New York Interview mit Christo

Haus Nummer 48 in der Howard Street: ein schäbiges Werkstattgebäude der Gründerjahre, schmal und hoch, mit Graffiti beschmiert und von einer Eisentür verschlossen. Der schnöde Funktionsbau war schon alt, als junge Künstler in den wilden sechziger Jahren das Viertel südlich der Houston Street für sich eroberten und SoHo zu einem Mekka der Avantgarde aus aller Welt machten. Er hat die Flaute erlebt, die sich anschloss, und er blieb auch in den Boomzeiten unscheinbar, als die Lagerräume und Werkhallen zwischen Greenwich Village, der New York University und Chinatown saniert und herausgeputzt wurden. Die Dependance des Guggenheim Museum machte Platz für Prada, der legendäre Galerist Leo Castelli verlegte seine Galerie nordwärts; heute residiert sie in der Nähe des Union Square. Aber einer blieb unverdrossen hier sesshaft: Christo.

MERIAN: Wie war das damals, im Dezember 1964, als Sie und Jeanne-Claude hier einzogen?

Christo (lacht): Es gab nichts hier. Es war eine Wüste. Als wir das erste Mal nach New York kamen, quartierten wir uns im "Chelsea" ein. Das war ein richtiges Künstler-Hotel. Aber dann ging uns das Geld aus. Außerdem wollten wir ganz nach New York ziehen. Also suchten wir eine Bleibe, billig musste sie sein. Der Künstler Claes Oldenburg war damals der Vermittler.

MERIAN: Also waren Sie in der Kunstszene schnell integriert?

Christo: Leo Castelli hatte mich noch in Paris zu einer Gruppenschau nach New York eingeladen. Das war ein guter Einstieg. Ich fand auch erste Käufer hier für meine verpackten Objekte, die in Europa noch sehr skeptisch betrachtet worden waren: Konservendosen, Stühle, ein Motorrad, ganze Schaufensterfronten von Geschäften, alles verhüllt. In New York wollten wir gleich das Museum of Modern Art verpacken. Daraus wurde nichts, aber der Kurator William Rubin kaufte einige Arbeiten; er machte sogar eine Ausstellung, in der ich vertreten war.

MERIAN: In Paris hatten Sie sich eher schlecht als recht als Porträtmaler über Wasser gehalten, Kinderbilder, Damen der besseren Kreise - so hatten Sie auch die Familie Ihrer späteren Frau kennengelernt: als Auftragskünstler, der geschätzt war, weil er noch die klassischen Techniken der Akademie beherrschte. Und hier stiegen Sie gleich als Star der jungen Avantgarde ein...

Christo: Ganz so einfach war es nicht. Ich erinnere mich an eine Ausstellung an der University of Pennsylvania, 1968. Ich wollte ein paar verhüllte Frauen als lebende Skulpturen aufstellen - und da ich ja nicht etwas verhüllen kann, was schon verhüllt ist, mussten sie also nackt sein. Ich hatte so etwas zuvor schon in Paris getan und in der Galerie Alfred Schmela in Düsseldorf, dann auch in London. Niemand hatte sich darüber aufgeregt. Aber hier, im prüden Amerika, kam der Dekan der Kunstschule und sagte: "Was? Nackte Frauen? An meiner Universität? Auf keinen Fall!"

MERIAN: Und dann?

Christo: Ich war wütend. Ich wollte die ganze Ausstellung absagen. Aber dann sagte Jeanne-Claude: "Sag ihnen doch einfach, die Mädchen seien gar nicht nackt; sie trügen hautenge, fleischfarbene Body Stockings." Und wirklich: Die Herren aus dem Kuratorium haben ein bisschen gewispert - und dann wollten sie unbedingt die lebenden Skulpturen eigenhändig auf ihre Sockel heben.

"Jeane-Claude war sehr, sehr kritisch""

Jeanne-Claude starb am 18. November 2009. Fast 50 Jahre lang war das ungleiche Paar ein Energiezentrum der internationalen Avantgarde, sie wurden am selben Tag geboren, dem 13. Juni 1935. Christo Wladimirow Jawaschew, der politische Flüchtling aus dem damals stalinistischen Bulgarien, freundlich, charmant und bemüht, sich in der fremden Welt zurechtzufinden, und Jeanne-Claude Denat de Guillebon, Adoptivtochter eines Generals der französischen Armee, energisch und wortgewandt. Ihre feuerroten Haare waren ein Markenzeichen, ein weithin leuchtendes Signal: Wir räumen Hindernisse aus dem Weg. Wir kämpfen. Das Paar schuf ein Werk, in dem die Sprachlosigkeit und Isolation des Heimatlosen und die Lust am Streit einander multiplizierten.

