New York Dachgarten über Brooklyn

Die Haltung männlichen Federviehs ist in New York City wegen der Lärmbelästigung verboten, und so beginnt die Landwirtin Annie Novak ihren Arbeitstag nicht mit dem ersten Hahnenschrei, sondern mit dem legalen Getöse der frühen Rushhour. Wenn sie gegen sieben mit dem Fahrrad an dem Fabrikgebäude in Brooklyn ankommt, auf dessen Dach sie Nordamerikas erste kommerzielle Farm 15 Meter über dem Erdboden führt, tost um sie herum bereits der ganz normale New Yorker Wahnsinn: Hubschrauber bringen internationale Abgeordnete zum UN-Gebäude am gegenüberliegenden Ufer des East River, Wasserflugzeuge steigen vor der Skyline von Midtown Manhattan in den Himmel, Schleppkähne schieben schwer beladene Barken durch den turbulenten Fluss, und der Verkehrsstrom auf dem FDR Drive verdichtet sich mit jeder Minute.

Doch auf Annie Novaks rooftop farm ist davon wenig zu hören. Hier plätschert nahezu kontemplativ das Wasser, mit dem Annie die Beete ihres 550 Quadratmeter großen Nutzgartens bewässert. Später jätet sie Unkraut und füttert ihre sechs flaumigen Hühner - jedes Ei, das sie in dem weitläufigen Käfig mit Panoramablick auf die Stadt findet, kann sie in Farbe und Größe seiner jeweiligen Produzentin zuordnen.

Die "Eagle Street Rooftop Farm" entstand 2008. An einem einzigen Frühlingstag wurden 90.000 Kilo Erde in Säcken auf das mit Filz und Plastik ausgelegte Dach gehievt und als zehn bis zwanzig Zentimeter dicke Schicht auf 16 lange Beete verteilt. Freiwillige halfen bei der Bepflanzung mit heimischem Gemüse und Kräutern, die größtenteils bereits von den Lenape-Indianern in der Region angebaut wurden - wie die einander optimal ergänzenden "drei Schwestern" Mais, Kürbis und grüne Bohnen. Doch im Unterschied zu den Ureinwohnern hat Annie Novak die Gelegenheit, ihren Kompost mit Kaffeesatz anzureichern, den sie jeden Morgen aus den Cafés und Restaurants der Umgebung einsammelt. Nicht zuletzt dank dieses importierten Zusatzes übertraf die erste Ernte alle Erwartungen.

Als moderne Landwirtin fühlt sich Annie Novak kaum an die dünne Scholle ihres green roof gebunden, vielmehr reist sie in den Wintermonaten nach Australien, Afrika und Lateinamerika, um die dortige Agrikultur kennenzulernen. Denn eigentlich brachten sie ihre Passion für faire Handelspolitik und ihre Liebe zu Schokolade zur Landwirtschaft: In Ghana studierte die Vegetarierin den Anbau von Kakao, seine Verarbeitung und die Ausbeutung auf den Plantagen.

"Wenn man über die Misere bolivianischer Bauern doziert, hören einem die Leute sehr bald nicht mehr zu. Wenn man ihnen aber gleichzeitig eine gute Mahlzeit serviert, hat man ihre ungeteilte Aufmerksamkeit", erklärt Annie ihren Weg zur Eagle Street Farm, wo sie Picknicks mit frisch gepflücktem Grünzeug veranstaltet, um den Jugendlichen aus der Nachbarschaft die Grundbegriffe von Botanik und gesunder Ernährung beizubringen. Wie die meisten urbanen Farmer predigt Annie Novak die Ethik der locavores, deren Credo sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: "eat locally". Diese Bewegung ökologisch gesinnter Großstädter will ihre Stadt mit Früchten und Gemüse aus der unmittelbaren Umgebung versorgen statt mit weit gereisten Produkten - mal abgesehen von Kaffee und Schokolade.

Nur ein paar Meilen nördlich, in Manhattans feiner Upper East Side, züchtet Eli Zabar im Treibhaus auf dem Dach seines ebenso teuren wie schmucklosen Lebensmittelladens Tomaten, Salat, Kräuter und Obst. Seine Erdbeeren sind so makellos, als wären sie für ein Renaissance-Stillleben gedacht - ganz im Sinne der locavores landen sie aber nur zwei Etagen tiefer zwischen Delikatessen aus der näheren Umgebung. Eli Zabars Sinn für Sparsamkeit und kurze Wege verträgt sich gut mit der Energieökonomie von Umweltschützern wie Annie Novak - seine hauseigene Bäckerei heizt das Treibhaus im Winter, aus dem Brot von gestern wird Brotpudding und aus dem Grünzeug von vorgestern Kompost. Und mit seinen beiden Restaurants "E.A.T." und "Taste" hat sich Eli Zabar eine verlässliche Kundschaft für seine prächtigen Beefsteak-Tomaten und zarten Pflänzchen aus dem Glashaus gesichert - ein idealer Zyklus von Produktion und Konsum.

