New York Eine Stadt voller Widersprüche

New York ist eine Fußballkneipe. Sie heißt "Nevada Smith's", liegt an der Third Avenue in Manhattan, und hier, zwischen 11. und 12. Straße, begann Jack Keanes amerikanisch Fußball-Revolution. Auch eine Revolution braucht Regeln, dies sind Jack Keanes Regeln: Das Spiel der Welt heißt Fußball, und Fußball heißt auf Englisch football und nicht, wie die New Yorker sagen, soccer, denn ein Spiel der Welt verdient keinen Tarnnamen. Fußball wird zwischen zwei Strafräumen gespielt und nicht zwischen Zehn-Yards-Linien. Der Klang des Fußballs stammt aus Männerkehlen, nicht aus Tröten und nicht vom Band.

Als Jack Keane von Irland über Australien nach New York kam, 18 Jahre ist es her, da wollte er niemanden bekehren, er wollte bloß Manchester United siegen sehen, nirgendwo in New York war es möglich. Keane stellte in dieser Kneipe einen Fernseher auf den Kühlschrank, dann suchte er Fußballspiele. "Amazing, isn't it?", sagt er, zapft ein Bier, ballt die Faust, weil auf 15 Panasonic-Flachbildschirmen und der Kinoleinwand ein Tor für England gefallen ist, "eine echte New Yorker Geschichte, nicht wahr?"

Das "Nevada Smith's" ist so sehr eine Verdichtung New Yorks wie die U-Bahn-Linie 7 drüben in Queens, die auf Stelzen in wenigen Minuten um die Welt führt: Dort, in Queens, leben Italiener, Chinesen, Koreaner, Mexikaner, Iren, Afghanen Block an Block, und es riecht nach Curry, Männerschweiß, Fisch, Blumen, Müll, Damenparfüm und Abgasen; hier, in der Fußball- Kneipe Manhattans, kommen wir, 15 deutsche New Yorker, zusammen, wenn der FC St. Pauli spielt, und wenn Manchester United gegen Chelsea spielt, sind tausend britische New Yorker da.

"Fußball verbindet. Fußball trennt", sagt Jack Keane. Das "Nevada Smith's" ist das Hauptquartier jener, die den USA den Fußball bringen wollten und nun den Sieg feiern. Die Fernsehquoten wichtiger Fußballspiele sind so hoch wie die der World Series im Baseball. Spieler und Fans trinken bei Jack Keane, es erscheinen auch Frauen, aber nicht viele. Die Liebenden tragen die Trikots ihrer Klubs, weil Fußball Heimat ist in der großen Stadt. Eine ernste Sache, ernst wie die Stadt. Jack Keane hasst es, wenn Frauen sagen, Fußball sei nur ein Spiel. "…und Sauerstoff ist nur ein Gas", schreibt er auf seine Spielpläne.

New York macht die New Yorker bleich und dürr

New York ist Leidenschaft. Was Besucher mitreißt in New York, das ist das Tempo, das ist die Kraft; jede und jeder, alle, die hier leben, wollen etwas tun oder werden, sie haben eine Idee, sie sind begeistert von irgendetwas. New York ist größer als seine Klischees, da diese Stadt zu jedem Image ein Gegenbild findet, und nur eines ist New York niemals: lethargisch. Diese Stadt gibt dem Reisenden das Gefühl, dass er im Mittelpunkt der Welt angekommen ist, das hier ist das Zentrum, hier geschieht es. Es ist tatsächlich so, wie die Basketballer der New York Knicks für ihre Arena, den Madison Square Garden, werben: "IT happens here." Abgesehen davon, dass jene Knicks ordinär, arrogant und seit Jahrzehnten nicht so abenteuergierig oder gut gelaunt sind wie die Metropolitan Opera oder wie die phantasievollste Zeitschrift der Stadt, das New York Magazine, oder wie das beste Baseball-Team der Welt, die New York Yankees, abgesehen also nur von den verkorksten New York Knicks stimmt der Slogan dieser New York Knicks. ES geschieht in New York, wo sonst?

New York ist finster. Es waren meine ersten Tage. Ich stand in der U-Bahn-Linie 4, ein alter, rumpelnder Wagen, und ich erinnerte mich an die Hamburger U-Bahn: So sauber, so leise und sanft, Kinderstimmen sagten im fernen Hamburg die Bahnhöfe an. Hier hockten bleiche Menschen neben mir, sie hörten Musik, lasen, schliefen, keiner blickte den anderen an, keiner lächelte. Es liefen Ratten durch die Bahnhöfe. Die Ansagen verstand ich nicht. Und Schwarze fragten nach Geld und kamen nahe. Ich wollte nach Uptown Manhattan und fuhr nach Brooklyn und kam nicht mehr zurück, weil dann die Strecke gesperrt war. Diese Stadt kann dir das Gefühl geben, dass du klein bist und nichts wert, es gibt Tage, an denen sie sich nicht um ihre Bewohner schert, die Stadt hat ihre Geschwindigkeit und behält sie, und wer nicht mitrennt, den lässt sie zurück.