Der Reichstag in Berlin, der Pont Neuf in Paris; elf Inseln vor Miami, eingefasst in pinkfarbene Rosetten aus schwimmendem Stoff, 7503 von safrangelbem Tuch umwehte Tore über den Wegen des Central Park in New York: Nur oberflächlich betrachtet ging es noch um Verpackung und Verhüllung - es war die gemeinsame Arbeit am Umsetzen einer Idee, die Christo und Jeanne-Claude als Kern ihrer Kunst erkannten. Von 1979 bis 2005 dauerte dieser Prozess bei den "Gates" in New York, von 1971 bis 1995 beim verhüllten Reichstagsgebäude in Berlin. Bergsteiger und Bundestagspräsidenten waren an ihren Projekten beteiligt, Taucher, Statiker, Bürgermeister und Hunderte von Helfern: Jeder hatte seine Rolle, jeder wurde zum Teil des Kunstwerks.

MERIAN: Dürfen wir nach Ihrer Frau fragen?

Christo: Oh, ich liebe es, über Jeanne-Claude zu sprechen. Sie hatte eine ungeheure Energie und konnte sie an andere weitergeben. "Tu es heute!", sagte sie immer. "Nicht morgen, nicht übermorgen. Tu es sofort." Anders hätten wir unsere Arbeiten nie fertig bekommen. Und sie war sehr, sehr kritisch. Das vermisse ich am meisten.

MERIAN: Sie traten immer gemeinsam als Autoren Ihrer Werke auf. Wer anderes veröffentlichte, riskierte böse Briefe von Ihren Rechtsanwälten. Sie selbst haben die Kunstakademie in Sofia besucht - wann wurde Ihnen klar, dass auch Ihre Frau eine Künstlerin ist?

Christo: Ach, wissen Sie, diese Vorstellungen vom Künstler... Ein Freund von mir, der berühmte japanische Architekt Tadao Ando, war früher Boxer. Hat nie Architektur studiert. Oder der Maler Henri Rousseau - er war Zöllner. Nein, Jeanne-Claude war die Tochter einer Familie aus der französischen Oberschicht. Sie hat nie daran gedacht, eine Künstlerin zu sein, aber sie war eine sehr freie Frau.

MERIAN: Das heißt, sie half Ihnen, die Rolle des Künstlers als einsamem Kämpfer zu überwinden?

Christo: Unsere Arbeit hat große Ähnlichkeit mit der von Architekten. Denken Sie etwa an Herzog & de Meuron oder I. M. Pei: Die können sich auch nicht in ihrem Atelier ausdenken, wie und womit sie ein Haus bauen wollen. Schön, sie können eine Idee haben, aber dann tun sie genau das, was wir tun: Sie entwickeln ihre Vorstellungen. Sie probieren aus: Materialien, Konstruktion, Wirkung. Das geht nicht ohne Zusammenarbeit. Jeanne-Claude sagte immer: "Eine Idee kann jeder haben, aber erst, wenn man weiter daran arbeitet, kann Kunst daraus werden." Tatsächlich kam der Anstoß zu "Surrounded Islands" von ihr, und ich finde, diese rosa umrandeten Inseln haben wirklich etwas sehr Feminines. Aber natürlich ist auch dieses ein gemeinsames Werk.

MERIAN: Von Kassel bis Miami, von Australien bis in die japanische Präfektur Ibaraki: Ihre Projekte haben Sie in der ganzen Welt umgesetzt. Warum sind Sie nie gemeinsam in ein Flugzeug gestiegen?

Christo: Ganz einfach. Wir haben immer so viel Zeit und Energie in unsere Projekte gesteckt - da wollten wir sichergehen, dass nicht irgendein dummer Unfall alles zunichtemacht. Zumindest einer sollte bleiben, um fortzuführen, was wir gemeinsam geplant und vorbereitet hatten. Unser aktuelles Projekt "Over the River" nahm seinen Anfang 1985, als Jeanne-Claude und ich auf einem Floß in der Seine standen und überwachten, wie Bergsteiger riesige Stoffbahnen über das Wasser zogen, um damit den Pont Neuf zu verhüllen. Das Licht der Sonne brach sich in dem Gewebe, wurde ganz weich - es war wunderschön.

