New York Sommer im Big Apple

Hitze, 33 Grad am Nachmittag, Luftfeuchtigkeit um die 90 Prozent; schwitzen ist gar kein Ausdruck und transpirieren erst recht nicht. Kleben vielleicht. Sommer. Wochenlang. Abends zur Abkühlung in den Bryant Park zum HBO-Filmfestival. Jeden Montagabend picknicken dort Menschen auf Decken, trinken Alkohol, was hier geduldet wird, rauchen nicht nur Zigaretten und gucken Klassiker. Auch das ein Sommer-Klassiker in New York. An diesem Abend "Casablanca", der Beginn variiert, after sunset, heißt es.

Wir treffen uns im "Bryant Park Café", einer an sich unangenehm hochpreisigen Freiluftschenke mit beträchtlichem Hochhacken- und Schlipsanteil. Egal. Ein Bier vorab, Schlipsträger gucken, zweites Bier, weintrinkenden Frauen auf hohen Hacken lauschen, wie sie die Schlipsträger anhimmeln; New York, die Stadt der Singles. Drittes Bier, es dämmert, die Hochhacken werden lauter, kehliger, piepsiger. Die Schlipsträger lockern die Knoten. Der Park füllt sich unterdessen - Familien, Studenten, Einsame und Zweisame auf Decken. Ein Vorfilm läuft, irgendein Comic. Im Café das wahre Public Viewing: Die Hochhacken und Schlipsträger gehen auf Tuchfühlung. Das vierte Bier gegen den Durst, das fünfte gegen die Hitze. "Casablanca" beginnt, kein Platz mehr auf der Wiese. Pech und egal. Hochhacken und Schlipsträger schauen sich ganz tief in die Augen.

MERIAN-Autorin Annette Streck lebte von 2001 bis 2008 in New York.

Ein Weihnachtsbaum im Sommer

Es war mein erster Sommer in New York und so heiß, dass es beim Einatmen ein bisschen in der Lunge brannte. Ich kenne einen Ort, an dem dir die Müdigkeit nichts ausmacht, sagte er. Also gingen wir gleich in unserer ersten Nacht wieder los, mürbe vom Jetlag und ausgebrannt von der Hitze, ein paar Straßen weiter, hinein ins "Hotel Metro" an der 35. Straße, vorbei am Portier, hinauf in den 14. Stock, an einem Fitnessraum vorbei, in dem ein alter Mann radelte, auf die Hotel-Dachterrasse. Es gab eine Bar, aber sie war geschlossen, er zog mir eine Diet Coke aus einem Automaten und sagte: "Schau dich um." Ich setzte mich auf einen der weißen Plastikstühle, hielt mir die kalte Dose gegen die Stirn und schaute.

Gegenüber stand das Empire State Building. Es stand einfach da, ein Turm, dessen Spitze unten rot und oben grün leuchtete, wie ein Tannenbaum mitten im Juli. "Manchmal ist die Bar offen", sagte er, "es gibt billiges Bier, und sie spielen alte Sinatra-Lieder, damit die Leute auf dem Dach tanzen können, aber sie sitzen immer bloß hier und schauen das Empire State an und sind glücklich." - "Isn't that great", sagte der alte Mann, den wir im Fitnessraum gesehen hatten und der sich in der Dunkelheit still neben uns gesetzt hatte, "als sie noch gelebt hat, war ich oft mit meiner Frau hier." Dann schauten wir zu dritt auf den Turm gegenüber.

MERIAN-Autorin Okka Rohd hat New York 2006 zum ersten Mal besucht - und seitdem immer wieder.

Kurs auf Lady Liberty

Seine Stimme klang aufgekratzt durchs Telefon: "Ich hab den Segelschein! Morgen leihen wir uns ein Boot." Endlich runter von Manhattan, der Insel, die in der Hitze flirrte wie eine Fata Morgana und roch wie eine volle Windel. Endlich rauf aufs Wasser. Im Schatten des Segels packten wir Sandwiches aus, öffneten kaltes Bier und zielten grob Richtung Süden, Richtung Freiheitsstatue. Eine Zeit lang fühlten wir uns wie kleine Gatsbys: Privatstrände zogen vorbei, grandiose Villen, und in unserer Phantasie tanzten wir in deren Gärten in weißen Jacketts.

