central Parks. Hier gibt es keine Schlangen und garantiert auch keine Schnäppchen. Dafür findet die Frau, die schon alles hat, zum Beispiel Parfüms berühmter Hersteller, die es nur bei Bergdorf Goodman gibt. Oder einen Wollschal für 500 Dollar, der überall sonst auf der Welt nur 30 kosten würde, aber eben von Bergdorf Goodmann stammt.

Das ist ein wohltuender Kontrapunkt zu dem weihnachtlichen Shoppingszenario: überlaufen und leer gekauft, lange Warteschlangen und Nahkampfszenen. Die Subway überfüllt, Taxis nicht zu bekommen. Überall Touristen. Kaufwütige aus aller Welt im Schnäppchenrausch. Aber Angela und Jörg wollen den Trip unbedingt wiederholen: Spaving de luxe in der Business Class nach Manhattan.

Ich habe gestern meinen Onkel in New York angerufen. Er wohnt seit Jahren in einem wunderschönen Apartment am Museum of Natural History direkt am Central Park. "Wie hältst Du das nur aus, diesen Shopping Wahnsinn zu Weihnachten mit all' den Touristen?" "Wieso?", hat mich mein Onkel gefragt, "ich mache es wie alle Manhattonians - ich bestelle meine Sachen im Internet. Ich bin doch nicht verrückt."

Autor:
Andreas Hallaschka