Wie vom Zauberstab berührt

Statt auf einheimische Nutzpflanzen hat sich der koreanische Künstler Po Kim auf dekorative fremdländische Gewächse spezialisiert, die im Mikroklima seines Dachgartens im East Village erstaunlich gut gedeihen. Eine von Efeu kolonisierte Ziegelwand und die hohen Bäume des Nachbardachgartens schützen seine Pflanzen vor New Yorks berüchtigtem Nordwind. Vor einigen Jahren installierte Po Kim einen Wasserfall, dessen weißes Rauschen das Rumoren der Stadt überdeckt. In seinem feinen Sprühnebel wachsen Persimonen- und Feigenbäume, Azaleen, Oleander und Magnolien, Kamelien- und Jasminbüsche. Der Duft von Frangipaniblüten hängt verwirrend vor der mächtigen Wand, zu der sich die Hochhäuser am Südende Manhattans formieren - sie verbarrikadieren den Blick auf die Bucht, dennoch ahnt man die Nähe des Atlantiks beim Blick in den Himmel, an dem die Wolken schnell vorüberziehen.

Früher suchte Po Kim in den Regenwäldern von Guatemala, Honduras und Peru nach seltenen Orchideenarten, die gemeinsam mit den anderen botanischen Immigranten über dem achten Stock ein neues Zuhause fanden und im Winter mit ihm in das Loft ziehen. Oft sitzt der 92-jährige Maler schon bei Sonnenaufgang in seinem opulenten Garten. Der hyazinthenblaue Ara Charlie hockt dann gern auf seiner Schulter. Seit ein paar Jahren beschneidet Po Kim auch seinen Bonsaibaum nicht mehr, und so streckt der gekrümmte Zwerg langsam seine Glieder aus.

Für Pierre Sernet ist es undenkbar, den Pflanzen auf dem Dach seines Brownstone-Hauses freien Lauf zu lassen. "Nichts hier befindet sich in einem natürlichen Zustand, und was an der Oberfläche erscheint, entspricht längst nicht der Realität", sagt der Internet-Unternehmer und Kunstfotograf über seine japanische Enklave in der Upper East Side. Ursprünglich hatte Sernet einen Jacuzzi auf dem Dach installieren wollen, seine Recherche führte ihn zur japanischen Landschaftsarchitektur.

Der Jacuzzi geriet darüber in Vergessenheit, stattdessen entstand ein Teehaus aus rotem Zedernholz als Fokus für den Garten, der wie ein Bild mit optischen Tricks komponiert wurde: Die Basaltsteine, auf denen man über einen luxuriösen Moosteppich zum Teehaus wandelt, verkleinern sich nach hinten, um den Eindruck von mehr Tiefe zu geben, und Bäume und Büsche mit größeren Blättern sind im Dienste der Illusion im Vordergrund angepflanzt. In der Mitte neigt sich eine Kiefer, die Sernet mit Gewichten daran hindert, in die Höhe zu wachsen.

Japanische Gärtner hatten dem Fotografen prophezeit, dass es sieben bis zehn Jahre dauern würde, ehe sich Azaleen und Schwertlilien, Kanadische Schierlingstanne, Schwarzer Bambus und verschiedene Ahornarten zu einem lebenden Tableau zusammenfügen würden - eine Ewigkeit. Sernet wollte den Prozess beschleunigen, verlegte 240 Pfund Moos wie Teppichboden - und scheiterte dennoch an tausend Details. Aber im siebten Jahr schien es plötzlich, als hätte ein Zauberstab den Garten berührt: Mit einem Mal war er jenes hermetische Gebilde, das die Häuser rundherum ausblendet und Hupen und Sirenen in unendliche Ferne verbannt.

Es geht auch einfacher. Die Galeristin Christine Burgin setzt den Topfpflanzen ihres Dachgartens in Chelsea niemals mit der Schere oder gar der Säge zu, so sehr liebt sie das ungebändigte Wachstum des gelben Sonnenhuts, des Hopfens und der Kartoffelrose. Denn Burgin, die im Parterre ihres Loftgebäudes Avantgarde-Kunst mit einem Stich ins Exzentrische ausstellt, wollte schnellstmöglich ein tristes Areal aus Asphalt und Maschendraht in einen Dschungel verwandeln: Ihr Garten, der von einem Gebirge hoher Gebäude umringt ist, erinnerte sie anfangs fatal an einen Parkplatz, und so erstand sie fast alle Pflanzen so groß und üppig wie möglich auf dem Farmers' Market am Union Square, gesät wurde kaum.

Die Glyzinien gehorchten ihrer Ungeduld, kletterten rasant die Mauern hoch und umschlangen eine Laube, in deren Schatten Burgin gefrorene Weintrauben und Champagner serviert. Weinranken, die sich eilig um einen Zaun wickelten, und Hortensien mit schweren, wiegenden Köpfen waren ihre Komplizen in der Transformation einer urbanen Einöde zur üppigen Idylle. Nur die vor der Kamera ihres Mannes, des Künstlers William Wegman, so gefügigen Weimaraner halfen ganz und gar nicht: Sie steckten ihre Schnauzen in Burgins Pflanzen und gruben nach Schätzen - natürlich vergeblich, denn unter der Erde stießen sie immer nur auf grauen New Yorker Beton.

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Claudia Steinberg