Erst ein Kratzen am Rumpf weckte uns aus unseren Tagträumen. Wenig später saßen wir fest. Die Küstenwache kam angetuckert, der Bootsverleiher auch, und es gab ein bisschen Ärger. Vor allem für den Verleiher, der bereits am Vormittag schwer getrunken hatte. Sie schleppten uns zurück. Am Tresen der Hafenkneipe zogen wir Bilanz: Wir waren zwar Insulaner, aber keine Seeleute. Wir gehörten zurück in die Stadt. Doch die Stadt ließ uns nicht: Ein Stromausfall hatte alles lahmgelegt. Züge, Klimaanlagen, Lampen - nichts ging mehr. Als wir viele Stunden und eine sehr teure Taxifahrt später endlich in Manhattan ankamen, sah es dort aus wie in einem "Mad Max"-Film. Unsere Stimmung war da schon lange wieder umgeschlagen: Irgendwann, sehr bald schon, würden wir dem Chaos davonsegeln.

MERIAN-Autorin Severin Mevissen lebt seit 2002 in New York.

Flucht nach Governors Island

Es war der Tag im Sommer 2010, an dem in vielen Teilen New Yorks der Strom ausfiel, weil zu viele Klimaanlagen auf einmal liefen. In den Häuserschluchten herrschte eine Hitze, als würde einem ein Föhn entgegenblasen. Als ich auf der Temperaturanzeige eines Hochhauses sah, dass es 40 Grad heiß war, entschloss ich mich zur Flucht. In nur sieben Minuten brachte mich eine Fähre vom Financial District in eine andere Welt. Auf Governors Island, einer unbewohnten Insel unterhalb der Südspitze Manhattans, fahren keine Autos, die Luft schmeckt salzig, und kein Mensch ist gehetzt.

An der Uferpromenade wurde ich von der Gischt nass gespritzt und freute mich darüber. Ich suchte mir ein schattiges Plätzchen auf einer Wiese und blickte auf die Freiheitsstatue. Davor posierten Touristen, die ihren Arm hoben, als würden sie eine Fackel in die Luft halten. Über mir zwitscherten Vögel. Ein Geräusch, das ich nur deshalb bewusst wahrnahm, weil man es in New York so selten hört. Mit einem Hot Dog in der Hand spazierte ich am Ufer entlang. Es war "Free Bike Friday", weshalb die ganze Insel von Schulklassen auf Fahrrädern bevölkert war. Beim Blick auf den Financial District dachte ich an all die Menschen in ihren Bürowaben. Ich lehnte mich an einen Baum, schloss die Augen und wurde erst wieder an die Existenz der Millionenmetropole erinnert, als ein Helikopter an der Insel vorbeiflog.

MERIAN-Autorin Aileen Tiedemann war im Sommer 2010 in New York.

Rummel unterm Riesenrad

Die Subway rumpelt über die Dächer von Brooklyn. Church Avenue, Ditmas Avenue, Bay Park-way heißen die Stationen der Linie F, die nach Coney Island führt. Wo die F fährt, ist kein Glitzer, kein Glamour, kein Neongewitter. Reihenweise graue Einfamilienhäuser, dazwischen Garagen und Lagerhallen. Die Menschen, die hier leben, sind Latinos, Afroamerikaner, untere weiße Mittelschicht, und sie sind wie die Gebäude. Nie so hoch hinausgekommen wie in Manhattan.

An jeder Station steigen sie zu mit geröteten Gesichtern, die Haare verschwitzt. Ihre Hemden, Blusen und T-Shirts spannen sich über Oberkörper, die schon lange nicht mehr schlank sind. Sie haben Lunchboxes, Sonnenschirme, Angelruten und Spielzeug unter dem Arm, lärmende Kinder an der Hand. Ein babylonischer Sprachenmix erfüllt den Waggon, während in der Ferne ein himmelblaues Riesenrad auftaucht, das Wahrzeichen von Coney Island. The people's playground wurde Coney Island einmal genannt. Spielplatz des Volkes.