"Jeder In New York spricht schlechtes Englisch"

Der Raum in der ersten Etage ist ein kleines Museum. Auf Sockeln stehen verschnürte Konservendosen, an den Wänden hängen gerahmte Zeichnungen, Skizzen der Projekte, zum Teil beschriftet wie Pläne von Architekten oder Ingenieuren. Diese Blätter haben doppelte Funktion: Sie dienen der Vorbereitung, jedes Detail ist auf ihnen ausgearbeitet - und sie bilden die Grundlage der Finanzierung. Mit seinen Zeichnungen und Collagen verdient Christo das Geld für seine Projekte. Kein Auftraggeber durfte dem Künstlerpaar je hineinreden, kein Sponsor sein Firmenschild an einer Verhüllung befestigen und kein Veranstalter Eintritt kassieren. Alles wird aus der eigenen Tasche bezahlt. Auch das gehörte immer zum Verständnis des Paares von Kunst: ihre Freiheit von fremden Interessen. Nie wollten sie jemandem verpflichtet sein, nie jemandem zur Last fallen. Am allerwenigsten der Umwelt.

Neben dem Sofa liegt ein Aktenstapel auf dem Boden, 2029 Seiten hoch. Christo stöhnt, als er sich hinunterbeugt und ihn hoch wuchtet.

MERIAN: Um Himmels willen! Was ist das denn?

Christo: Es ist die Studie für das Genehmigungsverfahren zu "Over the River". Wir wollen den Arkansas River in den Rocky Mountains südlich von Denver verhüllen. Vier Jahre und anderthalb Millionen Dollar hat es gekostet, diese Belege dafür zu sammeln, dass Tiere und Pflanzen der Region nicht unter der Kunst zu leiden haben. Es ist das erste Mal, dass für die Kunst eine solche Umweltverträglichkeitsstudie gemacht wurde - sonst gibt es so etwas nur bei Autobahnen oder Flughäfen. Oder wenn im Golf von Mexiko nach Öl gebohrt werden soll...

MERIAN: Und wie geht es dann weiter?

Christo: Es gibt Anhörungen und Gutachten, und wenn alles gut geht, ist der Fluss im Sommer 2013 auf einer Länge von knapp zehn Kilometern überspannt, und Kanufahrer können unter einem durchscheinenden Dach das Wildwasser hinunterfahren und die Sonne so schimmern sehen, wie Jeanne-Claude und ich sie 1985 auf der Seine gesehen haben.

Christo will dann längst am nächsten Projekt arbeiten: Die "Mastaba" ist ein 300 mal 225 Meter großer, 150 Meter hoher Riegel mit schrägen Wänden, aufgeschichtet aus 390 500 leeren Ölfässern und groß genug, um die Cheops-Pyramide oder den Petersdom darin verschwinden zu lassen. Seit 1977 laufen die Vorbereitungen für das gewaltige Monument im Emirat Abu Dhabi. Eigentlich schon viel länger: Im Juni 1962 versperrte Christo die Rue Visconti in Paris mit einem Eisernen Vorhang aus leeren Ölfässern. Jeanne-Claude hielt ihm damals trickreich und mit diplomatischem Geschick die Polizei vom Leib.

MERIAN: Was bedeutet New York für Sie?

Christo: Wir sind angekommen. Wir sind hier zu Hause.

MERIAN: Hat sich die Stimmung verändert?

Christo: Als wir 1964 nach SoHo kamen, war es einfach toll! Von überall kamen Künstler und Leute nach New York, die dabei sein wollten, immerzu gab es Aktionen und Ausstellungen, Sammler kamen und machten ihre Entdeckungen, und jeder war interessiert an dieser Kunst - ob er sie nun bewunderte oder dagegen war.

MERIAN: Und heute? Was macht die Stadt für Sie aus?

Christo: Alle sind wie wir, alle sind Einwanderer, Fremde, Heimatlose. Und was das Leben für uns immer angenehm gemacht hat: Jeder hier spricht schlechtes Englisch.

Autor:
Martin Tschechne