New York leuchtet. Das Wetter ist anders als deutsches Wetter, ein extremes Wetter ist das, der Himmel schwarz oder blau, meistens ist er blau, niemals grau, und heute ist es eisig, morgen siedend, gesund ist das alles nicht. Es gibt Tage, an denen du kaum atmen kannst in der U-Bahn, 45 Grad, New York macht die New Yorker bleich und dürr. Doch wer 40 ist und glaubt, dass alles, was ihm im Leben noch zustoßen wird, nur Variationen dessen sein werden, was ihm in den vergangenen 40 Jahren bereits zugestoßen ist, sollte nach New York kommen.

 

Speed-Dating in der Mittagspause

So vieles hier, das meiste, überrascht; ich erlebe jeden Tag etwas zum ersten Mal, spüre Neues, denke Neues, und darum ging es doch, als wir jung waren. Zum Beispiel: Wenn es regnet, kommt die New Yorker Kanalisation nicht mit, die Stadt ist in Minuten überschwemmt, und an der Ecke Second Avenue/10. Straße bildet sich ein See. Eine Frau steht an der Kreuzung, alt, verloren, nass, und von hinten naht ein glatzköpfiger Jogger, hebt die Frau hoch, legt sie sich über die Schulter, steigt ins Wasser, trägt die Frau über die Straße ans andere Ufer, stellt sie ab und rennt weiter. Kein Wort wird gewechselt.
Zum Beispiel: Sprache. Ich lebe im East Village, es ist ein junges Viertel, die Studenten der New York University wohnen hier. "She's blockomore", sagten die Jungs, ich kannte das Adjektiv nicht, sie lachten und erklärten: "She only looks good from a block or more."

New York ist pragmatisch. Zum Beispiel: Paarungsrituale. Beim ersten Date zahlt der Mann (bei allen weiteren Treffen auch), es darf nach dem ersten Date einen kurzen Kuss geben, und wenn der Mann nach drei Tagen nicht anruft, meint er's nicht ernst. Sie haben Regeln für alles. New Yorkerinnen reden von ihrer Einsamkeit, wollen Liebe, aber beim Speed-Dating in der Mittagspause treffen sie in 60 Minuten sechs New Yorker, und sie fragen: "Wie viel Geld verdienst du? Wie viele Kinder willst du?" Eine Freundin, die von ihrem Freund zur Verlobung einen Ring bekommen hatte, der weniger als ein Zwölftel seines Jahresgehalts gekostet hatte, zeigte den Ring ihrer Familie, und der Familienrat sagte: Der Ring ist zu klein. Es gab keine Hochzeit.

New York ist Stadt gewordene Bewegung. Es kommen Deutsche in Sandalen und Socken her, mit weißen Beinen in kurzen Hosen, das macht noch nichts, denn auch New Yorker sehen nicht aus wie Pariser: Shorts, T-Shirt, Nike-Schuhe, das ist hier normal. Viele Deutsche aber stehen zu fünft nebeneinander auf dem Gehweg, obwohl um sie herum die New Yorker rennen und reden und lesen und zugleich auch noch essen. Und jeder New Yorker weiß immer, wohin er strebt, niemand zeigt Zweifel, das Gesicht New Yorks zeigt Entschlossenheit. Ein deutscher Vater und vier deutsche Kinder überqueren die 42nd Street, die deutsche Mutti bleibt stehen, weil sie noch das Chrysler Building fotografieren will. "Wartet, ich komme mit der nächsten Grünphase", klingt es durch New York. Das Wort hatte ich lange nicht gehört: Grünphase. Wenn New Yorker rote Ampeln erblicken, rennen sie weiter und blicken nicht zur Seite, keine Zeit. "To gain time", Zeit gewinnen, ein absurder Anspruch an das moderne Leben, ist ein New Yorker Begriff.

Niemals vergessen, nach oben zu gucken!

New York ist eine Stadt der Fremden. Jeder war mal neu hier, irgendwann, und die meisten haben es nicht vergessen. New Yorker helfen gern, der neue Fremde muss bloß Neugier, Leidenschaft, Lust mitbringen, ein wenig von dem also, was die Stadt ausmacht. Ein paar Dinge sollte der Reisende wissen, zum Beispiel, dass der Blick von oben sich lohnt, aber nicht vom Empire State Building, wo es lange Schlangen gibt, sondern vom Rockefeller Center, weil man vom Rockefeller Center aus das Empire State Building sehen kann.