Wären die Fenster nicht verriegelt, man könnte es schon riechen, das Meer. Kreischende Räder, Stillwell Avenue, Endstation. Die F ist angekommen. Eine bunte Bagage quillt hinaus auf die Mermaid Avenue. Möwengeschrei, Kindergeschrei, es riecht nach Strand, Sonnenöl und Frittierfett. Gedränge vor "Nathan's", Amerikas berühmtester Hot-Dog-Bude. Zwischen den Schießbuden, Spielhöllen und Geisterbahnen flanieren die Menschen. Diese Hitze, diese Luftfeuchtigkeit! Sie erzeugen das Gefühl, als laufe man durch Sirup.

Auf der Strandpromenade wird trotzdem Musik gemacht, getanzt. Vor etwa einem Jahrzehnt ließ die Stadt frischen Sand am Strand aufschütten, damit begann das Comeback von Coney Island. Die ganz große Zeit der zwanziger Jahre wird nicht wieder kommen, doch die Stimmung ist gut. Kaum ein Durchkommen. Eiscreme und Ketchup tropfen auf Holzbohlen. Auf dem Pier wird mit Hühnerbeinen in Drahtkäfigen nach Krebsen geangelt. Am Strand toben Kids unter einem Sprühregen aus einer Plastikpalme. Ein Subway-Ticket hierher kostet 2,25 Dollar. Coney Island ist ein Geschenk, wenn sich die Stadt bei 35 Grad mal wieder zu Tode schwitzt.

MERIAN-Autor Gerhard Waldherr lebte von 1996 bis 2004 in New York.

New Yorks Strände: In einer Stunde ans Meer

New York ist von Wasser umgeben, zahlreiche stadtnahe Strände verlocken zur Flucht aus dem Häusermeer. Bei unserer Auswahl haben wir Ziele zusammengestellt, die von Manhattan in maximal anderthalb Stunden zu errreichen sind.

Brighton Beach

Die etwas weniger kitschige Alternative zu Coney Island. Belebt, aber nicht so rummelig. Viele kleine und gute Res-taurants an der Promenade. Bekannt für seine große russische Gemeinde, deshalb auch "Klein-Odessa" genannt, Werbeslogan: "See Russia without leaving New York". Zu erreichen in knapp einer Stunde mit den Subway-Linien B und Q bis zur Haltestelle Brighton Beach.

Coney Island

Der Klassiker mit Achterbahn und Jahrmarktbuden ist etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch beliebtes Ausflugsziel der New Yorker. Zu erreichen in einer Stunde mit den Subway-Linien D, Q, F und N bis zur Haltestelle Coney Island - Stillwell Ave.

Gunnison Beach

Herrlicher weißer Sand, und - in den prüden USA selten - ein FKK-Strand. Gut ausgebautes Radwegenetz. Zu erreichen in rund einer Stunde mit Seastreak Ferry und einem Shuttlebus.

Jones Beach

Bekannt für sein Amphitheater und die dort stattfindenden Sommerkonzerte. Toller Radweg direkt am Ufer entlang, schöner Sandstrand, der dank der hier geltenden "no radio"-Regel ruhiges Sonnenbaden garantiert. Zu erreichen in einer Stunde und 15 Minuten mit der Long Island Rail Road bis Haltestelle Freeport, dort Bus N88. Strandgebühr.

Long Beach

Toller Badestrand und eine belebte Promenade, auf der Jogger, Skater und Biker um die Wette wetzen. Die Brandung macht Long Beach auch für Surfer interessant. Zu erreichen in gut einer Stunde mit der Long Island Rail Road. Strandgebühr.

Rockaway Beach

Der ultimative Stadtstrand, von den Ramones in ihrem Song "Rockaway Beach" schon Ende der Siebziger unsterblich gemacht. Beliebter Platz für Beachvolleyballer und Surfer, aber auch für die Barbecue-Fraktion. Zu erreichen in 90 Minuten mit der Subway-Linie A bis zur Haltestelle Broad Channel, von dort mit dem Rockaway Park Shuttle (Linie S) bis Endstation.

South Beach und Midland Beach

Die Wasserqualität ist nicht die beste, aber ein Picknick im Schatten der Verrazano-Brücke lohnt den Besuch. Ebenso ein Spaziergang auf der "Fishing Pier", auf der sich die Angler aneinanderreihen. Zu erreichen in rund anderthalb Stunden mit der Staten Island Ferry und der Buslinie S 51.

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Autor:
Okka Rohd