Gleich am ersten Tag könnte der Reisende eine Tour rund um Manhattan machen: Per Hubschrauber ist es teuer, doch dem Schauplatz angemessen, per Bus macht es auch Spaß, weil man überall aus- und wieder zusteigen kann; per Schiff ist's im Norden zäh, doch der Süden entschädigt; und außerdem kann man Fahrräder mieten - am Hudson entlang hinauf und durch den Central Park wieder hinab, das dürfte gelingen, ohne von indischen Taxifahrern niedergemäht zu werden. Hat der Reisende die Rundtour hinter sich, könnte er sich sagen, dass er die Pflicht erfüllt hat, und sich entspannen und beschließen: Ich werde ohnehin nicht alles sehen, ich möchte diese Stadt sinnlich entdecken. Und dann könnte er sich auf dem Washington Square an den Brunnen setzen und mit echten New Yorkern sprechen, oder er könnte riechen, wie diese Stadt riecht, und niemals sollte er vergessen, nach oben zu gucken. Das ist der Rat, den eine Freundin bekam, als sie von Boston nach New York zog; einen besseren habe ich auch nicht.

New York ist groß wie der Central Park.Wie Flushing Meadows. Yankee Stadium. Der John-F.-Kennedy-Flughafen. "Mad Men". Brooklyn Bridge. Die New York Times. Und die Fifth Avenue. New York ist fein wie das "Café Katja". Es liegt an der Lower East Side, Orchard Street zwischen Broome und Grand, sie haben dort Gulasch, Sauerkraut, dazu "Jever". Erwin, der Chef, hat den Laden nach einer Tochter benannt, und Andrew, Erwins Geschäftspartner, würde zwar lieber fischen gehen, aber er macht auch eine zauberhafte Linzer Torte.

Auf der "America II" zur Freiheitsstatue segeln

New York ist unlogisch. Der New Yorker hasst es, gebremst zu werden, aber er liebt Schlangen. Niemand drängelt an Bushaltestellen, kein Mensch versucht, beiläufig an den Seiten nach vorn zu schlurfen, als wäre er ein Deutscher. Der New Yorker parkt allerdings Kreuzungen zu, alle fahren immer weiter, bis niemand mehr fahren kann; und auf Rolltreppen steht der New Yorker links, damit niemand vorbeikommt. Keine seiner Verhaltensweisen passt zur anderen, darum lebt der New Yorker in New York.

New York ist mutig. Michael Fortenbaugh war ein guter Segler in Princeton, es ist 30 Jahre her. Ein anderer Student, Malcolm Forbes, sagte: "Wenn du Erfolg haben willst, bleib bei dem, was du am besten kannst." So richtig gut konnte Michael Fortenbaugh eigentlich nur segeln. 1987 war der Hudson eine Kloake. Manchmal schwamm eine Leiche im Wasser. Niemand segelte in New York, niemand wollte auch nur am Wasser wohnen, als Michael Fortenbaugh den Manhattan Sailing Club gründete. 60000 Dollar besorgte ihm ein Freund, der bei Goldman Sachs arbeitete. Sie gingen beinahe bankrott, sie waren 20 Jahre zu früh, doch sie hielten durch. Heute hat der Manhattan Sailing Club 800 Mitglieder und 35 Boote, Reisende können auf der "America II", einem einstigen America's- Cup-Boot, zur Freiheitsstatue segeln. Michael Fortenbaugh war der Erste, dann kamen Fuß- und Fahrradwege, die Parks, neue Wohnungen mit Blick auf die Freiheitsstatue, und heute ist New York eine Wasserstadt mit 2027 Brücken. Sonnenaufgang über dem East River, Sonnenuntergang über dem Hudson - New York flimmert und flirrt und funkelt. Es sind romantische Minuten in einer ökonomischen Metropole, deren Glück vor Jahrhunderten damit begann, dass sie den größten natürlichen Hafen der amerikanischen Ostküste hatte.

New York ist eine Stadt, die nicht funktionieren dürfte. Verdreckt sind die Bahnhöfe, träge die Flughäfen, rostig die Tunnel. Die Straßen: löchrig. Die Wasserversorgung: schwach. Ein Rinnsal ist die New Yorker Dusche. Der Fernseher fällt aus, wenn es draußen nieselt, "no signal", meldet Time Warner Cable. New York ist eine Stadt, die morgen wieder anders leben wird als heute. Ich habe vieles vergessen: die besten Restaurants Amerikas, die besten Theater der Welt. Aber wichtig ist ohnehin nur, was mir vor drei Jahren ein Freund sagte, ein New Yorker. Ich packte gerade meine Umzugskisten in Hamburg und fragte ihn, wie New York sei. Er sagte: "New York ist.

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Autor:
Klaus Brinkbäumer